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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Interview zum Buch „Utopische Realpolitik - Die Neue Linke in Lateinamerika“
„Unmögliches möglich machen!“
Von Jukka Tarkka

Die Neue Linke in Lateinamerika gibt der Welt neue Hoffnung. Die Entwicklungen in Venezuela, Bolivien, Ecuador oder Chiapas regen, richtig verstanden und analysiert, zu praktischer Kritik an den überholten Prinzipien der erstarrten alten Linken an und zeigen neue Wege auf. Denn es gelingt der Neuen Linken ganz im Sinne Che Guevaras, realistisch zu bleiben und das Unmögliche zu versuchen. Hugo Chávez, Evo Morales und Rafael Correa aber auch Subcomandante Marcos sind - so die These von Helge Buttkereit - utopische Realpolitiker. Sie haben sich gemeinsam mit ihrer jeweiligen Basis auf den Weg gemacht, eine wirklich andere Welt möglich zu machen, in der nicht das Kapital sondern der Mensch im Mittelpunkt stehen wird - wenn die Bewegungen Erfolg haben. – Die Redaktion




Jukka Tarkka: Warum hast Du Dein Buch über die Neue Linke „Utopische Realpolitik“ genannt? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Helge Buttkereit: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst an das Zitat von Che Guevara erinnern. Er sagte: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Ich verstehe ihn dahingehend, dass er darauf dringt, der Realität offen und ehrlich gegenüberzutreten. Das gehört sich schließlich für einen Revolutionär. Aber wer Revolutionär sein will, der muss eben auch etwas versuchen, was derzeit noch unmöglich erscheint. Der muss versuchen, sein utopisches Ziel zu erreichen, das auf Grundlage der gegebenen Verhältnisse solange unmöglich erscheint, wie nichts zu seiner Verwirklichung getan wird. Revolutionäre müssen das Unmögliche möglich machen, sagt Marta Harnecker. „Utopische Realpolitik“ ist also nicht unbedingt ein Paradoxon, als das man es als abgeklärter Linker vielleicht im ersten Augenblick abtun will. Der Begriff stammt im Übrigen nicht von mir. Christoph Twickel hat damit die Außenpolitik von Chávez bezeichnet, die zwar realpolitisch auf Basis des Weltmarkts stattfindet, weil ihr schließlich nichts anderes übrig bleibt, die aber auf der anderen Seite mit den Erlösen aus dieser Weltmarktbindung versucht, ein utopisches Ziel durchzusetzen. Konkret wäre das die alternative Integrationspolitik in Form von ALBA. Ich habe den Begriff dann auf die gesamte Politik der Neuen Linken erweitert.

Wenn man den Begriff so benutzt, gerät man dann nicht in Gefahr, so gut wie jede Politik mit dem Hinweis auf die realen Begebenheiten gut zu heißen, weil sie im Rahmen eines höheren Ziels notwendig erscheint?

Das ist sicher eine Gefahr. Aber nur dann, wenn man sich des Ziels nichts bewusst ist. Das Ziel muss an jede konkrete Entscheidung angelegt werden. Befindet sich die Bewegung weiterhin auf dem Weg zum Ziel? Stagniert sie oder kommt sie vom Weg ab? Wenn wir also davon ausgehen, dass das Ziel der Bewegungen die freie Entfaltung der Person ist, die bewusste Kooperation der Menschen an der Basis oder, wie Marx es sagt, die freie Assoziation der Produzenten, dann können wir die jeweilige Politik anhand dieses Ziels bewerten. Auch wenn zum Teil noch Unklarheiten über die konkrete Ausformulierung des Ziels bestehen, so ist doch die allgemeine Bestimmung, die ich gerade versucht habe, auf den Punkt zu bringen, das Ziel sowohl in Venezuela, Bolivien, Ecuador aber auch der Zapatisten, die ich in meinem Buch als besonders wichtigen Bezugspunkt der antikapitalistischen Bewegungen herausgestellt habe.

Das klingt doch sehr theoretisch und allgemein. Kannst Du ein Beispiel geben?

