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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2021  

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Inland
Auch “Landesvater“ Jürgen Rüttgers bekam sein Fett weg
Lesung von Semra Idic
Von Georg Lehner

Die 19 Jahre junge Roma-Frau Semra Idic hat am 26. November im Düsseldorfer Kulturzentrum „zakk“ aus ihrem Buch vorgelesen. Ein nur kleines, aber sehr interessiertes Publikum hing an den Lippen der jungen Frau, die in ihren wenigen Lebensjahren bereits mehr Dramen erlebt hat, als andere bis ins hohe Alter.

Semra Idic
Semra Idic liest im „zakk“ – „Auch andere müssen leiden“ | Foto: fiftyfifty

„Wenn nicht sogar sehr – Meine Geschichte unserer verhinderten Abschiebung“, so der Titel, macht exemplarisch am Beispiel des eigenen Schicksals auch auf die Lage der über 200.000 anderen Flüchtlinge in Deutschland aufmerksam (NRhZ berichtete mehrfach). „Ihr sollt wissen, dass das, was uns angetan wurde, nicht besonders schlimm war im Vergleich zu anderen Fällen“, sagte Semra und las darauf das Kapitel „Auch andere müssen leiden“. Unter der Moderation von Ko-Autor Hubert Ostendorf von der Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“, der die Kampagne gegen die Abschiebung im Wesentlichen organisiert hatte, beerichtete sie auch von der Kraft der Solidarität. Semra wörtlich: „Ohne die Unterstützung vieler Menschen und ohne Asyl in fünf Kirchen hätten wir es nicht geschafft.“
 
Die etwa 20 ZuhörerInnen, die am Ende alle ein Buch von Semra kauften, waren beeindruckt von der Geradlinigkeit und Ausdauer der jungen, sympathischen Frau, aber auch von ihrem Respekt selbst Gegnern gegenüber. Semra, die gerade erst den „Initiativenpreis“ von „Jugendliche ohne Grenzen“ www.jogspace.net bei der Wahl des „schlimmsten Abschiebeministers“ Christoph Ahlhaus, Hamburg, in Potsdam von Schauspieler Jochen Senf erhalten hatte, sparte nicht mit Kritik an dem verstorbenen Oberbürgermeister Düsseldorfs, Joachim Erwin, der wahrheitswidrig behauptet hatte, die Familie sei kriminell – ihr Vater wurde mit diesem Argument vor drei Jahren zu Unrecht in ein Elendsghetto nach Südserbien abgeschoben.
 

Ministerpräsident Rüttgers und Edijan –
der Ministerpräsident nutzte das
Schicksal der Familie für seine Public
Relation | Foto: Semra Idic
Auch “Landesvater“ Dr. Jürgen Rüttgers, den Semra zu ihrer Lesung eingeladen hatte bekam sein Fett weg. „Mein Buch soll helfen, ihn zurückzuholen“, so Semra mit Pathos. In dem vorgetragenen Kapitel „Der Händedruck der Hoffnung“ zeigt die junge Autorin, wie der Ministerpräsident das Schicksal der Familie für seine persönliche PR missbraucht hatte, ohne sich um das in Aussicht gestellte Bleiberecht zu kümmern. Semra hätte Herrn Rüttgers gerne mit ihrer Enttäuschung konfrontiert. Doch Rüttgers hatte – wieder einmal – abgesagt, für den Tag der Lesung und „auf Sicht“ habe er keine Zeit.
 
Gründungsmitglied von „Stay“
 
In der Fragerunde, die Hubert Ostendorf mit dem berühmten Satz „Kein Mensch ist illegal“ des Shoa-Überlebenden Elie Wiesel (Jahrgang 1928) einleitete, spielte auch das Vorwort von Nobelpreisträger Günter Grass eine Rolle – vorgetragen von Streetworker Oliver Ongaro, der das erste Kirchenasyl für die Familie organisiert hatte und – wie Semra – zu den Gründungsmitgliedern der Flüchtlingshilfe „Stay!“ (www.stay-duesseldorf.de) gehört, der Semra den Reinerlös aus dem Verkauf ihres Buches zukommen lässt.
 
Am Ende gab sie eine Sammelbüchse herum, um für ihren notleidenden Verein etwas Geld zu bekommen. Und natürlich gab es jede Menge Respekt für den gewonnenen Kampf der „Jeanne d’Arc gegen das Unrecht der Abschiebung, einer Tochter von Mutter Courage“, wie Hubert Ostendorf bei der Überreichung eines großen Blumenstraußes unter dem Applaus des Publikums sagte.
 
Die Titelseite von Semras Buch finden Sie hier rechts in dieser Ausgabe. Der Verlag des Straßenmagazins „fiftyfifty“, das die Kampagne gegen die Abschiebung von Familie Idic koordiniert hat, hat das Buch herausgeben (ca. 140 S., einige Fotos, Hardcover Leinen m. Schutzumschlag): 18,90 Euro zzgl. Versand. Bestellung: www.fiftyfifty-galerie.de oder unter 0211/9216284. Ein engagiertes Weihnachtsgeschenk. (PK)

Online-Flyer Nr. 175  vom 03.12.2008

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