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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Ureinwohner Perus demonstrieren für die Rettung ihres Regenwaldes
Regierung antwortet mit Massaker
Von Peter Kleinert und Harald Neuber

Bei schweren Auseinandersetzungen anlässlich der gewaltsamen Auflösung einer zunächst friedlichen Straßenblockade von Indios am Freitag in der Provinz Amazonas im Norden Perus sind bis Sonntag 53 Menschen getötet und 179, darunter 155 Indios und 24 Polizisten, verletzt worden. 30.000 Ureinwohner blockieren seit April die Zufahrstrassen zu ihren Territorien im Amazonasgebiet. Sie protestieren gegen die Politik der Regierung, den Regenwald zur Förderung von Bodenschätzen zugunsten ausländischer Konzerne und Investoren zu zerstören. In dieser Haltung wurden sie auch von den 5.000 Delegierten des "4. Gipfeltreffens der indigenen Völker Lateinamerikas", die sich eine Woche zuvor in Peru getroffen hatten, unterstützt.

Alberto Pizango – klagt Völkermord an
Quelle: www.telesurtv.net
Die nahe dem Ort Bagua demonstrierenden Indigenen sollen sogar von Hubschraubern aus beschossen worden sein. Neben den Toten sind etwa 100 Verletzte zu beklagen, darunter vier Kinder. Die sozialdemokratische Regierung von Präsident Alan Garcia hatte wegen des seit April anhaltenden Widerstands der Ureinwohner gegen Erdölförderung, Mineralienabbau und Regenwaldzerstörung den nördlichen Teil des Andenstaates am 9. Mai für 60 Tage in den Ausnahmezustand versetzt und die Grund- und Bürgerrechte in einigen Landesteilen suspendiert. Militär- und Sondereinheiten der Polizei wurden entsandt, um die friedlichen Proteste zu unterdrücken und die Interessen der großen Unternehmen zu schützen. Dabei kam es zu mehreren gewaltsamen Übergriffen gegen die Indios Demonstranten. Das Massaker anlässlich der Straßenblockade nahe Bagua war der Höhepunkt des Konflikts. Im lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur sagte der Vorsitzende des Indigenen-Dachverbandes AIDESEP, Alberto Pizango: „Wir haben 45 Tage friedlich demonstriert. Eine solche Reaktion haben wir nicht erwartet, vor allem keine Luftangriffe." Die Regierung habe sogar Kriegswaffen gegen die Ureinwohner eingesetzt, erklärte der Anführer der Proteste. „Deswegen klagen wir die Ereignisse von Freitag als Völkermord an". Alberto Pizango wurde nach seinem Auftritt bei TeleSur wie andere führende Köpfe der Indio-Bewegung zur Festnahme ausgeschrieben. Er hat in der Botschaft Nicaraguas in der Hauptstadt Lima Zuflucht gesucht.
 
Freihandelsabkommen mit den USA
 
Hintergrund der Proteste der Ureinwohner sind Gesetze, die die neoliberale Regierung Perus im Zusammenhang mit dem geplanten Freihandelsabkommen mit den USA verabschiedet hat. Diese ermöglichen vor allem ausländischen Öl- und Bergbaukonzernen sowie Investoren den Zugriff auf die Ressourcen des südamerikanischen Landes. Die Indiogemeinschaften beklagen, dass bereits jetzt rund 70 Prozent des peruanischen Amazonasgebiets für die Öl- und Gas-Exploration konzessioniert sind, die Holzindustrie die letzten intakten Regenwaldgebiete plündert und andere Firmen den Urwald für Palmölplantagen zur Produktion von “Biodiesel“ roden. 
 
„Diese Aktivitäten gefährden das Leben der Menschen und die Artenvielfalt des Amazonasgebiets“, heißt es dazu in einer Mitteilung des Umweltvereins “Rettet den Regenwald“ in Berlin. „Es ist wichtig zu erkennen, dass unser exzessiver Konsum in den reichen und Schwellenländern die Wurzel dieser für die Ureinwohner und den Regenwald tödlichen Konflikte ist“, erklärte der Vereinsvorsitzende Reinhard Behrend am Samstag. „Wir bitten die Menschen, keine Hölzer aus industriellem Holzeinschlag zu nutzen, kein Erdöl und keine Mineralien aus Regenwaldgebieten einzusetzen und bei den peruanischen Botschaften in aller Welt gegen die sinnlose Gewalt zu protestieren."
 
"Die grüne Lunge der Erde“
 
„Wir fordern die peruanische Regierung auf, diese Konflikte friedlich auf dem Verhandlungsweg zu lösen“, so Klaus Schenck, Waldcampaigner und Lateinamerikaexperte von “Rettet den Regenwald“. „Die anerkannten Rechte der Indigenen müssen eingehalten, ihre angestammten Territorien und der Regenwald müssen geschützt werden. Sie dürfen nicht den Motorsägen, Baggern und Bohrtürmen der Industriefirmen zum Opfer fallen. Der Amazonasregenwald ist ein unersetzlicher Schatz der gesamten Menschheit und die grüne Lunge der Erde.“

Auch den Teilnehmern des internationalen Indigenen-Gipfeltreffens in Peru war es vor allem darum gegangen, die Interessen der eingeborenen Volksgruppen gegen internationale Konzerne zu verteidigen. Ihre Organisationen waren sich dabei ihres wachsenden politischen Einflusses durchaus bewusst. Ohne die Unterstützung der indigenen Bewegungen gäbe es heute die linksgerichteten Regierungen in Bolivien und Ecuador nicht, und auch in Venezuela, Brasilien und Chile haben die Nachkommen der Ureinwohner inzwischen erheblichen Einfluss auf die Regierungen. Laut Abschlusserklärung des Kongresses wollen die indigenen Organisationen und Bewegungen dieses politische Gewicht weiter ausbauen. Die gemeinsamen Interessen sollen „über die internationale Vereinigung" stärker als in der Vergangenheit verteidigt werden.

Die deutsche Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die deutschen Liberalen unterstützen dagegen die Staatsführung in Peru. Zwei Tage vor der Ausrufung des Ausnahmezustandes im Nordosten Perus hatte der FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Toncar bei einer Debatte im Bundestag erklärt, Garcia versuche, die Lage in Peru „pragmatisch zu verbessern". (PK)

Weitere Informationen: http://amerika21.de/nachrichten/inhalt/2009/jun/massaker-825464-peru/ 

Online-Flyer Nr. 201  vom 10.06.2009

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