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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2021  

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Lokales
Volkswartbund reloaded: Das Festkomitee vom Kölner CSD
Schwule Anstandswauwaus
Von Hans Detlev v. Kirchbach

Einst residierte in unserer schönen Karnevals- und Kardinalsstadt der „Volkswartbund“ seligen Angedenkens. Vom Herrn des Himmels und des Kölner Doms entsandt, zog er heldenhaft wider jegliche Art von Unzucht und Sittenverfall zu Felde, insbesondere gleichgeschlechtlicher Abart. Der Volkswartbund verstaubt in den Archiven. An seine Stelle ist nunmehr der „KLuST“ getreten. Unter dieser ein bißchen nach Kloster klingenden Abkürzung verbirgt sich der „Kölner Lesben- und Schwulentag“. 1991 gegründet, begreift sich die inzwischen ehrsam bürgersinnige Organisation u.a. als Monopol-Ausrichterin des Kölner CSD, der alljährlichen schwul-lesbischen Spitzenmesse „Christopher Street Day“. Volljährig geworden, ist „KluST“ anscheinend schon in die Phase der Alterskonversion eingetreten.

Queer-Foto zur Auszeichnung von KLuST 
mit der “Homo-Gurke“ | Quelle: www.queer.de
Anstandsfibel, (K)LuST-Polizei

Ja, KLuST will den Volkswartbund beerben. Am 19. Januar beschloß das außer von sich selbst von niemandem gewählte KLuST-Ordinariat bei einer Mitgliederversammlung eine Heilige „CSD-Charta“. Die Kölner Konzernpresse begrüßt, daß es beim CSD demnächst deutlich wohlanständiger zugehen soll als bei klassischen Millowitsch-Schwänken; „Zucht und Ordnung“ erwartete andererseits ein Szeneblogger namens „samstagisteingutertag“ ironisch. Gegen bürgerverschreckende Provokationen zum Beispiel sollen Kölns Schwule und Lesben selbst vorgehen, sollen gegen Unanständiges die Polizei alarmieren. Die staatliche Repressionseinrichtung hatte bis 1969 noch Übung im Einkassieren von „175ern“. Nun sollen ordnungsliebende Lesben und Schwule selbst die Polizei anfordern, um andere Lesben und Schwule in Handschellen abführen zu lassen, die sich irgendwie nicht sauber, wohlanständig, staatsfromm und möglichst noch kirchenkompatibel aufführen. So will es jedenfalls die selbst-herrliche Leitung des domstädtischen CSD in Gestalt des erwähnten KLuST. „Provokation“ soll unterbunden, ja, nach mittelalterlicher Diktion „an den Pranger“ gestellt werden, wie Kölns führendes Bürgerblatt mit, sagen wir, Befriedigung registriert. Die schwule Site „queer.de“ erkennt in der „Charta“ freilich eher „eine spießige 'Rasen betreten verboten'-Hausordnung“ - da fehlt nur noch Hausmeister Krause - und verleiht dem KluST die „Homo-Gurke“.
 
Bloß nicht und nicht mit Blöße provozieren

Was die so dekorierten KLuST- Knaben nur gegen "Provokation" haben? Als ob nicht Provokationen überhaupt am Anfang der Schwulenbewegung in der BRD gestanden hätten, als ob nicht die ersten Auftritte offen schwuler Demonstrationen von schriller Praunheimscher Provokationsästhetik geradezu gekennzeichnet gewesen wären, Wutanfälle und Haßausbrüche des gesunden Volksempfindens inbegriffen. Im 40. Jahr nach der ersten Teilabschaffung des Paragraphen 175 und des Stonewall-Aufstandes, der dem CSD ja überhaupt zugrundelag, wird man daran wohl erinnern dürfen. Und zu bedenken geben, daß ohne "Provokation" und offensiven Widerstand sicher heute noch der Terror des alten Nazigesetzes ungebrochen herrschen würde.
 
