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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Siemens will Atom-Aktivitäten mit der russischen Atomenergoprom ausbauen
Gefährliche Verwerfungen
Von Hans Georg

Der deutsche Siemens-Konzern plant die Ausweitung seiner Atomgeschäfte in Zusammenarbeit mit Moskau. Berichten zufolge will die Firma ihre bisherige Kooperation mit dem französischen Nuklearunternehmen Areva beenden, weil ihr die Teilhabe an der operativen Führung des Joint Ventures verweigert wird. Stattdessen könne Siemens seine Atom-Aktivitäten gemeinsam mit der russischen Staatsholding Atomenergoprom ausbauen, heißt es am Unternehmenssitz in München.


Mahnwache von AKW-Gegnern in Brokdorf
Quelle: www.brokdorf-antiakw.de
Moskau hat die gesamte Produktionskette der zivilen Nuklearindustrie Russlands in Atomenergoprom gebündelt und ist bereit, Siemens an der Leitung einer deutsch-russischen Atomallianz zu beteiligen. Das Geschäftsangebot hat einen hohen Stellenwert für die ökonomische Expansion des Münchner Konzerns, besitzt aber darüber hinaus eminente politische Bedeutung für die deutsch-russische Kooperation. US-Thinktanks warnen Berlin vor dem Versuch, eine Mittelstellung zwischen Washington und Moskau einzunehmen: Solche Schaukelpolitik nach traditionellem Muster könne "zu gefährlichen Verwerfungen führen".
 
Schnäppchenjäger
 
Die Siemens AG ist bislang von der weltweiten Wirtschaftskrise nicht betroffen. Auf der jüngsten Hauptversammlung konnte der Konzern für das erste Geschäftsquartal einen operativen Gewinn von rund zwei Milliarden Euro vermelden - ein Gewinnsprung von 20 Prozent. Auch im Krisenjahr 2009 will Siemens weiter zulegen und rechnet schlimmstenfalls mit einem geringen Umsatzrückgang. Der Umsatz müsse doppelt so stark wachsen wie die Weltwirtschaft, lautet die ehrgeizige Zielvorgabe.[1] Zudem will die Münchner Firma, wie auch andere deutsche Großkonzerne, die Krise zur Expansion nutzen und "Schnäppchenkäufe" tätigen: Das Management erwartet, dass durch die Konjunkturkrise potenzielle Übernahmeziele an Wert verlieren.[2]


Peter Löscher - Vorsitzender
des Vorstands der Siemens AG
Quelle: www.siemens.de
Atom-Renaissance

Um auf Wachstumskurs zu bleiben, setzt Siemens einerseits auf das Geschäft mit Umwelttechnik, dem eine große Zukunft zugeschrieben wird.[3] Andererseits hält der Konzern grundsätzlich an Atomenergie fest. Der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher spricht von einer "Renaissance der Kernkraft" und erklärt, sie gehöre zum "Energiemix der Zukunft".[4] Das entspricht der Haltung der deutschen Energiekonzerne, die trotz des Atomausstiegs im Inland nicht auf Bau und Betrieb von Atomkraftwerken im Ausland verzichten wollen - wegen dreistelliger Umsatzrenditen.[5] Der internationale Markt für Atomtechnik gilt zudem in vielen Chefetagen als viel versprechendes Geschäft, da bis 2030 weltweit der Bau von mehr als 400 neuen Atomkraftwerken geplant ist.
 
"Call" und "Put"
 
Seine Nuklearaktivitäten hatte der Konzern 2001 in das deutsch-französische Gemeinschaftsunternehmen Areva NP ("Areva Nuclear Power") eingebracht, das gegenwärtig mit 17.300 Mitarbeitern zu den weltweit führenden Herstellern von Atomkraftwerken gehört. Siemens erhielt eine 34-prozentige Sperrminorität, war damit aber von Beginn an nicht zufrieden. Eine Beteiligung an der französischen Muttergesellschaft Areva war nicht durchzusetzen; Areva profitiert von der weit lukrativeren Brennstäbe-Lieferung. Alle Versuche, wenigstens den eigenen Anteil an Areva NP aufzustocken und damit den deutschen Atomeinfluss auszuweiten, scheiterten in den vergangenen Jahren zudem am Widerstand aus Paris. Gegen vehementen deutschen Protest kündigte die französische Seite nun sogar an, eine sogenannte "Call"-Option auf den deutschen Anteil zu ziehen, das heißt, diesen in wenigen Jahren zu übernehmen.[6] Dem kam Siemens jetzt zuvor und teilte am Montag vergangener Woche nach einem entsprechenden Beschluss des Aufsichtsrates mit, man werde seine "Put"-Option nutzen. Das bedeutet: Das Joint Venture Areva NP wird aufgekündigt und der auf 2,1 Milliarden Euro geschätzte 34-Prozent-Anteil verkauft.[7]
 
