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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kommentar: Erster Kölscher Frauen-Karnevalsverein lädt zur Herrensitzung
Herren, auf zur Sitzung!
Von Monika Blankenberg

Und haben Sie schon Ihre Pappnase abgestaubt und das Karnevalskostüm gewaschen und gebügelt. Noch nicht? Dann wird’s aber höchste Zeit. Ab nächster Woche tobt wieder der alljährliche rheinische Karneval. Preußisch reglementiert wie eh und je und natürlich männerdominiert – Frauen sieht der karnevalistische Frohsinn am liebsten als spärlich bekleidete Hupfdohle oder bestenfalls als Stimmungssängerin.

Kölner Karneval Rosenmontagszug Feminismus Foto: Rolf Hahn neue Sinngebung: Heinrici
Puppe aus Botox und Pappmaschee im           
Rosenmontagszug | Foto: Rolf Hahn,
Neue Sinngebung: Heinrici
Ist alles bekannt, weiß ich doch. Seit Jahren warte ich auf die Emanzipation im Karneval. Und ich hatte sogar mal die Hoffnung, dass sich diesbezüglich etwas ändert hat: als sich in Köln der erste Frauen-Karnevalsverein „Die Colombinen“ gründete, dachte ich, die Gleichberechtigung der Frau hätte nun auch den Kölner Karneval erreicht. Immerhin steht in den Frohsinnsstatuten der „Colombinen“:


Zitat: „Der Sinn unseres Vereins ist die Pflege des karnevalistischen, kölschen Brauchtums mit der besonderen Zielsetzung ausschließlich Frauen als Mitglieder zu gewinnen und damit die aktive Mitarbeit und soziale Integration von Frauen im Kölner Karneval zu fördern.“

Integration von Frauen klingt gut und macht Hoffnung. Die Colombina ist übrigens die weibliche Hauptfigur der Commedia dell’arte und verkörpert die aktiv am Leben teilhabende kraftvolle Frau. Welch ein Hohn!

colombina von Michel Levy Freres 1683
Kokett aber selbstbewusst: klass.
Colombina von 1683 (M. L. Freres )     
Ausgerechnet die Damen dieses Karnevalsvereins fördern in der aktuellen Session die gute alte „Herrensitzung“. Is dat nicht schön, meine Herren? Ein Plakat im 50er Jahre-Stil und die Zusicherung der Colombinen den Service im Mehrschichtverfahren bei der mehrstündigen Veranstaltung für den Macho-Nostalgiker künden davon. [1]

Meine Mutter wird wahrscheinlich im Grab rotieren. Wie viele Karnevalistengattinnen litt auch sie bis zur Abschaffung der Herrensitzungen unter genau diesen. Frauen hatten dort keinen Zutritt, es sei denn als Stripteasenummer oder Go-Go-Girl. Die zotigsten Nummern und die dreckigsten Witze hörte man nur dort.



Der Super-Büttenredner jener Zeit hieß Horst Müüs. Sexistische, frauenverachtende und unappetitlichste Witze waren sein Markenzeichen. Der war glücklicherweise zwischendurch dermaßen in Vergessenheit geraten, dass Google ihn nur noch drei Mal im Internet findet: bezeichnenderweise darunter auf einer Seite namens www.strichweb.com – Strich von Straßenstrich...

Mario Barth Pressfoto
Witze mit Barth | Quelle: mariobarth.de
Doch nicht nur Bush, Bin Laden und Eva Herman versuchen das Mittelalter wieder salonfähig zu machen: Der allseits hoch gelobte Comedian Mario Barth bringt heute wieder Teile der damaligen Büttenreden auf die Bühne. (Trotzdem ist Meister Müüss bis heute unerreicht). Barths aktuelles Programm „Männer sind primitiv aber glücklich“ muss irgendwie auch Lebensmotto sein. Super-Marios Scherze haben meistens einen ziemlichen Bart und zielen üblicherweise auf die unterste Gürtelline derjenigen, die mit ihrem verstaubten Rest-Bewusstsein noch etwas vom Programm von RTL und Co. mitkriegen.

Die gute alte Herrensitzung wird also auch wieder abgestaubt und aufgestellt: von Frauen!

Ich muss ehrlich sagen, meine Damen, ziehen Sie ruhig ihre Playboyöhrchen an und bedienen Sie die Herren, wie in der guten alten Zeit. Schicken Sie aber bitte nur die jüngeren Exemplare ihres Vereins dorthin, auf Herrensitzungen mag man Frischfleisch! Die haben ja auch sicher nichts dagegen, wenn ein wenig gegrabscht wird.

„Heimatfest“ Foto: rebel pixelio.de
Ringelpietz beim „Heimatfest“ | Foto: rebel, pixelio.de

Auch das ist auf einer richtigen Herrensitzung üblich. Vielleicht grabschen sie einfach mal zurück – das wird sicher ein Spaß – und hoffentlich greifen Sie dabei nicht ins Leere!
Apropos Frischfleisch, meine Damen, auf so etwas muss man erst einmal kommen: Für die Emanzipation im Kölner Karneval zu kämpfen und sich dann bei den Sitzungen selbst auszuladen... Das ist ungefähr so (blöd), als wenn sich eine Kuhherde selbst zum Schlachthof treiben würde – entschuldigt, liebe Kühe, den derben Vergleich!

Seit Jahrzehnten gibt es nun die weibliche Emanzipation, aber ehrlich Mädels – wir waren schon mal weiter! (CH)


Monika Blankenberg im Café Podcast
Szenenfoto: Café Podcast       
Fußnote:
[1] Sehen Sie auch dazu den Filmclip aus der NRhZ 170, in dem Monika Blankenberg im Café Podcast musikalisch auf die 50er Jahren zurückgreift.

Der Ausschnitt stammt aus dem Programm „Stachelige Zeiten“ von und mit Monika Blankenberg und mit Musik von Jochen Walter, das am 5. 11. wieder live im Kultur-Bistro Pauke in Bonn (Endenicher Str. 43) zu sehen sein wird.



Online-Flyer Nr. 171  vom 05.11.2008

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