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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Steinbrück – „Politiker des Jahres" oder „Meister der Pfuinanz“?
Ausgezeichnete Volksenteignung
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

„Wie steht es um meine Pfuinanzen?!“, so kräht auf den Bühnen der Welt seit 1896 Alfred Jarrys berühmt-berüchtigter „Ubu Roi“. Der legendäre, tyrannische „König Ubu“ hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt: Mindestens in seiner unersättlichen Gier erscheint er gerade heute als literarischer Prototyp des heutigen „neoliberalen“ Kapitalismus. (1) Wenn ihm dann die häßliche, ungeschminkte Wahrheit über seine selbstverschleuderten „Pfuinanzen“ offenbart wird, schreit er wütend „merdre!“ - zu deutsch „Schreiße!“ - und läßt das zum Maulhalten und Bezahlen seiner Prasserei verpflichtete Volk noch weiter ausbluten.


König Ubu – immer noch aktuell                       
Quelle: wikipedia
Ganz in diesem Sinne haben wir es heute mit einer Art postmodernem Ubuismus zu tun und wollen daher im folgenden auch nur noch von „Pfuinanzen“ und „Pfuinanzkrise“ sprechen. Insbesondere, da wir zu vermelden haben, daß unser insofern „Pfuinanzminister" Peer Steinbrück am Donnerstag vergangener Woche einen ihn vollkommen angemessen „auszeichnenden“ Preis erhalten hat. Das Etikett „Politiker des Jahres“ darf er nun mit Stolz tragen, wurde es ihm doch von einem Milieu angehaftet, zu dem er allerspätestens von Stund an selbst gehört und das von der „Pfuinanzkrise“ noch am ehesten profitiert.

Wer „zahlt" für Steinbrücks Preis?

Preiswürdig erschienen dem Spaßkomitee, das diese „Auszeichnung“ verleiht, zwei unvergängliche Verdienste des charismatischen Publikumslieblings, den kaum einer kennt: Erstens, daß er die „Pfuinanzkrise“ ganz im Sinne des Systems und insbesondere der Großbanken und Chefzocker „gemanagt hat“; und zweitens, und das vor allem, daß er via Hofpresse und Staatsmedien von Bild bis ARD gerade dem auszunehmenden Zahlvolk bislang erfolgreich vorgemacht hat, die partielle Enteignung des mit Kleinkonten gesegneten Steuerzahlers zugunsten der Pfuinanzjongleure erfolge zum besten Wohle der nichtvermögenden Bevölkerungsschichten.


Bekam den Preis, den er verdient – Peer Steinbrück | Quelle: NRhZ-Archiv

Polit-PR als Kunst der Täuschung
 
Diesen sogenannten Politik-Award, eben die Auszeichnung "Politiker des Jahres", hat nämlich das nach eigenem Bekunden "einzige Fachorgan für die Kommunikation von Politik" gestiftet, nämlich - genau – "Politik und Kommunikation". Bei dieser Symbiose soll freilich keinesfalls eine Aufklärung des formal noch wahlberechtigten Plebs über Hintergründe oder gar die treibenden Interessenkräfte der herrschenden Politik bewirkt werden - von irgendwelchen Alternativen zu dieser ganz zu schweigen. Im Vordergrund steht vielmehr ausschließlich, wie man Politik durch PR - eine zeitgemäße Abkürzung mithin von Propaganda - einerseits psychologisch indoktrinieren, andererseits und vor allem warenmäßig "kommunizieren" kann. Also darum, wie man, ganz im Sinne Ubus, noch "Schreiße" für Gold verkaufen kann. Eine Politik nämlich, die das vielbeschworene öffentliche „Wohl“ ausverkauft und selbst allzumal käuflich ist, läßt sich ja auch kaum im offenen Diskurs der „bürgerlichen Vernunft“ vermitteln. Hier helfen nur die nicht umsonst mit Millionenaufwand promoteten Maßgaben der Werbekunst, einer zivilen Variante der psychologischen Kriegsführung, um menschenfeindliche Politik wie jedes andere minderwertige Produkt zu „vermarkten“. Somit ist die Begründung für die Kür Steinbrücks auch kennzeichnend, hebt sie doch seine „herausragende Rolle beim Umgang mit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise“ lobesam hervor. So wird eben nach den Rezepten, die man bei „Politik und Kommunikation“ auskocht, „Politik kommuniziert“.
 
