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Aktueller Online-Flyer vom 17. Oktober 2017  

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Medien
Mordaufruf von einem Unbekannten – the full story
GeSPIEGELte Ente?
Von Sabine Schiffer

Zum Prozessbeginn in Dresden, in dem sich Alexander Wiens für den Mord an der ägyptischen Apothekerin Marwa El-Sherbini verantworten muss, wurden verstärkte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Im Sommer habe es einen Mordaufruf im Internet gegeben, der alle Muslime dazu aufrufe, den Angeklagten zu töten. Bestätigt wurde laut Spiegel diese Information durch das LKA Sachsen.
„In einer einstündigen Audiobotschaft legt Scheich Ihab Adli Abu al-Madschd in Deutschland lebenden Muslimen nahe, den Mörder von Marwa zu töten und stellt dafür Gottes Lohn in Aussicht. Das Landeskriminalamt Sachsen hat die im Sommer eingestellte Drohung ausgewertet und geht laut Ermittlungsakten insgesamt von "einer Bedrohungssituation" für den Angeklagten und andere Verfahrensbeteiligte aus. Die LKA-Analysen sind der Grund für die scharfen Sicherheitsvorkehrungen bei der am Montag in Dresden beginnenden Hauptverhandlung.“(1)
 
Gibt es diesen Scheich überhaupt?
 
Alle weiteren Erwähnungen des Aufrufers – auch die folgenden Agenturmeldungen – gehen auf diesen Erstbericht zurück. Gibt man in die Suchmaschine Google den Namen des Scheichs „Ihab Adli Abu al-Madschd „ ein, dann erhält man 388 hits. Unter der Schreibweise „Ihab Adli Abu al-Majid“ gibt es 1088 hits. Macht man sich die Mühe, alles durchzusehen, stellt man fest, dass es diesen Scheich nur in Bezug auf „diesen Mordaufruf“ gibt. Ansonsten hat er keinen weiteren Beleg für sein Wirken im Netz und der Netzkundige fragt sich spätestens an dieser Stelle: Gibt es diesen Scheich überhaupt? Auch die Suchmaschine von Bill Gates (Bing) ergab keine anderen Fundstellen.
 
Nun muss sich die einstündige Audiobotschaft ja finden lassen, auf Grund derer die teuren Sicherheitsmaßnahmen in Dresden eingeleitet wurden. Die Botschaft, die bereits „Anfang August“ gepostet worden sein sollte, ist jedoch im Netz nicht auffindbar – sowohl im google-Cache nicht, als auch mit der Wayback-machine nicht zu ermitteln.(2) Wenn sie bereits im Sommer eingestellt worden war, kann sie eventuell wieder gelöscht worden sein. Fraglich ist dann nur, warum sie zu einem solchen Sicherheitsaufgebot führt. Denn sie hätte ja von niemandem mehr wahrgenommen werden können. Warum dann aber die Erwähnung kurz vor Prozessbeginn? Irgendwie macht das alles keinen Sinn, passt aber in die üblichen Frames und Erwartungshaltungen.
 
Sicherheit VOR Muslimen, nicht VON Muslimen
 
Auch im Arbeitskreis Sicherheit der Deutschen Islamkonferenz kamen diese zum Ausdruck: Es ging ausschließlich um die Sicherheit VOR Muslimen, nicht VON Muslimen – und auch nicht von Menschen, die von Muslimhassern bedroht werden. Es kann durchaus damit zusammenhängen, dass ein Fehlen der Vorstellung, dass Muslime bedroht sein könnten, dazu geführt hat, dass die verbalen und schriftlichen Drohungen eines Alexander Wiens keinerlei Schutzmaßnahmen für Frau El-Sherbini und ihre Familie nach sich zogen. Dafür muss sich nun der damalige Richter in Dresden ebenfalls verantworten.
 
