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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Macht grüne Gesundheitsministerin a.D. nun Werbung für BAYER?
„Aspirin Sozialpreis“
Von Philipp Mimkes und Peter Kleinert

Bis zu vierzig Prozent ihres Umsatzes geben Pharma-Multis für Werbung aus. Am 8. September hat sich der Bayer-Konzern nun etwas ganz Besonderes einfallen lassen und die Stiftung eines mit 30.000 Euro dotierten “Aspirin Sozialpreis“ angekündigt, mit dem Sozialprojekte im Gesundheitsbereich ausgezeichnet werden sollen. Das Konzept für die Kampagne stammt von der Agentur Pleon, deren Bereich Health Care von der ehemaligen grünen Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (1998 bis 2001) geleitet wird. Pleon hatte im Vorjahr für Bayer auch schon eine Kampagne zum Thema Kinderarmut durchgeführt.

NRhZ-Archiv
 
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) kritisiert das sogenannte Social Marketing der Pharma-Industrie. Dieses diene lediglich dazu, Berichte über Nebenwirkungen und andere Probleme in den Hintergrund zu drängen. In einem Brief der CBG an Andrea Fischer heißt es: „Es geht uns nicht darum, das Engagement der beim Aspirin Sozialpreis teilnehmenden Organisationen in Frage zu stellen. Aber es ist wohl unstrittig, dass es der Bayer AG bei solchen aus der Portokasse finanzierten Kampagnen nicht um soziales Engagement, sondern ausschließlich um Werbung geht.“ Die von Pleon für Bayer organisierten Kampagnen seien nicht dazu angetan, die Bevölkerung zu informieren, sondern sollten ein positives Umfeld für Pharmaprodukte schaffen. „Wir können den Versuch des Konzerns, Aspirin als „Wunderpille“ zu vermarkten, nur verurteilen“, heißt es in dem Schreiben weiter. (Den Brief finden Sie am Ende dieses Artikels im Wortlaut.) 
 

Seit 2006 bei Pleon, vorher mit "BILD am
Sonntag"-Chefredakteur Claus Strunz eine 
Weile Moderatorin im “Grünen Salon“ auf
n-tv – grüne Ministerin a.D. Andrea Fischer
Quelle: http://www.pleon.de/presse/
Aspirin ist - so die CBG - ein hochwirksames Medikament, welches aber, anders als es die Werbung suggeriert, tief in den biochemischen Haushalt des Körpers eingreift und mit teilweise schweren Nebenwirkungen verbunden ist. In den USA sterben mehr Menschen an den Nebenwirkungen von Acetylsalicylsäure als an HIV. Das New England Journal of Medicine spricht von einer „geräuschlosen Epidemie“, da 75 Prozent aller Patienten, die regelmäßig Aspirin einnehmen, die Gefahren des Schmerzmittelgebrauchs gar nicht kennen.
 
Immer wieder müssen Aspirin-Kampagnen von den Behörden gestoppt werden. So wurde im Juni Aspirin-Werbung von der brasilianischen Gesundheitsbehörde ANVISA verboten, da diese zu einem unsachgemäßen Umgang mit dem Medikament verleite und die Risiken verharmlose. Von der US-Gesundheitsbehörde wurde Bayer wegen Werbung für Anwendungen von Aspirin, für die keine Zulassung existiert, bestraft.
 
Besondere Werbeanstrengungen unternimmt der Konzern auch im Bereich freiverkäuflicher Schmerzmittel, die im Gegensatz zu verschreibungspflichtigen Medikamenten offen beworben werden dürfen. Großer Aufwand ist zum Beispiel für den Klassiker Aspirin notwendig, da Generika-Hersteller denselben Wirkstoff für einen Bruchteil des Preises anbieten. Trotz der Billig-Konkurrenz gelingt es dem Konzern aber, jährlich 450 Mio. Euro allein mit Aspirin zu erlösen.
 
