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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Kultur und Wissen
1848/1849: Raveaux und die Anfänge des alternativen Karnevals
Urstunk II: Franz Raveaux
Von Klaus Schmidt

Ende der 80er Jahre zogen Studierende der Fachschule für Sozialarbeit in Köln nackt durch die Straßen. Die jungen Leute, unter ihnen der spätere Kabarettist Jürgen Becker, prangerten auf diese Weise soziale Kürzungen in ihrem Bereich an. Solche Aktionen leiteten – neben Zirkusaufführungen für Kinder – den Beginn der legendären Kölner Stunksitzungen ein. Protest war schon immer im Spiel beim Kölner Karneval. Dabei war Entkleidung allerdings eher die Ausnahme. Was die Obrigkeiten zu Mitte des 19. Jahrhunderts nervös machte, war nicht nur die Vermummung, sondern auch das „revolutionäre Treiben“.

Fortsetzung des Artikels aus der NRhZ, Ausgabe 185.

Franz Raveaux

Franz Raveaux zeitgenössische Darstellung
Raveaux (zeitgenössische Darstellung)        
Anfang der vierziger Jahre wächst unter demokratisch gesinnten Karnevalisten der Missmut gegen die Etablierten. Im Weinhaus „Zur ewigen Lampe“ sitzt der Zigarrenhändler Franz Raveaux und hält im Freundeskreis feurige Reden gegen den Klüngel der betuchten Bürger.

Er verfügt bereits über beträchtliche politische Kampferfahrung: 1830 hatte er in Brüssel für die Befreiung Belgiens von niederländischer Vorherrschaft mitgefochten und es danach im spanischen Krieg der Liberalen gegen die Monarchisten bis zum Hauptmann gebracht.

1844 gründen Kölner Demokraten unter seiner Regie aus Protest gegen den Klüngel der Etablierten eine „Allgemeine Karnevalsgesellschaft“, zu deren Veranstaltungen aufgrund niedriger Eintrittspreise nun auch Bäcker, Tischler und Schlosser strömen, die bisher nur ihre eigenen Feste gefeiert hatten. Die republikanische Gesinnung führt zur Rotation der Vorstandsmitglieder bei jeder Vereinssitzung! Aufgrund niedriger Eintrittspreise gewinnt die „Allgemeine“ großen Zulauf – und die „Große Karnevalsgesellschaft“ verliert fast dreiviertel ihrer Mitglieder.

Die Insel Nonnenwerth bei Remagen Foto (Ausschnitt): Labradormix
Die Insel Nonnenwerth bei Remagen
Foto (Ausschnitt): Labradormix
Aufruhr liegt in der Luft. Die Obrigkeit wird nervös. In Düsseldorf wird ein Karnevalsverein verboten. Begründung: „Politische Tendenzen unter dem Deckmantel der Fastnachtsvergnügungen.“ Kein Problem für die Düsseldorfer: Sie feiern in Köln mit. Die Vernetzung macht schnell Fortschritte. Im Juni 1844 laden die Karnevalsgesellschaften von Köln, Bonn, Düsseldorf, Koblenz und Mainz auf die Rheininsel Nonnenwerth ein. Wortführer ist Franz Raveaux. Karneval im Sommer! Da befürchtet der „Coblenzer Anzeiger“, „es möchten wohl noch andere, dem Karneval ganz fremdartige Gegenstände daselbst zur Sprache kommen.“ Polizeispitzel schreiben eifrig mit. Die Zensur hat vorher schon das Wort „Freiheitsband“ auf einem Liedblatt durch „Freundschaftsband“ ersetzen lassen. Die Menge besingt aus druckfrischen Liederheften den Hanswurst, der seine Fesseln sprengt: „Hanswoosch hät sich emanzipeet, hä is jitzunder mündig!“

In Köln ist 1845 am Rosenmontag die Sensation perfekt: Die Stadt erlebt zwei konkurrierende Maskenzüge. Raveaux hat für seinen heftig umjubelten satirischen Zug den Neumarkt erobert, der etablierte darf von der Apostelnstraße aus nachrücken.

Der Kölner Rosenmontagszug 1846
Der Kölner Rosenmontagszug 1846

Ein Jahr später haben die Düsseldorfer wieder einmal Pech. Ihr liberaler Karnevalsverein hat Prominenten – unter ihnen Ferdinand Freiligrath, Robert Schumann, auch Franz Raveaux – die Ehrenmitgliedschaft angetragen. Der Zensor erlässt wegen „der verbrecherischen Natur des Schreibens“ Druckverbot und kassiert ein Verzeichnis der Personen, die ein Ehrendiplom erhalten haben.

Friedrich Wilhelm IV. Karikatur von 1849
„Willi oder Willi nich...?!“ der preussische         
König lehnt die Krone mit dem „Ludergeruch
der Revolution“ ab | Karikatur 1849
Die Herrschenden reagieren immer hektischer. Im August 1846 kommt es in Köln während der Martinskirmes auf dem Alter Markt zu blutigen Ausschreitungen – ausgehend von Polizei und preußischem Militär. Auslöser sind verbotene Feuerwerkskörper und ein paar Steinwürfe Jugendlicher. Zahlreiche Menschen werden zum Teil schwer verletzt, ein unbeteiligter Fassbindergeselle wird getötet und in Begleitung von 5.000 Menschen auf dem Melatenfriedhof zu Grabe getragen. Unter der Führung von Franz Raveaux wird danach zum Schutz der Bürger die Bildung einer unbewaffneten Bürgerwehr durchgesetzt. König Friedrich Wilhelm IV. kann es im fernen Berlin nicht fassen. Mit „gerechtem Schmerz“ beklagt er die „Auflehnung gegen die öffentliche Ordnung“. Sie sei „überall ein schweres Verbrechen, am meisten in einer Stadt, welche mit Recht als ein Bollwerk Deutschlands gilt“.

