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Aktueller Online-Flyer vom 29. Mai 2016  

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Globales
Gaza-Augenzeuge – Bericht des Kasseler Chirurgen Dr. Muneer Deeb
Die Folgen für die Menschen
Von Dr. Muneer Deeb

Die Frankfurter Medien hatten es vorgezogen, lieber keine Journalisten zu dieser Veranstaltung mit einem Kasseler Arzt als Augenzeugen der israelischen Verbrechen in Gaza zu senden - dann mussten sie auch nicht berichten. Der Tod unschuldiger Menschen, die gezielte Bombardierung von Wohnhäusern, Krankenhäusern und Schulen, die Verwüstungen und das Elend der Zivilbevölkerung wurden von der "zivilisierten" Welt geduldet. Hier der Bericht. – Die Redaktion

Chirurg Dr.Muneer Deeb 
Der Gaza Streifen mit seinen 1,5 Mio. Einwohner auf einer Fläche von 37 km² das am dichtesten besiedeltes Gebiet der Erde. Als die israelische Militäroffensive am 28.12.2008 gestartet wurde, war das Gesundheitssystem durch den 18 Monaten andauernden Belagerungszustand bereits schwer angeschlagen. Es herrschte ein Mangel an wichtigen Medikamenten wie Antibiotika, Anästhetika, Antihypertensiva und Analgetika, neben einfachen Laborreagenzien zur Messung von Elektrolyten, Herz-, u. Leberenzymen. Viele medizinische Geräte, wie z.B. Hämodialysegeräte, waren wegen Mangel an Ersatzteilen außer Betrieb.
 
Ummittelbar nach Beginn der militärischen Operation waren die Krankenhäuser mit ihrem Personal schon nicht in der Lage die vielen Verletzten adäquat zu behandeln. Schnell waren die Ärzte durch den Dauereinsatz erschöpft und baten international tätige Ärzteorganisationen um Unterstützung. Wie viele andere Organisationen bildete die französische Ärzteorganisation “Help Doctors“ zusammen mit der europaweit vertretenen “PalMed Europe“-Organisation ein Chirurgenteam, bestehend aus einem Unfallchirurgen, zwei Handchirurgen, einem Viszeralchirurgen (der Autor), einem Anästhesisten sowie einem Katastrophenmediziner und einem Logistiker.
 
Sieben Stunden Verhandlungen an der Grenze
 
Mit einem Konvoi der französischen Botschaft in Kairo wurden wir zum Grenzübergang Rafah an der Grenze zum Gaza-Streifen gefahren. Nach langen sehr mühsamen und zähen siebenstündigen Verhandlungen gelangten wir endlich auf die palästinensische Seite der Grenze. Dort hat jeder eine Erklärung unterschrieben, auf eigene Gefahr in den Gaza-Streifen einzureisen. Der häufigste Satz, den ich immer wieder zu hören bekam war: „Niemand ist nirgendwo in Gaza sicher.“
 
Mittlerweile war es dunkel geworden. Unter den Palästinensern war allgemein bekannt, mit Einbruch der Dunkelheit verstärken sich die Angriffe und es wird besonders gefährlich. Als wir, zusammen mit anderen Ärzten aus verschiedenen Ländern, u.a. aus Griechenland, in die Krankenwagen (einziges und vermeintlich sicherstes Transportmittel) einsteigen wollten, detonierten zwei große Explosionen, die so laut waren, dass wir jetzt erst erkannten, wie ernst die Lage ist. Später wurde uns erzählt, dass der Grenzübergang selbst getroffen worden war. Wir fuhren in einer Kolonne von Rotlichtern zum Krankenhaus Alnajjar in der Stadt Rafah, von dort aus fuhr unser Team weiter zur Südstadt Khan Younis.
 
