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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Glossen
Man gönnt sich ja sonst nichts
Die neue Hüfte
Von Hans-Dieter Hey

Haben Sie schon eine neue Hüfte? Nein? Wenn's an dieser Stelle weht tut, sollten sie sich mal eine machen lassen. Ist momentan schwer im Kommen. Soll auch inzwischen kein großes Problem mehr sein, wenn man dabei ans Mittelalter denkt. „Die Hüfte macht doch heute schon der Aushilfs-Hausmeister“, hieß es dazu fachkundig im Bekanntenkreis. Lieber wäre mir allerdings ein richtiger Chirurg. Ich weiß inzwischen zu viel über Hausmeister, insbesondere Aushilfshausmeister.

240.000 neue Gelenke werden jährlich in Deutschland eingebaut, und die Patienten werden immer jünger. Sitzen wohl viel am PC, kaum Bewegung und drei Big Mac hinterher. Da sollte man nicht daußen vor bleiben. Ich ging die Sache jedenfalls locker an. Zu Beginn war die wichtigste Frage für mich, ob das  eingebaute Ersatzteil magnetisch sei. Ich stellte mir eventuelle Konsequenzen vor und sah mich vor meinem Schreibtisch, und meine magnetischen Büroklammern blieben an meiner Hose kleben. So was würde zu allem Überfluss nur zur Fröhlichkeit meiner Krankenbesucher beitragen. Ich würde Gäste vielleicht nicht wieder los. „Mach doch nochmal die Nummer mit den Büroklammern!“, hörte ich schon drängen. Nicht auszudenken. Erst später konnte der Arzt meine Sorgen ausräumen. Titan ist nämlich nicht magnetisch, kann dafür aber leicht brechen. Ich entschied mich also für Titan. Die Nummer mit den Büroklammern wollte ich auf jeden Fall vermeiden.

Vor der OP dachte ich, am besten an gar nichts zu denken. Das stellte sich schnell als Fehler heraus. Denn mit folgender Frage hatte ich nicht gerechnet:

Rostfrei und nicht magnetisch
  „Haben Sie die 150 Euro mit? Die müssen sie vorab zahlen.“ Meine Bedenken,  ob es sich dabei um Eintritt oder Bestechung handele, wurden umgehend zerstreut. „So was machen wir hier nicht. Wir sind doch nicht in Griechenland. Selbstbeteiligung muss jeder zahlen. 10 Euro am Tag.“ Der Unterschied zu Griechenland war mir damit allerdings nicht hinreichend erklärt. Ich war erschrocken: „Ich bin doch noch gar nicht operiert. Und was ist, wenn ich die OP nicht überstehe? Dann ist das schöne Geld weg!“ „Tja“, meinte die Verwaltungsangestellte, „das ist dann ihr Pech. Aber so einen Fall hatten wir hier noch nicht.“ Deutlich beruhigt wurde ich auf mein Zimmer gebracht.

Eingangsuntersuchung und Patientenaufklärung waren sehr nett. Der Arzt widmete sich mir sehr zugewandt. Wie es mir denn insgesamt ginge, so mit 60, und was ich beruflich täte und noch vorhätte. „Oooch, ganz prima. Ich bin journalistisch für die Neue Rheinische Zeitung in Köln tätig. Kennen Sie die?“, fragte ich, worauf er antwortete: „Ich lese nur FAZ und Spiegel. Ihre kenne ich nicht.“ Ich reagierte enttäuscht: „Können sie auch nicht, sie lesen ja nur FAZ und Spiegel.“ Was soll man dazu auch antworten. Er hätte auch sagen können, er lese nur die Ärztefachzeitschrift Capital, das wäre auf's Gleiche rausgekommen. Irgendwie musste ich dann noch was nachsetzen: „Wir schreiben weniger über Kapitalmärkte. Im Moment schreiben wir kritisch über den Henrik Broder, den sie ja vom Spiegel kennen. Sollten sie unbedingt lesen. Ist interessant.“ „Ja“, - meinte er gelangweilt - „ich gucke mal bei Ihnen rein, wenn ich Zeit habe.“ Hätte er ja, wenn er mal die FAZ liegen ließe, meinte ich noch.