“Wundermittel“
 
Ziel der Aspirin-Werbung ist es, das Präparat als Allheilmittel zu positionieren, das man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nimmt. In einer Kampagne bezeichnete Bayer das Schmerzmittel sogar als “Wundermittel“ und schaltete die website www.WonderDrug.com. Unter den Tisch gekehrt werden dabei die mitunter schweren, oft sogar tödlichen Nebenwirkungen des Präparats. Das New England Journal of Medicine kritisiert das mangelnde Risikobewusstsein von Ärzten und Patienten und spricht von einer „geräuschlosen Epidemie“, da 75% aller Patienten, die regelmäßig Aspirin einnehmen, die Gefahren des Schmerzmittel-Gebrauchs nicht kennen. Für die meisten Anwendungen stünden zudem risikoärmere Behandlungsmethoden zur Verfügung.
 
Im Jahr 2000 beanstandete die amerikanische Behörde FTC eine Anzeigen-Serie für Aspirin, die den Eindruck erweckt hatte, dass gesunde Menschen durch eine regelmäßige Einnahme das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken könnten. Ein solcher Effekt ist jedoch nur bei Patienten mit Gefäßkrankheiten nachzuweisen. Zudem sollte Aspirin wegen möglicher Nebenwirkungen (insbesondere Magenblutungen) nur auf ärztlichen Rat hin regelmäßig eingenommen werden. Bayer musste eine Million US-Dollar in eine Aufklärungs-Kampagne investieren, mit der auf die Risiken des Schmerzmittels hingewiesen wurde.
 
Besonders gefährlich für Kinder
 
In Deutschland warb Bayer nicht nur für die Behandlung von Erkältungen mit Aspirin, sondern fälschlicherweise auch für deren Prophylaxe - so auf Plakatwänden und kostenlos verteilten Postkarten, auf denen sich ein junges Paar nackt im Schnee wälzt (s. Abbildung oben). Schlimmer noch ist die anhaltende Vermarktung von ASPIRIN JUNIOR in Lateinamerika, weil es bei Kindern mit Fiebererkrankungen das häufig tödlich verlaufende Reye-Syndrom auslösen kann. In Deutschland wurde ASPIRIN JUNIOR daher schon in den achtziger Jahren vom Markt genommen. In Lateinamerika hingegen werden Millionen Kinder gravierenden Gesundheitsrisiken ausgesetzt, denn dort ist es ein Umsatzrenner mit riesigem Werbeetat und Allheilmittel-Image. Von den gefährlichen Nebenwirkungen erfahren die VerbraucherInnen in der Regel nichts. Und das, obwohl es unbedenklichere Alternativen gibt.
 
Der Konzern betreibt, so die CBG, zahlreiche weitere unlautere Werbekampagnen im Pharmabereich. Bayer halte zum Beispiel auch aktuell an dem auf junge Frauen ausgerichteten Marketing für die Antibabypille Yasmin fest und verweigere Angaben zur Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen und Todesfällen - angeblich um „die Kundinnen nicht zu verunsichern“. Aktuelle Studien belegten, dass das Risiko schwerster Nebenwirkungen bei Yasmin fast doppelt so hoch sei wie bei älteren Präparaten. In den USA hatte Bayer kürzlich 20 Millionen Dollar Strafzahlungen für falsche Versprechungen in Yasmin-Spots zahlen müssen.
 
Enttäuscht über die Ex-Ministerin
 
Offenbar um diese Unannehmlichkeiten auszugleichen gehe Bayer jede Menge von Kooperationen mit Sozialverbänden, medizinischen Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen, etc. ein. Die Firma nutze diese Kooperationen in ihrer Außendarstellung, reale Veränderungen der Geschäftspolitik resultierten aus diesen Projekten jedoch nicht. Die CBG zeigt sich deshalb in ihrem Brief enttäuscht darüber, dass Frau Fischer, die sich als Ministerin für eine Begrenzung unlauterer Pharmawerbung einsetzte, nun an eben solchen Praktiken mitwirke:
 
Sehr geehrte Frau Fischer,
 
wir schreiben Ihnen anlässlich der heutigen Auslobung des Aspirin Sozialpreis durch die Bayer AG. Das Konzept für den Preis stammt von der Agentur Pleon. Auch die im Vorjahr von Bayer finanzierte Kampagne zu Kinderarmut wurde von Pleon organisiert. Als Leiterin des Bereichs Health Care bei Pleon waren Sie in die Planung beider Kampagne sicherlich mit eingebunden.
 
