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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Schweizer Studie zur elektro­magnetischen Strahlungsbelastung
Verharmlosende Mitteilung an die Medien
Von Peter Schlegel

Eine neue Schweizer Studie zeigt: Mobilfunkantennen, Handys und Schnurlostelefone verursachen unsere Haupt-Strahlungsbelastung. Aber statt davor zu warnen und vorsorgliches Handeln zu fordern, wiederholen die Autoren der Studie einmal mehr das Dogma „Schädlichkeit nicht bewiesen“.

Immer mehr getarnte Handymasten, weil der Widerstand wächst – hier ein “Baum“ 
Quelle: www.buergerwelle-schweiz.org
 
Die Studie der Universitäten Bern und Basel bestätigt jetzt wissenschaftlich, was in Europa zahllose Betroffene aus eigener Erfahrung längst wissen: Die Verursacher der hauptsächlichen Belastung der Bevölkerung mit Funkstrahlung sind zu drei etwa gleichen Teilen die Mobilfunkantennen, die Handys und die Schnurlostelefone. Daneben gewinnt WLAN einen immer grösseren Anteil. Die Belastung durch Radio- und TV-Strahlung war in der Studie untergeordnet, kann aber bei Wohnsitz in der Nähe eines Sendeturms erheblich werden. In den Eisenbahnzügen ist die Belastung mit Mobilfunkstrahlung durchschnittlich am grössten.
 
WLAN-Strahlung wird unterschätzt

Die Studie wurde innerhalb des Nationalen Forschungsprogramms NFP 57 „Nichtionisierende Strahlung – Umwelt und Gesundheit“ durchgeführt. Gemessen wurde die Strahlung mit einem sogenannten Exposimeter. Jeder der 166 Studienteilnehmer musste ein solches Messgerät eine Woche lang mitführen. Allerdings erfasst der eingesetzte Exposimeter-Typ nicht die Spitzenwerte, sondern bloss die Mittelwerte der Strahlung. Für die spontanen Symptome der elektrosensiblen Menschen sowie für die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung sind aber die Spitzenwerte massgebend. Wegen dieses Mangels unterschätzt die Studie vor allem den Anteil der WLAN-Strahlung, weil da Mittelwert und Spitzenwert am weitesten auseinanderliegen.
 
Dazu kommt, dass die Aggressivität der Strahlung für den Organismus von der Art und Frequenz einer Pulsung (oder Taktung) der Strahlung abhängt. Vor allem die mit 10 Hertz getaktete WLAN-Standby-Strahlung wird von den immer zahlreicheren Menschen, die elektromagnetische Strahlung nicht vertragen, als extrem aggressiv empfunden. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Frequenz der im EEG gemessenen Alpha-Gehirnwellen 8-12 Hertz beträgt. Die WLAN-Strahlung greift demnach direkt in die Tätigkeit des Zentralnervensystems ein. Auch die breitbandigen Funksignale des UMTS-Mobilfunks und der digitalen Fernsehstrahlung DVB haben sich in der Praxis als besonders unverträglich erwiesen. Der neue, in Vorbereitung befindliche LTE-Breitbandfunk lässt daher nichts Gutes erwarten.
 
Verantwortungslose Aussagen und …
 
Mangels entsprechender Forschung kann die Wissenschaft all diese Zusammenhänge noch nicht bestätigen. Aber sie müsste sie als Arbeitshypothesen annehmen, und angesichts der alarmierenden Hinweise aus der Praxis müsste sie zur konsequenten Vorsorge mahnen. In der Tat gibt es Wissenschaftler, die den Mut aufbringen, öffentlich zu warnen. Nicht so die Autoren dieser Studie – im Gegenteil. Sie finden es „beruhigend“, dass die gemessenen Strahlungsexpositionen „weit unterhalb der ICNIRP-Grenzwerte 1998“ (das sind die in Deutschland gültigen Grenzwerte) liegen, und sie betonen, dass der wissenschaftliche Nachweis der Schädlichkeit der Strahlung nach wie vor fehle. Solche Aussagen sind angesichts der heutigen Evidenz dieser Schädlichkeit geradezu verantwortungslos.
 
