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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Glossen
Sagen Sie nicht, Sie haben nix gewusst!
Sauer macht lustig
Von Christian Heinrici

Kennen Sie den Unterschied zwischen Karneval und Kölner Politik? Da gibt’s keinen, sagen Sie? Bei beiden gibt’s ne Menge Klüngel, und sie werden beherrscht von Pappnasen... Stimmt – aber im Gegensatz zum närrischen Treiben in der Politik ist im Karneval bekanntlich am Aschermittwoch dann wieder alles vorbei. Doch die Polit-Jecken machen immer weiter, und sollten sie doch einmal ihr Pöstchen räumen müssen, gehen sie dann eben ganz in die Wirtschaft...

Hier können Sie Christian Heinricis Glosse in Kurzfassung auch hören: file.mp3

bietmann abgestellt Foto: NRhZ-Archiv
Rolf Bietmann (erst mal abgestellt)                    
Foto: NRhZ-Archiv
...wie Rolf Bietmann zum Beispiel.

Frau Kapellmeister: Tusch! [1]

Der ist ja auch in Köln vollkommen unbekannt: Denn er ist erst seit 1977 im Vorstand der Kölner CDU und war nur knapp 30 Jahre lang Ratsmitglied. Man erinnert sich kaum dran: Im Jahre 2000 hatte Bietmann als Fraktionsvorsitzender eine Spende von über 30.000 Euro zu verantworten – bei der Bundestagswahl gab’s Werbung umsonst – und die Summe war irgendwie gar nicht verbucht worden...

Vier Jahre später wollte die Kölner Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen Bietmann (schon im nächsten Fall) nur dann einstellen, wenn er 45.000 Euro bezahlte. Hat er dann auch gemacht, vielleicht ja sogar aus der „Portokasse“, die er mit der Verteidigung von Hellmut Trienekens, dem berühmten Müll- und Spendensumpfmagnaten, vorher aufgefüllt hatte. Auch hier ging es um einen „Beratervertrag“ – und spätestens seit dieser Zeit hätte man doch über den Mann informiert sein müssen (NRhZ-Leser waren es durch Werner Rügemer).

MVA in Köln-Niehl
Die MVA in Köln-Niehl: Dort sind schon Millionen verbrannt, und „ein wenig“ Flugasche landete vermutlich auch bei Bietmann... | Foto: NRhZ-Archiv

Rolf Bietmann war nicht billig, also ich meine, er kam uns nicht billig – was immer genau seine Beratertätigkeit beinhaltete: Bei der Stadtsparkasse „verdiente“ das vorherige Verwaltungsratmitglied der Bank 25.000 Euro monatlich, zuzüglich seiner sonstigen Einnahmen und inklusive einer „Erfolgsprämie“ von 300.000 Euro. Verdient hat er die natürlich nicht wirklich, und wofür genau er die bekam, war selbst dem Wirtschaftsprüfer der öffentlich-rechtlichen Bank nicht besonders klar – wodurch die Machenschaften überhaupt erst aufflogen.

„Rolf Bietmann fragte man und beauftragte man nicht wegen seiner Rechtskunde, sondern wegen seiner Beziehungen.“ schrieb sein Partei- und Berufskollege, der Adenauerenkel Konrad, in einem Leserbrief in der „Kölnischen Rundschau“ (sehr schön in der Vergangenheitsform).
Schramma Fritz Kölner OB und Josef Esch bei der Grundsteinlegung Köln-Messe
Der Kölner OB und Josef Esch bei der
Grundsteinlegung der renovierten „Köln-Messe“
Die „Sparkasse Köln/Bonn“ habe sich von dem Juristen Unterstützung bei ihren Kontakten mit dem Oppenheim-Esch-Fonds erhofft, der die Messehalle für RTL und andere umbaute, konnte man im Bonner General-Anzeiger lesen. „Zu den Aufgaben zählten auch die ‚Verhandlungen mit Behörden und öffentlichen Dienststellen’.“ Kontakte? Warum so kompliziert?! Ein Blick ins Telefonbuch hätte doch auch gereicht!

