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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
"Nationalstaat und Globalisierung" - das aktuelle Buch zur Krise (5)
Nixons Währungsputsch
Von Jürgen Elsässer

„Jetzt ist die Zeit für ökonomische Patrioten", sagte Leo Gerard, Chef der US-Stahlarbeitergewerkschaft, im Februar 2009. Dieses Zitat wählte Jürgen Elsässer als Leitmotiv für das Schlusskapitel seines neuen Buches "Nationalstaat und Globalisierung", das für jedermann verständlich die Ursachen der heutigen Finanz- und Wirtschaftskrise analysiert. Im offenen Widerspruch zum Zeitgeist, aber auch zu Teilen der Linken, weist er nach, dass Nationalstaaten keineswegs überlebt sind. Gerade in so kritischen Situationen könnten sie flexibel agieren und reagieren – ganz im Gegensatz zu den überbürokratisierten und nationales Recht einschränkenden supranationalen Gebilden. Wir veröffentlichen dieses hochaktuelle Buch in Fortsetzungen. - Die Redaktion

US-Präsident Richard Nixon - Nacht-und-Nebel-Aktion
Quelle: http://stubbornfacts.us/
 
Der Krieg in Vietnam, von Kennedy abgelehnt, wurde unter seinen Nachfolgern massiv ausgeweitet und ruinierte die US-Wirtschaft. Der Staat verschuldete sich immer mehr, so daß die in Bretton Woods eingegangene Verpflichtung zum jederzeitigen Umtausch des Greenback in Gold immer offensichtlicher zur Farce wurde. Anfang August 1971 beliefen sich die kurzfristigen Verbindlichkeiten der USA gegenüber ausländischen Gläubigern auf ungefähr 60 Milliarden US-Dollar – aber in Fort Knox gab es nur noch Gold im Gegenwert von 9,7 Milliarden US-Dollar. In dieser Situation zog US-Präsident Richard Nixon die Notbremse und hob am 15. August 1971 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne Rücksprache mit den Verbündeten die Goldkonvertibilität der US-Währung auf. Damit war der Stützpfeiler der Nachkriegs-Wirtschaftsordnung weggesprengt.
 
Die folgende Entwertung des Greenback reduzierte zwar die Außenstände der USA, untergrub aber seine Stellung als Weltgeld. Erst der israelisch-arabische Jom-Kippur-Krieg 1973 und der folgende Öl-Boykott der OPEC stabilisierte den Hegemon wieder: Der um 400 Prozent steigende Ölpreis belastete zwar weltweit die Industriestaaten, nützte aber den »sieben Schwestern« des anglo-amerikanischen Öl-Business, die die OPEC-Exporte vermarkteten. Vor allem: Die durch radikale Kämpfer bedrohten Scheichtümer am Golf, allen voran Saudi-Arabien, schlossen sich enger um die USA zusammen und pumpten ihre Petrodollar in die Banken von New York und London. Weiterhin garantierten sie, ihre Ölexporte nur in Dollar zu fakturieren. Dies zwingt alle anderen Staaten bis heute zum Umtausch ihrer Währungen in Dollar, um Energielieferungen einzukaufen.
 

Jom-Kippur-Krieg als Katalysator des 
Ölpreis-Schocks? - Henry Kissinger
Quelle: www.filmforum.org/
Wurde der Jom-Kippur-Krieg, der mit einem Angriff Ägyptens und Syriens begann, vom damaligen US-Außenminister Henry Kissinger provoziert, indem er beiden Seiten anstachelnde Informationen zuspielte? War auf einer Sitzung der elitären Bilderberg Konferenz im Mai 1973, an der er teilnahm, nicht nur der außergewöhnliche Ölpreis-Anstieg gefordert, sondern auch der Krieg als Katalysator dieses Schocks ins Auge gefaßt worden? Dies behauptet der deutsch-amerikanische Ökonom William Engdahl in seinem Buch „Mit der Ölwaffe zur Weltmacht“, das vom damaligen saudischen Energieminister Zaki Jamani als »einzige zutreffende Darstellung« der Ereignisse von 1973 gelobt wird. Zu viel Verschwörungstheorie? Fakt ist immerhin, daß Kissinger und seine Finanzfreunde den Jom-Kippur-Krieg gut zu nutzen wußten.
 
Die im Zuge der Ölkrise explodierenden Eurodollar-Guthaben wurden an notleidende Staaten verliehen. Deren Bedarf an Devisen wuchs mit dem Preis, den sie für Ölimporte zu bezahlen hatten. Zwischen 1973 und 1982 stieg das über den Finanzplatz London vermittelte Kreditvolumen in jährlichen Sprüngen von über 20 Prozent, das war mehr als das Fünffache der Zuwachsraten in der globalen Realwirtschaft. Allein die Auslandsschulden wichtiger lateinamerikanischer Staaten erhöhten sich von 125 Milliarden US-Dollar im Jahr 1972 auf 800 Milliarden US-Dollar im Jahr 1982.
 
