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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2016  

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Inland
Offener Brief an die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Lala Süsskind
„Jüdischer Antisemitismus“?
Von Ruth Fruchtman

Nach dem turbulenten „Diskussionsabend“ im Centrum Judaicum Berlin, über den unsere Autorin Dr. Sabine Schiffer unter dem Titel „Alles Antisemiten!?!“ vor zwei Wochen berichtet hatte (1) erhielt nun die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde einen Offenen Brief, den wir hier veröffentlichen. – Die Redaktion.

Lala Süsskind - Vorsitzende der
Jüdischen Gemeinde zu Berlin
NRhZ-Archiv
Sehr geehrte Frau Süsskind, obwohl Sie und Ihre Kollegen auf dem Podium beteuerten, daß der Artikel in der tageszeitung (taz) (Titel in der Druckausgabe: „Nur auf Zehenspitzen gehen“; im Internet: „Pilgerfahrt nach Auschwitz“) von Iris Hefets nicht Thema der Diskussion sein werde, warfen Sie der Autorin sprachliche Geschmacklosig-keiten vor: z. B: „Bevor ein junger Israeli zur Armee geht, muss er mindestens einmal Suff, Sex und eine Auschwitzreise erlebt haben.“ Später, in der Diskussion habe ich Sie an Ihren eigenen Sprachgebrauch erinnert, als Sie sich während des israelischen Überfalls auf den Gazastreifen (Gegossenes Blei) am 11. Januar 2009 bei der Kundgebung der Jüdischen Gemeinde auf dem Breitscheidplatz zur Unterstützung Israels des folgenden Zitats von Golda Meir bedienten: "Wir können den Arabern vergeben, wenn sie unsere Kinder töten; wir können ihnen nicht vergeben, wenn sie uns zwingen, ihre Kinder zu töten. Hoffentlich werden die Araber eines Tages ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen."
 
Jemand, der damals dazu fähig war, diese Sätze zu zitieren, dem spreche ich das Recht ab, die Sprache anderer zu kritisieren. Das Zitat von Golda Meir zeigt deutlich, wie wenig die Regierungen des Staates Israel bereit waren und noch sind, die Verantwortung für die eigenen Handlungen, sprich Verbrechen, zu übernehmen. Immer seien wir Juden Opfer, immer seien die anderen schuld. Und die Jüdische Gemeinde zu Berlin übernimmt in jeglicher Hinsicht diese Haltung. Keine Erwähnung der Sprache des israelischen Außenministers, Avigdor Lieberman; seiner in der Öffentlichkeit geäußerten Drohung, Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft und Knesset Abgeordnete, hinrichten zu lassen. Nein. Selbstverständlich nicht. 
 

Durfte nicht mitdisku-
tieren: Iris Hefets
NRhZ-Archiv
Am Dienstagabend redeten Sie zwar von Diskussionskultur und rügten die fehlende Bereitschaft junger Israelis sich ruhig zu verhalten, Sie hielten es aber nicht für nötig, die Autorin des Artikels selbst auf das Podium einzuladen: in Abwesenheit von Frau Hefets hatten Sie hingegen keine Hemmungen, in häßlichster Art und Weise über sie herzuziehen.Iris Hefets ist zwar nicht Mitglied der Jüdischen Gemeinde, sie ist Stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost e. V. (EJJP – European Jews for a Just Peace – Deutschland). Ich bin ein Gründungsmitglied dieses Vereins und ich bin auch Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und als Gemeindemitglied schreibe ich Ihnen heute.
 
Israelkritisch ist nicht antisemitisch
 
Iris Hefets ist Israelin; sie ist nicht - anders als in Ihrer Einladung steht - die Verbreiterin „israelfeindlicher Thesen“, sondern sie ist israelkritisch. Das ist ein Unterschied. Oder etwa nicht? Sollte die politische Lage in Israel sich eines Tages verbessern, würde Iris Hefets sich dort wieder niederlassen wollen, das weiß ich. Demnach bestreitet sie nicht die Existenz des Staates – nach Ihrem Informationsblatt: Arbeitsdefinition „Antisemitismus“ freundlicherweise zur Klärung auf den Sitzplätzen ausgelegt – einer der Punkte, der einen zum Antisemiten macht. Der Vorstand unseres Vereins hat Ihnen vorab ein Schreiben geschickt, in dem er Sie – und Ihre Gäste auf dem Podium – zu einem vorsichtigen Umgang mit dem Begriff Antisemitismus mahnte. Diese Mahnung wurde von Ihnen und Ihren Gästen völlig ignoriert. Triumphierend zitierten Sie nur Henryk Broder, der den Begriff „Jüdischer Antisemit“ wenn nicht gemünzt, dann auf jeden Fall in den letzten Jahren salonfähig gemacht hat. Es ist schade, daß Henryk Broder und Prof. Micha Brumlik, der sich auch den Ausdruck „Jüdischer Antisemit“ zu eigen macht, offenbar die jüdische Diskussionskultur in Deutschland – sehr zu deren Ungunsten – beherrschen.
 
Recht und Pflicht zu freien Meinungsäußerungen
 
Ich lehne diesen Begriff kategorisch ab. Als Juden haben wir alle das Recht – und auch die Pflicht – zu freien Meinungsäußerungen, wie unbequem sie auch sein mögen, gerade wenn es sich um die Politik des Staates Israel oder andere „jüdische“ Angelegenheiten handelt, auch in der Öffentlichkeit und auch in Deutschland, ohne diffamiert zu werden. Das Geschrei von „Antisemiten raus“, das durch den Saal tönte, als die jungen Israelis von Polizisten und Synagogenordnern abgeführt wurden, war widerwärtig.
 