Als Retourkutsche für meine Aufmüpfigkeit wurde ich umgehend über mögliche Folgen der Operation aufgeklärt. Die meisten davon, meinte mein Arzt allerdings fürsorglich, wären seeeeehr selten. Bei den ganz schlimmen Sachen wäre das oft nicht mal 1:1 Million, dass was passiert. Kaum der Rede wert also. „Ach schön“, meinte ich, „das ist ja dann wie beim Lotto, da gewinnt auch manchmal einer.“ Kreislaufschock, Knochenbrüche, Eiterungen, Embolien, Prothesenbrüche, Spritzenabszesse oder Bruch des Hüftpfannenbodens, Luxationen - um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen. Später vielleicht Entzündungen, wo dann alles wieder raus muss. Also kaum der Rede wert.

„Sie werden hier 10 bis 12 Tage bleiben. Ich war gerade in den USA zur Fortbildung. Die bleiben dort nur 5 Tage im Krankenhaus. Dann ist Schluss. Hier bei uns“, meinte der Arzt, „bekommen Sie hinterher noch drei Wochen Reha und anschließend ambulante Weiterbehandlung. Sie müssen beruflich ja noch ein bisschen ran, hahaha!“ „Toll!“ meinte ich, „hätten wir amerikanische Verhältnisse, hätte ich in den USA das für nur 50 Euro Selbstbeteiligung haben können!“. Dafür hätte ich aber das schlechteste Gesundheitssystem der Welt, dachte ich noch. So ist das eben in den USA. In Großbritannien gibt es mit 65 Jahren überhaupt kein neues Hüftgelenk mehr, die sogenannte „Mißfelder-Methode“. USA und England sind halt schon ziemlich weit mit ihrer Gesundheitsreform im Gegensatz zu uns. Mißfelder war übrigens ein junger Politiker der CDU, der Menschen ab einem gewissen Alter keine Hüft-OP mehr gönnen wollte. Bei seinem Namen komme ich sofort in einen  Sado-Maso-Rausch und wünsche ihm zwei kräftig lädierte Hüften, ohne OP natürlich. Herrlich, diese Schmerzen dann.

Anschließend fragte mich der Arzt, ob ich denn Voll- oder Regionalbetäubung wünsche. Da ich im Fernsehen schon mal eine Sendung über deutsche Schlachthöfe gesehen hatte, entschied ich mich für die erste Möglichkeit. Deutlich hatte ich noch die Worte einer Freundin im Ohr, die leitende Krankenschwester ist. „Da geht’s zu wie auf den Schlachthof!“ Das blieb sitzen. Seine letzte Frage lautete, wie ich mir den Zustand nach der OP vorstellte. „Wieder so wie vor der Operation“, war meine Antwort, die er aufschrieb. Schnell merkte ich, dass das eigentlich die falsche Antwort war.
 
Tags drauf wachte ich auf, war verschlafen und konnte mich an nichts mehr erinnern. Die erste Visite stand an. „Herzlichen Glückwunsch, wir haben ihnen einen Mercedes eingebaut“, meinte der Arzt. Um Himmels Willen, dachte ich und erinnerte mich sofort an die verschiedenen Rückruf-Aktionen des

Die Burka
Edelkarossen-Herstellers. „Keine Sorge. Keramik ist besser für sie, kein Plastik. Hält auch deutlich länger. Wir machen hier keine Experimente und arbeiten mit herkömmlichen Methoden.“ Schön, dachte ich. Es gibt ja auch lange Erfahrung mit Keramik. Das hatten schon die alten Chinesen vor 2.000 Jahren. Muss also gut sein. „Tut's denn weh?“, fragte er am Ende der Visite. Blöde Frage, fand ich, und erinnerte mich an einen Wildwestfilm vor vielen Jahren. Ein Cowboy lag am Boden, von Indianerpfeilen durchsiebt. So fühlte ich mich. Ihm wurde die gleiche Frage gestellt. Ich antwortete deshalb wie er: „Nein, nur wenn ich lache!“ Eine solche Antwort hatten die hier noch nicht. Man konnte förmlich hören, wie bei Arzt und Schwester die Synapsen aneinander klapperten.     

