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Aktueller Online-Flyer vom 27. August 2016  

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Inland
Antwort auf die Kritik des Zentralrats-Vize an Felicia Langers Ehrung:
„Ich als Jude schäme mich“
Von Abraham Melzer

Felicia Langer, der langjährigen Kritikerin der israelischen Vertreibungs- und Apartheidpolitik und alternativen Nobelpreisträgerin, deren Rede auf dem Kölner Antikriegstag 2006 die NRhZ veröffentlichte, wurde nun das Bundesverdienstkreuz verliehen. Diese Ehrung stieß auf scharfe Kritik u.a. von Dr. Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Wir dokumentieren einen offenen Brief von Abraham Melzer, Herausgeber der unabhängigen jüdischen Zeitschrift “Semit“, an Graumann.

Kritisiert Israels Politik seit Jahrzehnten – 
Felicia Langer
Foto: Arbeiterfotografie
Herr Dr. Dieter Graumann,
was Sie nachvollziehen können oder nicht verstehen wollen, ist absolut belanglos. Wer sind Sie schon im Vergleich zu Felicia Langer, die den „Alternativen Nobelpreis", den „Bruno-Kreisky-Preis" und jetzt das „Bundesverdienstkreuz 1. Klasse" für ihre Verdienste erhalten hat? Welche Verdienste können Sie vorzeigen, außer Beleidigungen und Diffamierungen einer Person, die sich ihr Leben lang für einen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt? Sie leben in Frankfurt, Berlin oder München und haben wahrscheinlich noch niemals eine arabische Stadt in den besetzten Gebieten oder gar in Israel selbst, besucht, besichtigt oder nur zufällig durchgefahren. Sie haben keine Ahnung, wie es dort zugeht, aber Sie haben eine Meinung, wie es dort zugehen sollte. Ihre Meinung ist aber so bedeutungslos, wie die gefärbten Haare von Frau Knobloch, ihrer Vorgesetzten, die ebenfalls noch nie einen Palästinenser in seiner natürlichen Lebensumgebung gesehen hat, dafür aber sehr genau weiß, dass er dort nicht hingehört, weil das Land jüdisch sei und ihre „geistige Heimat". Bedauerlich für Sie und für Frau Knobloch, dass Sie in einem Land leben müssen, das nicht ihre geistige Heimat ist, sondern, wie es Broders Brandstifter in seiner hämischen und wütenden Kritik an der Ordensverleihung an Felicia Langer genannt hat: „im Nachfolgestaat des Dritten Reiches".
 

Fordert Zweistaatenlösung – Uri Avnery
NRhZ-Archiv
Sie beteiligen sich an der Hetze und Jagd auf jüdische Dissidenten wie Uri Avnery oder Felicia Langer, die Sie eine „aggressive Hetzerin" gegen den jüdischen Staat, und eine bösartige Israel-Hasserin nennen. Während aber Uri Avnery schon vor Jahrzehnten eine Zweistaatenlösung forderte und Felicia Langer schon vor Jahrzehnten von Verbrechen israelischer Soldaten sprach, ist beides jetzt bei vielen Menschen angekommen, sogar bei Benjamin Netanjahu, dem Führer der Nationalfaschisten in Israel. Nur Sie und Ihr Verein scheinen geistig stehen geblieben zu sein, im primitivsten Stammtischhass, der auf Nichtwissen basiert. Wenn man aber in hundert Jahren die Namen Avnery und Langer noch kennen und ihre Bücher lesen wird, wird man längst vergessen haben wer Knobloch und Graumann waren, wie man heute nicht mehr weiß, wie der Gemeindevorsitzende in Amsterdam hieß, der Baruch Spinoza diffamierte und aus der Gemeinde hinaus warf. Sie haben Prof. Rolf Verleger aus dem Zentralrat hinausgeworfen, weil er zu Recht von Ethik und Moral sprach. Das war aber nicht ihre Ethik und nicht Ihre Moral. Das verstehe ich.
 
