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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Pappnasen - Folge 3
Der Bürgermeister
Von Charlie Schulze

Neben der Sorte Pappnasen, die uns einfach nur in der Sonne herumstehen und uns mit ihren Schaumschlägereien und Selbstbeweihräucherungen letztlich eindimensional ärgern und anöden, gibt es auch solche, die auf den ersten Blick nicht mehr als dumpfe Gestalten sind, auf den zweiten auch, die aber andererseits bei näherer Betrachtung ungeahnten Unterhaltungswert bieten und die man, hat man sie einmal fokussiert, eigentlich gar nicht mehr missen möchte. Zu diesen zählt der langjährige Kölner CDU-Bürgermeister Josef "Jupp" Müller.

Ahnungslos - aber immer strahlendEin Dosenkopf und Blödmann, sicher, aber eben einer reinsten Wassers, einer, der sich, wennschon Berufslügner, offensichtlich selber glaubt. Zwischen den Schleimsäcken, Herrenmenschen und Baulöwen, die sonst seine Ratsfraktion dominieren, ragt er heraus als fast Glaubwürdiger, der Volksnähe zumindest simulieren kann, und dem man betrügerische Schlaumeiereien einfach nicht zutraut. Vielleicht gilt er in seiner Partei deshalb als "Integrationsfigur": Mit keiner Reputation als der, schon lange dabei zu sein, der kölschen Konversation mächtig und weltbildlich irgendwo in den frühen Fünfzigern des letzten Jahrhunderts angesiedelt, schimmert der Bürgermeister beinahe unwirklich, ist auf anderen Posten nicht zu gebrauchen und deshalb auch schon wieder als gelungene Besetzung anzuerkennen. Wo seine Parteifreunde schon lang keine Politik, sondern nur noch Geschäfte machen, vertritt er, so gut er kann, seine kleinbürgerlichen Wahnvorstellungen und gerät darüber immer wieder unfreiwillig zur Karikatur.

Schon sein Äußeres taugt zur Comicfigur bzw. in seinem Fall wohl eher zur Vorlage eines Hännesschen-Charakters: das tadellos liegende Silberhaar, der schon etwas verschwimmende Quadratschädel, die großen Augen: irgendwo zwischen Nußknacker und Boxerwelpen, unverwüstlich, tollpatschig, treuherzig, aber an seinen Maßanzügen und hellen Mänteln als "Herr" kenntlich, während die betont steife Körperhaltung wieder eher den Bauern verrät, der es in der Stadt zu etwas gebracht hat. Im Kasperltheater wird so einer vom kleinen Bürger ausgespielt, im Leben ist er dessen Repräsentant.

Am schönsten kommt er zur Geltung, wenn er sich auf Veranstaltungen befindet, auf denen er völlig deplaziert wirkt und von deren Inhalten er noch nie gehört hat, gleichwohl als Stellvertreter des Oberbürgermeisters anwesend sein und bestenfalls ein paar Worte sprechen muss. Was da herauskommt, sind Blüten entgeisternder Ahnungslosigkeit.

Jupp Müller - Kölns RepräsentantSo geschehen 2001 auf einer Pressekonferenz zum Thema "Gewalt gegen Frauen". Die Anwesenden waren in der Mehrzahl weiblichen Geschlechts und feministisch vorgebildet. Jupp Müller saß als einer der Schirmherren dabei, ohne zu wissen, wo genau er sich befand, aber irgendwann bekam er irgendwas mit und beschloss, sich zu beteiligen - mit einer kritischen Anmerkung:

Ob es denn nicht auch in der Verantwortung der Frauen läge, wenn solche schrecklichen Dinge wie Vergewaltigung vorkämen? Denn: "Manche Frauen" könnten es nicht lassen, sich in "kurzen Röcken" auf die Straße zu wagen (wie erinnerlich sagte er auch noch "nachts", nein, es ist nicht seine Art, Klischees auszulassen). In der folgenden Szene teilten sich die anderen Anwesenden in eine aktive Gruppe, die ihn verbal zerfleischte oder wahlweise wütende Notizen machte, eine passive Zuhörerschaft, die sich stellvertretend wand vor Scham, und eine einzelne Person, die in dieser Stunde zum Fan wurde. Dem Bürgermeister indes wurde bewusst, dass es nicht gut lief, und stammelnd trat er den Rückzug an.

