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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Lokales
Interview mit Fritz Bilz zum Einsturz des Historischen Archivs Köln
„Was sollen wir mit diesen Nachlässen?“
Von Angela Huemer

Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln ist eine nationale Katastrophe. Wie es derzeit aussieht, sind dafür verantwortlich das Gewinnstreben der Bauunternehmer, die Willfährigkeit des Auftraggebers KVB und die mangelnde Kontrolle der Stadtverwaltung bzw. ihr Desinteresse am Umgang mit historischen Archivalien.

Fritz Bilz – aktiv in der Geschichtswerk-    
stättenbewegung | NRhZ-Archiv
Angela Huemer: Sie kennen das Historische Archiv Köln sehr gut, wie kommt das?
 
Fritz Bilz: Für meine Dissertation verbrachte ich vier Monate ununterbrochen im Historischen Archiv, wobei ich vermutlich als letzter die Archivalien über die Stadt Kalk studiert habe, die heute wohl vollkommen zerstört sind und auch nicht mehr rekonstruiert werden können. Die lagen ziemlich weit unten, je tiefer die Archivalien sich im Bauschutt befinden, desto größer ist der Druck und die Gefahr, dass Grundwasser reinkommt.
 
Abgesehen davon frequentiere ich das Archiv seit zwanzig Jahren. Ich bin in der Geschichtswerkstättenbewegung aktiv und ging mit Arbeitern da hin, um ihnen die Scheu vor den alten Dokumenten zu nehmen. Sie dachten immer, da darf nicht jeder rein. Vollkommener Unsinn, jeder Bürger darf da rein und bekommt die alten Archivalien in die Hand. Die Arbeiter waren vollkommen überrascht, dass sie solche Dinge in die Hand bekamen und stöberten voll Begeisterung in den alten Dokumenten herum. Es war schön, ihnen zu zeigen, dass dort auch ihre Geschichte archiviert ist und die ihrer Eltern oder Großeltern.
 
Bis es eingestürzt ist, war das Archiv ja im Bewusstsein vieler Kölner gar nicht präsent. Warum?
 
Der Bau war unscheinbar, sechsgeschossig, 1971 errichtet, eine Betonfassade mit einem Fenster neben dem anderen, nicht schön. Daran ging man achtlos vorbei. Nicht in großen Schildern, sondern in kleinen Lettern an der Glastür war es als das Historische Archiv der Stadt Köln gekennzeichnet. Das zeigt, wie Köln mit seiner Geschichte umgegangen ist. 1971 gab es dort 65 Beschäftigte, nachher waren es nur noch 30. Köln war die wichtigste Stadt des Mittelalters nördlich der Alpen, trotzdem gibt es hier keinen Lehrstuhl für kölnische oder rheinische Geschichte, dafür gibt es einen in Bonn und einen in Düsseldorf.


Kölner Stadtarchiv vor dem Einsturz | NRhZ-Archiv
 
Seit 1971 wurde nichts mehr am Archivgebäude gemacht, z.B. konnte man die Temperatur nicht mehr optimal regulieren. Im Sommer stieg sie auf 30 Grad, im Winter lag sie bei 10 Grad. Alte Wachssiegel, zum Teil tausend Jahre alt, machen das nicht lange mit. Es gab zwar eine Klimaanlage, die war aber so schlecht, und das Haus war so schlecht isoliert, dass die Temperaturdifferenz überhaupt nicht ausgeglichen werden konnte. Zudem war das Archiv bereits viel zu klein, viele Sachen wurden ausgelagert, z.B. gegenüber in den Keller des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums oder in andere Archivräume.
 
Immer, wenn einer ausschied, wurde die Stelle nicht mehr besetzt. Man ging sogar so weit, dass man sagte: Was sollen wir eigentlich mit diesen Nachlässen? Die kosten doch nur Geld. Das wurde sogar im Rat der Stadt Köln debattiert. Gottseidank gab es eine öffentliche Diskussion in Verbindung mit bekannten Namen wie Heinrich Böll, Dieter Wellershoff, Irmgard Keun. Das gesamte Archiv der Schriftstellerin Irmgard Keun ist weg, ebenso das größte Jacques-Offenbach-Archiv auf der gesamten Welt. Viele dieser Nachlässe waren noch nicht katalogisiert, dafür braucht man ja Personal.
 
