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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Lokales
Wie könnten die bedrohten Mecom-Zeitungen gerettet werden?
Nicht durch DuMonts „Dreieinigkeit“
Von Peter Kleinert

Einen „Schritt in die richtige Richtung“ nannte die Gewerkschaft ver.di am 13. Januar die Information, dass der britische Investor David Montgomery die deutschen Zeitungen der Mecom-Gruppe an den Verlag M.DuMont Schauberg verkauft hat - als wenn die Kollegen in Berlin geahnt hätten, dass der bisher von engagierten Gewerkschaftern äußerst kritisch gesehene Verleger Alfred Neven DuMont am 15. Januar der Welt mitteilen würde, dass sein Medienkonzern künftig von einer “Dreieinigkeit“ geführt werde. Als “Dreieinigkeit“, “Dreifaltigkeit“ oder “Trinität“ wird nämlich in der christlichen Theologie üblicherweise die Einheit von "Gott Vater", "Gott Sohn" (Jesus Christus) und "Gott heiliger Geist" bezeichnet.

Dreieinigkeit
Darstellung der christlichen “Dreieinigkeit“
in einem Epitaph von 1549 im Bremer
Dom-Museum | Quelle: de.wikipedia.org
Er sei „stolz und froh“, nun mit den beiden „Vertretern der jüngeren Generation“ in seinem „traditionsreichen Familienunternehmen“ ein „Spitzenteam“ zu bilden. "Zusammenhalt" sei die "Basis, auf der ein Familienbetrieb steht“, verkündete Alfred Neven DuMont anlässlich seines Neujahrsempfangs laut Kölner Stadt-Anzeiger. Gleichzeitig gab er als Vorsitzender des MDS-Aufsichtsrats (in dem ja auch Wolfgang Clement einen Platz hat) die Umwandlung des Unternehmens in eine Holding mit dem Namen “Mediengruppe DuMont“ bekannt. In der werde die “Dreieinigkeit“, zu der neben ihm als Herausgeber künftig auch sein Neffe Christian DuMont Schütte und sein Sohn Konstantin Neven DuMont gehören, für alle Zeitungen die publizistische "Letztverantwortung“ tragen. Medienberichte über die Zukunftspläne der Verlagsführung mit den jetzt von Mecom erworbenen Titeln seien bloße "Prophetie“ und hätten mit "faktenorientiertem Journalismus nichts zu tun“.

"Faktenorientierter Journalismus“

Wir sind doch die Dreieinigkeit
Selbstdarstellung der Kölner
“Dreieinigkeit“ auf einem
etwas ergänzten KStA-Foto
vom 15.Januar
Montage: Norbert Arbeiter
An "faktenorientierten Journalismus“ im Sinne von “Gott Vater“ hatte man sich als Redakteur beim KStA schon in den 70er Jahren streng zu halten. Das erfuhr z.B. die damalige Siegburger Lokalredakteurin Ursula Junk. Die hatte mit Hilfe von DKP-Betriebsräten der Firma Dynamit Nobel in Troisdorf aus dem mächtigen Flick-Konzern und einem engagierten Arzt recherchiert, dass dort bei der durch katastrophale “Sicherheitsmaßnahmen“ besonders profitablen PVC-Herstellung einige Dutzend griechische und türkische Arbeiter an Krebs erkrankt und gestorben waren. Der Kollegin wurde von der Verlagsleitung verboten, überregional über die Ursache der Krebserkrankungen zu berichten. Als Grund für das Verbot wurde ihr vom damaligen Verlagsjustitiar mitgeteilt: Positive Unternehmensumsätze und damit Gewinne für die Verlagseigentümer (2008 stieg allein der Kölner Umsatz des Konzerns, wie auf dem Neujahrsempfang stolz mitgeteilt wurde,  auf satte 245 Millionen Euro; der Gesamtumsatz dürfte bei 700 Millionen liegen) seien eben nur durch Anzeigenaufträge möglich. Und die wolle man vom Flick-Konzern auch weiter erhalten. Ulla Junk hielt nichts von dieser Art "innerer Pressefreiheit“, kündigte und arbeitete danach für den WDR.
 
"Faktenorientierung“ fehlte nach Ansicht der Verlagsleitung, um ein zweites Beispiel zu nennen, auch einem verbraucherfreundlichen und konzernkritischen Artikel in einer KStA-Wochenendbeilage, die kurz nach dem Rausschmiss des den kapitalstarken Kölner Anzeigenkunden nicht länger genehmen liberalen Chefredakteurs Dr. Joachim Besser erschien. Er befasste sich vor allem kritisch mit Kaufhauskonzernen. 180.000 bereits gedruckte Exemplare der "Bunten Blätter" mit dem Beitrag „So werden die Verbraucher missbraucht" ließ der Verleger einstampfen, und der verantwortliche Redakteur Kurt Elbertzhagen bekam dicken Ärger.
 