Der Zuschnitt der Publikation ist entsprechend professionell, verbunden mit einem in dieser Branche unumgänglichen Hochgrad von Schleimigkeit. In gewisser Weise läßt sich „Politik und Kommunikation“ als eine Art Schnittstelle betrachten, an der sich Politik-Mainstream, bezahlter Hofjournalismus, demographischer Volksbeforschung und Werbebranche versammeln.
 
Dreamteam Steinbrück-Koch


Passender Laudator – Roland Koch
Quelle: NRhZ-Archiv
Zu solchem Highlight von demokratischer Kultur paßt nicht nur der Preisträger, sondern auch sein Laudator. Als solcher trat der eigentlich abgewählte, aber dank “ubuistischer“ Künste im Bereich von „Politik und Kommunikation“ wahrscheinlich auf Dauer unabsetzbare hessische CDU- Ministerpräsident Roland Koch auf. Der pflegt seit einiger Zeit anscheinend ein regelrechtes Intimverhältnis zu Steinbrück. Die „Süddeutsche Zeitung“ spielte, aus welcher Rücksichtnahme auf den „Preisträger“ auch immer, die persönliche Große Koalition dieser beiden Sympathieträger unangemessen herunter: „Peer Steinbrück dürfte zu den ganz wenigen in der SPD gehören, die Roland Koch noch freiwillig die Hand geben.“

Diese Art Understatement grenzt aber nachgerade an Desinformation; Roland Koch selbst definierte die beiderseitige Connection wohl zutreffender als „das Maximum, das sich zwischen Konkurrenten erreichen läßt“. Allerdings wurde es dem Ausgepriesenen bei Kochs Lobhudelungen, der Süddeutschen zufolge, doch etwas flau, die ihn mit dem Satz zitiert: „Noch ein Lob von Herrn Koch und ich bin politisch tot.“
 
Der Eitelkeit mag ein solcher Preis wohl zugute kommen, andererseits kann durch Medienpräsenz zuviel gaffender Pöbel uneingeladen in die feine Festversammlung hineinspähen. Wahre Männerfreundschaft und erst recht das, was man zum Beispiel mit den Herren Bankenvertretern hinter verschlossenen Türen auskungelt, zeichnet sich eben durch Verschwiegenheit und Diskretion aus. So, wie es die „Rheinische Post“ aus gleichem Anlaß mit Blick auf die vergleichbare „Männerfreundschaft“ zwischen den Grundrechtsdemonteuren Schily (SPD) und Beckstein (CSU) höfisch-kratzfüßig beschreibt: „Man speiste italienisch, verschwiegen, Schily suchte den Wein aus.“ So wird eben Politik gemacht, mit katastrophalen Auswirkungen auf Demokratie und Grundrechte und das „Volksvermögen“ sowieso: Man „speist verschwiegen“, als Lieblingsmenü steht Schlachtvieh in Fülle zur Verfügung. Wie schon zu Zeiten des unersättlichen Ubu Roi.
 
