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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
Armut und prekäre Hungerjobs als Standard
Zukunft der Arbeit
Von Hans-Dieter Hey

In diesen Zeiten einer schweren Wirtschaftskrise verschärft sich nochmals der Kampf um die Arbeitsplätze. „Jetzt wird es ernst“ – meinte in diesen Tagen der frühere Kölner DGB-Chef Wolfgang Uellenberg–van Dawen im Hinblick darauf. Doch die Wirtschaftskrise wird wohl bald zu einem neuen Erfolg des Neoliberalismus und in Folge zu einer noch heftigeren Ausbeutung und Entrechtung führen. Das klang auf einer Veranstaltung des Erwerbslosenausschusses von ver.di Köln am Montag durch. Es ging um die Zukunft der Arbeit.


Prekäre Jobs, oder...
Foto: arbeiterfotografie.com
Aussicht auf Arbeit, die das Überleben sichert, scheinen künftig nur noch hoch Qualifizierte zu haben. Steht eine neue Spaltung der Gesellschaft bevor, in der nach erbitterten Kämpfen nur noch ein Drittel oder weniger der Erwerbstätigen vollbeschäftigt sein wird – der Rest geht lehr aus? Werden immer mehr Menschen in den prekären Arbeitsmarkt verschoben? Und die, die noch gut bezahlte Arbeit haben, rennen ihr weltweit als „Arbeitsnomaden“ hinterher? Das scheint angesichts der Entwicklung auf den weltweiten Arbeitsmärkten durchaus plausibel. Jedenfalls zeigt das ein interessanter Film „Z – wie Zukunft: Vernetzte Nomaden“ von ZDF/3Sat aus dem Jahre 2007, der im Kölner Gewerkschaftshaus gezeigt wurde.

Dass Erwerbslosigkeit und Arbeitsbedingungen eng zusammen hängen, dürfte eigentlich keinen mehr überraschen. Denn je mehr Erwerbslose produziert werden, je verarmter diese sind, umso größer wird der Druck auf den Rest der vorhandenen Arbeitsplätze sein. Diesen Zusammenhang machte Prof. Dr. Thomas Münch von der Fachhochschule Düsseldorf deutlich.

Prekäre Jobs und Arbeitskraft-Unternehmer als Zukunft

Seit vielen Jahren wird Arbeit „umgebaut“. Es werden Produktions- und Arbeitsstätten weltweit verschoben. Eine Rationalisierungswelle jagt die nächste. Im Grunde handelt es sich dabei um eine äußerst gewalttätige Reorganisation der Unternehmen und – mit staatlicher Hilfe – eine Zwangsbewirtschaftung menschlicher Arbeitskraft. Das hat selbstverständlich Folgen für Anzahl und Qualität künftiger Arbeitsplätze. Niedrigbezahlte Leiharbeit, prekäre Jobs, Wanderarbeiter auf Hungerlohnbasis oder Arbeitskraft-Unternehmer werden zunehmen. Folgen hat das auch für die Bezahlung, und neoliberale Wissenschaftler sprechen längst davon, dass mit Arbeit die Überlebensansprüche der Menschen nicht mehr zwangläufig gesichert werden. Chancen werden nur noch die Gutausgebildeten, Flexiblen und Kommunikativen haben, sagt uns der Film von Willi Setzer. 


... Exclusionsmaschine ARGE.
Montage: gesichter zei(ch/ge)en


Weltweit bilden sich sogenannte Cluster. Das sind strategische Kooperationen von Unternehmen, Produktionsstätten, logistische und informative Allianzen, um die herum aus Kostengründen Arbeit entsteht. Da das Informationssystem weltweit immer besser funktioniert, können sie schnell auch wieder aufgelöst werden. Die Folge: ganze Regionen können ökonomisch zusammenbrechen. Cluster entstehen meist in Großstädten mit entsprechender Infrastruktur. Megastädte wie Mumbai platzen inzwischen aus allen Nähten. Ein Zusammenbruch würde verheerende sozialen Folgen haben. Auch Köln zeigt inzwischen solche Tendenzen.

Die Durchsetzung der unternehmerischen Veränderungen als „Change Management“, als „Turn-around“, wird in einem Spiel von Macht und Ohnmacht oft in vorgeblich frei vereinbarter, allerdings wirklich perfider und gelegentlich brutaler Weise in den Konzernen durchgesetzt, sei es durch Mitarbeitergespräche, Einzelvereinbarungen, zweifelhaftes Team-Management, durch Führungslehrgänge oder Zielvereinbarungen. Die Veranstaltung von Business Crime Control am 14.3. in Köln hat dies drastisch deutlich gemacht. Oft sind die Betroffenen sich gar nicht im Klaren, dass sie als entmündigte, vereinzelte Individuen die Verantwortung für die Veränderungen zugeschoben bekommen und vielleicht sogar ihren eigenen Arbeitsplatz wegrationalisieren müssen.