„Publizistisches Sicherheitsrisiko"
 
Gegen die "Faktenorientierung“ à la Neven DuMont verstieß - um ein letztes  Beispiel zu nennen - auch der KStA-Redakteur und Gewerkschafter Hartmut Schergel, als er 1996 einen sauber recherchierten Bericht eines freien Mitarbeiters - mit ausdrücklicher Genehmigung des Chefredakteurs - ins Blatt stellte, in dem von Verwicklungen des MDS-Reisebuch-Verlags mit einem Reiseveranstalter die Rede war. Schergel habe gegen die wirtschaftlichen Interessen des Verlages verstoßen, hieß es in der Kündigungsbegründung. Deshalb sei er „ein publizistisches Sicherheitsrisiko". Dank gewerkschaftlicher Solidaritätsaktionen und eines sauberen Arbeitsgerichtsurteils kam der Kollege aber nach ein paar Monaten wieder zurück auf seinen Arbeitsplatz.

Alfred Neven
“Gott Vater“ Alfred – als er noch ein "publizistisches Sicherheitsrisiko“ war (s. unter NRhZ-Filmclips) | Foto: NRhZ-Archiv

Halten sich DuMont-Redakteure hingegen an die "Faktenorientierung“ von “Gott Vater“ aus der nun gegründeten “Dreieinigkeit“, wird dessen Verlag mit großflächigen Anzeigen belohnt - zum Beispiel durch die der Abfallentsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Köln mbH (AVG). Mit denen wurden zum Beispiel vor ein paar Jahren im KStA erfolgreich die Proteste der Bürgerinitiative "Müllvermeidung statt Müllverbrennung" gegen die unter höchst korruptiven Umständen entstehende Kölner Müllverbrennungsanlage öffentlichkeitswirksam gekontert - vor allem, weil sich Redakteure Kurzfassungen dieser Propaganda-Anzeigen zur eigenen “unabhängigen Meinung“ in redaktionellen Berichten und Kommentaren machten. Zitat aus dem KStA-Lokalteil: „Jede Bauverzögerung kostet die Gebührenzahler Millionen".   

„Nur zu begrüßen“
 
Investmentgesellschaften seien nicht die geeigneten Eigentümer in der Medienlandschaft. Sie wollten allein am Investment verdienen, verfolgten aber „keinen publizistischen Ansatz“. Dies mache der Verkauf der deutschen Zeitungsverlage Berliner Verlag (Berliner Zeitung, Berliner Kurier, TIP-Magazin, Netzeitung u.a.) sowie der Hamburger Morgenpost durch die britische Mecom-Gruppe deutlich, erklärte die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) in einigen Pressemitteilungen vom 13. Januar. Deshalb sei es „nur zu begrüßen“, dass diese Zeitungen „den Abenteuern der Finanzmärkte entzogen“ würden. Letzterem kann man im Prinzip ja durchaus zustimmen, aber kaum unter dem hier an einigen Beispielen dargestellten „publizistischen Ansatz“ des DuMont-Verlags. Und auf welche „Abenteuer“ sich die der “Heuschrecke“ Montgomery/Mecom entkommenden Beschäftigten in Berlin und Hamburg nun gefasst machen müssen, belegen auch die Erfahrungen der KollegInnen bei der Frankfurter Rundschau und im Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH (DUV) nach der Übernahme der Kapitalmehrheit durch DuMont.
 
Geplant sei, berichteten wir in NRhZ 145 am 7.5.2008, bereits zum 1. Juli 2008 Grafik, Layout, Bild, technische Redaktion und Produktionssteuerung in einer eigenen, selbständigen Einheit zusammenzufassen. Unter dem Namen FR-Design GmbH sollte diese hundertprozentige Tochter der DUV ihre Leistungen dann auch dem neuen FR-Mehrheitsgesellschafter in Köln anbieten. Laut Geschäftsführung sollten Änderungen auch im Finanz- und Rechnungswesen sowie im Controlling vorgenommen werden, damit DuMont diese Aufgaben zum 1. Juli nach Köln holen könne, „um die Gruppensynergien und Services besser nutzen zu können“. Allein dadurch sollten 16 FR-MitarbeiterInnen ihren Arbeitsplatz verlieren. Außerdem wurden die Regionalausgaben wurden von sieben auf drei reduziert.
 
„Eines der besten Ergebnisse“
 
Die Frankfurter KollegInnen wehrten sich zwar monatelang mit Demonstrationen und Warnstreiks, doch verhindern konnten sie die entscheidenden Pläne des neuen Eigentümers nicht: Die Zeitung wurde auf Tabloid-Format zurechtgestutzt, änderte unter dem neuen Chefredakteur Uwe Vorkötter einiges an ihrem früher mal kritischen Charakter, Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze, und mit der FR-Design GmbH wurde eine erste Outsourcing-Firma gegründet, um aus den Branchentarifen für Druckindustrie und Zeitungsverlage auszusteigen (s. NRhZ.146 vom 14.5.2008).
 