Postmoderne Potemkins
 
Solch "diskretem Charme der Bourgeoisie zum Trotz werfen wir abschließend einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Unternehmens “Politik und Kommunikation“, das - Stichwort „Schittstelle“ - mehr ist als nur eine „Fachpublikation“. Schauen wir uns beispielhaft zwei der   „hochrangigen Berater aus „Wissenschaft und Praxis“ an, die bei “Politik und Kommunikation“ im Hintergrund mitwirken. So etwa Peter Schmidt-Deguelle, einst der PR-Chefvermarkter des Steinbrück-und-Koch-Vorgängers Hans Eichel, zeitweise als Staatssekretär Sprecher der hessischen Landesregierung und zugleich Sabine Christiansens "Chefberater". Daß der charismatische Politstar Eichel denn auch auffallend oft zu Christansens Selbstbestätigungstalk der Wirtschafts- und Politelite eingeladen wurde, hatte freilich mit der angedeuteten Doppelfunktion Schmidt-Deguelles niemals das Geringste zu tun.
 
Auch Herr Professor Dr. Dr. Klaus Kocks, Jahrgang 1952, gehört zum erlauchten Konsultanten-Kreis bei “Politik und Kommunikation“. Zum „Curriculum vitae" des Doppeldoktors zählen unter anderem folgende Spitzenpositionen im Bereich vollständig interessenunabhängiger Wissenschaft – Zitat: „PR-Karriere in der Energiewirtschaft und der Automobilindustrie; Alleingeschäftsführer Informations-Zentrale der Elektrizitätswirtschaft IZE (Frankfurt/Main), Sprecher der Hersteller und Betreiber der Kernkraftwerke in Deutschland, Hauptabteilungsleiter Aral AG (Bochum), Direktor Ruhrgas AG." Derzeit ist Prof. Dr. Dr. Kocks Geschäftsführender Gesellschafter des VOX POPULI Meinungsforschungs-Instituts GmbH (Horbach/Westerwald). Sein wissenschaftliches Spezialgebiet: „Strategisches Kommunikations-Management“. Was außerhalb des aufgeblasenen Vermarkterjargons bloß heißt: vorsätzlich organisierte Steuerung der „vox populi“, also der öffentlichen Meinung, durch Public Relations, abgekürzt PR. Oder auch professionelle Irreführung der Massen, sei es für Konsumschrott oder Politjunk.
 
Volks-Preis für Steinbrück: "Rote Karte"
 
Ein neoliberaler Ideologe und zuverlässiger Administrator des Kapitalinteresses in Regierungsdiensten wie der Clement-Jünger Steinbrück ist für die Interessen, die am ehesten professionelle, gar professorale Propagandaexperten anheuern können, natürlich Gold und mindestens einen solchen Preis wert. Wem es gelingt, das Verschieben von x Milliarden Euros weg von den nägelkauenden Kleinverdienern und Schwachperformern hin zu Großbanken und Börsenbrokern, mithin den Verursachern der „Pfuinanzkrise“, als Volkswohltat zu "kommunizieren", hat diesen Preis mindestens als Strafe redlich verdient. Im nachhinein wird dadurch allerdings nochmal die Richtigkeit der proletarischen Maßnahme unterstrichen, ihn als DGB-Hauptredner beim 1. Mai 2004 auf dem Rudolfplatz zu Köln wegzupfeifen, nicht, ohne ihm tausendfach die „Rote Karte“ zu zeigen. Und abgewählt wurde er als NRW-Ministerpräsident dann auch noch.
 
Da war's bei der Preisverleihung doch angenehmer: Atomlobbyist Koch (abgewählt) hielt dort also für den Pfuinanzlobbyisten Steinbrück (abgewählt) die Laudatio. Und beide zusammen konnten sich gemeinsam mit Atompropagandist Prof. Dr. Dr. Kocks darüber freuen, mit welchen Kriegswaffen "strategischer Politikkommunikation" es gelungen ist, in Hessen statt des abgewählten Koch die Wahlgewinnerin Ypsilanti abzuschießen. Ubu Roi hätte es kaum besser machen können, merdre, voilà. Der wird am Ende allerdings doch noch vom Volk gestürzt. (PK)
 
 
(1) Alfred Jarry (1873-1907): Ubu, Stücke und Schriften - Zweitausendeins, 2007; 370 S., 10 €.



Online-Flyer Nr. 176  vom 10.12.2008

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