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Aktueller Online-Flyer vom 30. September 2016  

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Inland
Vergewaltigungen und Prügelstrafen bei den Regensburger Domspatzen
Der Dom, die Spatzen und der Pfaff
Von Wolfgang Blaschka

Ausgesuchte Knabenstimmen zum Engelsklang eines berühmten Chores zu verschmelzen war das eine. Das andere war das strenge Strafregime unserer sadistischen Präfekten und Direktoren. Die meisten waren Priester. Die Gottgeweihten bewirtschafteten einen quirligen Tümpel quakender Frösche. Das waren wir. Dann neigten sie sich herab, und siehe da: Im Spiegel der Wasserfläche wurden sie immer öfter zu giftigen Kröten. Wir hatten Angst vor ihnen. Manchmal wurden sie schwach und fischten im trüben Gewässer. Sie, die über uns standen, und die Rohrstöcke sausen ließen, um uns zu dirigieren und abzurichten. Und gelegentlich tauchten sie ein wie in einen Jungbrunnen. Die Opfer von damals sind heute Mitte Fünfzig. Sie befinden sich immer noch im Bann ihrer früheren Qualen.
 

Wolfgang Blaschka – im Gespräch mit
AP-Journalisten
Quelle: New York Post
Einen habe ich getroffen, einen Schauspieler, der im Gespräch beim Kaffeetrinken stotterte. Als ich nachfragte, wie das denn zusammengehe und woher das komme, meinte er nur lakonisch: „Domspatzen“. – „Was, Du auch?“ Und er erzählte mir von seiner Vergewaltigung im Arbeitszimmer des Direktors in Etterzhausen: „Er legte mich vornüber auf den Schreibtisch, zog mir die Hosen herunter und fickte mich von hinten.“ Klare Aussage. Gar nicht gestottert. Das Stottern war auch nie auf der Bühne, vor Publikum, mit vorgegebener Rolle, nicht einmal bei den Proben. Nur im normalen Leben in privaten Gesprächen, wo er nie wusste, was der nächste Moment brächte und ihm abverlangte, da würde er ins Schlingern geraten. Eine echte Verdrehung im Verhalten, das die meisten genau andersrum an den Tag legten: Sie würden unsicher vor größeren Gruppen, vor einem Auditorium, vor der Öffentlichkeit.
 
Nein, gerade da fühle er sich total sicher, weil unangreifbar. Eine Art Perversion. Ein anderer, im Jahrgang auch kurz vor mir, berichtete von allerhand untauglichen Versuchen, mit seinem Trauma umzugehen, es zu bearbeiten. Ein Projekt klang besonders schräg: Er knackte Opferstöcke, bis er ertappt wurde, um dann bei der Hauptverhandlung vor Gericht „auspacken“ zu können. Die Staatsanwaltschaft nahm sein Tatmotiv, das er im Plädoyer freimütig schilderte, nicht zum Anlass, Ermittlungen gegen die „Geschädigte“ einzuleiten, sondern plädierte ungerührt auf zwei Jahre Knast für Einbruchsdiebstahl wegen 50 Euro – zur Bewährung! Seine „Verarztungen“ (Penis-Salbungen) im Regensburger Musikgymnasium beschrieb er beinahe nachsichtig: „Es war doch immerhin besser, überhaupt von jemandem auch mal sanft angefasst zu werden in dieser kalten Internatswelt.“
 
Ein ehemaliger Gesangslehrer kannte noch andere Beispiele und auch die erschreckend hohe Selbstmordquote unter meinen Mitschülern: Von drei untersuchten Jahrgängen (90 bis 100 Spatzenküken) haben sich 11 das Leben genommen – ein sattes Zehntel. Eine erschreckende Kontinuität! Schon im Mittelalter haben sich die Äbte und Bischöfe und Dorfpfarrer von den Bauern den Zehnten geholt – oft genug mit Gewalt. Aber Menschenleben? Im 20. Jahrhundert?! – Verjährt. Aber nicht vergessen!
 