Nicht zuletzt deshalb konnte man nun auf dem Neujahrsempfang 2009 darauf hinweisen, „dass MDS im Jahr 2008 eines der besten Ergebnisse seiner Geschichte erwirtschaftet“ habe. Kein Wunder: denn auch beim Mutterkonzern mussten (siehe NRhZ 150 vom 11.6.2008) in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt rund 800 Mitarbeiter von 1.950 ins Gras beißen. Meist trennte man sich von ihnen heimlich mit Abfindungen, um kein Aufsehen oder gar gewerkschaftlichen Widerstand zu erregen.
 
Mal zu Merkel und Steinbrück gehen!
 
Neben der Gewerkschaft ver.di freut sich laut FOCUS-online inzwischen auch der Redaktionssausschuss der Berliner Zeitung darüber, dass man von der BVZ Deutsche Mediengruppe der Mecom-“Heuschrecken“ um David Montgomery nun zur Mediengruppe DuMont überwechseln darf. Sollten sie und ihre Hamburger KollegInnen nun aufgrund der ihnen bislang unbekannten dort herrschenden Arbeitsbedingungen Bedenken bekommen, gäbe es für sie vielleicht doch einen besseren Ausweg aus der drohenden Mecom-Pleite. Laut Montgomery sind auch sie ja ein Opfer der durch Spekulanten und Banken hervorgerufenen Weltfinanzkrise geworden - wie Hypo Real Estate und die “notleidende“ Commerzbank, die nun mit zweistelligen Milliardenbeträgen gerettet werden sollen. Warum gehen sie nicht zu Angela Merkel und Peer Steinbrück, Klaus Wowereit und Ole von Beust und bitten mit dieser Begründung - unterstützt von Betriebsräten und Gewerkschaft - um einen “Kleinkredit“ von 152 Millionen, um dadurch nicht nur ihre Arbeitsplätze zu retten, sondern gleichzeitig aus ihren von der Insolvenz bedrohten privaten Verlagen so etwas wie öffentlich-rechtliche Zeitungen zu machen? Diese Forderung an den Gesetzgeber hat die Deutsche Journalisten-Union (damals noch in der IG Druck und Papier) schon vor etwa 30 Jahren gestellt. Und zumindest der von der LINKEN gestützte Regierende Berliner BM dürfte es eigentlich schwer haben, sich einem solchen Wunsch zu verschließen.
 
Öffentlich-rechtliche Zeitungen
 
Anlässlich der Folgen von DuMont’scher "Letztverantwortung" bei der Frankfurter Rundschau wurde diese Idee vor dem Landesmedientag der dju Hessen am 10. November 2007 wieder einmal aufgegriffen: „Der Staat hat dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung mit Wasser, Strom und Gas versorgt wird. Warum ist er nicht zuständig für die Informationsversorgung der Bevölkerung? Eine öffentlich-rechtliche Zeitung? Ist das die Lösung?“ Natürlich wäre das eine Lösung. Über eine befristete Teilverstaatlichung von Kreditinstituten denkt man ja in Berlin angeblich nach. Und in den USA ist sogar die Rede von kompletten Bankenverstaatlichungen unter dem neuen Präsidenten.

Solange die Kartellbehörden das profitable Geschäft, das die DuMont-Holding durch den Kauf der Mecom-Zeitungen machen will, noch nicht genehmigt haben, könnten die jetzt betroffenen KollegInnen in Berlin und Hamburg mit Hilfe ihrer Gewerkschaft das ja auch versuchen. Diesmal nicht nur mit der Forderung nach "Pressefreiheit", sondern mit Finanzkrise, Konjunkturpaketen und Superwahljahr im Rücken vielleicht sogar mit Aussicht auf Erfolg. Und wenn der bekennende Christ Alfred Neven DuMont mit der “Dreieinigkeit“ nicht nur einen Neujahrswitz gemacht hat, dürften er und Sohn Konstantin einer solchen Lösung eigentlich nicht widersprechen. Sein Neffe sowieso nicht, denn der heißt ja Christian.
 
Nur ein erster Schritt
 
Dass durch die Überführung von Zeitungsverlagen, die in erster Linie dem Profit von Spekulanten, Privateigentümern oder Konzerninteressen dienen, in öffentlich-rechtliche Verhältnisse in Sachen Pressefreiheit nur ein erster Schritt getan würde, um Journalisten und Zeitungslesern unabhängige Berichterstattung zu sichern, dürfte aufmerksamen Rundfunkteilnehmern schon lange klar sein. Auch “Öffentlich-rechtlich“ ist, wie jeder sehen und hören kann, kein Qualitätssicherungsmodell mehr. Das beginnt mit dem Gerangel um die Besetzung von Posten in den Aufsichtsgremien der Rundfunkanstalten nach Landtagswahlen,  wird deutlich an “Programmreformen“, durch die kritische Magazine wie MONITOR auf 30 Minuten verkürzt und in ungünstige Sendezeiten verlegt wurden, und endet sogar mit der Zensur von Sendungen, die sich ausgerechnet “Rundfunkfreiheit“ zum Thema gemacht hatten. Es muss also nicht nur die Frage nach Vergesellschaftung der privaten Medien sondern auch die nach einer demokratischen Reform der gesellschaftlichen Medieninstitute gestellt werden. (PK)

Online-Flyer Nr. 181  vom 21.01.2009

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