Zielscheibe des antisemitischen Vorwurfs ist nicht nur Iris Hefets, sondern vor allem Prof. Norman Finkelstein, dessen Ausladung im Februar ihren Artikel: „Nur auf Zehenspitzen gehen; Pilgerfahrt nach Auschwitz“ auslöste. Hier ist nicht der Platz, Finkelsteins Thesen zu bestätigen oder zu widerlegen: Allerdings bildet die „Holocaust-Industrie“ ein Leitmotiv des schon 1995 - also vor Finkelstein - veröffentlichten Romans des jüdischen Autors Daniel Ganzfried „Der Absender“. Es ist also nichts Neues. Nur ist die Heilige Kuh, der Holocaustkult, etwas angekratzt. Als Jüdin befürworte ich selbstverständlich das Erinnern an den Holocaust, jedoch weder dessen Sakralisierung noch dessen Instrumentalisierung; beide sind Mißbrauch. Auch der jüdische Soziologe Zygmunt Bauman warnt vor einer Sakralisierung des Holocaust.
 
Als erwachsener Mensch halte ich mich durchaus für fähig, eine eigene Meinung über Finkelstein und andere – zum Beispiel Ilan Pappé, Autor des Buchs „Die ethnische Säuberung Palästinas 1948“ – zu bilden, und brauche nicht durch die Jüdische Gemeinde, den Zentralrat der Juden in Deutschland, Honestly Concerned, die Heinrich-Böll-Stiftung oder die Rosa-Luxemburg-Stiftung vor dem einen oder dem anderen geschützt zu werden.
 
Wahre Freundschaft oder unverbindliche Jasagerei?
 
Was die rückständige deutsche Öffentlichkeit anbelangt, die erst nach wievielen Jahren angefangen habe, in Ihren Worten, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen, denke ich trotzdem, daß die Mehrheit durchaus schon reif genug ist, kritische Thesen über die israelische Politik zu ertragen. Learning by doing. Und es ist bezeichnend, daß der Begriff „Jüdischer Antisemit“ meist nur in bezug auf israelische Politik eingesetzt wird. Sage ich zu deutschen Bekannten, daß der Begriff „jüdischer Antisemit“ heute salonfähig sei, stoße ich auf Verwunderung und ein irritiertes Schmunzeln. Der Begriff ist absurd. Er ist auch gefährlich, weil er nur dazu dient, den echten Antisemitismus noch mehr zu verschleiern. Und sind diese guten Freunde Israels wirklich so freundlich, wie sie es vorgeben? Besteht wahre Freundschaft nicht vielmehr aus sachlicher Kritik als aus einer unverbindlichen Jasagerei?
 
Im Grunde genommen bezeugt Ihre Haltung und die Stimmung der ganzen Dienstagsveranstaltung nur Ihre eigene Verunsicherung, wenn nicht Ihre Angst. Jemand, der seines Standpunktes sicher ist, läßt die Meinung anderer gewähren – es entsteht eine echte Diskussionskultur. Die Podiumsdiskussion am Dienstag – durch den allerdings unter den Umständen durchaus berechtigten Weggang von Ines Pohl, taz-Chefredakteurin, noch mehr geschmälert – war ein Abend der Selbstbeweihräucherung und Rechthaberei. Sämtliche Klischees wurden gelüftet: Die Existenz Israels sei bedroht; die Hamas könne nur lügen und trügen. (Wie wir auch wissen, sind die Friedensbeteuerungen israelischer Parlamentarier alle goldwert.) Ja, man durfte zwar zum Mikrofon greifen und unter dem geduldig gelangweilten Blick des Moderators Thierry Chervel einiges kommentieren: Israel sei die viertstärkste Militärmacht, es gäbe auch zuverlässige Hinweise darauf, daß die Hamas verhandlungsbereit war und ist – Aber nein. Zuletzt kamen nur die Wiederholungen, und die treuen Gemeindemitglieder konnten alle wieder beruhigt nach Hause gehen. Und die Medien sollen sich verhalten wie zuvor, eventuell mit einer gemäßigten Kritik an Israel, um zu zeigen wie objektiv sie seien – weiterhin.
 
Die Blockade des Gazastreifens dauert an, und Sie, Frau Süsskind mit Ihren Mitarbeitern und Ihren Ansichten tragen auch Ihren Anteil an der politischen Verantwortung für dieses Verbrechen. Wie wollen Sie sich in Zukunft herausreden? Wieder mit einem Zitat von Golda Meir?
Mit freundlichen Grüßen
Ruth Fruchtman 
 
(1) NRhZ 248 http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=15088

Ein „Diskussionsabend“ im Centrum Judaicum Berlin „Alles Antisemiten!?!“
Ruth Fruchtmann ist in England geboren, lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin, und hat u.a. Eyeless in Gaza (1995), Verletzungen der Geschichte – Juden, Polen, Kommunisten (2001), The Zionist Dream – End of an Illusion (2003) veröffentlicht. In GOLEM – dem europäisch-jüdischen Magazin kann man ihren Beitrag „Ich heiße Maria Schmidt und bin schizophren“ lesen. http://www.golem-journal.de
(PK)

Online-Flyer Nr. 250  vom 19.05.2010

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