Regensburger Domspatzen –
ältester Knabenchor Deutschlands
im Jahr 2010
Das Bistum Regensburg hüllte sich konsequent in Schweigen – getreu der päpstlichen Anordnung von 1962. – Brav! – Verlogene Verschwiegenheit war offenbar oberste Diözesanpflicht. Dabei wusste die Welt zumindest vom Ministranten-Skandal in diesem letzten aufklärungsfreien Areal einer immer noch weitgehend intakten Omertá. Ganz plötzlich haben die „Missbrauchsfälle bei der katholischen Kirche jetzt auch den weltberühmten Regensburger Knabenchor erreicht“, wie die Abendzeitung in verquerem Deutsch zu berichten wusste. So als hätten uns die Verbrechen nicht schon damals betroffen haben können, als sie an uns verübt wurden. Nein, auf und über die Domspatzen, diesen ältesten Knabenchor Deutschlands, der auf eine mittelalterliche “Dompräbende“ zurückgeht, durfte nichts kommen. Das war von Alters her (zeitweise auch mit Kastraten) eine Lateinschule mit der Verpflichtung, für die musikalische Umrahmung der feierlichen Hochämter im Dom St. Peter zu sorgen, und ist es letztlich immer noch, dieses altsprachlich-humanistische Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen.
 
Ihr Ruf galt als heilig, und sie hatten engelsgleich unschuldig zu bleiben und unbefleckt zu singen. Ein Nestbeschmutzer, wer anderes behauptete! Man wollte es nicht sehen. Auch unser ehemaliger Domkapellmeister Monsignore Georg Ratzinger, der Bruder des heutigen Papstes Benedikt XVI., hat nichts gewusst, nichts gehört und nichts gesehen, vielleicht nicht sehen wollen. Er war Musiker. Heute ist er fast vollständig blind und kann nur noch auswendig gelernte Stücke spielen auf seinem Spinett im Austragsstüberl. Er hielt sich erst ab 1980 an das Verbot der Züchtigung – „strictissime!“ Wenn sich die vertrauten Brüder sehen, reden sie wahrscheinlich lieber privat Belangloses. Der andere schimpft gern auf Homosexuelle.
 
Das Domkapitel hat unter dem Druck der sich ausweitenden Skandalwelle in den Akten gekramt, und siehe da: Da waren sie doch längst schon da wie der Igel vor dem Hasen, die verstaubten Altlasten verjährter Fälle aus den 50- und 60-er Jahren. Karge Marginalien aus dem düsteren Schlund der Vergangenheit. Fußnoten der Kirchenkriminalität. Sonst noch was? Fehlanzeige! – Regensburg hat sauber zu sein. Amen. – So geht Aufklärung bei der Kirche. Ratzfatz! Gut, dass wir darüber gesprochen haben. Jetzt ist es heraus. Mea culpa.
 
Die Zeitungsspalten quellen derzeit über von einschlägigen Berichten: Schwere Sexualverbrechen an Schutzbefohlenen, zurückgetretene Priester, Patres und Äbte bei so lange wie möglich eisigem und eisernem Schweigen der Kirchenhierarchie mit ihrer internen Vertuschungs-Jurisprudenz, bekannt und berüchtigt als Glaubenskongregation, vulgo Inquisition. Vereinzelt aufbrechende Pickel wurden jahrzehnte-, jahrhundertelang als Einzelfälle abgetupft, die „Fehlbaren“ (im Gegensatz zum Papst) in Rotation weiterversetzt und so in die Anonymität entsorgt, die klaffenden Wunden wo nötig mit Schweigegeldern zugeschmiert oder mit schwärendem Gewissensdruck gepfropft. Der hervorquellende Eiter wurde in die Geheimarchive der Kurie abgelegt. Deren Hauptsorge galt seit jeher der Wahrung des Rufs ihrer Institution, die über allen weltlichen Niederungen zu thronen hatte als unangreifbare moralische Instanz. Es muss übel riechen in den innersten Gemäuern des Kirchenstaats. Noch hält sich das angeschlagene Kirchenschiff auf den Wogen, hält unbeeirrbar Kurs aufs Jenseits Richtung Ewigkeit. Brutalst mögliche Aufklärung ist jetzt angesagt. Auch dafür hält die päpstliche Kurie ein institutionalisiertes Instrumentarium bereit: Die Apostolische Visitation. Sie kümmert sich mehr um geistlichen Beistand für einen „Neubeginn“ als um strafrechtliche Aufarbeitung oder gar systematische Konsequenzen. – Ist das zu glauben!? Schon wieder Neubeginn!
 