Heuchlerische Liebe zum Zionismus
 
Felicias Kritik an den unmenschlichen, ungerechten und rechtswidrigen Verhältnissen in Israel ist tausendfach wertvoller, als ihre heuchlerische Liebe zum Zionismus. Wenn Sie Zionist sind, dann gehen Sie doch nach Israel und erfüllen Sie sich und ihrer Familie diese Leidenschaft. Keiner hindert Sie heute daran. Zionist sein und in Deutschland leben und behaupten, dass das Land Israel den Juden gehört, wohl Ihnen (!), das ist perfide und unerträglich. Was Ralph Giordano, dieser selbstgerechte permanente schaltragender Besserwisser, gesagt oder geschrieben hat, ist genauso beschämend und perfide, wie manches, was er in letzter Zeit von sich gab und gibt. Seine islamophoben Ausrutscher in Zusammenhang mit dem Moscheebau in Köln haben sein wahres Gesicht gezeigt: Intolerant, überheblich und auf dem zionistischen Auge blind. Er kritisiert die Moral und Ethik der Palästinenser, dabei kann es zwischen Unterdrückten und Unterdrückern keine gemeinsame Moral geben, wie es auch zwischen Herren und Sklaven keine Gemeinsamkeiten geben kann, und ein Sklave jedes Recht für sich in Anspruch nehmen darf, um befreit zu werden. Die Strafaktion der Israelis gegen die wehrlose Zivilbevölkerung von Gaza wurde von Ihnen, Herr Dr. Graumann, gerechtfertigt und als Krieg gegen den Terrorismus bezeichnet. War vielleicht dieser Krieg der israelischen Armee selbst Terrorismus? Wäre es eine emotionale Übertreibung, wenn wir es so sehen würden, so emotional, wie die Worte jenes palästinensischen Diplomaten, der gesagt hatte, seine Landsleute seien heute die Juden der Juden? Und weil Felicia Langer das auch so gesehen hat und immer noch sieht, glauben Sie sich das Recht herausnehmen zu dürfen, sie zu diffamieren? Den Palästinensern wird von den Israelis genau das moralische Recht eines Volkes verwehrt, das sie für sich selbst in Anspruch nehmen und verteidigen. Felicia hat das schon ganz klar und deutlich gesehen und sich dagegen gewehrt, als Sie, Herr Graumann, noch bei jeder siegreichen Aktion der israelischen Armee einen Orgasmus bekamen.
 
Die Moral der Opfer und der Täter
 
Es ist aber nicht nur die Freiheit eines Volkes, die den Palästinensern verwehrt worden ist. Eine weitere Sache, auf die Felicia Langer immer wieder hingewiesen hat und ihren Finger in die offene Wunde des israelischen Volkes gelegt hat, ist Achtung und Selbstachtung. Es ist der § 1 unseres deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Für sich selber, Herr Graumann, nehmen Sie das gerne in Anspruch und genießen die Freiheit, in der wir hier leben, aber einem anderen Volk, den Palästinensern, wollen Sie es nicht gönnen. Als Opfer von Rassismus scheinen einige Juden von ihren Peinigern gelernt zu haben. Sie schweigen dazu, weil sie es nicht sehen oder weil sie es nicht sehen wollen. Die Selbstmordattentate verzweifelter und hoffnungsloser Palästinenser hat Felicia immer verurteilt, so auch ich und andere, aber wie soll sich ein Volk verteidigen, das keine Flugzeuge hat, die über Wohngebiete tonnenschwere Bomben abwerfen können? Noch mal zur Klarstellung: Die Moral der Opfer kann nicht dieselbe sein, wie die Moral der Täter. Und dass die Israelis Täter sind, hat selbst Henryk Broder, ihr Schützling, zugegeben.
 
Und nun bekommt Frau Langer das Bundesverdienstkreuz! Da staunen Sie und es verschlägt Ihnen die Sprache. Hätten Sie es vorher gewusst, dann hätten Sie sicherlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um es zu verhindern. Gott sei Dank haben Sie es aber nicht vorher gewusst, wir haben alle dicht gehalten. Für Sie ist es ein „Fatales Signal", für uns ist es aber ein Glücksfall, der unseren Kampf für ein gerechtes Israel salonfähig macht, auch wenn Sie und Frau Knobloch sich grau ärgern, Herr Graumann. 
 

Paul Spiegel-Preisverleihung für Sachsens
Polizeipräsident Bernd Merbitz: Zentralrats-
Präsidentin Charlotte Knobloch und Vize 
Dr. Dieter Graumann (v.l.)
Quelle: www.zentralratdjuden.de
Stellen Sie sich vor, der Bundespräsident hat für die Verleihung nicht die Genehmigung des Zentralrates eingeholt. Muss er nun dafür büßen? Ja, die berechtigte Kritik, die gerade in den letzten Tagen durch die Zeugenaussagen der Soldaten, die das Schweigen brechen, in allen seriösen deutschen Zeitungen von der taz bis zu FAZ erschienen ist, legitimiert jetzt Felicia Langers Kritik, auch wenn es Sie ärgert und frustriert. Und Ihre unverschämte und hilflose Kritik interessiert uns nicht die Bohne. Wenn sich dabei Ihre zionistischen Gefolgsleute wohlfühlen, sei es drum…
 