Nun musste der gute Bietmann auf seine Kandidatur für die Bundestagswahlen erst einmal verzichten und fürchtet um seinen Verbleib in der CDU – was ihm wohl alles nicht so schwer fallen dürfte, wird er doch hinter den Kulissen weiterhin noch eine Menge Strippen ziehen. Maria Theresia Opladen, Bürgermeisterin in Bergisch Gladbach und interessanter Weise Bietmanns ehemalige Mitarbeiterin, dürfte auf seinen Listenplatz für die Bundestagswahlen rutschen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die überzeugte Katholikin nicht mehr auf der Webseite der Kanzlei aufgeführt wird, doch eine schlichte Suche bei „Google“ zeigt wie sie mit ihr verwoben war oder gar ist.

Klüngel man kennt sich Foto: Stephanie Hofschlaeger pixelio.de
Hier laufen die Geldfäden zusammen... | Foto: Stephanie Hofschlaeger Quelle: pixelio.de | Graphik: Heinrici

Bietmann hat sein „sauer verdientes Geld“ sicher gut angelegt, und schließlich ist er nach wie vor in seiner Anwalts-, Steuerberater- und Wirtschaftsprüferkanzlei [2], als Hochschulprofessor und vor allem als „Politikberater“ tätig. Dazu unterhält er sogar eine eigene Firma, die PKS, der übrigens Wolfgang Clement – auch so „ein Opfer“ böser Klüngelanschuldigungen – als Beirat angehört. [3]

Frau Kapellmeister, noch mal einen Tusch bitte!

Gut, ich könnte jetzt noch über den ehemaligen Bürgermeister Jupp Müller reden, der 300.000 Euro für gar nix von der Stadtsparkasse bekommen hatte, oder über ihren Verwaltungsratvorsitzenden Martin Börschel (SPD) und OB Schramma, die von alledem „nichts gewusst“ hatten, oder über RTL, die „Köln-Messe“, den Oppenheim-Esch Fond oder über die geplante Erweiterung des Godorfer Hafens,
Kran am Rheinauhafen Foto: mad max pixelio.de
Godorfer Hafen: hier kann man auch noch
Millionen versenken | Foto: mad max pixelio.de
die niemand braucht, der aber für über 60 Millionen Euro ein wichtiges Naturschutzgebiet zum Opfer fallen soll, oder, oder, oder...

Aber das ist alles ja gar nicht mehr lustig und wird sicher noch richtig aufgedeckt werden. Was mich allerdings wirklich sauer macht, ist, dass dieselben Politiker, die seit Jahren das Regiment in diesem „Selbstbedienungsladen“ führen, uns permanent erzählen, dass wir den Gürtel enger schnallen sollen...

Keinen Tusch, bitte, Frau Kapellmeister!

Aber, sauer macht ja bekanntlich lustig. Nehmen wir uns also den Karneval zum Vorbild: Stürmen wir das Rathaus, machen wir einen großen „Kehraus“ und fordern wir vom OB den Schlüssel. Den sollten wir vielleicht sicherheitshalber direkt danach wegwerfen, und dann könnten wir mal in aller Ruhe die Herrschaft des Volkes ausrufen – auf griechisch nennt man das „Demokratie.“

In diesem Sinne: Kölle Alaaf! (PK)

Lesen Sie hierzu auch den Artikel über die neue „Wacht am Rhein“ in dieser Ausgabe der NRhZ.

Anmerkungen:
[1]
Die Glosse wurde ursprünglich im Radio, in der Sendung „Hörens“ des Freien Lokalrundfunks Köln, veröffentlicht – deshalb taucht an diversen Stellen eine ominöse „Frau Kapellmeisterin“ (die Studiotechnikerin) auf.
[2] Laut Selbstauskunft auf der Webseite der Kanzlei berät sie Banken und Versicherungen, Unternehmen aus allen Wirtschaftszweigen, insbesondere aus dem Immobilien- und Baubereich“. Die Kosten für die Steuerzahler sind hier wieder nicht aufgeführt.
[3] Die PKS benennt ihre Geschäftsfelder: „Politische und wirtschaftliche Interessenvertretung, Vorbereitung und Begleitung von Investitionsentscheidungen im In- und Ausland, Projektmarketing im öffentlichen und privaten Raum, Strategische Öffentlichkeitsarbeit und mediale Konfliktberatung.“ – wie gut, dass Webseiten nicht vor Scham rot werden können.


Online-Flyer Nr. 185  vom 18.02.2009

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