Hartz IV als Hungerpeitsche zur Arbeit

Sollte es noch an Druck fehlen, können sich die Unternehmen auf Hartz IV verlassen. Denn Hartz IV wurde genau zu diesem Zweck geschaffen. Entgegen dem Sozialstaatsgebot im Grundgesetz sichert Hartz IV nämlich nicht das verbriefte kulturelle Existenzminimum, sondern soll Menschen ausgrenzen: 82 % können nicht in Urlaub fahren, 76 % können kein Restaurant besuchen, 61 % kein Theater. Und die Hälfte kann sich keine neue Kleidung leisten. Langzeiterwerbslose sterben im Durchschnitt 12 Jahre früher, als „normale“ BürgerInnen. Durch Sozialkaufhäuser, Tafeln, Kleiderkammern und Möbellager wird die Armut im Lande zementiert. Thomas Münch: „Die ARGE ist eine Exclusionsmaschine. Sie trägt nicht dazu bei, Ausschluss aus der Gesellschaft zu verhindern, sondern sie produziert das vielmehr. Es ist eine ihrer Aufgaben, diesen Ausschluss herzustellen.“ Und dies übt genügend Druck auf die Nochbeschäftigten aus, Arbeit zu allen Bedingungen zu erledigen.


Oder aus die Maus!
Foto: gesichter zei(ch/ge)en


Dieser „schöpferischen Zerstörung“ des Kapitalismus fallen auch die persönlichen Beziehungen und Familienplanungen zum Opfer, wenn sich die Partner im Überlebenskampf über mehrere prekäre Jobs die Türklinke in die Hand geben. Dass dabei die Erziehung und Betreuung von Kindern auf der Strecke bleibt, kann dabei nicht wirklich überraschen. Die wachsende Kriminalität unter Jugendlichen bei einem sich ihnen darstellenden Weltbild dieser brutalen Art des Rattenrennens um Erstplazierung, des Kampfes Jeder gegen Jeden, dem es an Zuneigung, Liebe, Geborgenheit und Chancengleichheit fehlt, dürfte ebenfalls keine Frage aufwerfen. Ganz aktuell beschäftigt die wachsende Jugendkriminalität Innenminister Wolfgang Schäuble, der als Protagonist des gewalttätigen Staates natürlich nicht in der Lage sein dürfte, entsprechende Zusammenhänge zu erkennen.

Den Ernst der Lage nicht begriffen

Aufgrund der Entwicklungen kann zu Recht die Frage nicht darum gehen, wie wir Arbeitsplätze schaffen könne, weil dies keine systemimmanente Frage in einer profitorientierten, auf ständige Rationalisierung drängenden Wirtschaft ist. Die Frage muss sein, wie wir ein überlebenssicherndes Einkommen für alle schaffen. Dies kann ein Grundeinkommen für alle sein, aber auch andere Formen sind denkbar. Es ist deshalb dringend überfällig, dass sich die Gesellschaft und die Gewerkschaften Gedanken machen und Arbeit neu definieren. Denn Arbeit gibt es genug, sie wird nur nicht als solche bewertet und bezahlt, sei es zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, kulturelle Arbeit, eine persönliche Betreuung oder die Gestaltung einer ehrenamtlichen Zeitung wie der Neue Rheinische Zeitung. Und Tarifauseinandersetzungen wird es für Gewerkschaften bei der Zerschlagung kollektiver Arbeitssysteme und Verlagerungen von Arbeitsplätzen immer weniger geben.

Gewerkschaften tragen hier eine enorme Verantwortung. Und da zu vermuten ist, dass sich die Politik nicht nach den Vorstellungen der Menschen richtet, sondern nach dem Druck der Wirtschaft, wäre es Zeit, dass die Gewerkschaften diese Verantwortung jetzt wahrnehmen. Sie sollten schleunigst darüber nachdenken, endlich die politischen Auseinandersetzung auf der Straße zu suchen und notfalls als „Generalstreik“ durchzusetzen, – auch unter Inkaufnahme von Regelverletzungen – ehe die letzten Chancen vertan sind. (HDH)

Filmempfehlung:

„Z wie Zukunft – Vernetzte Nomaden“
Eine Dokumentation von Willi Setzer
ZDF/3Sat 2007, 30 Minuten


Online-Flyer Nr. 189  vom 18.03.2009

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