Von der getarnten Demokratie zum offensiven Aufbruch

März 1848: Das Jahr der europäischen Revolutionen. Throne beginnen zu wackeln. Während des Kölner Karnevals schlagen die Wellen kurz zuvor schon hoch. Am 3. März – einen Tag nach Weiberfastnacht – marschieren mehrere tausend Handwerksgesellen zum Rathaus, an ihrer Spitze der Armenarzt Andreas Gottschalk. Vor versammeltem Gemeinderat fordert er Grundrechte. Die Herren zaudern, die Menge dringt ins Haus, ein Ratsherr springt in Panik aus dem Fenster und bricht sich beide Beine, das eine gar zweimal. Das Militär räumt, Gottschalk und andere werden verhaftet.

Raveaux versucht als Ratsherr vergeblich zu vermitteln. Am 18. März fährt er mit einer Ratsdelegation nach Berlin und wird Augenzeuge der blutigen Niederschlagung der Volksbewegung. Zwei Tage später weht vom Kölner Dom die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik – mit Einverständnis des Erzbischofs, ein Affront gegen den preußisch-protestantischen König.

Frankfurt 1848: Erstürmung einer Barrikade durch die hessische Artillerie
Frankfurt 1848: Erstürmung einer Barrikade durch die hessische Artillerie

Wenig später fährt Raveaux nach Frankfurt zur ersten Deutschen Nationalversammlung – als Kölns erster demokratischer Abgeordneter. Doch die Parlamente werden unter Preußens Führung niedergeknüppelt. Friedrich Wilhelm IV. setzt seinen Lieblingsspruch in die Tat um: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten!“ Die Befreiungsbewegung wird 1849 in Rastatt in ihrem Blut erstickt. Franz Raveaux, der daran teilnahm, wird in Abwesenheit wegen „Rebellion und Hochverrat“ zum Tod verurteilt und stirbt am 13. September 1851 nahe Brüssel im belgischen Exil – nicht ohne Freunden noch Karnevalslieder nach Köln geschickt zu haben, die freilich nicht einmal subversiv überleben.

Am 15. September tragen deutsche und belgische Freunde den Sarg zum Laekener Friedhof. Deutsche Mitglieder der ehemaligen National-
Etienne Arago
Ètienne Arago                                     
Versammlung und der revolutionäre französische Dichter Ètienne Arago begleiten ihn. „Ihnen folgten“, so berichtet ein Augenzeuge der Kölnischen Zeitung, „nebst den hiesigen Freunden und den augenblicklich sich in der Nähe aufhaltenden Kölnern sämtliche in Brüssel verweilende deutsche, französische und andere Flüchtlinge sowie die dort lebenden deutschen Arbeiter, welche für diesen Tag die Arbeit eingestellt hatten.“

Nach er niedergeknüppelten Revolution von 1848/49 verlor der Kölner Karneval bis auf wenige Ausnahmen seine rebellischen Charakterzüge. Auch Satiren wurden in Deutschland nur noch gelegentlich verfasst – so etwa von Heinrich Heine in seinem Gedicht „Oktober 1849“:

Gelegt hat sich der starke Wind,
Und wieder stille wirds daheime;
Germania, das große Kind,
Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume. […]


Anständge Bestien sind es doch,
Die ganz honett dich überwunden;
Doch wir geraten in das Joch
Von Wölfen, Schweinen und gemeinen Hunden.                                                    

                                                                                                                           
Literaturhinweise:
Hildegard Brog: „D’r Zoch kütt! Die Geschichte des rheinischen Karnevals“
Frankfurt/New York 2000.
Klaus Schmidt: „Franz Raveaux. Karnevalist und Pionier des demokratischen Aufbruchs in Deutschland“ Köln 2001.
(CH)

klaus schmidt Foto: Andreas Neumann
Foto: Andreas Neumann           
Klaus Schmidt, geb. 1935, ist Theologe, Historiker und Publizist. In den Siebziger Jahren war er evangelischer Studentenpfarrer, Vorsitzender des außerparlamentarischen „Republikanischen Clubs“ und Mitwirkender beim Politischen Nachtgebet in Köln.
Seine Bücher zu 1848/49: „Gerechtigkeit, das Brot des Volkes. Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie.“ Stuttgart 1996;
„Kanzel, Thron und Demokraten. Die Protestanten und die Revolution 1848/49 in der preußischen Rheinprovinz.“ Köln 1998;
„Mathilde und Fritz Anneke. Aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung: Eine Biographie.“ Köln 1998; Franz Raveaux.
„Karnevalist und Pionier des demokratischen Aufbruchs in Deutschland.“
Köln 2001; „Andreas Gottschalk. Jüdischer Protestant, Armenarzt und Pionier der Arbeiterbewegung.“ Köln 2002.
Jüngste Veröffentlichung: „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland“, Köln 2007, 2. Aufl. 2007.






Online-Flyer Nr. 186  vom 25.02.2009

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