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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Filmclips
Für K.
Von Peter Kleinert



Keiner kannte ihn, doch seine Werke kannte in Aachen fast jeder. Seit 1978 war er nachts unterwegs. Fast hundert großformatige Bilder malte er auf Mauern und Wände. „Ich will an die Wand bringen, was mir Lust und Angst macht, und das Medium Wand benutzen als Rebellion gegen Unterdrückung..." Das sagte Klaus Paier uns in einem Film, nachdem er nach Köln umgezogen war, um hier seine nächtliche Wandmalerei fortzusetzen. Nun ist er - nach einem langen Krankenhausaufenthalt - an Leukämie gestorben.


Natürlich wurde dieses Bild in Aachen
weggeätzt | Historische Postkarte,
NRhZ-Archiv
Wir haben den Aachener Wandmaler während der Besetzung eines ehemaligen Klosters 1981 kennengelernt, das ein Spekulant in teure Eigentumswohnungen umbauen wollte. Dagegen wehrten sich Aachener Studenten und Linke mit Erfolg. Heute wohnen dort Studenten. Klaus Paier hatte die monatelange Besetzung durch Wandbilder unterstützt und die verrottete Klosterkapelle der “Ordensgemeinschaft der Armen Brüder des Heiligen Franziskus“ mit einem neuen, natürlich nicht unpolitischen Altarbild versehen, das uns half, einen Magazinbeitrag über die erfolgreichen Proteste in der WDR-Sendung “Gott und die Welt“ unterzubringen. Und natürlich arbeitete er auch in der Stadt weiter an heimlich gemalten Bildern, die auf Kriegsgefahr, Naturzerstörung, Unmenschlichkeit hinwiesen, und die die Stadtoberen in der Regel schnell wieder entfernen ließen.
 
Deshalb zog Klaus Paier schließlich nach Köln um. Hier wurde der ehemalige Physikstudent, der durch sein Studium die Gefährlichkeit auch der „friedlich genutzten Atomenergie“ kennen gelernt und zu einem Hauptthema seiner Wandbilder gemacht hatte, durch ein offiziell gemaltes Bild bekannt. In der Innenstadt, am Rande des heutigen DuMont-Centers, hatte ihm ein freundlicher Hausbesitzer 1984 eine ganze Hausfassade zur Verfügung gestellt. Über die Entstehung dieses Bildes, das er zusammen mit seinem schwulen Freund Josef auf einem Baugerüst malen konnte, und von den anderen, die früher, seit Ende der 70er in Aachen  entstanden waren, berichtete unser Fernsehfilm "Unsere Kunst mag keine Museen".
 

Gegen das Apartheidregime in Südafrika - Kölner Nord-Süd-Fahrt
KAOS- und NRhZ-Archiv
 
Noch bekannter als durch den WDR wurde Klaus Paier in Köln durch sein Bild “Südafrika brennt“ aus dem Jahr 1987. Er wollte ein Zeichen gegen das damals noch herrschende Apartheidregime in Südafrika setzen und hatte sich dafür eine Hauswand an der Nord-Süd-Fahrt ausgesucht. Den Dom in der Nähe, Tausende von Autos Tag und Nacht. Zunächst wollte er wie üblich nachts malen. Als er die Skizze zum Bild auf die Wand zeichnete, fühlte er sich beobachtet. „Da ist einfach zu viel los", sagte er mir. „Dann mal´ doch am Tag, und wir kommen mit dem Team dazu. Dann sieht das ganz offiziell aus", antwortete ich ihm, und es hat wunderbar geklappt: Es kamen zwei Polizisten vorbei, guckten interessiert zu. Es kamen drei, vier Herren vom Grünflächenamt, um die Bäume zu beschneiden. Nix! Doch dann kam ein Pfarrer. Der fragte mich, was wir hier machten. Ich: „Müssen Sie den Herrn da vorn fragen, ich filme hier nur..."

Es stellte sich heraus, dass die Wand der Gemeinde der Evangelischen Kreuzkirche gehörte. Der Pastor machte deutlich, dass eben diese als Eigentümerin nicht gefragt worden war. Klaus Paier vollendete das Bild. Der Pastor und hinzugekommene Gemeindemitglieder diskutierten kontrovers vor der Kamera. Schließlich luden sie den Wandmaler zur nächsten Gemeindeversammlung ein, denn das Thema Afrika stand seit langem auch im Blickpunkt der Gemeinde. Ergebnis: Das Bild durfte bleiben, und Klaus Paier bekam noch im selben Jahr den Aachener Kunstpreis - von der Stadt, deren Verantwortliche jahrelang seine Bilder übermalt oder weggeätzt hatten.
 
In der Kölnischen Rundschau schrieb Günther Engels: „...was illegal in rumorender Aufsässigkeit entstand, ist inzwischen als Kunst - als bedeutende Kunst - erkannt und anerkannt worden. Der Aachener Stadtrat hat beschlossen, die noch existierenden Wandbilder nicht mehr wegzusprühen...“ Und Monika Olbort berichtete in den Aachener Nachrichten: „Nachdem vor einiger Zeit die Aachener Neue Galerie-Sammlung Ludwig der Bedeutung der Malereien durch eine umfangreiche Dokumentation Rechnung getragen hatte, zeigt nun die Kölner KAOS Galerie die langjährige Entwicklung im Zusammenhang...“ (PK)
 
Autorin: Marianne Tralau, Künstler: Klaus Paier, Auftraggeber: KAOS-Galerie, Produktion: KAOS Film- und Video-Team Köln, Produktionsjahr: 1987, Länge: 15 min.
Kamera: Peter Kleinert, Schnitt: Marianne Tralau, Produktionsleitung: Peter Kleinert

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Online-Flyer Nr. 206  vom 24. Oktober 2017



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