Ein Naiver, der es einfach nicht besser, weil nämlich überhaupt nichts weiß. Aber er reißt eben gerne das Maul auf. In seiner Freizeit, erzählt er jedem, singt er im Männerchor. Wo er sich aber in über Kölschtrinken mit seinesgleichen hinausgehenden Zusammenhängen versucht, landet er gradlinig im Fettnapf.

Zur Hartz IV-Debatte trug er sein Scherflein bei dergestalt, dass er "forderte", Langzeit-Arbeitslose als zwangsweise Freiwillige u.a. bei der Stadtreinigung einzusetzen. Die sofort einsetzende Debatte ergab wenig Lob für die Idee. Eher war von "Arbeitslager" und "1-Euro-Sklaven" die Rede, Jupp Müller wurde böse angefeindet, gar mit dem allzeit griffbereiten Etikett "Nazi" versehen...

In der Hitze vergaßen die Debattierenden hüben wie drüben, dass diese "Forderung", ins mediale Nichts gesprochen, bei Nichtbeachtung auch dort verpufft wäre - er hätte genau so gut "fordern" können, man möge den in einem China-Imbiss in Berlin umgefallenen Reissack wieder aufrichten. Ist ihm selber noch bewusst, dass der Kölner Stadtrat keine Bundespolitik macht? Man darf daran zweifeln, aber in Wirklichkeit ist es vermutlich viel banaler: Er wollte einfach nur seinen Senf dazugeben. Meinte womöglich tatsächlich, eine gute Idee gehabt zu haben.

Immer dabei - Grundsteinlegung Herder-Gymnasium
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Vergleichbare Katastrophen ereignen sich auch, wenn er etwas Nettes sagen will. Wie 2004 anlässlich einer Veranstaltung in einem sonst eher vernachlässigten Kölner Außenbezirk, bei der für die Stärkung der sozialen Strukturen vor Ort geworben wurde: Müller, wie gewohnt im feinsten Zwirn und von nichts getrieben als seinem Terminkalender, ließ einmal den Blick schweifen über die heruntergekommenen Wohnsilos, den allenthalben bröckelnden Putz, die leeren Blumenkübel, die zersprungenen Bodenplatten, das um die einzige Bank drapierte Alkoholiker-Grüppchen, den notdürftig instand gesetzten Sportplatz, auf dem sich die nächste Generation Sozialhilfeempfänger tummelte, umfasste die Ghetto-Szenerie mit einer Armbewegung und wandte sich vor versammelter Presse mit einem herzlichen: "Schön habt ihr´s hier!" seinem Gesprächspartner zu.

Seine Paraderolle und nicht zu toppendes Highlight seiner Karriere aber wird jener Abend im Februar 2003 bleiben, als während des Karnevals-Spektakels "Lachende Kölnarena" eine Bombendrohung einging. Die für die Evakuierung der Halle Verantwortlichen hatten die geniale Idee, diese angesichts der Stimmung in Form einer Polonaise durchzuführen, und unserem Bürgermeister Jupp Müller fiel die Rolle zu, sie anzuführen. - Er habe in vollem Bewusstsein des Ernstes der Lage und "entschlossen" gehandelt, hieß es später. 8000 Menschen folgten ihm in der Annahme, dies sei ein Teil des Programms, aus der Kölnarena ins Freie.

Auch wenn dann keine Bombe gefunden wurde, der EXPRESS verdächtig gute Bilder von der Evakuierung hatte und außer dieser wunderbaren Geschichte eigentlich nichts Genaues bekannt wurde: sie ist in der Tat zu schön, um eine reine Werbelüge zu sein, und sie hat, wie auch des Bürgermeisters Rolle darin, eine weitere Dimension:

Am nächsten Tag sah man Jupp Müller auf der Titelseite des EXPRESS prangen, unverhofft zum Helden geworden und auch zur kölsch-konservativen Kultfigur fröhlicher Verblödung, die - et hätt noch immer joot jejange - erfahrungsgemäß mit allem durchkommt; selbst der viel beschworenen "Bedrohung durch Terror" mit einer entschlossenen Polonaise begegnend, strahlend, pappbenast, Konfetti im Haar, eine Stange Kölsch in der Hand und ein Lied von Willi Ostermann auf den Lippen.

Fotos: Stadt Köln/meaning media


Online-Flyer Nr. 35  vom 14.03.2006

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