Ja, ich bin rasend vor Wut über Ihre unqualifizierte, infantile Kritik, wo Sie es auch noch wagen die Tatsache, dass die Landesregierung Felicia Langer „als massiv vom Holocaust betroffene" Person geschildert hat. Darüber sollten Sie vom Zentralrat eigentlich stolz sein, aber nein, Sie stehen hinter den primitiven Lausbuben, die Felicia eine „Bundesverdienstjüdin" nennen oder Dr. Hajo Meyer einen „Berufsüberlebenden". Lieber eine Bundesverdienstjüdin und lieber ein Berufsüberlebender, als ein Berufsjude wie Sie und Ihre Chefin, die große Weltpolitik machen will und sich damit nur lächerlich macht und alle von ihr vertretenen Juden mit. Da bin ich froh und dankbar, dass ich in Ihrem Club der Toten Hosen nicht Mitglied bin.
 

Abraham Melzer, Herausgeber der 
unabhängigen jüdischen Zeitschrift “Semit“, 
zusammen mit Felicia Langer auf dem Titelbild 
Wenn der Ehrenzionist auf Lebzeiten, Arno Lustiger, immer wieder in Verbindung mit Auschwitz gebracht wird, dann ist das für Sie wohl keine "Vermischung, die ausgesprochen unsensibel, unklug und unglücklich ist, um es noch sehr milde auszudrücken". Warum eigentlich? Nein, Herr Graumann, es wird keine neue Mode eingeleitet. Es werden nur die Maßstäbe zurechtgerückt. Sie selber sagen doch: Sachliche Kritik an konkreter israelischer Politik ist natürlich immer legitim - und ist immer am lautesten in Israel selbst zu hören.
 
Und wer könnte Israels Politik besser, sachlicher, kenntnisreicher und authentischer kritisieren als Felicia Langer, die über ein viertel Jahrhundert als Anwältin Opfer der israelischen Gewalt und Ungerechtigkeit vor israelischen Gerichten verteidigt hat? Wenn bei uns jemand sagen würde, dass Bertold Brecht, Erich Maria Remarque, Thomas Mann und andere „nützliche Idioten" der Alliierten bei der „Delegitimierung" von Nazi-Deutschland gewesen seien, dann würden wir ihn einen Neo-Nazi nennen und mit ihm nichts zu tun haben wollen. Dabei haben diese oben genannten deutschen Autoren und Intellektuellen tatsächlich für nichts weniger plädiert und gearbeitet als für das Ende des Dritten Reiches.
 
Felicia Langer und Uri Avnery, Ilan Pappe, Moshe Zuckermann und Avram Burg, der immerhin einmal Präsident der Jewish Agency war, kämpfen seit Jahren und Jahrzehnten, für eine andere Politik in ihrem eigenen Land und nicht für dessen Delegitimation und nicht für dessen Ende und schon gar nicht für die „politische Endlösung der Judenfrage", wie Ihre Schützlinge geschrieben haben. Felicia Langer liebt Israel, so wie ich und wie alle anderen oben Genannten, und wir leiden an seiner ideologischen Verblendung. Sie sitzen hier in Deutschland und wagen es, solche Leute zu kritisieren, die ihr Leben für dieses Land eingesetzt haben und im Falle Felicia Langer, ihre Gesundheit. Woher nehmen Sie diese „jüdische Chuzpeh"? Allein wegen dieser Beleidigung, nicht etwa von Felicia Langer, sondern wegen der Beleidigung aller anständigen und mutigen Menschen, sollten Sie sich schämen einen solchen perfiden Brief veröffentlicht zu haben. Und dann ausgerechnet bei dieser unsäglichen Mackartistischen Organisation „honestely concerened". Diesen Typen will ich noch nicht einmal nachts begegnen und Ihr Klübchen macht in der Person von Samuel Korn Diskussionsveranstaltungen. Ihr Verein sollte sich tatsächlich schämen.
Ich als Jude schäme mich, solche Vertreter zu haben, für die ich mich immer wieder entschuldigen muss, obwohl sie gar nicht meine Vertreter sind. (PK) 
 
Die neue “Semit“-Ausgabe, Heft 4, erscheint am 8.8.2009 und kann im Bahnhofsbuchhandel oder über www.dersemit.de bezogen werden.
Felicia Langers Rede auf dem Kölner Antikriegstag 2006 finden Sie unter http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=10109 

Online-Flyer Nr. 207  vom 22.07.2009

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