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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Literatur
um[laut] Literatur – „Dancing with my Dispo“
Brot und Spiele
Von Kathrin Weßling

Draußen ist es dreiundzwanzig Grad, der Kontostand beträgt minus vierhundertsiebenundneunzigeurodreiundneunzig, eine ziemlich lange Zahl für ziemlich wenig Geld. Für Nicht-Geld. Nur digital ist so was noch möglich, Minusgeld ist das und Minusgeld gibt es nicht und Plusgeld sowieso nicht, das sagt der Automat und wenigstens kein mitleidig schauender Bankangestellter. In meiner Vorstellung würde der mitleidig schauen, obschon das vermutlich nie passieren würde.

Bankomat Foto: Gerd Altmann pixelio.de
0=0=0: leider oft die Realität                                 
Foto: Gerd Altmann, pixelio.de
Über „meine“ „Generation“ gibt es jetzt viele Bücher, die erzählen etwas von der neuen Bohème und dass das Prekariat jetzt ein Lifestyle ist, den man verkaufen kann. Wer dieser Menschen im Prekariat sich diesen Lifestyle leisten kann weiß ich nicht. Ich jedenfalls nicht.

Dispo, Desorientierung und verwackelte Biographien sind jetzt hip und trendy, das hat sich jemand ausgedacht und keiner weiß mehr, wer. Der Bäcker gegenüber schenkt mir seit drei Tagen Brot, weil ich keines mehr kaufen kann und die anderen, also die anderen aus dem Prekariat, trinken angeblich ihren Milchkaffee um die Ecke, während ich ihn aus der Kantinenmaschine trinke, weil der umsonst ist. Während er mir Brot und aufmunternde Blicke über die Theke reicht, erzählt er einen Witz: „Was sagt ein Künstler, dem der Arzt sagt, er habe nur noch drei Tage zu leben? Er fragt: Aber wovon denn? “ und dann lacht der Bäcker und wünscht mir einen schönen Tag.

Nichts davon ist hip oder trendy. Keiner fühlt sich gut dabei. Das Prekariat ist bloß eine neue Unterschicht von Menschen, die versuchen, mit Kunst Geld zu machen. Das hat noch nie gut funktioniert, bloß hat man das vor zwanzig Jahren nicht hip genannt, sondern arm. Und ich habe noch immer nicht herausgefunden, warum es schön sein soll, jeden Tag zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden und warum es schön sein soll, das alles im Namen der Selbstausbeutung für das höhere Ziel der Abstraktion des Begriffes „Kunst“ zu machen.

„ohne Worte“ Foto: jhuth, pixelio.de
„ohne Worte“ | Foto: jhuth, pixelio.de
Ich habe Hunger und ich bin die geschenkten Brötchen leid. Und ich will nicht und ich glaube nicht, dass die Lösung ist, sich einen anderen Beruf zu suchen und das Geld soll dann den Idealismus ausgleichen und das Minusgeld dazu und dann schmecken auch die Brötchen wieder, die man dann verdient. Ich kenne diese Menschen, sie haben tausend Namen und tausend Gesichter und sind auch nicht glücklicher. Die Idealisierung von Armut und Unter- oder Nichtbezahlung ist trotzdem nicht der Weg, um zu rechtfertigen, dass Menschen Selbstausbeutung betreiben, um etwas zu schaffen, das sich nur die anderen als Produkt leisten können. Das Prekariat sieht am Ende nämlich nicht Milchkaffeetrinkend und französische S/W-Filme schauend aus.

Das Prekariat sitzt alle paar Wochen mit mir auf einem Arbeitsamt und lässt sich gute Ratschläge geben, wie die Zukunft bunter, das heißt rosiger, mit einer Arbeit aussieht, für Geld, das nicht mal reicht, um Farben, Filme oder Bücher zu kaufen. Das Prekariat arbeitet mit mir fünfzehn Stunden täglich umsonst und versucht, trotzdem noch irgendwie mit irgendwas Geld zu verdienen. „Irgendwie“ und „Irgendwas“ sind die Worte, die ich am häufigsten höre, denn irgendwie muss es ja auch nächsten Monat gehen und irgendwas wird schon passieren, dass endlich der Lektor, der Produzent, der Gallerist aufmerksam wird. Eure „Bohème“ ist mir dabei irgendwie egal und für mich steht da nur irgendwas, das nichts mit dem zu tun hat, was sich in meinen sechzehn Quadratmetern schlechtem Gewissen nur noch zwischen ungeöffneten Rechnungen und streikenden Bankautomaten abspielt.

Schlüsselanhänger mit Loch im Schuh Foto: Kunstart.net, Pixelio.de
Idealisierung der Armut? Schlüs-     
selanhänger mit Loch im Schuh
Foto: Kunstart.net, pixelio.de
Die Idealisierung meiner Armut ist bloß ein Euphemismus, der mir erklären soll, warum völlige Mittellosigkeit ein heroischer Lebensstandard sein soll. Und warum Nicht-Geld irgendwie „cool“ ist. Ist es nicht. Diese Begrifflichkeiten sind PR für eine Gesellschaft, in der Selbstausbeutung notwendig geworden ist, um mit der eigenen Kunst Geld zu verdienen. Irgendwann. Irgendwie. Vielleicht. Oder eben auch nicht.

Diese Arbeit muss wieder bezahlt werden und zwar angemessen. Praktikanten, Selbstständige Künstler, Musiker und all die anderen müssen für die Arbeit, die sie jeden Tag machen, bezahlt werden. Vielleicht sehen das ein, zwei hippe Autoren anders, denn es lassen sich ja so hübsche Geschichten über mittellose Künstler schreiben, die in feuchten Wohnungen die Gedichte ihres Lebens schreiben. Ich glaube aber, dass genau diese nicht hungrig und nicht arm bessere Gedichte schreiben würden. Ich jedenfalls habe seit drei Tagen nur Suppe und Brot gegessen und fühle mich nicht mehr hip oder trendy, sondern nur noch müde. Dancing with my Dispo ist eine schöne Idee. Aber nur die jener Menschen, die über den Witz noch lachen können. (CH)

um[laut] logo
Kathrin Weßlings Kurzgeschichte erschien ursprünglich unter dem Titel „BROT UND SPIELE – Dancing with my Dispo“ in um[laut], Heft 02


Kathrin Weßling, geb. 1985 in Hamburg. Veröffentlichungen: BLIND-Magazin 2008, Design Magazin der HfBK Braunschweig 2006, ZETTELWIRTSCHAFT (Literaturmagazin, Münster) 2006, INFAKT Magazin 2004-2006. www.myspace.com/kunststoffdrama


Online-Flyer Nr. 187  vom 04.03.2009

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