Nun platzen die Eiterbeulen in Serie – zuerst ausgerechnet bei den Jesuiten, der Speerspitze des Katholizismus – und was tut die Süddeutsche Zeitung? Sie druckt am 27./28. Februar einen harmlosen Einspalter: „Heimweh und Glück – aus den Erinnerungen eines Internatsschülers“. Der liest sich wie der bemühte Versuch, nur ja kein Nest zu beschmutzen, schon gar nicht das Spatzennest. In Etterzhausen unterhielten die Regensburger Domspatzen eine Vorschule (3. und 4. Volksschulklasse), die durchaus einer chilenischen Colonia Dignidad nicht unähnlich war. Abgeschieden und eingezäunt, auf einer Anhöhe über dem Dorf, das so unerreichbar nahe lag unter uns. Dort oben herrschte ein Gewaltregime, das heute kaum mehr vorstellbar scheint. Ein Strafkanon (5, 10 oder 15 Stockschläge wahlweise auf die Fingerkuppen oder außen auf die Nägel, manchmal auch aufs Gesäß) wurde exekutiert für geringste Vergehen: Schwätzen, „Tändeln“ (ich weiß bis heute nicht exakt, was damit gemeint war, obwohl ich mehrfach dafür büßen musste), abgehetzt oder gar zu spät zur Studierzeit einzutrudeln, nicht ordentlich in der Reihe stehen. Morgens, vor der täglichen Frühmesse in Dreierreihen, verselbständigte sich das Prinzip der Rutenschläge zeitweise zu einem unentrinnbaren Dilemma, wie man es aus „Catch 22“ kennt: Der Letzte, der aus dem Waschraum oder vom Schlafsaal kam sich hinten anzustellen, hatte nach dem Mittagessen seine Prügel abzuholen. Es war ziemlich oft derselbe arme Kerl, der diese Arschkarte gezogen hatte. Ich weiß noch heute seine Wäschenummer: 338. Sie wurde laut ausgerufen. Und dann im Chor der dazugehörige Name geraunt. Kinder können so grausam und herzlos sein – wie kleine Erwachsene. Wieder ein Handtuch liegen lassen, wieder die Seifenschale nicht aufgeräumt, und eben wieder zu spät! Sie hatten ihn auf dem Kieker. Er nahm’s scheinbar mit rüder Gelassenheit. – Einer musste doch der letzte sein. Davon stand in dem SZ-Artikel nichts. Dabei war’s eherner Alltagsbrauch. Sollte dieses Terror-Reglement in den 80-er Jahren bereits abgeschafft gewesen sein? Bei der langen Tradition?
 
Das Wort „Missbrauch“ scheint mir in diesem Zusammenhang geradezu euphemistisch. Man kann allerhand Missbrauch betreiben: Alkoholmissbrauch oder Medikamentenmissbrauch, – man kann einen Hammer missbrauchen als Mordwaffe oder sein Auto zur Amokfahrt. Aber Kindsmissbrauch? Das ist, als nennten wir Totschlag „Lebensmissbrauch“. Gäbe es denn einen angemessen korrekten, strafrechtlich oder ethisch unbedenklichen „Gebrauch“ von Kindern? Nennen wir es doch beim Namen: Vergewaltigung, schwere Körperverletzung, fortgesetzte Freiheitsberaubung, Nötigung etc. im Schoße der Kirche, in einem Klima „des warmen Katholizismus“, wie Fürstin Gloria von Thurn und Taxis einmal pointiert formulierte. „Der Schwarze schnaxelt gerne“: Sie meinte das rassistisch bezogen auf Afrikaner. Spätestens seit Roberto Blanco und seinem auf die CSU gemünzten Bonmot wissen wir um die Abgründe solch unzulässiger Verallgemeinerungen: Wir sind doch alle irgendwie Schwarze. Unter der Kutte arme Seelen und Sünderlein, nicht wahr? Schwarze Schäfchen sollten die übrigen Schafe nicht beunruhigen. Selbst die verlorenen führt der Hirte zurück zu seiner Herde.
 
