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Aktueller Online-Flyer vom 05. April 2020  

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Krieg und Frieden
Alternative Botschafter gegen Militärforschung an Universitäten
Über Autonomie, Freiheit und mehr
Von Dr. Dietrich Schulze

Autonomie und Freiheit der Universitäten, was bedeutet das heute? Verantwortung der Studierenden, Lehrenden und Forschenden für eine Zukunft in Frieden, weltweite gleichberechtigte Zusammenarbeit und Unabhängigkeit von Privatwirtschaft und militärischen Interessen! In diesem Kontext soll ein interessanter Brückenschlag über den Atlantik behandelt werden, der mit Militärforschung und der Streikbewegung für bessere Bildung zu tun hat. Hier geht es gleichzeitig um ein Stück gemeinsame Geschichte des KIT (Karlsruhe Institut of Technology, Zusammenschluss von Universität und Forschungszentrum Karlsruhe) und des MIT (Massachusetts Institut of Technology).
Der am MIT lehrende und forschende Friedenswissenschaftler Subrata Ghoshroy hatte Anfang Dezember 2009 auf Einladung der Gewerkschaftlichen Studierendengruppe Karlsruhe im besetzten Redtenbacher-Hörsaal der Universität Karlsruhe über das Thema „Verzicht auf Militärforschung – Herausforderung und Chance“ vorgetragen. Im Rahmen einer Führung durch die Geschichte der Universität überreichte Klaus Nippert, Leiter des KIT-Archivs, Subrata Ghoshroy ein Buch über Ferdinand Redtenbacher für das MIT-Archiv.
 
Karlsruhe – früher einmal Modell für das MIT
 
In diesem Sammelband zu Redtenbacher’s 200. Geburtstag findet sich ein Artikel von Nippert mit einem Hinweis auf die Geschichte des MIT. William Barton Rogers, der MIT-Gründer, hatte 1864 den KIT/Uni-Vorläufer „Polytechnisches Institut“ im Rahmen einer Europa-Rundreise besucht und war zur Schussfolgerung gekommen: „Das Polytechnische Institut in Carlsruhe, das als Modelleinrichtung für Deutschland und gar für Europa gesehen wird, kommt dem, was das Massachusetts Institute of Technology werden soll, näher als irgendeine andere ausländische Institution.“ (1)
 
Zwei Begriffe von Freiheit der Universitäten
 
Autonomie und Freiheit werden häufig angeführt von jenen, allen voran Präsidenten und Minister, die MIT als Vorbild und KIT auf Augenhöhe mit ihm sehen, und Rüstungsforschung an Universitäten als etwas Selbstverständliches, gewiss verbunden mit dem Hintergedanken der enormen MIT-Finanzierungsquellen aus Privat- und Rüstungsmitteln. Andere haben sich die Mühe gemacht, dieses Vorbild etwas genauer zu untersuchen.
 
Subrata Ghoshroy lenkte in seinem Vortrag die Aufmerksamkeit auf den dominierenden Einfluss der Militärforschung am MIT und an anderen US-Universitäten und auf die verheerenden Folgen der massenhaften Teilnahme an Kriegsforschung nicht nur für das geistige Klima, sondern auch für die Unabhängigkeit der Universitäten. Beispiel Nanotechnologie für den „Soldaten der Zukunft“. Problembeladen auch die soziale Seite. Die ungleich höheren Studiengebühren dort haben eine soziale Auslese bewirkt, die Proteste wie hier nicht möglich erscheinen lassen. Ghoshroy kommt zur Schlussfolgerung, dass das MIT in seiner gegenwärtigen Verfassung wohl kaum Vorbild für das KIT sein kann.
 
Bildung und Rüstung im Widerspruch
 
Die streikenden Studierenden hatten den Vortrag in ihre autonome Vorlesungsreihe aufgenommen und dafür den besetzten Redtenbacher-Hörsaal zur Verfügung gestellt. Die Thematik ist seit letztem Herbst Gegenstand einer breiten Debatte in der Universität Karlsruhe. Die Mehrheit der an einer Urabstimmung im Januar beteiligten Studierenden hatte gegen jegliche Militärforschung votiert und eine Zivilklausel (Verzicht auf Militärforschung, wie beim Forschungszentrum) für das gesamte KIT gefordert. Diese Forderung an Bundes- und Landesregierung wurde im Anschluss an den Ghoshroy-Vortrag von den streikenden Studierenden per Beschluss bekräftigt und in den Forderungskatalog für eine bessere Bildung aufgenommen.
 
Internationaler Appell für Verzicht auf Militärforschung
 
Die Kampagne der „Initiative gegen Militärforschung an Universitäten“, in der Gewerkschaften, Friedensgruppen und Vertreter der Studierenden mitwirken, wird inzwischen von mehr als 100 internationalen Persönlichkeiten wie Bürgermeister Tadatoshi Akiba von Hiroshima, Physiknobelpreisträger Jack Steinberger aus den Vereinigten Staaten und dem Träger des Alternativen Nobelpreises Alyn Ware aus Neuseeland unterstützt. Sie fordern von der Regierung und von der Leitung des KIT, gänzlich auf Militärforschung zu verzichten. Die Angesprochenen ignorieren den Appell. Erst nach längerem Leugnen konnte aufgedeckt werden, dass das KIT-Forschungsprogramm „software defined radio“ oder „cognitive radio“ ein eindeutiges Militärforschungsprogramm ist. Dasselbe scheint sich jetzt zu wiederholen.
 