Nein, die Betreuung im Krankenhaus war einfach super. Da kann man gar nichts sagen. Langsam ging es mit mir bergauf, machte nach wenigen Tagen schon die ersten Wettrennen mit den Gehhilfen auf dem Flur. Einige konnten das schon freihändig. Aber alles wäre noch besser, wenn nicht mein schnarchender Nachbar den Heilprozess hinausgezögert hätte. So etwas hatte ich noch nicht gehört! Stellen Sie sich vor: Ohropax in den Ohren, den Kopfhörer auf und dann noch das Kissen über die Ohren ziehen. Und alles nützt absolut nichts! Nach einigen Tagen ist ihnen dann auch das Strafrecht egal. Mit dem Kissen jemanden zu ersticken kann nicht so leicht nachgewiesen werden, hatte ich in einem Krimi gesehen. Im Zweibettzimmer war allerdings die Auswahl der möglichen Täter sehr gering, weshalb ich vorsichtshalber auf diese Methode verzichtete. Irgendwann schlief ich dennoch völlig fertig ein. Ich erinnere mich nur, wie ich eines Nachts erschrocken durch lautes Rufen aufwachte: „Ruf mich an!“, schrie jemand. Mein Nachbar hatte den Fernseher angelassen. Nur drei Stunden später wurde die Tür überfallartig mit lautem Karacho aufgerissen: „Guten morgen, ich muss Sie jetzt pieksen, geben Sie mal ihren Arm her!!!“ Da ist man doch fertig, oder?

Wenn ich eines im Krankenhaus hassen gelernt habe, waren es auch diese Thrombose-Strümpfe. Ich musste dringend mein Verhältnis zu ihnen ändern, weswegen ich mit dem Filzstift eine Burkha auf den Strumpf aufmalte, was umgehend zum Amüsement der ganzen Abteilung führte. Ständig kamen Schwestern und Ärzte ins Zimmer. Wenn man als Kassenpatient sogar Besuch vom Oberarzt haben will, sollte man sich dringend eine Burkha auf den Strumpf malen. Das hilft. Alle wollten die Burkha sehen. Eine schöne Abwechslung. Die junge, hübsche Schwester, die mir immer in die Strümpfe half, wollte ein privates Foto davon machen. Aber bitte gern, wenn's sie freut. Einige Tage später sprach sie mich an. Nachmittags käme ihre Lehrerin, und sie wolle fragen, ob sie das Bild mit der Burkha in den Praktikumsbericht ihrer Schulklasse kleben dürfe. Es kann also auch nachteilig sein, wenn man berühmt wird.

Nach der Operation kam ich zur Rehabilitation. Das 10-stöckige Haus vermittelte den herben Charme eines riesen FDGB-Jugendhauses der alten DDR. Drinnen merkte ich allerdings sofort, dass das Durchschnittsalter der Bewohner offenbar deutlich über denen eines FDGB-Hauses liegen musste. Das Interieur bestand aus einem Zwischending zwischen „Frühes Woolworth“ und „Später Gelsenkirchener Barock“ - sehr nett. Es erinnerte an den früheren Zweck der Einrichtung. Rehas waren Einrichtungen, in die vor vielen Jahren noch ganze Busladungen für vier Wochen zur Rotweinprobe auf Krankenschein gekarrt wurden. Das gibt es heute nicht mehr, und wahrscheinlich steigen deshalb auch die Gesundheitskosten. Da sehnt man sich doch nach den guten alten Zeiten.