Dazu eignet sich die aktuelle Diskussion um die Frage, ob Ecuador das Öl im Yasuní-Nationalpark fördern soll oder nicht. Im Kern geht es dabei darum, dass das Land zusichert, Öl dann nicht zu fördern, wenn die Öl-Abnehmerländer die Hälfte des zu erlösenden Betrages an Ecuador zahlen. Das soll ein Beitrag zum Klimaschutz aber auch einer zum Schutz der indigenen Bevölkerungsgruppen sein. In dem ökologisch sensiblen Regenwaldgebiet des Yasuní-Nationalparks leben einige Völker in selbst gewählter Isolation. Als Präsident Rafael Correa die Initiative aufgrund der in seinen Augen unannehmbaren Bedingungen der Geberländer für gescheitert erklärte, ging - man muss schon fast sagen mal wieder - ein Schrei durch die Medien, insbesondere auch durch die der Linken. Dabei machte sich kaum jemand die Mühe, so scheint es mir zumindest, genauer hinzusehen. Correa wendet sich dagegen, dass die Geberländer Ecuador wie eine Kolonie behandeln und will die Souveränität seines Landes sichern. Und ohne die Souveränität keine eigene Entwicklung des Landes, schon gar keine alternative Entwicklung, die für die oben beschriebene freie Assoziation unumgänglich ist. Man kann sich über die Art und Weise der Politik Correas streiten, ob es sinnvoll ist, das immer gleich mit dieser großen Geste zu machen, aber auf der anderen Seite hat das auch einen Effekt gehabt. Jetzt kann wieder verhandelt werden. Insofern würde ich die These aufstellen, dass Correa weiterhin utopischer Realpolitiker ist, ohne ihn von Kritik freizusprechen. Darum kann es ja auch nicht gehen.

Du beschreibst vier verschiedene Bewegungen hast Du eben gesagt, ist das nicht ein wenig viel?

Ich wollte nicht das definitive Werk über Venezuela, Bolivien, Ecuador und die Zapatisten schreiben, sondern eine Einführung. Ich will die Entwicklung dort in die Diskussion hier bringen, über die Möglichkeiten des konkreten Widerstandes vor Ort aufklären - der Abschnitt zur Selbstorganisation der Basis ist für mich der Dreh und Angelpunkt des ganzen Buches - und dadurch bei uns denjenigen Futter geben, die noch bereit sind zu hoffen und für ihre Hoffnung auf eine bessere Welt zu kämpfen.

Das klingt mir ehrlich gesagt nach einer Projektion.

Nur wenn man es falsch versteht. Dessen bin ich mir bewusst und ich thematisiere das auch im Buch. Aber ich möchte behaupten, dass ich der Gefahr nicht verfallen bin. Hierfür möchte ich noch einmal auf den Terminus der „Utopischen Realpolitik“ zurückkommen. Sie bezeichnet eine Politik, die sich auf konkret vorgegebene, lokale, regionale, nationale Probleme bezieht und davon ausgehend versucht, ihr Ziel zu erreichen. Das ist jeweils anders in Venezuela, in Bolvien, Ecuador und Chiapas und natürlich auch bei uns. Und ich denke, darüber lohnt es sich zu diskutieren, sich Gedanken zu machen und Perspektiven zu entwickeln. Wenn mein Buch dazu beiträgt, wäre viel gewonnen. (PK)

Helge Buttkereit, Jahrgang 1976, wuchs 30 Kilometer nördlich von Hamburg auf und studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig. Nach dem Volontariat bei einer Lokalzeitung in Niedersachsen arbeitet er heute als freier Journalist und Publizist an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Er schreibt für die junge Welt, das Neue Deutschland, den Deutschlandfunk sowie diverse andere Medien. Mehr unter http://www.buttkereit.info/

Helge Buttkereit, „Utopische Realpolitik. Die Neue Linke in Lateinamerika“, Pahl-Rugenstein Verlag (ISBN 978-3-89144-424-5), 162 Seiten, 16,90 Euro, http://www.utopische-realpolitik.de

In der nächsten NRhZ-Ausgabe veröffentlichen wir einen Vorabdruck aus diesem Buch zur Selbstorganisation der Basis am Beispiel Bolivien.

Online-Flyer Nr. 237  vom 17.02.2010

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