Katastrophale Lage mit überfüllten Betten
 
Da die israelischen Panzer mittlerweile die Verbindung zwischen dem Süden und der Mitte des Gaza-Streifens unter Ihrer Kontrolle brachten, durften wir erst nach Koordination mit dem internationalen Roten Kreuz einen Tag später nach Gaza Stadt passieren. Die Zeit in Khan Younis nutzten wir, um das Nasser-Krankenhaus zu besuchen. Dorthin wurden die meisten Verletzten aus dem Süden gebracht. Als wir dort ankamen, sahen wir, wie viele Menschen sich vor dem Kühlhaus versammelten. Unsere Begleiter erklärten uns, dass die Leute nach ihren verlorenen Angehörigen suchten. Nach einem kurzen Treffen mit dem Krankenhausdirektor, der uns über die katastrophale Lage mit überfüllten Betten und Operationssälen berichtete, machten wir einen Rundgang durch die Abteilungen. Auf der Dialysestation zeigte uns ein 60jähriger Pfleger die wegen fehlender Ersatzteile stillgelegten Dialysegeräte. Auf der Intensivstation mit neun Betten lagen die frisch Verletzten, einige kamen gerade vom Operationssaal, darunter ein elfjähriger Junge mit Kopfverletzungen.
 

Viele Opfer waren Kinder
Unseren Durchgang mussten wir abbrechen, da plötzlich eine Meldung über mehrere Verletzte nach einem Luftangriff östlich von Khan Younis durchkam. Wir eilten zur Notaufnahme, dort waren die ersten Verletzten zum Teil mit privaten Pkws angekommen. Neben subtotal amputierten unteren Extremitäten gab es Kopfverletzungen und einen Verletzten mit einem offenen abdominellen Explosionstrauma.
 
Als wir im Shefaa Krankenhaus ankamen, waren dort schon mehrere Chirurgenteams aus verschiedenen Ländern vor Ort und hatten ihre Arbeit aufgenommen. Zur Entlastung anderer Kollegen in den umliegenden Krankenhäusern wurden wir als Team ins Al-Quds Hospital; ein 200 Betten-Krankenhaus im südlichen Teil der Stadt Gaza geschickt. Nach unserer Ankunft führten wir mit den Dienst habenden Kollegen eine ausführliche Visite bei allen Patienten durch. Die meisten Verletzungen waren I.- bis III.-gradig offene Trümmerfrakturen, die mit Fixateur externe versorgt waren.
 
Nächtlicher Albtraum
 
Wir besichtigten die zwei Operationssäle, die Notaufnahme, und die Intensivstation und erstellten einen Plan über die weitere operative und nichtoperative Versorgung der Patienten. Es schien in den ersten drei Stunden bis auf hin und wieder zu hörende Detonationen oder Kampfflugzeuge ruhig zu zugehen. Wir freuten uns auf die erste ruhige Nacht. Auch die Mitarbeiter im Krankenhaus waren zuversichtlich, endlich eine Nacht zu schlafen.
 
Kaum war es Mitternacht, so begann ein schrecklicher Albtraum, nein es war Realität. Plötzlich waren alle möglichen Arten von Explosionen zu hören, diesmal ganz dicht, als ob sich das ganze unmittelbar um das Krankenhaus sich abspielte. Es war so heftig, dass wir uns auf den Fluren versammelten. Mit uns waren Familien mit Kindern aus den umliegenden Hochhäusern, die Zuflucht im Krankenhaus gesucht hatten. Wir warteten nur noch darauf, entweder von einer Granate getroffen zu werden, oder dass das Krankenhaus von den Soldaten gestürmt würde. Dieser Zustand dauerte die ganze Nacht und setzte sich am nächsten Tag fort. Die meiste Zeit verbrachten wir damit, Kinder und Frauen zu beruhigen und zu unterhalten. Doch die Angst war so groß, dass viele mit Sedativa versorgt werden mussten.
 
Granate in die Krankenhausapotheke
 
Am nächsten Tag wurde gegen 9 Uhr das Lagerhaus des aus drei Gebäuden bestehenden Krankenhauses offensichtlich von einer Granate und stand in Flammen. Eine zweite Granate schlug in die Krankenhausapotheke ein. In den Gängen des Krankenhauses verbreitete sich ein intensiver Gasgeruch, so dass wir Mundschutzmasken verteilt haben. Auf dem Hinterhof wurden viele verstreute brennende Körper mit starker weißer Rauchentwicklung gesichtet und von uns fotografiert.
 
