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Aktueller Online-Flyer vom 17. November 2018  

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Lokales
Unzureichende Maßnahmen zur Bewältigung der Archiv-Katastrophe
KÖLN KANN AUCH ANDERS
Von Frank Möller

In der Nachbereitung einer Veranstaltung der Stadt Köln mit den Nachlassgebern und Depositaren des Kölner Stadtarchivs wächst bei der ständigen Bürgervertretung KÖLN KANN AUCH ANDERS die Sorge über Mängel bei der Bewältigung der Archivkatastrophe vom 3. März 2009. Vor allem die Archiv-Stiftung sollte zur Chefsache gemacht, externer Sachverstand bei der Zusammenführung der geborgenen Bestände einbezogen und die Auskunftsbereitschaft gegenüber Nachlassgebern und Depositaren verbessert werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Hier der Appell an OB Jürgen Roters und die kulturpolitischen Sprecher der Fraktionen im Kölner Rat im Wortlaut. – Die Redaktion


NRhZ-Archiv
 
Folgt man den Ausführungen von Kulturdezernat und Archivleitung, dann wird derzeit alles nur Erdenkliche getan, um die Folgen der Archiv-Katastrophe zu bewältigen, sprich: die geborgenen Archivalien zu restaurieren und die Bestände möglichst rasch in Köln wieder zusammenzuführen. Das zumindest war Tenor einer Informationsveranstaltung für die Nachlassgeber und Depositare am 22.4.2010 im Historischen Rathaus, im Rahmen derer OB Jürgen Roters, Kulturdezernent Georg Quander und Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia die Stadt vertraten.
 
OB Roters lobte hier ausdrücklich die Arbeit seiner Verwaltung in Sachen Archiv und erklärte, dass es ihr ein besonderes Anliegen sei, das verloren gegangene Vertrauen der Nachlassgeber und Depositare durch qualifizierte Arbeit zurück zu gewinnen. „Köln Kann Auch Anders“  ist mit Blick auf die bisher geleistete Arbeit allerdings weniger euphorisch. Es sind vor allem drei Punkte, die uns Sorge bereiten und an denen wir Spielraum für mögliche Verbesserungen sehen:
 
1. Die Archiv-Stiftung muss Chefsache werden
 
Die Gründung der „Stiftung Stadtgedächtnis“, aus deren Zinserträgen künftig der Wiederaufbau des Archivs teilfinanziert werden soll, ist bislang alles andere als reibungslos verlaufen. Es gab ein für die Stadt Köln peinliches Gezerre um die Einlagen von Bund und Land, und das bisher eingeworbene Stiftungskapital blieb mit ca. 7 Mio € weit hinter den Erwartungen zurück. Im Übrigen ist der Gründungsakt bis heute nicht abgeschlossen.
Die „Stiftung Stadtgedächtnis“ wird ein Kapital in dreistelliger Millionenhöhe einwerben müssen, damit aus den Zinserträgen überhaupt nennenswerte Finanzierungsbeiträge in Sachen Archiv getätigt werden können. Zur Erinnerung: Nach derzeitigem Stand müssten allein zur Restaurierung der geschädigten Archivalien 100 Restauratoren 60 Jahre lang beschäftigt und damit auch finanziert werden.
 
„Köln Kann Auch Anders“ befürchtet deshalb, dass die bisherigen Anstrengungen, die Stiftung zu einem Erfolg zu führen, bei weitem nicht hinreichend sind. Uns scheint es eine Fehleinschätzung, zu glauben, die Entwicklung der Stiftung könne verantwortlich vom Kulturdezernat geleitet werden. Bei den Summen, die es einzuwerben gilt, ist die oberste Stadtspitze, sprich: der OB gefragt. Zum anderen wird es darum gehen müssen, ein handverlesenes Gremium international angesehener Persönlichkeiten zusammenzustellen, die aufgrund ihrer Kontakte als „Botschafter“ der Stiftung wichtige Personen und Institutionen direkt ansprechen könnten, zu denen eine Stadtverwaltung womöglich schwieriger Zugang hätte. Ein solches Gremium zur vertrauensvollen Zusammenarbeit in Sachen Stadtarchiv zusammen zu bringen, ist Sache des Oberbürgermeisters in seiner Funktion als oberster Repräsentant der Stadt. Unserer Auffassung nach kann und darf man dies nicht delegieren. Die Aufgabe scheint im Kulturdezernat falsch platziert.
 
2. Die Bestandszusammenführung sollte unter Einbezug externen Sachverstands neu ausgerichtet werden
 
Laut Archivleitung läuft die Bestandszusammenführung auf vollen Touren. Zur Erinnerung: Nach der Bergung der Archivalien wurden diese allenfalls bruchstückhaft erfasst und an 19 sog. Asyl-Archive weiterverteilt. Inzwischen reisen Kölner Archivare von Asyl-Archiv zu Asyl-Archiv, um die dort zwischengelagerten Bestände zu erfassen und unter Angabe ihres Schädigungsgrades in einer zentralen Datenbank (ACTApro) zu speichern. Das klingt auf den ersten Blick sachgerecht, hat aber einen entscheidenden Haken. Die Erfassungsarbeit ist alles andere als ein technokratischer Vorgang. Zwar könnte selbst ein Außenstehender mittels Findbuch und Aktennummer diejenigen Bestände identifizieren, die sich noch als einigermaßen zusammenhängendes Konvolut bergen ließen. Viele Bestände wurden aber beim Einsturz durcheinander gewirbelt und lagern jetzt an verschiedenen Orten. Nachlässe des 20. Jahrhunderts waren zum Teil noch nicht sortiert oder durchpaginiert. Solche Bestände wieder zusammenzufügen, setzt mehr als archivarische Qualifikation voraus – es verlangt neben dieser Qualifikation eine genaue inhaltliche KENNTNIS der Bestände und reichhaltige ERFAHRUNGEN im Umgang mit ihnen.
 