KIT-Forschung für Killer-Roboter?
 
Ende 2009 wurde mit erheblichem finanziellem und gebäudetechnischem Aufwand das KIT-Forschungsvorhaben „kognitive unbemannte Fahrzeuge“ aus der Taufe gehoben. Hier gibt es enge Verflechtungen mit der Universität der Bundeswehr in München und dem überwiegend militärisch orientierten Fraunhofer-Institut IOSB in Karlsruhe. Rheinmetall Defence hat die europäische Führung eines entsprechenden millionenschweren EU-Rüstungsauftrags übernommen. Die Technologie wird von der NATO im Irak und in Afghanistan eingesetzt und gestestet. Der britische Wissenschaftler Noel Sharkey warnt vor den unabsehbaren Folgen einer Kriegführung mit Killer-Robotern und vor einem völlig neuartigen Rüstungswettlauf. Journalisten, die beim KIT wegen eines militärischen Hintergrunds nachfragten, bekamen keine Antwort. Landtagsmitglieder haben die Sache nun zum Gegenstand einer Kleinen Anfrage im Landtag Baden-Würtemberg gemacht. (Mehr Informationen in der Dokumentation der „Inititiative gegen Militärforschung an Universitäten“ unter www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf )
 
Afghanistan-Krieg, Kunduz-Massaker und Widerstand
 
Die Studierenden sind mit ihrer antimilitaristischen Haltung nicht allein. 69 % der deutschen Bevölkerung sind für einen Rückzug der deutschen Truppen aus Afghanistan. Das von einem deutschen Offizier befohlene Massaker in Kunduz hat schlimme Erinnerungen an den faschistischen Vernichtungskrieg geweckt. Viel Zustimmung hat die evangelische Bischöfin Margot Käßmann erhalten, die als erste Verantwortliche der deutschen Kirchen klar gegen den Afghanistan-Krieg Stellung bezogen hat. Dass Sozialstaat und Bildung leiden müssen, wenn immer mehr Mittel für Rüstung und Krieg ausgegeben werden, begreifen Studierende und Bürger immer besser. Für den bitter notwendigen gesellschaftlichen Widerstand haben die Studierenden mit ihren Streikaktionen ein ermutigendes Zeichen gesetzt.
 
Alternative Botschafter
 
Subrata Ghoshroy hat das Redtenbacher-Buch inzwischen an das MIT-Archiv weiter geleitet.

Dieser Besuch könnte der Beginn eines Botschafteraustauschs zwischen MIT und KIT sein, der dem Ziel dienen möge, beide Institutionen zu einer vollständigen Abkehr von Militärforschung und Kriegsbeteiligung zu bewegen. Ein nicht leicht erreichbares Ziel angesichts der weltpolitischen Lage.
 
Um den Ereignishorizont und die Perspektiven besser erkennen und beurteilen zu können, hilft gelegentlich ein Blick zurück in die Geschichte.
 
Hintergrund des MIT-Besuchs 1864
 
Als Reaktion auf den geistig-materiellen Aufbruch durch die Französische Revolution, die in Deutschland die 1848er Revolution (besonders ausgeprägt in Baden) und in den Vereinigten Staaten den erfolgreichen Bürgerkrieg gegen Sklaverei und Sezession zur Folge hatte, gebärdete sich der untergehende Feudalismus mittels „Heiliger Allianz“ und „Generalsekretär“ Metternich als einzige, ewige Weltordnung ohne jegliche Alternative.
 
Neue „Heilige Allianz“ für eine „ewige Weltordnung“
 
Heute geht es im Kern um die gleiche Situation. Unter Einsatz von wirtschaftlicher und kriegerischer Gewalt (IWF, Weltbank, Wirtschaftsembargos, NATO, ...) versucht eine neue „Heilige Allianz“ den Kapitalismus als ewige, alternativlose Weltordnung darzustellen. Wenn sich die Abwehrkräfte gegen die Wirkungen dieser Ordnung zusammenschliessen und dessen systemeigene Ordnungsprinzipien Profit, Ungleichheit und Krieg erkennen, wird ein ähnlicher weltweiter Aufbruch entstehen können wie zwei Jahrhunderte zuvor. Dazu brauchen die Studierendenbewegung, die Friedensbewegung, die Ökologiebewegung, die Gewerkschaften und andere vor allem Mut, Entschlossenheit, internationale Solidarität und einen langen Atem. (PK)
 
(1) Zitat aus Stratton/Mannix „Mind and Hand – The Birth of MIT“, MIT Press 2005. Carlsruhe – so hieß die badische “Hauptstadt” früher.

 
Dr.-Ing. Dietrich Schulze ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative „Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit“. Von 1966-2005 war er wiss. Mitarbeiter und von 1984-2005 Betriebsratsvorsitzender des Forschungszentrums Karlsruhe. Jetzt arbeitet er in der „Inititiative gegen Militärforschung an Universitäten“ mit. Kontakt: Dietrich.Schulze@gmx.de

 

Online-Flyer Nr. 233  vom 20.01.2010

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