Es geht uns nicht darum, das Engagement der beim Aspirin Sozialpreis teilnehmenden Organisationen in Frage zu stellen. Aber es ist wohl unstrittig, dass es dem Unternehmen Bayer bei solchen aus der Portokasse finanzierten Kampagnen nicht um soziales Engagement geht, sondern um ein verbessertes Image, also letztlich um Werbung. Dies wurde von Pleon gegenüber Studenten einer Fotografie-Klasse, die ursprünglich für die Kinderarmuts-Kampagne gewonnen werden sollten, auch ehrlich formuliert: die geplante Zusammenarbeit sei „Teil einer Social Marketing Kampagne“, die die „Öffentlichkeitsarbeit der Firma Bayer unterstützen“ solle.
 
Bayer unternimmt seit Jahren große Werbeanstrengungen im Bereich der freiverkäuflichen Schmerzmittel. Aspirin ist unwidersprochen ein hochwirksames Medikament, welches aber, anders als es die Werbung suggeriert, tief in den biochemischen Haushalt des Körpers eingreift und mit teilweise schweren Nebenwirkungen verbunden ist - in den USA sterben mehr Menschen an Acetylsalicylsäure-Nebenwirkungen als an HIV. Das New England Journal of Medicine spricht von einer „geräuschlosen Epidemie“, da 75 Prozent aller Patienten, die regelmäßig Aspirin einnehmen, die Gefahren des Schmerzmittelgebrauchs nicht kennen. Für die meisten Anwendungen stünden risikoärmere Behandlungsmethoden zur Verfügung.
 
Die Werbekampagnen von Bayer verschweigen die hohen Risiken und ermuntern zu einer übermäßigen Einnahme von Aspirin. In den USA startete Bayer zum Beispiel die Kampagne Expect Wonders, zu der auch die website www.WonderDrug.com gehört. Immer wieder müssen solche Kampagnen von den Behörden gestoppt werden. So wurde im Juni Aspirin-Werbung von der brasilianischen Gesundheitsbehörde ANVISA verboten: die vom Bayer-Konzern initiierte Kampagne „Um mundo com menos dor“ („Eine Welt mit weniger Schmerz“) verleite zu einem unsachgemäßen Umgang mit dem Medikament und verharmlose die Risiken. Im vergangenen Herbst wurde Bayer von der US-Gesundheitsbehörde FDA wegen Werbung für zwei Aspirin-Kombinationspräparaten bestraft. Beide Mittel wurden für Anwendungen beworben, für die keine Zulassung existiert. Und in Deutschland warb Bayer vor einigen Jahren nicht nur für die Behandlung von Erkältungen mit Aspirin, sondern fälschlicherweise auch für deren Prophylaxe – so auf Plakatwänden und kostenlos verteilten Postkarten, auf denen sich ein junges Paar nackt im Schnee wälzt.
 
Es gibt keine „WonderDrugs“! Bayer gefährdet Patienten durch solche unlauteren Werbe-Aussagen. Wir können den Versuch des Konzerns, Aspirin als Wunderpille zu vermarkten, nur verurteilen.
 
Und wie sieht es mit der Ankündigung für den Aspirin Sozialpreis aus? Im Konzeptpapier von Pleon heißt es blumig: „Aspirin steht als traditionsreiches Medikament wie kaum eine andere Marke für das Thema Wirksamkeit einerseits und den Ausdruck verlässlicher, mitfühlender Fürsorge andererseits“, und weiter: „Um die gesellschaftliche Relevanz des Preises zu dokumentieren und Aufmerksamkeit sicherzustellen, wird ein hochrangiger Vertreter der Politik als Schirmherr des Aspirin-Sozialpreises angeworben“. Hinweise auf Nebenwirkungen von Aspirin fehlen, wie auch auf der zugehörigen website.
 
