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Der Fern-Seher – Folge 30
Die Showspieler und der Schauspieler
Von Ekkes Frank

„Dem Volk ein Schauspiel bieten“ – das ist schon seit Kaiser Augustus ein wichtiges Element aller Regierungskunst. Und für unsere zeitgenössischen Politiker und Politikerinnen gilt das natürlich ebenso. Nicht alle sind dabei in der (selbst geschaffenen) günstigen Lage wie il cavaliere, der italienische Spitzenkomiker und Multimilliardär Silvio Berlusconi, einen Großteil der Fernseh-Sender zu besitzen und damit die ständig nach neuer Show lechzenden Massen zu bedienen.  

Peter Sodann – auch ein Schauspieler, aber ein überzeugender
Quelle: www.petersodann.de
 
In der immer noch so genannten BRD zum Beispiel müssen die Damen und Herren selber ran. Das ist nicht ganz einfach, aber sie können es doch schon ganz gut, inzwischen. Als eines der schönsten Beispiele für eine wirklich gelungene Darbietung rufe ich in Erinnerung das Theater um das „Zuwanderungsgesetz“ im Jahre des Herrn Schröder 2002, entworfen vom seinerzeitigen Cheftragöden der SPD, Otto Schily. Das Problem bei der Durchsetzung dieses miesen Gesetzes: im Bundesrat hängt die Zustimmung am Votum von Brandenburg, wo es eine SPD-CDU-Regierung gibt. Trickreich schreibt die SPD ein Drehbuch – aber auch die Christdemokraten lassen sich nicht lumpen. Dem Volk wird ein großes Schauspiel geboten, mit einer kabarettreifen Abstimmungsprozedur von Ministerpräsident Stolpe und seinem Innenminister Schönbohm, Ja, Nein, ja wie denn jetzt, ja wie gesagt…
 
Das Politmagazin PANORAMA, in seiner Rezension vom 28. März 2002: „Ein Jahrhundertgesetz wird verabschiedet. Wutausbrüche, die Union wittert Manipulation. Empörung, Protest, Tumult. Ganz spontan, so schien es. Bis einer auspackte, der es wissen muss: Saarlands Regierungschef Peter Müller, CDU. Zwei Tage nach der Abstimmung eine Enthüllungsrede, im Staatstheater Saarbrücken. Nur ein Tonband lief mit: O-Ton Peter Müller: „Politik als Staatsschauspiel. War das nicht am Freitag so? Am Freitag gab es mindestens zwei Drehbücher. Und vielleicht besteht Politik manchmal auch in der Auseinandersetzung darüber, welches Drehbuch sich am Ende dann durchsetzt und nach welchem Drehbuch verfahren wird.”


Unser Fern-Seher | Foto: NRhZ-Archiv
Erinnern Sie sich noch, wie insbesondere Roland Koch, der Hesse, von spontaner Empörung nur so geschüttelt wurde und minutenlang mit seinen Fäusten aufs Pult trommelte? Peter Müller dazu: „Da (gemeint ist: bei der Absprache vorher) war kein Journalist dabei. Also müssen Sie diese Empörung dokumentieren. Das haben wir dann gemacht. Und da kann man natürlich sagen: Das ist Theater. Ja, das ist Theater.“ Und er fährt fort: „Sind Politiker Schauspieler? Antwort: Ja. Ja! Politik ist Theater. Wer kommunizieren will, darf wenig informieren. Wenn das so ist, dann müssen Sie Nachrichten produzieren, und ohne Theater keine Nachricht. Und je mehr Theater, um so größer die Chance, dass eine Nachricht entsteht.”
 
Soweit nun die Rückblende. An dieses schöne Stück fühlte ich mich erinnert beim Betrachten dessen, was von unseren Damen und Herren Polit-Akteuren in der letzten Woche geboten wurde. Zunächst im Zusammenhang mit der Bilderbuch-Krise bei Banken und Börsen. Dabei zeigte sich allerdings, wie schwer es den Mimen fällt zu extemporieren und spontan zu improvisieren. Was da so gesagt wurde, war entweder ahnungslos oder unfreiwillig komisch, es fehlte die Handschrift von wirklichen Könnern im Fach der großen Tragödie.
 