Was lagerte denn alles im Archiv, und was wurde bislang gerettet?
 
Da lagen Schreinskarten und Schreinsbücher, das sind die Grundbücher des Mittelalters und der frühen Neuzeit, von 1130 bis 1894. Davon hat man wohl einen Teil gerettet. Vom sogenannten Buch Weinsberg wurden wohl 80% in einem halbwegs vernünftigen Zustand gefunden. Ein Kaufmann, Hermann von Weinsberg, hat im 16.Jahrhundert eine Art Tagebuch geschrieben: 40, 50 Jahre lang hat er den Alltag geschildert, eine sagenhafte Quelle von über 6.000 Seiten ist das.
 
Im Archiv lagerten 65.000 Urkunden von 922 bis heute, dann die Ratsprotokolle von 1396 bis heute, Pläne von Köln und Umgebung, 104.000 Karten. Die Nachlässe von Stiftern und Klöstern - bei der Säkularisierung, als die Franzosen kirchliches Eigentum enteigneten, wurden sie aufgelöst und ihre Urkunden geborgen, eine ungeheure Quelle. Dazu die 780 privaten Nachlässe, ein paar habe ich genannt, dazu Konrad Adenauer, Hans Mayer, die Architektenfamilie Böhm, der Fotograf Gruber, der Architekt Unger, der Schriftsteller Dieter Wellershoff - das ist nur einiges, was da drin war.
 
Wie kommt es, dass bei allem Kölner Stadtpatriotismus das Historische Archiv so gering geachtet wird?
 
Das eine ist die Stadt Köln, die Institution, die Verwaltung und der Rat. Das andere sind Initiativen von Einzelpersonen, und nicht der Stadt Köln. Die Stadt Köln hat jetzt erst, nicht selber, sondern initiiert durch einen Verein, eine ausführliche Geschichtsschreibung über die Stadt angeregt. Es gibt zwar einzelne Bücher darüber, aber nun soll das in 15 oder 18 Bänden geschehen. Ich behaupte, diese Geschichte wird nie mehr erscheinen können, weil die Hauptquelle fehlt. Es werden jetzt nur noch einzelne Bände erscheinen können, der Band zu Köln im Nationalsozialismus ist fast fertig. Auch Köln im Mittelalter ist fertig. Es gibt ganz viele Privatleute und die Geschichtswerkstätten, wozu ich gehöre, die über ihr Viertel, ihren Stadtteil viel erforschen möchten; von offizieller Seite ist nicht viel gemacht worden.
 
Gab es in den letzten zwanzig Jahren Verschlechterungen? Die Archivare sind ja wohl sehr qualifiziert.
 
Sie sind hoch motiviert und von großer Hilfsbereitschaft, trotz der Beschränkungen. Ich kenne sie alle persönlich, mit manchen duze ich mich auch. Natürlich merkt man den Personalabbau. Was die Schäden der letzten Monate anbelangt, weiß ich das nur aus Schilderungen. Es gab Risse; einmal mussten sie das Haus evakuieren, weil durch den U-Bahn-Bau an einem Rohr eine undichte Stelle entstanden war bzw. ein Rohr gerissen ist.
 
Anlässlich des U-Bahnbaus hätte man ja das Archiv vorsichtshalber auslagern können, zumindest einzelne Bestände?
 
Die KVB, wie auch die Stadt Köln, haben immer signalisiert, das ist sicher. Entlang der Bonner Strasse und der Severinstrasse hatten alle Häuser Risse, alle. Die Leute hatten Angst. Dann kamen Sachverständige. Und jetzt kommt das Problem. Der Sachverständige hatte einen eingeschränkten Auftrag, nämlich herauszufinden, ob der Riss so gefährlich ist, dass das Haus zusammenbricht. Ich bin selber Statiker: wenn Risse in der Wand sind, heißt das noch lang nicht, dass das Haus zusammenbricht.