„Köln Kann Auch Anders“ ist deshalb erstaunt, dass bislang unseres Wissens kaum auf den reichen Erfahrungsschatz langjähriger ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs zurückgegriffen wird. Warum sollte man sich scheuen, dies zu tun? Über die erfahrenen ehemaligen Mitarbeiter hinaus gibt es eine erkleckliche Anzahl an Forschern, die intensiv mit einzelnen Beständen gearbeitet haben und diesbezüglich intime Kenntnisse sowie einen fundierten Überblick über inhaltliche Zusammenhänge besitzen, die sonst nirgendwo vorhanden sind. Bislang werden Angebote an das Archiv, die aus diesen Reihen kommen bloß zur Kenntnis genommen. Eine Bereitschaft, „Externe“ in die Arbeit der Bestandszusammenführung einzubinden, ist bisher nicht erkennbar. Diese Praxis ist im Sinne einer möglichst raschen Zusammenführung der Bestände nicht nachvollziehbar.
Weil die derzeitige Organisation der Bestandszusammenführung erheblich optimiert werden könnte, erwartet „Köln kann auch anders“, dass diese neu durchdacht und unter Einbezug externen Sachverstands (ehemalige Archivmitarbeiter + Forscher) neu ausgerichtet wird.
 
3. Die Auskunftsbereitschaft gegenüber den Nachlassgebern und Depositaren muss grundsätzlich verbessert werden
 
Auf der o. g. Veranstaltung wurde außerdem bekannt gemacht, dass eine vollständige Auskunft über die Archivalien gegenüber den Nachlassgebern und Depositaren erst nach der Sichtung und Bestandszusammenführung, also in etwa 5 Jahren, möglich sein wird. Ab Mitte 2011 wolle die Stadtverwaltung unaufgefordert Zwischenauskünfte zur Bergung und Bestandszusammenführung geben. Bis dahin würden individuelle Anfragen nicht bearbeitet!
Aus Sicht von „Köln kann auch anders“ ist diese Vorgehensweise kaum geeignet, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Technisch gesehen bietet das Verfahren der Bestandssichtung und -bewertung die Möglichkeit, jederzeit Auskunft über den bis dahin festgestellten Zustand der einzelnen Bestände zu geben. Warum will man denjenigen, die ihre Materialien dem Archiv anvertraut hatten und seit dem Einsturz des Archivs in Sorge sind, diese zeitnahen Auskünfte verweigern? Eine verantwortungsvolle Betreuung von Nachlassgebern und Depositaren sieht anders aus. Es wäre fatal, wenn sich der Eindruck verdichten sollte, dass die Bürgerinnen und Bürger der Stadt aus Verwaltungssicht als Störpotential betrachtet werden, deren Nachfrage und Einmischung unerwünscht ist.
„Köln kann auch anders“ bittet daher mit Nachdruck darum, die Auskunfts- und Betreuungsarbeit seitens des Archives neu zu konzipieren. Die derzeitige Praxis ist mit dem Anspruch eines „Bürgerarchivs“ nicht vereinbar.
 
Hinweis der NRhZ-Redaktion auf
„KÖLN KANN AUCH ANDERS - Schluss mit lustig!“
für diejenigen unserer LeserInnen, die diese ständige Bürgervertretung noch nicht in den Medien wahrgenommen haben. Sie hat inzwischen mehr als 900 Mitglieder. Ihrer Webseite
www.koelnkannauchanders.de haben wir den folgenden Text ntnommen:
 
* Der Tod zweier Menschen, der Verlust von Wohnung, Hab und Gut für zahlreiche Betroffene, der Verlust bzw. die schwere Schädigung unersetzlicher Kulturgüter;
* die Versäumnisse und Verletzungen der Sorgfaltspflicht, die in diesem Zusammenhang Stück für Stück ans Licht kommen;
* die Art und Weise, in der Verantwortungsträger vom Oberbürgermeister bis zum technischen Leiter der KVB sich weigern, politische Verantwortung für das unter ihrer Führung Geschehene zu übernehmen…
 
… all das hat uns deutlich gemacht:
 
Es ist an der Zeit für ein parteiunabhängiges Engagement der Bürger, die nicht zulassen wollen, dass Köln zu einem Symbol wird für
 
* Fahrlässigkeit, Verantwortungslosigkeit, Inkompetenz und undurchsichtige Interessenverflechtung;
* achtlosen Umgang mit öffentlichem Raum und öffentlichem Eigentum;
* Skandale und Postenschieberei nach Parteibuch statt nach Fachkompetenz.
 
Als erste Aktion haben einige von uns einen Aufruf lanciert, eine Unterschriftensammlung gestartet und begonnen, sich unter dem Motto „Schluss mit lustig! mit Gleichgesinnten jeden Montag von 18:00 bis 18:30 vor dem Historischen Rathaus zu versammeln.
                                                                                             
3. Mai 2010, 18:00 bis 18:30 Uhr nächstes Treffen der ständigen Bürgervertretung vor dem Historischen Rathaus. Thema: Hasko Schmidt erläutert Hintergründe zur Verantwortung für die Verhütung von Katastrophen wie dem Stadtarchiveinsturz. Inwieweit hat die Stadt Köln existierende gesetzliche Vorgaben umgesetzt und welche Konsequenzen haben sich daraus ergeben? (PK)


Online-Flyer Nr. 248  vom 05.05.2010

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Von Kostas Koufogiorgos
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