Neue Allianz
 
Nach dem Ende der deutsch-französischen Atomliaison will Siemens das Kernenergiegeschäft nicht etwa zurückfahren, sondern es weiter ausbauen und bereitet dazu einen Partnerwechsel vor. Als Kandidat für die künftige Atomkooperation gilt die russische Staatsholding Atomenergoprom, in der sämtliche zivilen Nuklearfirmen Russlands gebündelt sind. Die 2007 gegründete Holding deckt damit das gesamte Spektrum der nuklearen Stromerzeugung ab - von der Kernforschung über Uranabbau, Urananreicherung, Kernkraftwerksbau und -betrieb bis hin Lagerung von Atommüll. Siemens zielt auf eine besonders enge Zusammenarbeit: Anders als in der deutsch-französischen Kooperation soll der Konzern in der deutsch-russischen Atomallianz an der operativen Führung beteiligt werden.[8]


Sergei Kirienko – Chef von
Atomenergoprom
Quelle: www.kommersant.com/
Zustimmung in Berlin
In Berlin stößt der Partnerwechsel von Siemens auf grundsätzliche Zustimmung. "Die Politik muss ein Interesse daran haben, dass Siemens seine Kompetenz in der Kernenergie erhält und möglichst ausbaut, um auf dem Weltmarkt eine nennenswerte Rolle spielen zu können", erklärt der energiepolitische Koordinator der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Joachim Pfeiffer. Die Kernenergie sei wie die erneuerbaren Energien ein weltweites Wachstumsfeld, das enorme Umsatz- und Beschäftigungspotenziale berge. Bedenken gegen ein Bündnis mit einem russischen Unternehmen weist Siemens zurück. Man habe mit dem Gemeinschaftsunternehmen Power Machines bereits gute Erfahrungen gemacht.[9] An dem russischen Turbinenbauer, der unter anderem wichtige Teile für Atom-U-Boote und die Rüstungsindustrie produziert, hat sich das deutsche Unternehmen trotz eines Vetos der russischen Kartellbehörde beteiligt und dabei sogar die technische Führung übernommen.[10]
 
Transatlantische Differenzen
 
Nach den jüngsten Gesprächen über den Ausbau der deutsch-russischen Erdgaskooperation würde mit einem Atombündnis die im vergangenen Jahr ausgerufene deutsch-russische "Modernisierungspartnerschaft" stark vorangetrieben.[11] Dies könnte jedoch für ernste Konflikte mit der Regierung des neuen US-Präsidenten Obama sorgen. Die Russland-Offensiven deutscher Firmen sorgten schon unter der Bush-Administration für Schwierigkeiten; so wurde die US-Expansion des deutsch-französischen Rüstungskonzerns EADS behindert - wegen dessen russischer Aktienanteile.[12]
 
Unangenehm
 
Tatsächlich erschien unmittelbar nach Bekanntwerden der deutsch-russischen Atomallianz-Pläne in der einflussreichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Namensartikel eines prominenten US-Politikberaters - des geschäftsführenden Direktors der Washingtoner Transatlantic Academy, eines von deutschen und US-amerikanischen Institutionen getragenen Thinktanks. Darin warnt der Autor Berlin vor einer größeren Nähe zu Moskau und vor dem Versuch, die "Rolle eines Vermittlers zwischen Russland und den Vereinigten Staaten" zu spielen. Im Verhältnis zu Russland, heißt es unter Anspielung auf die alte Schaukelpolitik Deutschlands, gebe es "zwischen Berlin und Washington echte Unterschiede hinsichtlich der Interessen, politischen Kulturen und der Methoden; diese Unterschiede können zu gefährlichen Verwerfungen führen, wenn mit ihnen ungeschickt umgegangen wird". In beiden Hauptstädten, warnt der Autor, solle man daher gefasst darauf sein, "dass die russischen Dinge unangenehm werden können".[13] (PK) 
 
[1] Siemens gibt den Krisen-Supermann; Handelsblatt 27.01.2009
[2] Siemens bereitet sich auf Schnäppchenkäufe vor; Financial Times Deutschland 08.12.2008. S. auch Mehr Geld in der Kasse
[3] Siemens setzt auf Umwelttechnik; WirtschaftsWoche 26.01.2009. S. auch Zukunftsbranche
[4] Siemens verfolgt falsche Unternehmensstrategie; Pressemitteilung Nr. 4/2009 des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre
[5] s. dazu Nukleare Optionen
[6] s. dazu Konfrontationskurs
[7] Siemens beendet Atombündnis mit Areva; Handelsblatt 27.01.2009
[8] Siemens sucht mit russischer Hilfe eine Zukunft für Kernkraftwerke; Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.01.2009
[9] Siemens beendet Atombündnis mit Areva; Handelsblatt 27.01.2009
[10] s. dazu Tauziehen und Durch die Hintertür
[11] s. dazu Eurasien und Natürliche Modernisierungspartner
[12] s. dazu Krieg und Irritationen
[13] Stephen Szabo: Für Obama liegt ein Schlüssel zu Russland in Berlin; Frankfurter Allgemeine Zeitung 26.01.2009
 
Mehr unter www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57453

Online-Flyer Nr. 183  vom 04.02.2009

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Von Kostas Koufogiorgos
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