Stadtarchiv nach dem Einsturz | NRhZ-Archiv
 
Wichtig ist zu beurteilen, ob der Riss ein Setzriss ist oder andere Ursachen hat. Bei der U-Bahn hängen die Setzrisse - die für sich genommen ungefährlich sind - damit zusammen, dass beim Abpumpen des Grundwassers Materie aus dem Boden verloren geht, der Kies sinkt zusammen, und dann setzt sich was. Ein Problem entsteht, wenn man Grundwasserabsenkungen im großen Stil durchführt. Um das zu verhindern, ergreifen andere Städte ganz andere Maßnahmen: In München wurde an sensiblen Stellen den Boden vereist. Das kostet natürlich Geld. In Leipzig wird auch eine U-Bahn gebaut, der Auerbachkeller hat keinen einzigen Riss. Was haben sie da gemacht? Sie haben überall vorher Zementmilch in den Boden gespritzt (s. NRhZ-Nummer 188). Wenn sie irgendwo Wasser heraus genommen haben, haben sie dafür Zementmilch reingespritzt. Wenn die mit Kiesbeton verhärtet, wird das steinhart, es kann nichts passieren.
 
Das hätte man in Köln auch machen können, man hat es sich aber gespart, weil die KVB und die Gutachter meinten, das sei nicht nötig. Köln hat zwei Handicaps, die andere Städte nicht haben. Wegen seines Alters von 2000 Jahren hat es eine bis zu neun Meter hohe Kulturschuttschicht, immer wieder wurden Bauten abgerissen, kamen neue drauf, wurden wieder abgerissen, kamen neue drauf usw. In diesem Kulturschutt gibt es alte Gewölbe, die kennt man überhaupt nicht mehr, es gibt Hohlräume, man weiß gar nicht, wo die sind. Das ist stabil, man darf nur nicht anfangen, über eine längere Zeit daran zu rütteln - so wie beim Tunnelvortrieb. Da arbeitet sich unter der Erde eine Riesenfräse vor, direkt dahinter werden die Röhren betoniert. Da vibriert der ganze Boden. Und wenn Hohlräume lange vibriert werden, sacken sie zusammen.
 
Das zweite Kölner Problem ist der sehr hohe Grundwasserspiegel, zum Teil reicht er bis 10 Meter unter den Erdboden. Wenn man da 35 oder 37 Meter tief ausschachten muss, muss man viel Grundwasser absenken. Noch dazu liefert der Rhein, der das Grundwasser speist, eine Riesenwassermenge, man muss unheimlich viel rauspumpen. Dafür werden Grundwasserbrunnen gebaut - davon wurden viel mehr gegraben als angegeben, was möglicherweise die Unglücksursache darstellt.
 
Alle glauben nun, dem Ingeniör ist nix zu schwör, alle Probleme sind lösbar. Das stimmt nicht. Ich warne vor dieser Fortschrittsgläubigkeit. Es gibt immer Unwägbarkeiten, wir kennen das aus der Atomindustrie. Die Injektionen mit Zementmilch hätten die Sicherheit erhöht, aber eine absolute Sicherheit hätte es nie gegeben. An den erwähnten ortsspezifischen Problemen, wie die Hohlräume im Kulturschutt, hätte sich nichts geändert.
 
Entlang der Trasse der neuen U-Bahn-Linie liegt wohl viel Kulturschutt?
 
Richtig. Ich bin gefragt worden: Können Sie ausschließen, dass in Zukunft so was nochmal passiert? Nein. Wer Ihnen das sagt, der lügt. Sie können nur möglichst viel tun, um die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks zu verringern. Es muss erst einmal einen Baustopp geben, und zwar einen kompletten Baustopp. Alle Möglichkeiten müssen ausgeschöpft werden, egal was das kostet. Jeden Meter muss eine Bohrung gemacht werden um zu sehen, wie ist der Untergrund? Das kostet Unsummen, aber das muss uns die Sicherheit wert sein.
 
Was ist mit der U-Bahn? Ist sie gefährdet?
 