Natürlich ist die Kampagne für Aspirin nur ein Beispiel von vielen unlauteren Marketing-Anstrengungen des Bayer-Konzerns. Wir verweisen aktuell auf die erhöhten Nebenwirkungen des meistverkauften hormonalen Kontrazeptivums, Yasmin. Obwohl Studien belegen, dass das Thrombose-Risiko von Yasmin gegenüber älteren Präparaten fast verdoppelt ist, hält das Unternehmen an dem auf junge Frauen ausgerichteten Marketing fest und verweigert Angaben zur Häufigkeit von schweren Nebenwirkungen und Todesfällen - angeblich um „die Kundinnen nicht zu verunsichern“. Ausführliche Informationen zu Dutzenden weiterer Beispiele finden Sie unter www.CBGnetwork.org.
 
Das Unternehmen Bayer ging Dutzende von Kooperationen mit Sozialverbänden, medizinischen Fachgesellschaften, Selbsthilfegruppen, etc ein. Die Firma nutzt diese Kooperationen in ihrer Außendarstellung weidlich - auf ihrer homepage, dem Geschäftsbericht, zahllosen Werbebroschüren und nicht zuletzt der heutigen Pressemitteilung. Reale Veränderungen der Geschäftspolitik von Bayer resultieren aus diesen Projekten jedoch nicht.
 
Patienten brauchen zuverlässige und unabhängige Gesundheitsinformationen, die alle Behandlungsoptionen - auch die der Nicht-Behandlung - einschließen. Die Pharmaindustrie kann aufgrund ihrer kommerziellen Interessen keine unabhängigen Informationen liefern. Die von Pleon für Bayer organisierten Kampagnen sind nicht dazu angetan, die Bevölkerung zu informieren, sondern sollen ein positives Umfeld für die Produkte schaffen und Probleme in anderen Bereichen überdecken.
 
Kurz nach Beginn Ihrer Amtszeit als Bundesgesundheitsministerin wurden wir von Ihrem damaligen Staatssekretär zu einem Gespräch nach Bonn eingeladen. Darin haben wir uns auch über unlautere Marketingpraktiken der Pharma-Industrie unterhalten. Wir können nicht nachvollziehen, dass Sie heute an eben solchen Praktiken mitwirken.
 
In Erwartung Ihrer Stellungnahme verbleiben wir mit freundlichen Grüßen 
Philipp Mimkes
Hubert Ostendorf

In ihrer Antwort teilte die grüne Ministerin a.D. mit, sie arbeite inzwischen nicht mehr für Pleon, habe also mit der BAYER-Werbekampagne nichts zu tun. Sie sei jetzt "selbständige Beraterin". Auf der Webseite von Pleon wurde ihr “Ausscheiden“ bis Redaktionsschluß allerdings nicht gemeldet, ihr Porträtfoto nicht entfernt, das wir hier in den Bericht gestellt haben, und ihre Kontaktadresse weiter als http://217.113.33.141/Healthcare.1218.0.html angegeben. Außerdem heißt es da nach wie vor, Pleon freue sich, seit dem 1. Oktober 2006 „auf die Expertise der ehemaligen Bundesministerin für Gesundheit, Andrea Fischer, zurückgreifen (zu) können. Sie wird als Partnerin das Management im Münchner Büro verstärken und die Leitung der Healthcare Practice von Pleon übernehmen.“ Auch ihre Pleon-Telefonnummer und -Mailadresse sind dort nach wie vor vermerkt. - Zumindest die im Bericht erwähnte BAYER-Kampagne zu Kinderarmut, die Pleon im letzten Jahr konzipiert hat, hatte Frau Fischer als Leiterin von HealthCare zu verantworten. (PK)

Online-Flyer Nr. 215  vom 16.09.2009

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