Verharmlosungsversuche
 
Die Medienmitteilung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) als Geldgeber hält sich jedoch gerade an diese Verharmlosungsversuche, und sie verzerrt das Ergebnis der Studie. Ihr Titel „Strahlungsexposition ist vor allem selbst verursacht“ ist in seiner Einseitigkeit völlig irreführend. Er ignoriert die Mobilfunkantennen, die in der Studie als eine der starken Expositionsquellen anerkannt werden. Das entspricht ganz der Strategie der Mobilfunkbetreiber, die den Strahlungsanteil ihrer Antennen herunterspielen und der Bevölkerung Selbstverantwortung predigen.

Der Text der Medienmitteilung wird eingeleitet durch drei Standardformeln der Mobilfunkindustrie, der Bevölkerung seit Jahren durch Medien und Behörden eingehämmert: „Die neuen Funktechnologien sind von unserem Alltag kaum mehr wegzudenken“ – „Diffuse Ängste in der Bevölkerung“ – „Bisher keine Schäden wissenschaftlich nachgewiesen“.

Weiter: „Die Strahlung nimmt zu, aber liegt weit unter den Schweizer Grenzwerten.“ Ja, bloss sind diese Schweizer Grenzwerte viel zu hoch, um die Bevölkerung zu schützen. Von den noch höheren deutschen Grenzwerten überhaupt nicht zu reden. Diese Medienmitteilung des SNF – der staatlichen Institution für Forschungsförderung – könnte von der Mobilfunkindustrie verfasst worden sein. Nachforschungen zeigen denn auch: Die Mehrheit des NFP 57-Expertengremiums besteht aus Wissenschaftlern, die als industrienah bekannt sind.
 
Dogmen der Mobilfunkindustrie
 
Dass der von der Swisscom, dem grössten Schweizer Telekommunikationskonzern, zur Studie publizierte Kommentar ebenso abwiegelt, beschönigt und verzerrt, wundert weit weniger. Sein Titel lautet: „Mobiltelefone und schnurlose Telefone strahlen am meisten“ – Auch hier: Wo sind die Antennen geblieben? – In dem zugehörigen, schönen Bild steht dann doch ein Antennenmast, poetisch verklärt, malerisch sich abhebend vor dem Widerschein der aufgehenden Sonne eines klaren Gebirgsmorgens. Die Raffinesse der Werbeabteilung...
 
Auch der Schlussatz „Bei der nichtionisierenden Strahlung handelt es sich um elektromagnetische Wellen, die im Gegensatz zur ionisierenden, radioaktiven Strahlung nicht die Energie aufweisen, Atome zu verändern“ ist eines der Dogmen der Mobilfunkindustrie. Er lenkt davon ab, dass elektromagnetische Wellen sehr wohl die Erbsubstanz schädigen können. Denn Chromosomen-Strangbrüche infolge Mobilfunkstrahlung sind erwiesen – Krebsförderung durch Mobilfunkstrahlung ist wahrscheinlich.
 
Nachzutragen ist, dass seit dem Abschluss der Messreihe dieser Studie im Februar 2008 noch mehr an Belastung dazu kam: Die Zahl der WLAN-Anlagen ist seither gleichsam explodiert. Internetfähige Mobilgeräte wie das iPhone und dergleichen sowie Laptops mit USB-Steckmodem haben den Datenbetrieb über die UMTS-Mobilfunknetze vervielfacht. Der Flop des digitalen Handyfernsehens DVB-H strahlt nutzlos, aber sehr leistungsstark von hohen Sendetürmen herunter. In Deutschland fehlt DVB-H. Dafür ist hier der von den Elektroallergikern mit Recht besonders gefürchtete TETRA-Behördenfunk im Aufbau. So oder so – ein Ende der Steigerung ist nicht abzusehen. (PK)

 
Dipl. Ing. Peter Schlegel engagiert sich bei der Bürgerwelle Schweiz, die sich seit dem Jahr 2000 mit andern in der Schweiz tätigen Organisationen und Einzelpersonen für den Schutz der Gesundheit vor Mobilfunkstrahlung, aber auch vor andern Gesundheitsrisiken der heutigen Zivilisation einsetzen. Mehr www.buergerwelle-schweiz.org

Online-Flyer Nr. 200  vom 03.06.2009

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