Ähnlich steht es mit der „Unzucht“, diesem antiquierten Wortgetüm aus dem Katechismus. Gibt es umgekehrt eine Zucht, etwa mit Abhängigen oder Schutzbefohlenen, gegen die nichts einzuwenden wäre? Nennen wir sie doch beim Namen – und diese permanente Strafandrohung, die allgegenwärtige psychische Bedrängnis: Folter. Reden wir von den Verbrechen der Katholischen Kirche und ihrem System, das diese begünstigt, ja sogar hervorbringt, dem Zölibat, nicht von Verfehlungen einzelner! Ein übergriffiger Priester ist kein „Verirrter“, sondern ein Straftäter. Vielmehr ist die solcherlei „Verirrungen“ produzierende und provozierende strukturelle Gewalt zur Durchsetzung lebenslang erzwungener Asexualität oder noch schwieriger: Enthaltsamkeit von jeglicher Sexualität „irre“, geradezu kriminell – und mit Artikel 1 Grundgesetz (Menschenwürde) absolut nicht vereinbar. Das Hauptverbrechen, die „Kardinalsünde“ ist das Konstrukt des ausschließlich männlichen Priesteramtes selbst. Auch das ist genuin unvereinbar mit dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes. Die Kirche ist demnach eine verfassungswidrige Organisation – bei Licht betrachtet. Sie muss also gezwungen werden, die staatlich garantierten Grundrechte auch ihren Angehörigen zu gewähren, ansonsten verstößt sie fortlaufend gegen Gesetze. Wer das in organisierter Weise gewohnheits- und gewerbsmäßig
betreibt, für den hält das Strafgesetzbuch den Begriff der kriminellen Vereinigung bereit. Das werden die Gottesdiener doch wohl nicht wirklich wollen, oder? Wahrscheinlich sind sie sich dessen gar nicht bewusst. Die Aufklärung ist ja auch gerade erst mal über 200 Jahre her! Was sind diese zweihundert Jahre gegen ihre zweitausend!?
 
Der Autor dieses „Gefälligkeitsartikels“ für das Regensburger Bistum beschreibt das Heimweh als seine größte Plage. Es sei ihm konzidiert. Mag er es subjektiv so empfunden haben. Aber mit den Dimensionen der Brutalität zwanzig Jahre vor seiner Domspatzenzeit hat das wenig zu tun. Es soll da kein falscher Eindruck entstehen inmitten einer Flut von Veröffentlichungen und Enthüllungen, welche die Symptome eines siechen Organismus unter schmutzig-blutigen Binden zutage fördern.
 
Die Kirche krankt nicht an vereinzelten Furunkeln, – was da vor sich hinfault, ist die Pest, deren Atem bis ins Heute herüberhaucht. Die ohnehin mangelnden Selbstheilungskräfte der Patientin Una Sancta Cattolica werden angesichts des medizinisch ignoranten Personals wenig Wirkung entfalten, wenn es nur betet und eine letzte Ölung parat hält, anstatt die zweifellos nötigen harten Schnitte zu vollziehen. Doch welcher Kopf würde sich schon selbst amputieren?! Also wird weiter gebunkert in lähmender Totenstarre. Das alte Immunsystem der Ignoranz hat versagt. Der Fall scheint aussichtslos. Nun heißt der Therapievorschlag: „Vertrauen zurückgewinnen“, sprich: die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft sollen gefälligst wieder mehr glauben an den morbiden Patienten. Anstatt die Klöster und ihre Internate aufzulösen und der katholischen Kirche die Abschaffung des Zölibats abzufordern, andernfalls ihr die Lehrbefugnis zu entziehen und ihr den Umgang mit Minderjährigen generell zu untersagen, darf sich die Todgeweihte selbst diagnostizieren und therapieren.
 
