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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Glossen
Bleiben Sie entspannt – auch wenn ein Fußballfan sich neben Sie setzt!
Zugreisen-Knigge fürs Wochenende
Von Hermann

„Mir ist nicht bange, dass Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das Ihrige tun. Vor allem aber sei es eins in Liebe untereinander.“ Schon einige Jahre bevor sich der erste Zug auf deutschem Boden in Bewegung setzte, erahnte Goethe bereits den Wert dieser neumodischen Erfindung fürs einander näher kommen der Menschen.
Foto: Hermann

 
Und entgegen der eingehenden Warnungen von angesehenen Medizinern, dass zweistellige Reisegeschwindigkeiten bei den Passagieren zu Gehirnerweichung führen könnte, setzte sich die Eisenbahn als das Fortbewegungsmittel für die breite Masse durch, als welches sie auch erfunden wurde. Ganz anders das Automobil: „Die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen wird eine Million nicht überschreiten – allein schon aus Mangel an Chauffeuren“ (Zitat Gottlieb Daimler). Nun aber genug der historischen Zitate, denn „der Zitierende beweist keinen gebildeten Geist, lediglich einen gewissen Mangel an eigener Meinung“ (Zitat Hermann Kuttenkeuler) und zurück zum Thema.

Fußballfans


Damals wie heute bringt eine Bahnreise, trotz gestiegener Geschwindigkeit und geringerer Angst vor Hirnschäden, einen gewissen Nervenkitzel mit sich, denn grade durch die Beschaffenheit als Massentransportmittel ist in der Regel, besonders am Wochenende, bei Fahrtantritt gar nicht abzusehen, was bis zum Erreichen des Reiseziels alles passieren kann. Allein Begegnungen mit Junggesellenabschieden und Kegelclubs auf Reisen könnten Wälzer füllen, deren Umfang das Gesamtwerk Goethes wie einen Beipackzettel erscheinen ließen. Aber es geht hier um ein anderes Wochenend-Phänomen bei Zugreisen. Stellen wir uns vor, wir fahren die Strecke Nürnberg-Fürth (eigentlich eine lächerlich kurze Strecke, für die man lieber aufs Fahrrad zurückgreifen sollte, aber geschichtlich von enormer Bedeutung) und plötzlich ist der komplette Bahnsteig des Bahnhofs, den wir grade ansteuern, in Vereinsfarben gehüllt. Klare Sache, auch Fußballfans haben diesen Zug zu ihrem bevorzugten Transportmittel auserkoren. Um dieser Situation, welche sich wöchentlich hundertfach in unserem Lande abspielt, ein wenig die Brisanz zu nehmen, will ich einen kleinen Ratgeber für fußballfremde Bahnreisende folgen lassen.

Bordtoilette


Das allerwichtigste ist erstmal Ruhe zu bewahren. Wenn Sie sich bereits im Zug befinden, während am Bahnsteig Massen an fußballbegeisterten Rabauken Anstalten machen einzusteigen, sollten Sie zunächst einmal Rücksprache mit Ihrer Blase halten. Wenn auch nur der geringste Druck vorhanden ist, kann jetzt der letzte Zeitpunkt sein, die Bordtoilette in einigermaßen erträglichem Zustand vorzufinden. Die Fans werden die stillen Örtchen nicht vorsätzlich außer Betrieb setzen, aber der hohen Frequenz und den Hektolitern verzehrten Bieres ist ein gemeines Zug-WC auf Dauer einfach nicht gewachsen. Wenn Sie Ihren Platz wieder erreicht haben und sich jemand aus dem Kreise der Fußballreisenden auf den Sitz neben Ihnen sinken lässt, bleiben Sie entspannt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Person ein sozialverträgliches Wesen innewohnt, ist gar nicht so gering, auch wenn dieses durch Stunden des anhaltenden Alkohol-Abusus manchmal nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Sollten Sie eine Dame gereifteren Alters sein, unterlassen Sie es ruhig, Ihre Handtasche reflexartig fest an sich zu pressen. Trickdiebe setzen in der Regel bei der Ausübung ihrer Arbeit auf eher unauffälliges Auftreten und abgesehen davon ist wirklich jedem Fußballfan bekannt, dass sich die drei so wichtigen Auswärtspunkte nicht auf dem Grund ihrer Handtasche verbergen.

Vorsicht beim Thema Fußball!
 
Sollte es sogar zu einem Dialog mit Ihren trunkenen Mitreisenden kommen, bleiben Sie einfach Sie selbst und vor allen Dingen Ihrer guten Erziehung treu, selbst wenn ihr Nebenan das Wort Erziehung gar nicht mehr auszusprechen vermag. Vermeiden Sie es unter allen Umständen sich anzubiedern und ohne fundierte Kenntnisse das Gespräch auf das Thema Fußball zu lenken. Selbst ein sturztrunkener Fan wird Sie nach kürzester Zeit durchschauen. Und zu versuchen, irgendwo aufgeschnappte Floskeln als Wissensschatz zu verkaufen ist genau so peinlich, wie Fußballkolumnen mit Kalenderblatt-Zitaten großer Dichter und Denker einzuleiten. Nichts ist schlimmer, als ein Gesamtschullehrer, der den versammelten Schlachtenbummlern unterstellt, dass sie doch bestimmt nicht wüssten, dass einst sogar Preußen Münster in der ersten Bundesligasaison mit von der Partie war. Das mag an westfälischen Gesamtschulen vielleicht als geheime Insider-Information gehandelt werden, aber bei gestandenen Fußballfans kann man hiermit keinen Blumentopf gewinnen, denn diese zählen bereits morgens beim Zähneputzen die Abschlusstabelle der Saison 63/64 auf, wobei natürlich auf Platz fünfzehn auch Preußen Münster genannt wird.

„Viel Spaß beim Spiel!“


Wenn Sie diese Tipps beherzigen, sollte einer erfrischenden, aber nicht zwingend geistreichen Konversation eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Seien Sie sich bewusst, dass es ausreicht, mit einem der Rabauken ins Gespräch zu kommen, um von den anderen in Ruhe gelassen zu werden, denn mit dem einen Dialog haben sie bereits Ihre wohlwollende Haltung demonstriert. Wenn die Schlachtenbummler nun das Gefährt verlassen, Ihr Ziel aber noch nicht erreicht ist, verabschieden Sie sich mit einem kameradschaftlichen „Viel Spaß beim Spiel!“, dieser nett gemeinte Wunsch fällt nicht unter den Nicht-Anbiederungs-Paragraphen. Und sehen Sie bei Ihrer weiteren Fahrt auf das etwas in Mitleidenschaft gezogene Interieur des Verkehrsmittel, in dem nun ein wenig Ruhe eingekehrt sein dürfte, einfach hinweg – die Züge müssen ohnehin regelmäßig gereinigt werden. Blicken sie lieber noch einmal auf den Bahnsteig zurück, auf die Fanmassen, welche nun noch mehr als bei Fahrtantritt vom Alkohol gezeichnet sein dürften und machen Sie sich Gedanken darüber, ob Zugfahrten vielleicht nicht doch zu Gehirnerweichung führen können. (PK) 

Online-Flyer Nr. 195  vom 29.04.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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