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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Der Fern-Seher – Folge 31
Demokratierettungspreis für unsere Medien
Von Ekkes Frank

Es gehört ja irgendwie zum guten Ton (nicht nur) unter Intellektuellen, von Zeit zu Zeit eine gewaltige Medienschelte vom Stapel zu lassen, und so ganz unbegründet ist das auch nicht. Umso wichtiger scheint mir, auch einmal zu loben, wenn es etwas zu loben gibt. Zum Beispiel ist es an der Zeit, finde ich, unsere deutschen Medien für ihre grandiose Leistung zu preisen, die sie im Jahr 2008 vollbracht haben und die einfach noch nicht genügend gewürdigt wird.
Ypsilanti
Dank „unserer“ Medien verhindert –
Andrea Ypsilanti 
Foto: Manfred Giebenhain
Welche Leistung? Nun, ich spreche von der Verhinderung des unmittelbar drohenden desaströsen Ypsilantismus in der BRD. Das dumme Volk und ein paar (wenige) Politspinner waren ja nach der Hessenwahl 2008 der irrigen Meinung, diese linke Baz… - äh, Vorsitzende der hessischen SPD habe dank ihres Einsatzes im Wahlkampf und folglich mit ihrem darin verkündeten Programm das Mandat errungen, diesen Koko, den komischen Koch da, abzulösen; auch wenn 0,1 Prozent zur tatsächlichen Mehrheit fehlten.
 
Weil nun aber diese Ablösung aufgrund des Wahlergebnisses nicht anders möglich gewesen wäre als mit einer - wie auch immer gearteten - Unterstützung durch die (Gottstehunsbei!) LINKE, sahen sich alle auf-rechten, ehrlichen Demokratisten, vor allem jene im Pulk der Medien, herausgefordert, diese drohende Katastrophe zu verhindern. Und so hackten sie denn in wahrlich seltener Eintracht - man denke: BILD, ARD, FAZ, SZ, ZEIT usw. usw. ziehen alle am gleichen Strang… - die Frau Ypsilanti zu Kleinholz.

Und die Wahlversprechen von Männern?
 
Das hatte vor der Wahl schon der Herr Clement versucht, dieser (vor allem von sich) überzeugte und deshalb überzeugende Super-Sozialdemokrat unter so vielen Blödmännern, Spinnern, Verblendeten, Verirrten und Verrätern in dieser altehrwürdigen Partei. Aber erst als praktisch alle Medien, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen, mitmachten, klappte das dann auch. Das Hauptargument dabei war bekanntlich das so genannte „gebrochene Wahlversprechen der Ypsilanti“. Angesichts der Brusttöne echter Überzeugung, tiefer Verantwortung für das Ganze und edeldemokratischer Gesinnung, welche diese Kakophonie orchestrierten, fiel gar nicht weiter auf, wie schwachbrüstig und albern dieses Argument war: damit hätte man im Grunde nach fast jeder Wahl zu- und auf die meisten Politiker draufschlagen und Figuren wie Adenauer, Erhard, Strauß, Lambsdorff, Genscher, Kohl e tutti quanti zu Kleinholz verarbeiten können. Wenn man gewollt hätte. Wollte man aber nicht. Vielleicht, weil es sich um Männer handelte - die nämlich brechen kein Versprechen, wie man weiß, sondern finden immer Wege, wie man mit einer schwierigen Nachwahlsituation gewinnbringend umgehen muss.

Bewahrt vor unvorstellbarem Unheil
 
Aber in Wahrheit ging es hier ja um etwas anderes: die BRD zu bewahren vor einem unvorstellbaren Unheil. Diese machtgeile (was Männer nie sind), sture (was Männer nie sind), unbelehrbare (siehe vorangehende Klammern) Frau mit dem doch ziemlich befremdlichen (Künstler-?)Namen war - oder galt jedenfalls - für die Medienmeute als links, wie gesagt, und zusammen mit dieser sich auch noch selbst unverfroren als LINKE bezeichnenden Partei der Kommunisten aller Couleur hätte sie, die Y, nicht weniger vorgehabt (und eben bestimmt auch geschafft) als die Umwandlung erst des Bundeslandes Hessen und dann der gesamten BRD in einen realkommunistischen Staat.


Unser Fern-Seher | Foto: NRhZ-Archiv
Und was das heißt, heutzutage, liegt doch auf der Hand, auch wenn es nur wenige so klar sehen wie die genannten Medien (und in denselben solche Geistesriesen wie der Herr Klaus Bölling in der SZ), dass nämlich nach dem erfreulichen Zusammenbruch des real existierenden Sowjetimperiums und der folgenden Entwicklung solcher Musterdemokratien wie etwa Putins Russland es nur noch ein echtes, wahrhaftes Kommunismus-Modell weltweit gibt: China, China, China. Und so, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, stellt euch vor, so sollte unsere BRD werden! Verstehen Sie nun, welche unvorstellbare Katastrophe unsere Medien uns erspart haben?! Stattdessen können wir jetzt weiterhin in Ruhe und Gelassenheit alles seinen kapitalistischen - nein, sorry: sozialmarktwirtschaftlichen Gang gehen lassen, dessen Werte und Qualitäten wir ja gerade in diesen Tagen stets aufs Neue bestaunen dürfen. Dafür wird jetzt bald auch in Hessen die nunmehr neu gewählte Regierung Koch plus FDP sorgen.
 
Also bitte - ist das nicht Grund genug, den hiermit von mir erfundenen „Demokratie-Rettungspreis erster Ordnung mit schwarzrotgoldener Schleife“ zu gleichen Teilen an die beteiligten Medien zu verleihen? Die Laudatio, denke ich, könnte der Herr Schröder halten, unser deutscher Obergasmann honorarhalber. (PK)

Ich habe keinen Fernseher – ich bin ein Fern-Seher. Ich betrachte das Land, in dem ich geboren, erzogen und zu dem wurde, der ich bin, nicht mehr von innen, als Mit-Erlebender, Mit-Leidender, Mit-Kämpfer. Ich bin weg.
Aus der Ferne betrachtet – dabei ist Italien in den Zeiten von Internet und Ryanair gar nicht mehr so fern – wirkt diese BRD ziemlich klein, viel unwichtiger als sie selbst sich gern sieht („Wir sind wieder wer“). Eben wie ein normales europäisches Land.
Manchmal kriege ich dann etwas mit, das mich zu einer Reaktion motiviert. Und manchmal reise ich auch noch nach Norden, nach Germania. Und ich schalte, irgendwie gewohnheitsmäßig, das noch immer dort herumstehende TV-Gerät ein. Dann bin ich sozusagen ein totaler Fern-Seher…


Online-Flyer Nr. 182  vom 28.01.2009

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