Ab durch die Mitte
 
Die etablierten Szeneorgansationen allerdings haben die Geschichte der Bewegung längst schon ins Museum verbannt. So staatstragend wie etwa Volker Becks „Schwulenverband in Deutschland“ oder eben KluST sind vielleicht gerade noch die Deutsche Bischofskonferenz oder der Bundeswehrverband. Denken wir nur eben an den schwulen Kölner Bundestagsabgeordneten Volker Beck von den Grünen, der ohne Weiteres seine Hand für Hartz IV und deutsche Kriegseinsätze erhob und erhebt. Doch löst es immerhin noch szeneinterne Irritation aus, daß das jecke Festkomitee vom Kölner CSD-Karneval die Schwulen offen dazu aufruft, sich gegenseitig zu bespitzeln und gemutmaßte Verstöße gegen die gefühlte bürgerliche Ordnung der Polizei zu melden - also zur Denunziation reinsten Wassers auffordert.


Richtig brav geworden: Volker Beck und Claudia Roth beim Kölner CSD 2008
Quelle: www.volkerbeck.de  | Foto: Maxime-Olivier Lieser

Gleichstellung, Angleichung, Anpassung
 
Verwundern kann solche Untertanenbeflissenheit allerdings nicht angesichts von Rechtstendenzen und Anpassungswillen der offiziellen Schwulenvertretungen, die schon seit Jahrzehnten immer neuen Höhepunkten zustreben. Konservativ-integrative Forderungen wie standesamtliche Trauung mit “Hochzeitsglocken“ und kirchlichem Ehesegen, ungehinderte Karriere in der Bundeswehr, und auch die Entpolitisierung namentlich des CSD sind von Kritikern immer wieder angeführte Stichworte, die diesen Anpassungstrend belegen sollen. Wenn nun die schwulwartbündlerischen Kölner Chef-KLuSTen ihre wohlerzogenen rosa Schäfchen dazu anleiten, schwarze Mitschafe möglichst umgehend an Kommissar Rex zu verpetzen, so ist solche Lammfrömmigkeit wohl nur ein konsequenter Ausdruck längst schon notorischer schwulenpolitischer Herdengesinnung. Ob das allerdings in Köln nicht nur auf die Funktionäre, sondern auch auf die „Community“ zutrifft, wird sich nicht zuletzt daran zeigen, wie viele anzeigelustige schwul-lesbische Hobbysheriffs sich am Ende anwerben lassen.
 
Queer - nicht quer
 
Gleichwohl liegt das CSD-Komitee vielleicht nicht ganz quer zur queeren Befindlichkeit. Die meisten Schwulen wollen  nicht auffallen, nicht provozieren, nicht erkennbar "anders", sondern "normal" sein. Ausnahmsweise darf man beim CSD mal ein paar Augenblicke als bunte, fröhliche, szenische Bereicherung des städtischen Frühsommers fungieren, zu eigenem Gaudi und dem der sogenannten Normalgesellschaft. Heftigste Kontroversen toben aber in Internetforen der Szene gerade heute wieder, fast 40 Jahre nach dem Auftreten der schwulen Emanzipations-Avantgarde, selbst noch über die banale Frage, ob sich schwule Pärchen auch im Alltag offen zeigen sollten. Wenigstens das erschien manchen vor dem Hintergrund offizieller Rosafärberei der schwulen Situation als eigentlich längst erkämpfte Selbstverständlichkeit. Wenn aber in Rom ein schwules Pärchen mit Steinen beworfen wird, in Berlin gar innerhalb eines Jahres eine Welle von Gewalttaten gegen Schwule und Lesben stattfindet, dann warnen im Internet sogleich verängstigte Stimmen davor, sich überhaupt als schwul erkennen zu lassen. Andererseits lassen sich gerade junge Leute, in virtuellen Coming-out- Portalen wie „gayhelp.de“ und auch jenseits des CSD täglich auf der Straße, ohne besondere Bekennerattitüde ganz selbstverständlich so sehen, wie sie sind und wie sie empfinden.
 