Die U-Bahn ist wie eingeschlossen, da gibt es riesige dicke Betonwände. Von oben lastet der gesamte Druck drauf, dafür gibt es Sensoren. Alle soundsoviel Meter gibt es eine Dehnungsfuge. Vielleicht kann ein bisschen Flüssigkeit eindringen, aber dafür gibt es Sensoren Fast alle U-Bahn-Linien liegen bereits im Grundwasserbereich, weil der Grundwasserspiegel so hoch ist. Das wird jetzt ein großes Problem, wenn sie jetzt nicht weiter abpumpen, schwimmt die U-Bahn obenauf. Denn dieser Trog, diese Röhren sind ohne Verfüllung da oben zu leicht. Die Schwerkraft ist geringer als die Auftriebskraft und dann geht das hoch. Darum pumpen die jetzt, sie haben Angst. Es müsste auch die Bodenplatte betoniert werden, damit von unten nicht wieder Kies oder Wasser hochkommt.
 
Aber alles andere muss so lange gestoppt werden, bis wirklich alles an Sicherungsmaßnahmen durchgeführt worden ist. Hundert Prozent Sicherheit wird es jedoch nie geben.
 
Ist die U-Bahn verkehrspolitisch von gestern?
 
Ich halte die U-Bahn verkehrspolitisch für ein veraltetes Konzept. Ursprünglich wurde sie bei uns nach dem Krieg gebaut, um oben für den motorisierten Individualverkehr mehr Raum zu haben. Straßenbahnen wurden unter die Erde gelegt, damit oben die Autos fahren können.
 
Die Landesregierung von NRW hat schon Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre gesagt, dass U-Bahn-Bauten keine Zuschüsse mehr kriegen, weil sie ein veraltetes Konzept sind. Trotzdem haben sich die beiden großen Parteien hier in Köln 1992 gegen die Grünen durchgesetzt - die kritisierten das und zeigten eine oberirdische Alternative auf. Ich habe mir die Ratsprotokolle angeschaut, die Grünen wurden hämisch beschimpft als Bimmelbahnvertreter, Pferdebahnfraktion usw.
 
1995 gab es in NRW eine rot-grüne Koalition, und die Grünen setzten durch, dass die U-Bahn-Planung in Köln nochmal überdacht wurde. Dann hat die Ingenieurgesellschaft Schüßler Plan zehn Alternativen erarbeitet, fünf rein oberirdische, vier halb oberirdische/halb unterirdische und eine ganz unterirdische. Das war die teuerste. Die Grünen ließen sich als Kompromiss auf eine halb unterirdische/halb oberirdische Bahn ein, die wäre bis zum Heumarkt gegangen: unterirdisch vom Breslauer Platz, hinter dem Dom, langsam zum Rhein hinauf, dann oberirdisch weiter bis zum Ubierring. Da hätte man auch den Rheinauhafen mit den vielen Leuten, die da hinziehen, anbinden können; durch die jetzige Lösung sind sie gar nicht angebunden, das war damals schon bekannt.
 
SPD und CDU setzten das teuerste Projekt durch. Dieselbe Firma Schüßler Plan, die die Alternativen entwarf, hat die Generalbauleitung für das Ganze, sie hat die teuerste Variante als die optimale dargestellt. Man hätte diese U-Bahn nicht gebraucht. Es gibt ja schon eine, die Linie 16, die vom Ebertplatz über Hauptbahnhof, Neumarkt, Poststraße zum Barbarossaplatz fährt, damit haben wir schon eine Nordsüdverbindung. (PK) 
 
Fritz Bilz begann seine Berufslaufbahn als Bauingenieur. Nach drei Jahren als Statiker wurde er Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie und arbeitete als Leiter der Kölner Gewerkschaft GEW, er war auch Geschäftsführer eines Gewerkschaftsunternehmens. Als er aufgrund einer Gelenkerkrankung frühpensioniert wurde, studierte er Geschichte. Er promovierte über die Sozialgeschichte Kalks.
 
Das Interview erschien zuerst in SoZ – Sozialistische Zeitung, April 2009, Seite 20

Online-Flyer Nr. 194  vom 22.04.2009

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