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Aktueller Online-Flyer vom 21. November 2019  

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Lokales
Offener Brief an die Kölner Politiker u.a.
Gedenkinstallation am Hauptbahnhof
Initiative "Die Bahn erinnern"

Die Kölner Initiative "Die Bahn Erinnern", hatte am 28. Januar, also einen Tag nach dem Gedenktag an die Befreiung von Auschwitz in und vor dem Hauptbahnhof eine (angekündigte aber nicht angemeldete) Gedenkveranstaltung durchgeführt. An dieser hatten sich etwa zweihundert Kölner BürgerInnen, sowie drei Überlebende des Holocaust aus Brüssel und Köln beteiligt. (Siehe NRhZ 29) Dabei wurde am Bahnhofseingang eine Gedenk-Installation in Form einer alten Bahnschwelle enthüllt. Der folgende Offene Brief vom 9. Februar stellt das Anliegen der Initiative dar.

Bahnschwelle mit Rose
Foto: NRhZ-Archiv

Offener Brief an die BürgermeisterInnen, den Kulturdezernenten, die Leitung des NS-Dokumentationszentrums, alle im Rat vertretenen Fraktionen, weitere Personen und die lokale Presse:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie einigen von Ihnen schon durch unseren offenen Brief vom 28.1. an die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Köln bekannt ist, hat die Initiative "Die Bahn Erinnern" vor dem Kölner Hauptbahnhof ein Denkmal aufgestellt. Die Gedenkinstallation erinnert an die Opfer der Deportationen durch die "Deutsche Reichsbahn" in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. Sie thematisiert die Einbindung der Reichsbahn und zahlloser Reichsbahnbeschäftigter in die Vernichtung und kritisiert die Weigerung der Deutschen Bahn, die Verantwortung für ihre Geschichte zu übernehmen und ein öffentliches Gedenken zu ermöglichen.Die Installation "Die Schwelle" besteht aus einer alten Bahnschwelle (250 x 25 x 15 cm), welche mit einem Ende auf einem ca. 50 cm hohen Betonsockel und dem anderen auf dem Boden des Bahnhofsvorplatzes ruht. Die Gedenkinstallation weist nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch auf den heutigen Umgang mit den Verbrechen hin. In die dem Betrachter zugewandte Fläche sind vier Messingtafeln eingearbeitet, auf denen zum einen die Deportationen und die Rolle der "Reichsbahn", wie auch der heutige Umgang des Rechtsnachfolgers "Deutsche Bahn AG", mit diesem Teil der "deutschen Eisenbahn-geschichte" thematisiert werden.

Bahnschwelle vor Bahnhofsgebäude
Foto: NRhZ-Archiv

Den genauen Inhalt der Tafeln entnehmen Sie bitte der beigefügten Anlage. Die Messingtafeln sind von dem, für seine "Stolpersteine" bekannten, Kölner Künstler Gunter Demnig hergestellt worden - für den Inhalt der Tafeln, das Konzept der Installation, sowie die künstlerische und handwerkliche Ausgestaltung sind verschiedene Menschen aus der Initiative "Die Bahn Erinnern" verantwortlich.Standort der Installation ist der Bahnhofsvorplatz, rechts neben dem "Zeit-Cafe", nur wenige Meter vom Haupteingang des Kölner Hauptbahnhofes entfernt. "Die Schwelle" wurde von Simon Gronowski enthüllt. Ihm gelang 1943 als Elfjährigem in Belgien die Flucht aus dem 20. Deportationszug nach Auschwitz. Der Zug war von Partisanen angehalten worden, Simon Gronowski sprang aus dem Waggon und wurde bis Kriegsende von Belgiern versteckt. Seine Mutter schaffte den Sprung nicht mehr und wurde in Auschwitz ermordet. Tamar Dreifuss wohnt heute in Köln, sie überlebte das Ghetto in Wilna und konnte während der Deportation mit ihrer Mutter entfliehen.
In ergreifenden Worten dankten sie dafür, dass nun vor einem Bahnhof in Deutschland an die Millionen Menschen erinnert wird, die während des Nationalsozialismus mit der Bahn in den Tod gefahren wurden. Aus ihren Worten wurde deutlich, welch große Bedeutung dieser Ort des Gedenkens für die Überlebenden hat.

Bahnschwelle mit Rosen
Foto: Paula Schaefer

Sie haben an die Einbindung der Bahn in die Verbrechen der Nazis erinnert, die mehr als 200 Anwesenden wurden zu ZeugInnen ihrer Berichte und "Die Schwelle" an diesem Ort zu einem Symbol, dass Auschwitz nie wieder geschehen darf.
Marcel Nejschatten, Militanter der Resistance und Buchenwald-Überlebender, wies auf die damalige Ignoranz weitester Teile der deutschen Bevölkerung mit den Worten hin: "Wenn man sieht, dass Frauen und Kinder, alte Männer nachts aus ihren Betten geschleppt und abtransportiert werden, dann kann man sich doch denken, dass das nicht für einen Urlaub ist, sondern dass sie zur Vernichtung bestimmt sind."
Zuvor hatte die Initiative eine Kofferskulptur mit dem Titel "Warten auf den Zug" in der Bahnhofshalle errichtet. Auf den Koffern waren die Namen von Kölnerinnen und Kölnern zu lesen, die deportiert wurden. Die Skulptur wurde noch in der gleichen Nacht von Bahn-beschäftigten abgeräumt. Die Koffer konnten später in der Gepäckaufbewahrung abgeholt werden, die von den Überlebenden und den InitiatorInnen niedergelegten Rosen, blieben unauffindbar.

Nachdem wir in den vergangenen Tagen gesehen haben, wie viele Menschen bewegt "Die Schwelle" besuchen, sind wir uns sicher, dass sowohl die Kölner Öffentlichkeit , als auch "Verwaltung und Politik" sich für den Verbleib der Installation an diesem Ort aussprechen werden.

Wir haben am 28.1.2006 "Die Schwelle" den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Köln übergeben und verpflichten uns, die Verantwortung für die Pflege und den Erhalt der Installation selbst zu übernehmen.

Für Fragen und weitere Erläuterungen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen Wolfgang Richter
für die Initiative "Die Bahn Erinnern".

Kölner Initiative "Die Bahn erinnern"
Kontakt: Jugendclub Courage Köln e.V., Steinbergerstr. 40, 50733 Köln, jc-courage@netcologne.de

Siehe auch folgende NRhZ-Beiträge zu diesem Thema:
Filmbeitrag von transparent tv
Die Bahn erinnern an elftausend Kinder
Gedenkaktionen auf deutschen Bahnhöfen
Elftausend jüdische Kinder nach Auschwitz

Online-Flyer Nr. 31  vom 14.02.2006

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