Rückkehr zur "repressiven Toleranz"
 
Dagegen wendet mindestens öffentlich auch kein Schwulenfunktionär irgendetwas ein. Nur möge mensch den Mainstream mit seiner schwer kalkulierbaren Liberalität und Toleranz nicht über die Maßen "provozieren". Namentlich die letztere könnte dann, so scheinen die gesetzten Herren zu fürchten, recht schnell in Repression zurückfallen. Um das abzubiegen, wendet die Kölner Homoelite lieber gleich selbst die sprichwörtliche repressive Toleranz an. Diese dürfte sich freilich spätestens dann nur noch auf intolerante Repression reimen, wenn der Appell zu gegenseitiger Szenebespitzelung und Polizeidenunziation von der so aufgeforderten Klientel wirklich ernstgenommen werden sollte. Die würde sich dann in verschiedene verfeindete Grupppierungen aufspalten, gegeneinander aufbringen und zu Stigmatisierung selbstdefinierter Szene-Underdogs verleiten lassen. Somit würden die Schwulen in die Falle tappen, die einst - und zum Teil heute noch - gegen sie selbst gerichtete Diskriminierung innerhalb der eigenen Sphäre zu kopieren. Daraus könnte schnell eine Art Schwulenverfolgung durch Schwule erwachsen. Alle Ansätze einer emanzipatorischen Minoritätensolidarität, wie sie die historische Schwulenbewegung einst proklamierte, würden dann vom machtgepanzerten Mainstream zermalmt. Und der korrekte Ordnungshomo könnte sich nunmehr auch mit offizieller Legitimation seine bevorzugten Schmuddelschwulen aussuchen und unverzüglich der Polizei melden. Dem einen paßt vielleicht ein knapper Fummel nicht, dem anderen sticht ein blanker Po ins Auge, dem nächsten, wer weiß, geht eine „unanständige“ politische Parole wider den Strich.

Anblicke, die die Polizei erlaubt...

Doch was soll eigentlich der ganze Anstandskrampf? Es wird ja niemand zum Hinsehen und Hingehen gezwungen. Und überhaupt: Ein Land, das wöchentliche Fernsehauftritte eines Dieter Bohlen ohne Massenerbrechen übersteht, in dem gar ein Roland Koch ohne Sichtblende auftreten darf, und erst recht eine Kölner Bevölkerung, die sich einen Oberbürgermeister-Kandidaten Beisicht zumuten läßt, wird ein paar textilfreie Hintern auch noch überstehen. Damit verglichen, bieten die selbsternannten Vorgesetzten aller Kölner Schwulen und Lesben einen weit unangenehmeren Anblick, indem sie dem vermuteten gesunden Volksempfinden schon vorneweg irgendwo reinkriechen.

Staatsfromme "Fronleichnamsprozession"?

Freilich hat CSD-Zensur Tradition. Auf diesen Tatbestand wies schon 1998 Eike Stedefeldt in seinem Buch "Schwule Macht" hin. Nachlesen kann man dort u.a., wie am 11. Juni 1994 das offizielle CSD-ZK in Bremen den Auftritt einer linken Gruppierung, die u.a. zu Solidarität mit anderen schikanierten Minderheiten wie Asylbewerbern und Obdachlosen aufforderte, durch massive Polizeigewalt unterbinden ließ. Vergleichbares geschah 1997 in Berlin. Die vom reichshauptstädtischen CSD-Regime herbeigerufene Polizei des berüchtigten CDU-Innensenators Schönbohm prügelte eine störende linke Gruppe aus dem staatstragenden Umzug der Sauberschwulen - einschließlich ihres „provozierenden“ Maskottchens, einer drei Meter hohen Ratte.

Aber vielleicht sieht im sonnigen Juni schon alles anders aus als im trüben Februar. Es muß ja nicht sein, daß, wie „Gay-Dissenter“ Steven Milverton spottet, der „Kölner CSD als Fronleichnamsprozession“ verendet. (PK)


Links und Literatur:

Die „Kölner CSD-Charta“ gibt es unter
http://www.csd-cologne.de/download/csd_charta.pdf

Christian Scheuß: Homo-Gurke für den KluST, queer.de
http://www.queer.de/detail.php?article_id=9993

Steven Milverton-The Gay Dissenter: Der Kölner CSD als Fronleichnamsprozession.
http://stevenmilverton.com/2009/02/11/der-kolner-csd-als-fronleichnamsprozession
 
Eike Stedefeldt: Schwule Macht oder Die Emanzipation von der Emanzipation. Elefanten-Press Berlin 1998.

Online-Flyer Nr. 186  vom 25.02.2009

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