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Aktueller Online-Flyer vom 20. September 2017  

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Kultur und Wissen
Zum 8. März: Erinnerung an Klara Marie Faßbinder
"Das Friedensklärchen"
Von Manfred Demmer

Als fünftes Kind eines Volksschullehrers 1890 in Trier geboren, katholisch und sehr kaisertreu, jedoch auch aufgeschlossen für soziale und politische Fragen erzogen, war sie zunächst eine glühende Nationalistin. 1913 war sie als eine der ersten weiblichen Studierenden an der Universität Bonn immatrikuliert und bestand dort 1917 das Staatsexamen für das höhere Lehramt mit Auszeichnung. Um ihre "vaterländische Gesinnung" zu beweisen, hatte sie sich im letzten Kriegsjahr im "vaterländischen Hilfsdienst" verpflichtet. Die Erlebnisse im Krieg - vor allem Gespräche mit Franzosen - ließen sie über den Krieg nachdenken. Auch die Veränderung der Gesellschaft durch die Novemberrevolution betrachtete sie nun als Aufbruch in ein anderes Zeitalter. Hatte sie noch wenige Jahre vorher vehement das Frauenwahlrecht abgelehnt, begrüßte sie es nun umso mehr.

Sie schloss sich dem "Friedensbund deutscher Katholiken" an, wandte sich ab 1933 mehrmals öffentlich gegen anti-jüdische Übergriffe, trat noch immer für eine deutsch-französiche Verständigung ein, als die Nazis das Saarland, wo sie als Lehrerin tätig war, "heimholten" und wurde deshalb aus dem Schuldienst entlassen. Während der Kriegsjahre arbeitete sie als Leiterin einer privaten katholischen Mädchenschule in Horrem.

Nach der Befreiung vom Faschismus veranlassten sie ihre Erfahrungen aus den beiden Weltkriegen, alles in ihrer Möglichkeit stehende gegen eine Eskalation des sich entwickelnden "kalten Krieges" zu tun. 1951 reiste sie in die Sowjetunion, sprach mit Nikita S. Chruschtschow und traf in der DDR Walter Ulbricht. Ihre Haltung machte sie in dem Satz deutlich: "Für die Völkerverständigung ist Verstand und das Herz notwendig". 1951 war sie in Velbert bei der Gründung der "Westdeutschen Frauen-Friedensbewegung" dabei und wurde Vorsitzende dieser losen, überparteilichen und überkonfessionellen Frauengruppierung. Die WFFB verband nach Fassbinders Überzeugung "die Christin neben der Marxistin, die Hausfrau mit der Berufstätigen, die Wissenschaftlerin mit der Arbeiterin", die gemeinsam mit Petitionen, Vortragsreihen und Kongressen für den Frieden und die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten eintraten.

1933 im 'Friedensbund deutscher Katholiken'
1933 im "Friedensbund deutscher Katholiken"
Plakat: NRhZ-Archiv


Unter ihrer Regie fand im Mai 1952, kurz vor der Verabschiedung der Generalverträge (Beitritt zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft - EVG), eine Demonstration in Bonn statt, an der 1600 Frauen teilnahmen. Helene Wessel, damals noch in der Zentrumspartei, trat als Gastrednerin auf. Da die WFFB von staatlichen Stellen als kommunistische Tarnorganisation betrachtet wurde, wurde Klara Marie Faßbinder 1953 als Professorin suspendiert und ein Jahr später beurlaubt. Als die WFFB in Rheinland-Pfalz verboten werden sollte, gingen die Frauen vor Gericht und gewannen 1960: Das Gericht konnte keine kommunistische Steuerung feststellen. "Die WFFB bewegte sich aufgrund ihrer Überparteilichkeit und ihrer Kontakte zum Osten deutlich gegen den Zeitgeist des Antikommunismus", hieß es 1999 im "Frauenpolitische Rundbrief" der Grünen/Bündnis 90.

1960 startete sie mit anderen Frauen der WFFB eine Kampagne gegen die Notstandsgesetze, unterstützte die Kandidatur der Deutschen Friedens-Union (DFU) bei der Bundestagswahl 1961 und gehörte auch dem Ehrenpräsidium der VVN an, die auf Betreiben der damaligen Bundesregierung verboten werden sollte. Der Prozess vor dem Bundesverwaltungsgericht platzte, als VVN-Mitglied Ludwig Baumgarte im Gerichtssaal Dokumente präsentierte, die den vorsitzenden Gerichtspräsidenten als strammen Nazi entlarvten, und das Verfahren zu einem internationalen Skandal zu werden drohte.

1967 versagte Bundespräsident Heinrich Lübke ihr die Entgegennahme des französischen Ordens "Les Palmes Académiques" für ihre Bemühungen um die deutsch-französische Freundschaft und ihre Übersetzung der Werke Paul Claudels. Einige Zeit vorher hatte die VVN publik gemacht, dass der Bundespräsident an der Planung von KZ-Bauten beteiligt gewesen war. Manch einer witterte in der Lübkeschen Versagung eine "Retourkutsche". Lübkes Nachfolger Gustav Heinemann revidierte die Entscheidung, und so bekam Faßbinder den vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle verliehenen Orden doch noch.

Vor vierzig Jahren schrieb die WFFB einen Brief an die Regierung der damals regierenden großen Koalition, der vom "Friedensklärchen " unterzeichnet und immer noch oder schon wieder aktuell ist. Darin heißt es u.a.:

Klara Marie Faßbinder "In der Überzeugung, dass Politik nicht nur von Kabinetten und Parlamenten gemacht wird, sondern dass in einer Demokratie das ganze mündige Volk mitverantwortlich ist, gestattet sich die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, eine Vereinigung von politisch wachen Frauen aus allen Schichten und mit verschiedenen Weltanschauungen, geeint um die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder und den Frieden in der Welt, der neuen Bundesregierung ihre Auffassung im Hinblick auf die künftige Politik zu unterbreiten. Wir lesen, dass die Bundesregierung bemüht ist, die finanziellen Verhältnisse unseres Staates zu ordnen, wobei Steuererhöhungen und Streichungen auf dem sozialen und Bildungs-Sektor eine ausschlaggebende Rolle spielen sollen. Wir sind der Meinung, dass durch einen stufenweisen, auch volkswirtschaftlich überlegten Abbau der Bundeswehr sehr erhebliche Mittel freigestellt werden können, ja, dass ohne solche Maßnahmen das Defizit nicht ausgeglichen werden kann. Wir glauben uns zur Forderung nach Kürzung des Wehretats berechtigt, weil selbst Regierungsstellen unmissverständlich zum Ausdruck gebracht haben, dass ein Angriff aus dem Osten nicht zu befürchten ist. Mit dem Beginn der Abrüstung und dem Verzicht auf Atomwaffen in jeder Form würden wir den notwendigen Beweis für den Verständigungs- und Friedenswillen der Bundesrepublik erbringen."

Am 4. Juni 1974 starb Klara Marie Faßbinder in Berkum bei Bonn.

Manfred Demmer ist stellvertretender Vorsitzender Kulturvereinigung Leverkusen e. V. und Mitglied der Geschichtskommission der DKP

Fotos: Politeia-Archiv

Online-Flyer Nr. 32  vom 21.02.2006

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