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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2017  

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Medien
Ergänzung zur aktuellen Medienberichterstattung über Nicaragua
Der Barde und sein Präsident
Von Wolf Gauer

Ernesto Cardenal Martínes, Priester und legendärer Sänger der sandinistischen Revolution in Nikaragua (1979) erhebt Beschwerde über seinen Präsidenten Daniel Ortega Saavedra. Ausgerechnet beim US-Vasallen Mexiko und ausgerechnet zum Zeitpunkt der Kommunalwahlen in Nicaragua und der dortigen Ausweisung euro-amerikanischer Nichtregierungsorganisationen, die ihre eigentlichen Aufgaben mit der Einmischung in die Innenpolitik des Landes verwechselt hatten.

Auf einer Konzertlesung in Detmold, Februar 2008 – Ernesto Cardenal
Auf einer Konzertlesung in Detmold,                  
Feb. 2008 – Ernesto Cardenal
Quelle: www.reformiert-info.de

Obwohl ihr erster Kulturminister (bis 1987), war Cardenal schon 1994 aus der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) ausgetreten, da „authentischer Kapitalismus ihm lieber [sei] als eine falsche Revolution“. Mit Präsident Ortega wollte er sich auch persönlich nicht vertragen und weniger noch mit dessen First Lady Rosario Murillo – ebenfalls ambitionierte Poetin, Kommunikationsbeauftragte der FSLN und – so wird gemunkelt – der „stärkste Mann“ des Dreigestirns.
 
Autoritäres Gebaren und Machtmissbrauch lastet Cardenal dem Präsidenten an, wiewohl es eigentlich um einen lange zurückliegenden Richterspruch geht: um eine Geldstrafe wegen Verleumdung (etwa 700 Euro, seit drei Jahren nicht bezahlt) widrigenfalls Hausarrest. Cardenal war einem deutschen Hotelier, Immanuel Zerger, zu nahe getreten. Um angeblich illegalen Grundbesitz sei es gegangen, auch darum, dass besagter Zerger Handwerkliches aus der Heimat Cardenals nach Europa verscherbelt habe ohne die Hersteller zu entlohnen.
 
Daniel Ortega Nicaragua
Die Revolution verraten, aber bei
Wahlen erfolgreich – Daniel Ortega     
Quelle: www.gringoville.com
Insider aber wollen wissen, alles sei nur finstere Rache Ortegas: Bei der Amtseinführung des paraguayischen Präsidenten Fernando Lugo im August musste Ortega absagen, da ihm feministische Gruppierungen angeblichen Missbrauch seiner Stieftochter Zoilamérica Narváez vorwarfen. Cardenal habe damals nachgelegt und ihn als „Räuber“ beschimpft, der dabei sei, aus Nikaragua einen Familienbetrieb zu machen wie zu Zeiten der Somoza-Dynastie (1937-1979).
 
Alles in allem willkommener Lärm für die US-treuen Konzernmedien. Intellektuelle und Poeten aus aller Welt schlugen sich aufseiten der Ikone Cardenal, unter ihnen der unvermeidliche sandwich-man der Neoliberalen, Mario Vargas Llosa, doppelt geweiht in der Frankfurter Paulskirche. Seine Parteinahme wirft bedenkliche Schatten auf so viel eilige Solidarität.
 
Der Barde und sein Präsident kennen sich möglicherweise nur allzugut; Revolution verbindet, tägliche Machtausübung spaltet. Vielleicht zuviel dichterische Präsens auf der einen und zuviel politische auf der anderen Seite. Verzichtbar aber ist allenfalls Ernesto Cardenal, nicht Daniel Ortega. Neben den Castro-Brüdern, neben Hugo Chávez (Venezuela), Evo Morales (Bolivien), Rafael Correa (Ekuador) und Fernando Lugo (Paraguay) garantiert er Widerstand gegen die US-amerikanische Vereinnahmung Lateinamerikas.
 
Die international überwachten Wahlen am 9. November sind ruhig verlaufen. Die Kandidaten der FSLN erreichten (bei Redaktionsschluss) 50% (in Manágua 52%), diejenigen der Opposition 42%. Unter Berufung auf Ernesto Cardenal aber berichten Medien wie die Deutsche Welle und arte, dass Daniel Ortega die Wahlen gefälscht, Oppositionsparteien verboten und die Sandinistische Revolution verraten habe. Und der Gipfel: Sein Land werde von Venezuela mit Millionen Dollar illegal unterstützt, Chávez habe anlässlich der Wahlen Kugelschreiber verteilen lassen, deren Kreuzchen nach einigen Minuten verblassen. (PK)
 

Wolf Gauer ist Autor der Zeitschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft Ossietzky





Online-Flyer Nr. 172  vom 12.11.2008

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