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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Lokales
Glosse über eine Glosse: Die OB-Wahl in Köln
„Wahlnichtempfehlung“
Von Christian Heinrici

Wahlempfehlungen und Parteinahme verbieten sich ja in seriösen Medien fast von selbst – (siehe dazu bitte auch die „neusten Umfrageergebnisse“ der Neven DuMont-Presse). Und das ist aber auch nicht weiter schlimm – denn, wen sollte man anhand dieser Auslese an Kandidaten zum höchsten Amt in Stadt und Verwaltung auch guten Gewissens empfehlen?! Frittenbuden werden ja auch nicht im neuesten Gastronomieführer Guide Michelin aufgeführt, nicht einmal bei „Tag & Nacht“ der StadtRevue.

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Christian Heinricis Glosse
gesendet im Freien Lokalrundfunk Köln
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Und da ich, wenn es drauf ankommt, ohnehin nur selten meinen Mund halten kann, dachte ich: Sprich doch mal eine „Wahlnichtempfehlung“ aus, am besten gleich für alle! Also, wen haben wir denn da? Fangen wir mit den sogenannten aussichtsreichen Kandidaten zur OB-Wahl in Köln an:

Peter Kurth, den die CDU plötzlich aus dem Hut gezaubert hat: karrierebewusst, intelligent, redegewandt, schwul, attraktiv, also eigentlich für Männer und Frauen gleichsam wählbar – strategisch klug gedacht für Köln. Doch, wenn man sich ansieht, was der gute in der Vergangenheit schon alles in Berlin angerichtet hat: Grob zusammengefasst war er dort von der
Peter Kurth, Fritz Schramma Foto: NRhZ-Archiv
Kurth und Schramma: Ob bei diesem Hand-       
schlag noch eine Klinke dazwischen passt?
Foto: NRhZ-Archiv
Deutschen Bank direkt ins Berliner Finanzministerium gewechselt, war Aufsichtsrat der Berliner Landesbank und Finanzsenator, als der berühmte Berliner Bankenskandal das Städtchen an der Spree in die Millionenpleite stürzte. [1]

Erinnert Sie das an Köln? Klar, Kurth soll ja auch die Ablöse für den zukünftigen Ex-OB Schramma sein. Fast ein würdiger Nachfolger, oder?!


Fast gleich auf mit ihm ganz unten steht Jürgen Roters, den die SPD und die GRÜNEN als Kandidat aufgestellt haben. Den kennt man wenigstens, da weiß man, was man hat: Einen ehemaligen Polizeipräsidenten, der in der darauf folgenden Zeit als Regierungspräsident tatenlos dem schlimmsten Klüngel in der Stadt zugucken musste... Oder hätte er etwa spätestens seit dem wilden Geklüngel um die Messe und anderen Machenschaften des Oppenheim-Clans oder beim Bau der Nord-Süd-Bahn schon als Regierungspräsident „Verantwortung zeigen“ sollen, wie sein aktueller Werbespruch lautet?!

Jürgen Roters auf Anti-„Pro-Köln“ Kundgebung 2009 Foto: Christian Heinrici
Ganz „populus“: Roters mit roter Faust und
Krawatte | Foto: Christian Heinrici
Doch dazu hatte Roters gar nichts gesagt, wenigstens nie rechtzeitig. Apropos, wenn einer nicht reden kann, dann ist das sicher nicht weiter schlimm, doch manchen Politiker könnte es zusätzlich schmücken, dann eben auch besser nicht zu reden.

So, und über alle übrigen Kandidaten werde ich nun dasselbe tun: nicht reden! Von dem FDP-Dauerkandidaten Ralph Sterck angefangen bis hin zu einem vom äußersten rechten Rand auf die Stadt schielenden Markus Beisicht von „Pro Köln“ – politisch gesehen ist der nun wirklich auch nicht mehr erwähnenswert.


Und Sie? Was sollen Sie jetzt tun? Ist doch klar: Gehen Sie am besten wählen – oder auch nicht! Wenn Sie wählen gehen und auch noch einem dieser Kandidaten Ihre Stimme geben, entscheiden Sie sich für die Beständigkeit, und nur so können sich sicher sein... dass sich... nichts verändert... beunruhigend, oder?