Das Klinikgebäude war mit dem Lagerhaus über ein mittleres Gebäude verbunden. Da das Feuer nicht unter Kontrolle zu bringen war, die Feuerwehr und ICRC sich zu nähern weigerten und die Kämpfe draußen weitergingen, befürchteten wir ein Massaker im Krankenhaus. Nach der Evakuierung aller Patienten und Flüchtlinge ins Erdgeschoss  sicherten wir die Fluchtwege und appellierten über die Presse an die internationale Gemeinschaft, sich einzubringen, um ein Desaster zu verhindern.
 
Zum Glück gab es offensichtlich gegen Mittag eine Feuerpause, so dass die Einwohner in UNO-Fahrzeugen in die umliegenden UNO-Schulen evakuiert wurden, und die Feuerwehr das Feuer löschen konnte. Jetzt wurden auch die Verletzten ins Krankenhaus gebracht. Zusammen mit dem lokalen Ärzteteam konnten wir trotz des Mangels an Instrumenten und Medikamenten mehrere erfolgreiche Operationen durchführen.
 
Siebenjährige durch Granatsplitter gestorben
 
So verbrachten wir den ganzen Abend im Operationssaal. Unter den operierten Fällen war ein siebenjähriges Mädchen, das von zwei Granatsplittern erfasst wordeen war. Ein Splitter war in ihren Körper von der rechten Flanke eingedrungen, durch das Retroperitoneum, das kleine Becken gegangen, hatte das Rektum verletzt und war in den Beckenknochen stecken geblieben. Ein zweiter Splitter hatte sie am Unterkiefer getroffen, zu einer Trümmerfraktur der Mandibula geführt und die Unterkieferzähne zerstört. Während der Operation war das Geschrei der Mutter vor dem Operationssaal zu hören. Nach der Blutstillung im Bauchraum verlegten wir das Kind ins Zentralkrankenhaus zur Versorgung seiner Unterkieferfraktur. Am nächsten Tag hörten wir, das Kind sei dort 12 Stunden später auf der Intensivstation verstorben.
 
Feuer auf dem Dach
 
Gegen Mitternacht wollten wir uns ein wenig ausruhen. Plötzlich brach erneut Panik aus. Ein neues Feuer erfasst diesmal das Dach des fünfstöckigen Klinikgebäudes, in dem wir uns in zweiten Stock befanden. Mitarbeiter und eine neue Gruppe Zuflucht suchender Familien wollten sich auf die Straße flüchten, wo neue Kämpfe entstanden waren. So waren wir gezwungen, trotz der unsicheren Lage auf der Straße, alle Patienten, auch die Bettlägerigen in ihren Betten auf die Straße zu tragen. Drei Frühgeborene in ihren Inkubatoren und drei künstlich beatmete Patienten aus der Intensivstation wurden ebenfalls evakuiert. 


So sind wir in einer Kolonne von ca. 400 Seelen mitten in der Nacht auf der Asphaltstraße in Richtung  Shefaa Krankenhaus marschiert. 
Angriff mit Phosphorwaffen

Darunter weinende Frauen, schreiende Kinder, hilflose alte Frauen und Männer, schmerzgeplagte bettlägerige Patienten, die auf unebener Straße geschoben wurden. Nach ca. 400 Metern kamen endlich mehrere Krankenwagen und evakuierten die hilfslosen Menschen. Zum Glück wurde kein Patient zurückgelassen. Eine erneute Katastrophe konnte zum Glück abgewendet werden.
 