Dass der Autor anmerkt, im Musikgymnasium sei ihm niemand zu nahe getreten, mag ja so sein. Immerhin räumt er für die Vorschule der Regensburger Domspatzen (zu seiner Zeit schon im benachbarten Kloster Pielenhofen) ein, dass dort Schläge verabreicht wurden – von einem „alten Pfarrer“ mit „hässlichen Händen“. War das immer noch unser ehemaliger Internatsdirektor? Auf die Hässlichkeit seiner Hände hatte ich nie geachtet. Ich erinnere nur, dass manche seiner Finger bräunlich-gelb waren vom Zigarettenqualm eines Kettenrauchers (Marken: HB und Ernte 23). Ich kannte ihre Brutalität und ihre Schlagkraft. Der Autor scheint sie nicht oft am eigenen Leib verspürt zu haben, diese hässlichen Hände, sonst täten ihm heute noch seine Finger weh beim Schreiben von solch verharmlosendem Reinwaschungs-Gewäsch für „Die Erzieher – keiner von ihnen berührte jemals einen Buben! ...“. Dieser generöse General-Pardon wirkt umso skandalöser direkt neben einem Artikel über sexuelle Übergriffe in Ettal, Mindelheim, St. Ottilien, Kloster Schäftlarn und wo immer katholische Priester ihr verkorkstes Sexualleben mit Kindern, meist mit Knaben praktizierten, da sie berufsbedingt zölibatär und offiziell absolut „keusch“ zu leben hatten. Wir waren ihnen jahrgangsweise zugetriebenes „Frischfleisch“: Formbar, disziplinierbar, unentrinnbar ausgeliefert.
 
Direktor Meier hatte noch einen „zivilen“ Gehilfen als Präfekten, einen pädagogisch ungebildeten ehemaligen Bergmann mit klobigen Händen, der mit seiner Familie außerhalb des Zauns auf der Etterzhausener Anhöhe wohnte und jeden Morgen ins Domspatzenheim schlenderte, manchmal fröhlich pfeifend, wenn er sich neue Weidenruten geschnitten hatte auf dem Weg zur Arbeit. Das war die Ration für die nächste Woche, die auf unseren geschundenen Gliedern zerschlagen wurden. Er brachte immer neue mit aus dem Wald, schälte sie mit seinem Taschenmesser und schnitt sie liebevoll zurecht, mit versonnenem Lächeln über den gespitzten Lippen. Seine beiden Söhne straften ihn später damit, dass sie zu den Jusos gingen. Seine erste Amtshandlung war, uns zu wecken, nachdem er seine Tatwerkzeuge
im Spind verstaut hatte. Seine letzte Aktion war, das Licht im Schlafsaal zu löschen. Dazwischen lagen Backpfeifen und Ohrfeigen, die eher spontan kamen, aber auch das gnadenlos exerzierte Strafregime mit den Stöcken, das er sich mit dem Direktor in der Priesterverkleidung redlich teilte. Beide waren jähzornig und aufbrausend. Als Meier einmal bei der täglichen Frühmesse in der Hauskapelle kurz vor der Wandlung ein Wispern vernahm, drehte er sich ansatzlos um und schleuderte die goldene Patene, das Kulttellerchen, auf dem „der Leib unseres Herrn Jesu Christi“ in unmittelbare physische Anwesenheit herbeibeschworen werden sollte, wie einen Diskus nach hinten in Richtung des vermeintlichen Störenfrieds, der es prompt mit der scharfen Kante an die Schläfe bekam. Der betroffene Sünder reichte das liturgische Gerät anstandslos wieder nach vorn, und der Zelebrant legte die Hostie nach kurzem Abblasen wieder darauf, als sei nichts geschehen, um ungerührt das Sakrament der Heiligen Wandlung zu vollziehen. Und abends, nachdem alle „weltlichen“ Angestellten, Lehrer und Küchenhilfen, Hausmeister und Präfekt daheim waren in ihren abseits gelegenen Behausungen, war er allein mit uns und sich und seinem Kreuz. Nachts drehte er vor dem Zubettgehen noch einmal seine letzte Runde, ich sah durch die offene Tür auf dem Gang seinen Glimmstengel aufglühen. Manchmal schlurfte er in Hausschuhen auch noch durch die Schlafsäle, wenn er irgendwo einen Mucks zu hören glaubte. Er wollte sicher sein, dass nur noch geschnarcht wurde. Es war sein Heim. Wahrscheinlich war er der einzige, der sich hier zuhause fühlte.
 