Oder, wenn Sie unbedingt wollen, wählen Sie stattdessen doch etwas, auf das es wirklich ankommt: Wählen Sie, in welchen Supermarkt Sie gehen, oder zu welchem Tante Emma Laden um die Ecke, wählen Sie Ihren Stromanbieter oder Ihren Telefontarif, dann können Sie immerhin noch die Nummer eines Bekannten wählen, den Sie schon länger nicht angerufen haben.

Blöumen gießen Foto: 1954 Bundesarchiv Heinz Peter Junge
Ist zwar nett, doch nicht besonders revolu-     
tionär | Foto: Bundesarchiv, H. P. Junge
Jawohl, wählen Sie den Wechsel, einen wirklichen Wechsel, tun Sie sich mit anderen zusammen – ja, das ist im Zeitalter der Totalüberwachung fast schon konspirativ – und verändern Sie Ihre Umgebung, Ihren Arbeitsplatz, Ihre Arbeitsagentur, Ihre Schule, Ihre Uni, Ihr Haus und Ihr Stadtviertel. Und damit meine ich nicht, dass Sie etwa nur die Möbel im Büro umstellen oder die Blumen auf der Straße gießen sollen oder ähnliche harmlose Nettigkeiten, die niemanden stören!



Nein, seien Sie Demokrat, und lassen Sie sich nicht länger beherrschen! Seien Sie mutig: Wählen Sie die Freiheit in Solidarität mit anderen, wählen Sie ein selbstbestimmtes Leben, schaffen Sie Alternativen, und vor allem: Gehen Sie doch nicht wieder diesen Pappkameraden auf den Leim, die alle vier Jahre aufs neue von Wahlplakaten fast schon hämisch auf sie herabgrinsen.

Nehmen Sie ihr Leben selbst in die Hand, und lassen Sie sich nicht weiter vera... Sie wissen schon: in diesem Sinne. Sie können das nämlich besser!


Nachtragend:
[1] Der Kölner Wahlkampf tobt offensichtlich auch Internet: So war noch vor kurzem bei Wikipedia zu lesen: „Kurth war Mitglied in mehreren Aufsichtsräten von Teilbanken der Landesbank Berlin. In seiner Zeit als Staatssekretär vertrat er die Finanzsenatorin Fugmann-Heesing im Aufsichtsrat... der LBB. Vom 20. Januar 2000 bis zum 16. Juni 2001 war er vollwertiges Mitglied im LBB-Aufsichtsrat. Vom 17. Februar 2000 bis zum 16. Juni 2001 war er zudem Aufsichtsratsmitglied der Bankgesellschaft Berlin. Somit war Kurth während des Berliner Bankenskandals an herausragender Stelle für die Aufsicht der Bankgesellschaft Berlin verantwortlich. (Referenz: „Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 15/4900, S. 646“)
Wikipedia Selbstwerbung
Der Eintrag wurde unter der „Begründung“ „
Bewertende Äußerungen gehören nicht in eine Enzyklopädie“ gelöscht. Seitdem enthält die Seite nur noch ganz prosaisch Eckdaten aus dem Leben des Kandidaten.

Ebenso aufschlussreich ist ein Artikel bei Spiegel-Online aus dem Jahre 2001, in dem Kurth wiedergegeben wird, der die ungesicherten Risiken (rund vier Milliarden Euro) der Vorläufer Bank „Berlin Hyp“ beschönigend auf „die Situation auf dem ostdeutschen Immobilienmarkt nach der Wende“ zurückführte.

Ausführliches zum Berliner Bankenskandal: Lydia Krüger/ Benedict Ugarte Chacón: „Privatisierung nach Berliner Art“, in: „Blätter für deutsche und internationale Politik“ 9/2006, S. 1113-1120. oder auf wapedia.mobi

Das Startbild ist eine Collage von Christian Heinrici unter Verwendung eines eigenen und eines Fotos von Raimond Spekking

(CH)

Online-Flyer Nr. 211  vom 19.08.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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