Die mediale Existenz des besagten Scheichs erinnert an Gofir Salimov, der ausschließlich im Zusammenhang mit den sog. Sauerlandattentätern auf der Bildfläche erschien. Dessen fiktionale Existenz hat damals Knut Mellenthin in einem sehr lesenswerten Beitrag nachgewiesen.(3) Auch hier wurde durch vielfaches Wiederholen einer Botschaft, die den Erwartungen entsprach und darum nicht kritisch von Medienseite geprüft wurde, ein mediales Konstrukt geschaffen, das auch ohne Faktengrundlage auskommt.
 
Nun gibt es den durch Spiegel und/oder LKA bekannt gemachten Scheich aber tatsächlich. Nachdem Esther Saoub, ARD-Korrespondentin in Kairo, ebenfalls im Hörfunk ihre Zweifel an der Botschaft geäußert hatte, machte ihr Kollege El-Gawhary sich vor Ort auf die Suche nach dem Urheber der Drohung. Es handelt sich dabei um eine ins Internet eingestellte Freitagspredigt in der ägyptischen Provinz. Seinen Fund und deren Qualität beschreibt er in der tageszeitung vom 6. November ausführlich. Ein auch in der Islamistenszene bis dato völlig unbebachteter Scheich, der eigentlich Maschinenbauer war und erst auf einem zweiten Bildungsweg in Saudi-Arabien den Koran auswendig lernte, winkte ihm freudig mit dem Spiegel-Bericht entgegen. (4)
 
taz weiß mehr als das LKA?
 
Inzwischen hat die Spiegel-Redaktion mitgeteilt, dass es sich am 24.10. um einen Vorabbericht für die Printausgabe handelte.(5) Dieser sei auf der Basis einer Pressemitteilung aus dem LKA entstanden. Außerdem vermutet man in der Redaktion, dass nicht diese Vorabmeldung, sondern die Pressemitteilung selbst bei den anderen Medien wie Nachrichtenagenturen zur Verbreitung dieser Meldung geführt habe. Die Pressesprecherin des LKA Sachsen ließ bisher verlauten, dass sie sich nur auf die „Gefahrenanalyse“ aus eigenem Hause berufen könne und uns eine schriftliche Anfrage empfiehlt, die vermutlich erst nach Abschluss des „sehr schwierigen Verfahrens“ beantwortet würde.
 
Welche Funktion die Islamwissenschaftler in den Ämtern haben, steht nun auch zur Debatte – denn das, was heute in der taz steht, hätte im LKA ermittelt werden müssen. Die Steuerzahler, die die Glaswand im Gericht, das Polizeiaufgebot und schließlich auch die Islamwissenschaftler bezahlen, dürfen Sorgfalt einfordern. Für Marwa El-Sherbini hat es keine vergleichbare „Gefahrenanalyse“ gegeben. Sie hätte vermutlich gar nicht zu einer zweiten Zeugenaussage erscheinen müssen. Ihre Aussage in einem viel zu engen Sitzungssaal, nur ca. anderthalb Meter vom Angeklagten entfernt und ohne jegliche Sicherheitsmaßnahme, stellt die Analysefähigkeit der Verantwortlichen jedenfalls in ein schlechtes Licht. Es war nicht gelungen, das Potential des Hasses eines antiislamischen Rassisten ernst zu nehmen. (PK)

 
1) Spiegel-online 24.10.2009 http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/0,1518,657102,00.html (vgl. http://www.spiegel.de/international/germany/0,1518,657405,00.html)
2) z.B. http://www.newstin.com/tag/us/152816243, was auf einen DW-World-Bericht zurück geht (http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4823773,00.html?maca=en-aa-pol-863-rdf).
3) http://www.knutmellenthin.de/artikel/archiv/deutsche-aussenpolitik/deutsche-terrorzelle-aus-dem-iran-gesteuert-anmerkungen-zur-produktion-eines-geruechts-17112007.html
4) http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sw&dig=2009%2F11%2F06%2Fa0008&cHash=2007bb28ba
5) Telefonat durch diverse Redaktionen am 5.11.2009.
 
 

Online-Flyer Nr. 222  vom 04.11.2009

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