Wohin mit den krampfhaft unterdrückten Hormonwallungen, der überbordenden Lust, den schwülstigen Phantasien, der unbändigen Geilheit?! Wohin mit dem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Zuwendung, nach Küssen und Kosen, wohin damit bei einem Mann, der von diesem elementaren Lebensbereich abgeschnitten war in seiner Identität als Mensch – als Mann zumindest geistig kastriert? Hatte er je mit einer Frau oder auch mit einem Mann auf gleicher Augenhöhe seine Libido ausleben können, zumindest ansatz- oder versuchweise? Hatte er je die Möglichkeit und auch die Gelegenheit dazu gehabt? Oder war er von klein auf ein Sexualkrüppel, ein verdorrter Eunuche, der Sex als verboten und verdammungswürdig, und daher nur mit roher Gewalt als eine Art Selbstbestrafung für seine „sündige Schwäche“ denken konnte – als Genuss und Erfüllung nicht einmal vorstellbar in heimlich lustvoller Onanie? Wahrscheinlich haben sie ihm selbst dieses Privatissimum noch vermiest: „200 Schuss, und dann ist Schluss“. So wie es bei der Flak halt auch gewesen war.
 
Heimweh war – für uns jedenfalls damals – das kleinere Problem, und mit einem Münzfernsprecher zu telefonieren wäre außerhalb des Denkbaren gewesen. Briefe waren es allenfalls, die da gekrakelt wurden – in lieblos gestanzten Formulierungen hingekleckst:
„Liebe Eltern, wie geht es Euch? Mir geht es gut. Das Wetter ist gut bis schön. Gestern gab es ein Gewitter, aber sonst ist es auszuhalten. In der Schule läuft alles einigermaßen mittelprächtig, aber nicht schlimm. Wir müssen fleißig singen und Noten üben. Das Klavierspiel macht gute Fortschritte. Das Essen lässt etwas zu wünschen übrig. Es gibt immerzu Kartoffeln in allerlei Variationen, nur sonntags mal Fleisch. Könntet ihr mir vielleicht demnächst einmal wieder ein Fresspaket schicken mit einem viertel Pfund Butter und/oder einer Mettwurst? Und vielleicht eine Tafel Schokolade? Tri-Top ist auch aus. Jetzt muss ich zur Chorstunde. Herr Erkes ist sehr nett, aber streng. Alles weitere im nächsten Brief oder wenn ich wieder zuhause bin. Lasst es Euch gut gehen bis zu den Ferien! Euer Fritzi.“ Und beinahe unverzichtbar ein „P.S.: Grüße auch an Max, Christian und Tommi und all die andern, auch an Tante Marie natürlich“.
 
So oder ähnlich klangen sie fast alle, die Briefe, die man uns in unregelmäßigen Abständen befahl zu schreiben im Studiersaal. Es war mehr eine Pflichtübung für die meisten. Es war eine schlimmere Art von Null-Kommunikation als heute beim SMSen oder Handy-Telefonieren. Es waren oberflächliche Harmlosigkeiten auf Papier, Lügen durch Fortlassung des Wesentlichen, in blauer Tinte auf Briefpapier gemalt wie für imaginäre Entlastungsakten gefertigt – zumindest als solche nutzbar. Das Wesentliche, der brennende Schmerz, die hilflose Ohnmacht, die bohrende Angst vor dem nächsten mittäglichen Strafappell nach der Postverteilung, und bei manchem nur die quälende Verzweiflung ob der Aussichtslosigkeit jeglichen Widerstands blieben tief verkapselt in unseren geschundenen Seelen und spurlos verborgen zwischen den Zeilen dieser Gefälligkeits-Post.
 