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos, der ja immer ein bisschen wirkt wie ein Mitglied der Tegernseer Bauernbühne, das versehentlich auf die Bretter des Deutschen Theaters in Hamburg geraten ist: „Der Kapitalismus in seiner brutalen Form ist an die Wand gelaufen. Die soziale Marktwirtschaft ist Gebot der Stunde. Es gibt überhaupt keinen Grund zum Pessimismus für die Konjunktur." Oder: Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, es müsse in Gehaltsstrukturen eingegriffen werden, um das wiederherzustellen, „was manchen in diesen Banken verloren gegangen ist, nämlich, dass sie mitten in die Gesellschaft zurückgeholt werden müssen" und nicht „draußen rumturnen". Der Lehrer-Lämpel-Darsteller der SPD, Fraktionschef Peter Struck: „Die Arroganz der Banker wird ein für allemal zu Ende sein müssen. Diese Herren haben getan, als spielten sie ein gewaltiges Monopoly." Was werden diese Herren da gelacht haben (und Struck wahrscheinlich mit ihnen zusammen später beim Bier dann auch).
 
Andererseits waren die närrischen Stamokappenträger von Berlin dann wieder voll in ihrem Element, als die Nachricht über die Ticker lief, Peter Sodann sei von der Partei DIE LINKE als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert worden. Da sprudelte es aus allen üblichen Goschen, vor allem, nachdem der Ex-Tatort-Kommissar ein Interview gegeben und dabei ein paar absolut unerhörte Meinungen geäußert hatte, zum Beispiel, er „halte das, was wir haben, nicht für eine Demokratie.“ Oder: er wolle die DDR nicht wiederhaben, aber er lasse sie sich auch nicht nehmen. „Unwürdig“ (CDU), „unwählbar“(SPD), „Solche Äußerungen beschädigen das Amt und machen es beinahe zu einer Witzveranstaltung." (die Grüne Roth), „So redet sonst nur noch die NPD" (Fischauge Westerwelle).
 
Der CDU-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer, barmte gar, das sei „eine Gefahr für das ostdeutsche Selbstverständnis, die „komödiantische Note" des Schauspielers könne den Menschen in Ostdeutschland schaden“. Indem Sodann vorgebe, die ostdeutsche Gemütslage zu repräsentieren, „besteht natürlich die Gefahr, dass wir nicht mehr ernst genommen werden, weil man sagt, die nehmen sich selbst nicht ernst."
 
Ich würde den Mann gern beruhigen: wir Westdeutschen haben seinerzeit Heinrich Lübke sogar zehn Jahre lang als Bundespräsident genossen und werden doch immer noch weitgehend ernst genommen. Und dabei besteht ein Riesen-Unterschied zwischen den Überlegungen, die Peter Sodann anstellt, und der Flut von Gags, die dem Herrn Lübke immer wieder einfielen; nur ein Beispiel: jungen US-Amerikanern, die als Austauschschüler in der BRD waren, riet er vor ihrer Rückkehr: „Wenn man Ihnen sagt, wir hätten einen Hitler gehabt, dann müssen Sie sagen, dass Hitler gar kein Deutscher war und dass er auch nicht normal war."
 
Möglicherweise aber sind diese geifernden Reaktionen auf den Vorschlag der Linken gar nicht politisch motiviert, sondern vielmehr – wenn ich auf meine oben angestellten Überlegungen zurückkomme – nur einfach eine Kollegen-Häme. Sehr unpassend, das, finde ich: Peter Sodann ist unbestritten und anders als seine Kritikerinnen und Kritiker ein wirklicher, in seinem Beruf ausgebildeter, guter, überzeugender und sehr beliebter Schauspieler. (PK)

Ich habe keinen Fernseher – ich bin ein Fern-Seher. Ich betrachte das Land, in dem ich geboren, erzogen und zu dem wurde, der ich bin, nicht mehr von innen, als Mit-Erlebender, Mit-Leidender, Mit-Kämpfer. Ich bin weg. Aus der Ferne betrachtet – dabei ist Italien in den Zeiten von Internet und Ryanair gar nicht mehr so fern – wirkt diese BRD ziemlich klein, viel unwichtiger als sie selbst sich gern sieht („Wir sind wieder wer“). Eben wie ein normales europäisches Land.  Manchmal kriege ich dann etwas mit, das mich zu einer Reaktion motiviert. Und manchmal reise ich auch noch nach Norden, nach Germania. Und ich schalte, irgendwie gewohnheitsmäßig, das noch immer dort herumstehende TV-Gerät ein. Dann bin ich sozusagen ein totaler Fern-Seher…

Online-Flyer Nr. 169  vom 22.10.2008

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