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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Nachruf: Michael Jackson, der „King of Pop“, ist tot
Das Leben als grandiose Tragödie
Von Gerrit Wustmann

Michael Jackson, der „King of Pop“, starb vergangene Nacht im Alter von 50 Jahren in der Uniklinik von Los Angeles an Herzversagen. Sein Tod löste ein unvergleichliches Medienspektakel aus – ein letztes, das in seiner Ausprägung Spiegel eines Lebens ist, das alle Elemente der grandiosen Tragödie in sich vereint. Jackson ist trotz aller Skandale aus der Musikwelt nicht wegzudenken. Eine kritische Würdigung.

„They told me / A man should be faithful / And walk when not able / And fight till the end / But I’m only human“ – diese Verse von 1991 klingen im Nachhinein beinahe prophetisch, und letzten Endes fassen sie das Drama eines Lebens zusammen, dass in der vergangenen Nacht um 23:26 Uhr MEZ ein frühes Ende fand. Michael Jackson war wenige Stunden zuvor mit Herzstillstand in die Uniklinik von Los Angeles eingeliefert worden, Wiederbelebungsversuche scheiterten. Die genaue Todesursache wird wohl erst in einigen Tagen bis Wochen geklärt werden können. Jacksons Anwalt Brian Oxman geht von einer Überdosis verschiedener Medikamente aus und schreibt den behandelnden Ärzten des Hypochonders eine Mitschuld zu. Auch Stress oder Selbstmord können noch nicht ausgeschlossen werden. Das Ereignis löste seitdem ein Medienecho aus, das so überdimensional anmutet, wie das Leben des Musikers selbst.

Musikgeschichte
 
   
Jackson 1984
Quelle: Wikipedia
Wer seine Kindheit und Jugend in den 80ern und 90ern verbracht hat, der kam an Jackson ebenso wenig vorbei wie an Kurt Cobain, Axl Rose, Prince und einigen anderen. Der Mann hat Musikgeschichte geschrieben. Er hat den Moonwalk erschaffen. Die heutige Popwelt wäre ohne ihn undenkbar, zahlreiche Facetten des Musik- und Popbusiness fanden in ihm ihren Anfang, er war eine Ikone der MTV-Generation. Seine Musikvideos zu „Thriller“ (Regie John Landis) und „Smooth Criminal“ suchen bis heute Ihresgleichen, Songs wie „Billie Jean“, „Black Or White“, „Bad“ sind zeitlose Pop-Klassiker geworden. Durch die Zusammenarbeit mit Eddie van Halen und Slash gelangen ihm neben Pop- auch Rock-Hits, die keine ernstzunehmende Konkurrenz zu fürchten brauchten. Mit über 750 Millionen verkauften Platten war Jackson der erfolgreichste afro-amerikanische Musiker aller Zeiten. Das Ereignis seines Todes wurde heute oft mit dem Tod Elvis Presleys verglichen, mit dessen Tochter Jackson von 1994 bis 1996 verheiratet gewesen war. Auch die soziale und politische Ebene seines Schaffens war extravagant. Mit seiner Stiftung „Heal The World“ wollte er die Armen der Welt unterstützen, hinter die er sich in so vielen Songs wie „Earth Song“ oder „They Don’t Really Care About Us“ in so beeindruckender Weise gestellt hatte. In seinen Texten hatte er Machtmissbrauch, Gewalt und politische und wirtschaftliche Unterdrückung angeklagt und damit Millionen Zuhörer erreicht.
 
Skandale

All das wird überschattet bleiben von den zahlreichen Skandalen. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs wiegt schwer, auch wenn Jackson in dem spektakulären Prozess im Jahr 2005 in sämtlichen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Ein übler Nachgeschmack bleibt. Dieser Vorwurf ist ein anderes Kaliber als die in der Musikbranche üblichen Alkohol-, Drogen- und Gewaltexzesse. Der Prozess und das öffentliche Aufsehen haben seiner Karriere vor vier Jahren mehr oder weniger den Todesstoß versetzt. Dass Jackson die für Juli angesetzten Konzerte in der Londoner 02-Arena wirklich durchgezogen hätte, daran haben wenige wirklich geglaubt. Bei der Ankündigung der Shows im März dieses Jahres hatte Jackson bizarr gewirkt, gezeichnet von Krankheit und Depressionen. „Auf der Bühne fühle ich mich sicher“, hat er einmal gesagt. Ob es das oder die schiere Geldnot von 400 Millionen Dollar Schulden war, was ihn zu der Entscheidung getrieben hat, wird wohl nicht mehr geklärt werden können. Es ist aber auch nicht mehr wichtig.


Jacksons Stern auf dem Walk Of Fame in Hollywood
Quelle: Wikipedia


Jackson war offenbar seit langer Zeit schwer krank. Neben der Hautkrankheit Vitiligo, die das verblassen seiner Hautfarbe verursachte, kämpfte er Berichten zufolge mit Rücken- und Lungenproblemen, dazu kamen unzählige Nasenoperationen, deren Ursache offiziell auf einen Nasenbruch Ende der 70er zurückgeführt wurde. In dem Zusammenhang steht Jacksons Aussage, er wolle nicht länger seinem Vater ähneln, weshalb er sich mehreren plastischen OPs unterzogen hatte. Das gespannte Verhältnis zu seinem Vater hatte ihn offenbar sein Leben lang belastet. Einerseits verdankt er ihm und seinem Druck seine Karriere, die ihn bereits im Alter von vier Jahren auf die Bühne gehoben hatte, auf der anderen Seite habe er sich, wie er in einem Interview 2003 gesagt hatte, nichts mehr gewünscht als „ein ganz normaler Junge“ zu sein. Diesem Traum der verlorenen Kindheit ist er sein Leben lang hinterher gerannt, auch durch die Errichtung seiner „Neverland“-Ranch nahe Beverly Hills – einem überdimensionierten privaten Vergnügungspark.
 
Die letzte Frage

Der Mann, der sich selbst als schüchtern bezeichnete, liebte den großen, den extravaganten Auftritt. Die Hölle der anderen wurde für ihn zu jeder Form von Öffentlichkeit, aus der er sich am Ende fast völlig zurückzog. Sein Bruder Jermaine vermutet Medikamentenmissbrauch hinter seinem Tod. Er soll in großen Dosen Antidepressiva und Schmerzmittel zu sich genommen haben.
 

Jackson 2006 mit seiner           
Tochter in Disneyland
Quelle: Wikipedia
Michael Jackson ist keine Figur, die sich einfach fassen lässt. Für seine Fans ist er eine unsterbliche Legende, für andere ein Freak, der sich mutmaßlich an Kindern vergangen hat. Für wieder andere wird er die Lizenz zum Gelddrucken bleiben. Es ist zu erwarten, dass sein Tod kommerziell bis zum Erbrechen ausgeschlachtet werden wird. Das sind die    Schattenseiten einer Mediengesellschaft, die nicht mehr an einer kontroversen Figur, sondern nur noch am Event interessiert ist, im Multimediazeitalter so sehr wie nie zuvor. Was bleibt ist ein musikalisches Werk, das nicht mehr wegzudenken ist, dessen Einfluss nicht zu unterschätzen ist, und daneben die Erinnerung an einen Mann, der das Leben in all seinen tragischen und unangenehmen, ja abstoßenden Facetten in eine sensationsgierige Öffentlichkeit trug. Was bleibt ist die Frage, wer dieser Mensch war. Vielleicht gibt seine Musik eine Version der Antwort...

(GW)





Online-Flyer Nr. 203  vom 26.06.2009

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