Wir wussten nichts Genaues, wir ahnten nur, dass wir in eine Hölle geraten waren. Wir machten sie uns – so gut es nur ging in den zwei Stunden Freizeit werktags zwischen Schulunterricht und Studierzeit, vor Chorprobe und Geigen- oder Klavierübungsstunde – zum Kinderspielplatz und Freilauf-Paradies. Doch selbst die Freizeit konnten sie uns vermiesen mit Strafarbeiten. „Schreibe fünfzigmal: Ich darf während des Mittagessens nicht mit dem Tischnachbarn schwätzen“. Ich fand nach Jahrzehnten noch solch ein kariertes Blatt halbvoll geschrieben in einem Schulheft-Umschlag – fein säuberlich untereinander geschrieben – auf Vorrat oder einfach nie abgegeben. Das war noch die mildeste Bestrafungsform. Kostete nur die Freizeit.
 
Kein Wort von kindlichem Heimweh stand in den Briefen, kein Wort aber auch vor allem von jenen Dingen, die aus Kindern Knaben machen sollten, ordentliche Sänger und Chorknaben, und aus Memmen: Kleine Männer. Keinerlei „harte Fakten“, keine Gefühle oder Empfindungen! Keine Klagen. Manchen Buben wurden diese harmlosen Lebenszeichen, die während der Studierzeit unter Aufsicht des Präfekten zu schreiben waren, auch noch zensiert, d.h. also „auf Rechtschreibfehler durchgesehen“ – das war’s dann mit dem Postgeheimnis. Wahrscheinlich genau die Kandidaten, die dann irgendwann „fällig“ waren. Ein Kriminalist hätte vermutlich exakt an diesem Punkt ansetzen können: Wessen Briefe überprüft wurden, der konnte möglicherweise auch Vergewaltigungs-Opfer werden oder schon geworden sein.
 
Schade, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, bei wem das so war – es gab mehrere solcher „Fälle“ – auch in meiner Klasse. Ein anonymer Briefkasten existierte meiner Erinnerung nach nicht. Man hatte die Briefe in adressierten Kuverts abzugeben. Ich habe meine schon immer zugeklebt, denke ich. Ich hatte sogar Briefmarken von meiner Mutter mitbekommen, die ich nie zur Gänze aufbrauchte. Pflichtbriefe zu schreiben hielt ich für unsinnig. Daher hielt ich sie auch immer so kurz wie aussagearm, dass es knapp an der Unhöflichkeit vorbeischrammte. Und diesen inhaltsleeren Schmarrn hätten sie auch getrost lesen können. Haben sie ja vielleicht ohnehin – wer weiß. Zuzutrauen war ihnen fast alles an Niedertracht. Das Zutrauen einiger Zöglinge ging soweit, dass sie dem Präfekten Hansch bei einem sonntäglichen Spaziergang durch die Wälder der Etterzhausener Anhöhe einen selbstgepflückten Stock vermachten, in der Hoffnung, er würde auf dem Hinterteil anderer Buben zerdroschen. Er nahm ihn amüsiert in seine Sammlung.
 