Darstellung der Verletzungen
 
Wir nahmen unsere Arbeit in Shefaa-Krankenhaus am nächsten Morgen wieder auf. Dort behandelten wir, zusammen mit anderen Ärzteteams, viele Verletzungen. Unsere Beobachtungen ergaben folgende Arten von Verletzungen:
 
1. total oder subtotal amputierte untere Extremitäten, wobei die amputierte Extremität ausgedehnte tiefe Weichteildefekte von Haut, Subcutis und Muskulatur mit Verbrenungsnekrosen aufwies, die bis auf das Periost reichten. Die Knochen zeigten Mehretagentrümmerfrakturen. Die Weichteile proximal der Amputationsstelle wiesen ebenfalls weit verstreute unterschiedlich tiefe Verbrennungen der Weichteile mit ausgestanzten Defekten auf. Klinisch und radiologisch konnten keine Splitter nachgewiesen werden.
 
2. kreislaufinstabile Verletzte mit sehr hohem Transfusionsbedarf ohne äußerlich sichtbare großflächige Verletzungen. Wegen der rapiden Verschlechterung des Kreislaufs und der fehlenden diagnostischen Mittel wie Sonographie wurden diese Patienten einer explorativen Laparotomie und manchmal auch Thorakotomie unterzogen. Bei einigen Patienten wurden IV. gradige Leber- oder Milzrupturen festgestellt, bei vielen anderen konnten keine makroskopischen Blutungsquellen festgestellt werden. Bei diesen Patienten gab es Hinweise auf diffuse mikroskopische Gewebszerstörung mit Organeinblutungen, wie z.B. bei der Lunge. Das Lungenparenchym war eingeblutet, ohne Verletzung großer Pulmonalgefäße. Solche Verletzungen könnten auf sogenannte Blust Injuries hindeuten.
 
3. großflächige Verbrennungen, die z.T. tief bis zum Knochen reichten. Diese Patienten wurden, soweit sie keine weiteren Verletzungen hatten, direkt auf die Verbrennungsstation verlegt.
 
Andere Verletzungen wie Kopfverletzungen, Inhalationstraumata, Augenverletzungen, Frakturen und Verletzungen im Gesichtsbereich wurden von entsprechenden Spezialisten behandelt.
 
Auf den Rundgängen durch die überfüllten Stationen mussten wir erleben, wie das Leiden der Verletzten sich fortsetzte. Fehlendes Verbandsmaterial und katastrophale Hygiene prägten das Bild in den Patientenzimmern. Übelriechende nässende Wunden konnte man schon vor Abnahme der Verbände riechen. Schmerzgeplagte Patienten mussten ohne Schmerzmittel auskommen, auch aufwendige Verbände wie an offenen Amputationsstümpfen wurden ohne jegliche Analgesie durchgeführt.
 
Waffenstillstand
 
Nach einer ereignisreichen stressigen schlaflosen Woche waren wir total erschöpft. Unsere Erlebnisse trugen nicht gerade zur Beruhigung bei. Unheimlich erleichternd war dann die Erklärung des Waffenstillstands. Jetzt konnten wir ein wenig aufatmen und beginnen die liegen gebliebenen vernachlässigten Patienten zu versorgen. Wir stellten einen 24stündigen Operationsplan in zwei Schichten auf und verteilten entsprechend die freiwillig eingereisten Spezialisten in diese Schichten, um die ganzen Folgeoperationen und Revisionen durchzuführen.
 
Leider endete unsere Mission am 19.01.2009. Wir verließen den Gaza-Streifen mit schwerem Herzen, weil wir um die kaum zu bewältigende medizinische Herausforderung zur Aufarbeitung der Kriegsfolgen wissen. Mehr denn je ist uns bei diesem Einsatz unter extremen, z.T. lebensgefährlichen Bedingungen, unsere humanitäre Verpflichtung und Verantwortung gegenüber hilflosen unschuldigen zivilen Kriegsopfern klar geworden. Unser Team war wie andere am Schluss entschlossen, in den Gaza Streifen zurückzukehren und dort beim Wiederaufbau des Gesundheitssystems zu helfen. (PK)

 
Dr. med. Muneer Deeb ist Arzt für Chirurgie und Visceralchirurgie in Kassel, Vorsitzender PalMedDeutschland e.V., Stellvertr. Vorsitzender PalMedEurope, zu erreichen unter m.deeb@palmedeurope.net

Alle Fotos: Arbeiterfotografie

Online-Flyer Nr. 192  vom 08.04.2009

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