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Der Fern-Seher – Folge 33
Die guten alten Zeiten
Von Ekkes Frank

„Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.“ Dieses Apercu von Sir Peter Ustinov geht mir in der letzten Zeit immer mal wieder durch den Kopf. Beschreibt es doch eine besonders deprimierende Vorstellung, angesichts der grauenhaften Nachrichten, die uns tagtäglich um die Ohren gejagt werden. Und die den Gedanken nahelegen, dass es doch schlimmer eigentlich nicht mehr kommen könne.
Dieser Gedanke allerdings ist einer meiner ständigen Begleiter, seit ich mich darauf eingelassen habe, politisch-gesellschaftlich zu denken und nicht nur privat. Zum ersten Mal habe ich dieses „Schlimmer-geht’s-nimmer“ empfunden, als offenbar wurde, was die USA in Vietnam verübten, und was erkennen ließ, dass sie nicht – was ich bisher fest geglaubt hatte – die braven Befreier waren, die charismatischen Cowboys, welche die Nazis vertrieben und an die Stelle von Knobelbechern, Badenweiler Marsch und Erbswurstsuppe so fortschrittliche Dinge gesetzt hatten wie Kaugummi, Blue Jeans und Rock’n’Roll sowie die wahre Demokratie; sondern dass sie, geführt von einer den Konzernen viel mehr als dem Volk verpflichteten Regierung die Weltherrschaft anstrebten, mit allen Mitteln. Ein weiteres Mal packte mich diese Panik Anfang der 80er Jahre. Die vom „Westen“ geplante sogenannte Nachrüstung, flankiert von dem ominösen „Nato-Doppelbeschluss“ (auch noch vom deutschen Kanzler Helmut Schmidt erdacht) , konnte nach meiner festen Überzeugung die Sowjetunion nur zum Präventivschlag provozieren; Schauplatz Mitteleuropa, vor allem also Deutschland.
 
Wie wir alle wissen, kam es anders. Komisch: wenn ich heute an jene Jahre denke, sowohl die 60er als auch die 80er, habe ich tatsächlich das Gefühl von „guten alten Zeiten“. Ob das mit den vielfachen Premieren zusammenhängt, die ich damals erlebte? Dem ersten Kuss; dem ersten eigenen (Uralt-)Auto, dem ersten mit Zeitungsartikeln selbst verdienten Geld, dem ersten Semester Philosophie an der Heidelberger Universität? Oder doch auch mit allgemeinen Entwicklungen: diesem – weltweiten – Aufbruch junger Menschen, der inzwischen (unzureichend) mit dem Etikett „68“ beklebt wurde; der Erfindung und Verbreitung der „Pille“, mit der Folge einer Teil-Befreiung der Frauen aus der Männerherrschaft (bei all den bleibenden ungelösten Problemen, ich weiß, ich weiß!) und das in jenen Jahren, die noch nicht von der bald folgenden Geißel AIDS gekennzeichnet waren; oder auch die scheinbar gelungene Beherrschung der früher so regelmäßig katastrophal endenden Wirtschaftskrisen mit ihren daraus resultierenden politischen Radikalisierungen.

Gute alte Zeiten, das alles also??
 
Betrachtet von heute aus, wo die Regierungen aller „entwickelten“ Länder (aller, wohlgemerkt, weil nach der Verpuffung des Gegenmodells der real existierende Kapitalismus seinen segensreichen Siegeszug global angetreten hat), wo also überall die Regierungen ratlos reagieren, indem sie etwa Milliarden Steuergelder in monströse Löcher schmeißen, an deren Entstehen sie selbst nicht schuldlos sind; heute, wo am gleichen Tag in privat-persönlichen Amokläufen in den USA oder in der BRD zig Menschen, vor allem Frauen, sterben (ganz zu schweigen, wie es unsere Medien belieben, von den täglichen zigtausend Toten der erklärten und unerklärlichen Kriege, des Hungers der häuslichen und gesellschaftlichen Männerherrschaft. Heute: wo dieser unsägliche Berlussolini jeden Tag eine neue Attacke auf die Demokratie reitet, und wofür ihm kein Kollege aus den G7 oder G8 oder G20 oder Gehmirdochweg auch nur ein „Du-du-du!“ zuraunt (richtig: auch die Kollegin aus Berlin nicht…).
 
Wenn das alles, was wir heute erleben, tatsächlich also mal irgendwann (in zehn Jahren schon, vielleicht) als „gute alte Zeiten“ empfunden wird – wie, bittesehr, wird dann die Gegenwart aussehen?
 
Was für eine Gnade – denke ich immer öfter – so alt zu sein…
 

Ekkes Frank 
Quelle: NRhZ-Archiv
Ekkes Frank, Kabarettist, Singersongwriter, Hörspiel- und TV-Autor, seit mehr als 30 Jahren parteiunabhängiger Kommentator der politischen und sozialen Zustände, lebt in Italien:
„Ich habe keinen Fernseher – ich bin ein Fern-Seher. Ich betrachte das Land, in dem ich geboren, erzogen und zu dem wurde, der ich bin, nicht mehr von innen, als Mit-Erlebender, Mit-Leidender, Mit-Kämpfer. Ich bin weg. Aus der Ferne betrachtet – dabei ist Italien in den Zeiten von Internet und Ryanair gar nicht mehr so fern – wirkt diese BRD ziemlich klein, viel unwichtiger als sie selbst sich gern sieht („Wir sind wieder wer“). Eben wie ein normales europäisches Land. Manchmal kriege ich dann etwas mit, das mich zu einer Reaktion motiviert. Und manchmal reise ich auch noch nach Norden, nach Germania. Und ich schalte, irgendwie gewohnheitsmäßig, das noch immer dort herumstehende TV-Gerät ein. Dann bin ich sozusagen ein totaler Fern-Seher…“ (PK)

Online-Flyer Nr. 190  vom 25.03.2009

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