Die Verdrängungsmechanismen funktionierten verlässlich: Als ich – später im Musikgymnasium in Regensburg – einmal mit einer Beule nach Hause kam zu meiner Mutter, und sich diese beim besten Willen nicht verbergen ließ unter meiner Kurzhaarfrisur, musste ich es ihr erzählen, woher ich sie hatte. Ein Priesterseminarist, der im „Kaff“ als Präfekt arbeitete, hatte sie mir verpasst – mit dem gusseisernen Sakristeischlüssel des Regensburger Doms. Ein Schlag von oben senkrecht auf den Kopf – aus irgendeiner Wutaufwallung heraus – vor dem Probenraum im Gewölbe unter der Paramentenkammer, wo wir uns gewöhnlich einsangen vor dem Hochamt. Meine Mutter war entsetzt und malte sich die schlimmsten Szenarien aus, welche Schädelfraktionen da möglich gewesen wären bei einem nur etwas festeren Hieb. War aber nichts. Ich redete ihr mit Engelszungen ihr Vorhaben aus, sich zu beschweren, falls nötig bis hinauf zum Bischof. Lächerlich, dachte ich. Der würde abwiegeln. Sie hätte vielleicht ihren kleinen Triumph als Löwenmutter, ich aber hätte die Sache künftighin tagtäglich mit dem Übeltäter auszubaden. Und überhaupt, petzen sei unanständig, und Muttersöhnchen wollte ich auch keines sein. Es gelang mir mit Mühe, ihr die Strafanzeige auszureden und mithin die eigene Körperverletzung zu vertuschen. Heute nennt man so etwas Stockholm-Syndrom. Die Akzeptanz der Gewalt, die Internalisierung des Terrors war das schlimmste. Der Kerl hätte sich bitter gerächt. Die Internatsleitung hätte mir die Hölle noch heißer gemacht. Die Polizei hätte mir kaum geglaubt. Es gab kein Entrinnen. Es gab keinen sicheren Ort. Nicht einmal zuhause bei meiner Mutter. Nicht einmal Heimweh blieb einem.
 
Nein, eine Privatsphäre gab es nicht, außer vielleicht in der abgesperrten Klokabine. Und selbst da lugte manchmal jemand – aus lauter Jux und Tollerei – unten durch oder oben drüber. Ach, wäre es doch nur das bisschen Heimweh gewesen! Es war viel, viel mehr, was uns quälte. Die Pratzen taten weh, die Ärsche brannten von den Stockschlägen, die Schläfen schmerzten vom dauernden Koteletten-Zwirbeln, die Wangen glühten von herzhaft klatschenden Ohrfeigen, nach denen man für Minuten die Engel singen hören konnte, wenn sie treffsicher verabreicht tatsächlich das Ohr trafen, um ihrem Namen gebührende Ehre zu machen. Einmal hing ich mit meinem ganzen Körpergewicht – hochgezogen am Haupthaar – mehrere Zentimeter über dem Boden, den ich mit den Füßen nicht mehr erreichen konnte.
 
Strampeln tat noch mehr weh. Als ich mich instinktiv am Arm des Peinigers festzuklammern suchte, um mein Eigengewicht zu mildern, prügelte er mich brutal in Grund und Boden. Hinterher hatte ich für einige lange Minuten einen pfeifenden Nachhall im Ohr – einen akuten Tinitus, der sich erst mit der Zeit verlor. Das ausgerissene Haarbüschel legte am Hauptwirbel des Hinterkopfs eine kleine Tonsur frei, die mir lange geblieben ist. Das blitzende Funkeln in den Augen des Sadisten im schwarzen Anzug, der mich so zurichtete, werde ich nie vergessen. Ein Priester. Der Internatsdirektor Meier, ein ehemaliger Hitlerjunge. Es muss im Religionsunterricht gewesen sein. Ausgerechnet! Wahrscheinlich hatte ich den Beichtspiegel nicht fehlerfrei aufsagen können. Oder ich wusste mir das nicht zu erklären mit der „Unkeuschheit“. Es war sein Lieblingsthema. (PK)
 
Teil 2 folgt in der nächsten NRhZ-Ausgabe

Wolfgang Blaschka, Jahrgang 1957, absolvierte in den Schuljahren 1965-67 die Vorschule und anschließend das Musikgymnasium der Regensburger Domspatzen, sang im Palestrina-Chor unter dem Dirigat des damaligen Domkapellmeisters und heutigen Papst-Bruders Monsignore Georg Ratzinger, und lebt heute als freischaffender Grafiker, Autor und Filmemacher in München. 
 
Wenn Sie Wolfgang Blaschka im BR hören und sehen wollen:
Videoportal des Schweizer Fernsehens sehen wollen:
http://videoportal.sf.tv/video?id=c47c729c-58a7-4346-81d9-b419a985bf30
 


Online-Flyer Nr. 246  vom 21.04.2010

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