Schnell ging es mit mir weiter bergauf. Gelenktraining, Muskeltraining, Schwimmen oder Gruppensport hatten ihre Wirkung. Seit ungefähr 30 Jahren war ich nicht mehr geschwommen. Schwimmen war nie mein Metier. Ich favorisierte eher Halma. Ohne Vorwarnung musste ich sofort 100 Meter zurücklegen, und der Trainer meinte: „Da sind Sie schnell wieder dran.“ Für Halma war das die falsche Methode. Ich weiß allerdings jetzt aus eigener Erfahrung: Sport ist Mord. Schöner war's im Gruppentraining, vor allem mit den älteren Damen. Beim Spiel „Reise nach Jerusalem“ wurde leider nicht erklärt, was jemand machen sollte, der keinen Stuhl mehr bekam. Ich schlug vor, dass derjenige dann etwas ausziehen müsse. Die älteren Damen freuten sich über diesen Vorschlag, setzten ihn dann aber doch nicht um. Später traf ich sie im Aufzug wieder. Eine der Teilnehmerinnen fragte eine andere, vielleicht 75jährige: „Na Else, was musste denn heute noch machen?“ „Ich muss gleich noch in die Mucki-Bude“, antwortete sie. Verwirrt bot ich ihnen an, für sie das Stockwerk zu wählen. „Oh, ein Kavalier der alten Schule“, meinte eine. Das schmeichelt doch, oder? Ich fragte ab: „2te – Haushaltswaren, 5te – Miederwaren, 7te – Damen-Oberbekleidung.“ Einige von den Damen kannten noch richtige Kaufhäuser von früher und fanden das lustig. Fortan bekam ich mittags ihr Obst, „damit noch was aus mir wird“. Inzwischen hatte ich mir überlegt, mit dem Obst einen Teil der Selbstbeteiligung hier auf dem Wochenmarkt wieder hereinzuholen.

Nein, auch in der Reha gab es wirklich nichts zu meckern, bis auf jenen Fall. Eines Mittags gab es Kraftbrühe mit Buchstabennudeln, hart gekochte Eier mit Kräutersoße, Serviettenknödel und als Nachtisch - wie soll's anders sein - Tafelobst. Irgendwie erinnerte ich mich, kannte die Suppe wohl schon als Kind, wenn Mutti arbeiten musste. Das Schreiben mit den Buchstaben auf dem Tellerrand gab ich damals schon auf, weil es keine Umlaute gab. Das nervte einfach. Während ich so über die Kraftsuppe nachdachte, hörte ich meinen Tischnachbarn sagen: „Erst muss noch das Wundwasser raus, dann wird es bestimmt besser!“ Umgehend widmete ich mich dem Hauptgang. Wissen Sie, verehrter Leser, wie Schnupfen mit Petersilie aussieht? Wie Kräutersoße! Auch die Eier stanken zum Himmel. „Aber das sind doch Sol-Eier, in Essig gekocht, da ist das so“, meinte die Bedienung, „Die kennen Sie doch von der Kneipe.“ „Ja!“ antwortete ich, „aber dort sind sie inzwischen verboten.“ Es hat eben alles seinen Grund im Leben.“ Um die Servietten-Knödel, die niemand vorher kannte, entzündete sich eine lebhafte Diskussion. Sie sahen eher wie Servietten in einem fröhlichen Mausgrau aus. Doch am Schluss war alles gar nicht so schlimm, ich hatte von den alten Damen ja inzwischen genügend Obst. Fünf Joghurts waren auch dabei. Am nächsten Tag war alles wieder deutlich besser. Es wurde gemunkelt, der Chefkoch sei in Urlaub.

Kurz und gut: Auch die Reha war ziemlich erfolgreich. Vor allem, wenn man eine Flasche Rotwein unter der schmutzigen Unterwäsche verstecken kann, um den Heilungsprozess zu fördern. Rotwein, vor allem der von der Ahr, wurde ausdrücklich auch vom Oberarzt empfohlen, der wohl Fachmann war. Mit Wein macht eine Hüft-OP richtig Freude. Gut gelaunt kommt man schon zum Frühstück. Leider ist jetzt alles vorbei. Jetzt muss ich wieder nach Hause und selber kochen. Sol-Eier kommen dabei nicht in Frage, das ist sicher. Sind ja verboten. Aber ich muss mal beobachten, wie sich meine andere Hüftseite entwickelt. Vielleicht ist später noch eine neue OP drin, bevor Herr Mißfelder eine Gesundheitsreform macht. Man gönnt sich ja sonst nichts. (HDH)  

Online-Flyer Nr. 246  vom 21.04.2010

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