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Aktueller Online-Flyer vom 27. Mai 2016  

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Die gesetzlichen Räuber und Mörder
Von Anneliese Fikentscher



„Die Armut bekämpfen, den Frieden aufbauen“, so lautet im Jahr 2009 der fromme Wunsch des römisch-katholischen Stellvertreters Gottes auf Erden, Papst Ratzinger, zum diesjährigen, so genannten Weltfriedenstag. Gehorsam und traditionsgemäß und nicht ohne sichtliches Vergnügen lädt der Kölner Stellvertreter des Stellvertreters, Joachim Kardinal Meisner, hoch- und niederrangige Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Armee in das Haus Gottes, aus dem Jesus die Händler einst vertrieb.
 
In der Phantasie von Gottes General Meisner entspringen die Glorreichen und Gerechten - Kämpfer für Recht und Gesetz - offenbar Männerbünden aus angestaubten Hollywood-Western, deren rauchende Colts allerdings längst per Hightech aus der Wüste Nevadas fernsteuerbar sind. Und die Spießgesellen der so genannten westlichen Wertegemeinschaft und handfesten Militärbündnisse verlautbaren ungeniert: „Wir können alles sehen, was sich bewegt, und wir können alles zerstören, was wir sehen...“ (Richard Perle, Berater im US-Verteidigungsministerium - 2002). Dieser Logik folgend, regnete es in Afghanistan auf die durch gerechte Bomben befreite Bevölkerung Brot, das von Splitterbomben nicht zu unterscheiden war.
 
Den in der katholischen Mythologie bekannten Heiligen Martin, vormals Soldat und Offizier, später Mönch und Bischof von Tours, der in zahlreichen Kinderliedern und Kirchenbräuchen als Wohltäter und Barmherziger gepriesen wird, bezeichnet Kardinal Meisner in seiner Predigt als „geradezu Prototyp des miles christianus, eines christlichen Soldaten.“ Sankt Martin, Bischof von Tours war allerdings nicht an die Richtlinien der deutschen Armee gebunden, deren Aktualisierung im Jahr 2003 als Kernidee das Präventivkriegskonzept installiert - mit weltweitem Einsatzradius. So sind „Vitale Sicherheitsinteressen Deutschlands: ... Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt“ (Wortlaut „Verteidigungspolitische Richtlinien“, 1992).
 
Frieden aufbauen?
 
Kein Raub, kein Mord, keine Leichenschändung durch deutsche Soldaten. Keine Gewissensbisse, denn die Überwindung der Tötungshemmung sind elementarer Bestandteil der militärischen Ausbildung an der Waffe. Es muß nicht immer Tucholsky sein, der Soldaten und Mörder auf eine Stufe stellt. Der streitbare Dichter Georg Büchner definierte schon 1834 das Wesen des Soldatentums: „Sie sind die gesetzlichen Mörder, welche die gesetzlichen Räuber schützen.“ Traditionspflege und Vergangenheitsbewältigung betreiben die Verantwortlichen der Bundeswehr im alljährlichen Aufmarsch der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald. Der gemeinsame Feldgottesdienst schützt den in Italien wegen Kriegsverbrechen zu „lebenslänglich“ verurteilten früheren Wehrmachtsleutnant und Kompanieführer eines Gebirgspionierbataillons, Josef Scheungraber.
 
Armut bekämpfen?

 
Setzt die Armee sich künftig aus einem Heer von Arbeitslosen zusammen, die von Werbeoffizieren der Bundeswehr in regelmäßigen Veranstaltungen in den „Agenturen für Arbeit“ und zuvor bereits in Schulen, bei Industrie- und Handelsmessen mit Versprechen von Karriere und Kameradschaft geködert werden? Funktioniert Sozialabbau als Rekrutierungshilfe der Bundeswehr? Jonna Schürkes schreibt im IMI-Magazin 10/2005 von einer möglichen Zwangsrekrutierung mit Hartz IV: „ Der Druck, eine Ausbildungs-/Arbeitsstelle zu finden, und sei es als Soldat bei der Bundeswehr, wurde mit Hartz IV zum Zwang.“
 
Gelobt sei Jesus Christus. Die katholische Friedensbewegung PAX CHRISTI, Frieden im Namen Christi, ist - wie alljährlich - aus dem Tempel Jesu gebannt. Folgerichtig, denn da beweihräuchert sich, auf Einladung von Gottes General Meisner, das Militär. Ganz nüchtern kommentierte es der große Kölner Dichter Heinrich Böll: Vorsicht sei geboten bei Militärgottesdiensten, es gebe ja auch keine für Zahnärzte. (PK)

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Online-Flyer Nr. 180  vom 27. Mai 2016



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