Im Oktober 1979 erhöhten die USA die Leitzinsen, in der Folge stiegen die Zinsen für Eurodollar-Ausleihungen am Finanzplatz London von sieben auf unglaubliche 20 Prozent im Frühjahr 1980. Die Kreditnehmer saßen in der Falle: Das Obligo aller Entwicklungsländer explodierte, so eine Aufstellung des Schweizer Versicherungsriesen Swiss Re, von 839 Milliarden US-Dollar im Jahre 1982 auf 1.300 Milliarden US-Dollar im Jahre 1987.
 
Staaten wie Mexiko und Argentinien erklärten sich für zahlungsunfähig. Ungarn, Polen und Jugoslawien wurden vom Internationalen Währungsfonds zwar umgeschuldet – aber zu ruinösen Bedingungen: scharfe Ausgabenkürzungen, strenge Austeritätspolitik, Importkontrollen. Dies zerstörte den inneren Zusammenhalt der betroffenen Staaten: In Jugoslawien drängten die reicheren Republiken Kroatien und Slowenien aus dem Föderationsverbund. In Polen und Ungarn verloren die prosowjetischen Regierungen in den achtziger Jahren Zug um Zug ihre Machtstellung, da die UdSSR mit ihren durchaus vorhandenen Reserven nicht zu Hilfe kommen konnte: Für den Krieg in Afghanistan, 1979 durch CIA-unterstützte Gotteskrieger begonnen, brauchte der Kreml jeden Rubel selbst – da stand für die Bruderstaaten nichts mehr zur Verfügung.
 
Die großen Profiteure dieser Entwicklung waren die US-amerikanischen und britischen Banken. Zwar mußten sie einen Teil der Schulden als uneinbringbar abschreiben. Doch aufgrund der hohen Zinszahlungen floß trotzdem viel mehr Geld an die Gläubiger zurück, als sie ausgeliehen hatten: Laut Weltbank zahlten 109 Schuldnerstaaten zwischen 1980 und 1986 insgesamt 658 Milliarden US-Dollar an die Kreditgeber an Tilgung und Zinsen – die ursprüngliche Kreditsumme hatte nur 430 Milliarden US-Dollar betragen. Mit diesen gewaltigen Profiten kauften die Banken US-Staatsanleihen und finanzierten so die wachsenden Budget- und Außenhandelsdefizite der Supermacht, deren Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten immer mehr abnahm.
 
Ein weiterer Geldstrom in die USA waren Fluchtgelder, die aus den zusammenbrechenden Volkswirtschaften hereinströmten: Einheimische Millionäre, die vor Krisenbeginn ihr Geld in mexikanischen Pesos oder in jugoslawischen Dinar gehalten hatten, tauschten in Panik in Dollar um und legten ihre Guthaben in den USA an. Dieser Mechanismus ließ sich auch beim Zusammenbruch der Sowjetunion (1991), der Krise des britischen Pfundes (1993), der erneuten Mexiko-Krise (1995), dem Währungszerfall in den ostasiatischen Tiger-Staaten (1998) und dem Einbruch des Rubel (ebenfalls 1998) beobachten: Immer kamen diese katastrophischen Entwicklungen dem US-Dollar zugute, der als wichtigste Fluchtwährung fungierte. So blieb der Kurs des Greenback in den neunziger Jahren im großen und ganzen stabil, obwohl das Handelsdefizit und die Verschuldung der USA exponentiell wuchsen. (PK) 
 
In der nächsten NRhZ-Ausgabe folgt Teil 6 “Thatcher und Greenspan“ 
 
Jürgen Elsässer, geboren 1957 in Pforzheim, ist Journalist und Autor zahlreicher Bücher über die Außenpolitik Deutschlands und die Geheimdienste (siehe NRhZ 174 bis 177). Seine Bücher wurden teilweise in sechs Sprachen übersetzt. Als Redakteur und Autor arbeitete er u.a. für die Tageszeitung junge Welt, das Monatsmagazin konkret, die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, das Kursbuch, die Tageszeitung Neues Deutschland, die Islamische Zeitung, das Online-Magazin Telepolis und die Wochenzeitungen Zeit-Fragen und Freitag. Im Januar 2009 rief er zur Gründung der “Volksinitiative gegen das Finanzkapital“ auf (siehe http://www.volks-initiative.info/). Ab Ende Juni 
erscheint die erste Ausgabe von COMPACT, einer monatlichen Booklet-Reihe, die er herausgibt. COMPACT kann einzeln oder im Abonnement bestellt werden. Bestellungen an: home@kai-homilius-verlag.de
info@juergen-elsaesser.de.



Online-Flyer Nr. 204  vom 01.07.2009

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