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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Lokales
Chemieunfälle häufen sich – was tut die NRW-Landesregierung?
„Es wird verheimlicht und vertuscht“
Von Peter Kleinert

In einem Offenen Brief an die Landesregierung NRW stellt die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) fest, dass es „regelmäßig in der nordrhein-westfälischen Chemieindustrie zu schweren Unfällen kommt. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Mitarbeiter und Anwohner der Werke.“ Um dies in Zukunft zu vermeiden, müsse die Landesregierung endlich aktiv werden und Konsequenzen ziehen.


Quelle: KAOS-Archiv
 
„Das Risiko ist zum großen Teil hausgemacht: Die Belegschaften werden seit Jahren ausgedünnt, für viele Unfälle sind steigende Arbeitsbelastung und Sparmaßnahmen verantwortlich“, wirft die CBG in der Einleitung des Briefes den Chemie-Unternehmen vor. Ausgerechnet in sicherheitsrelevanten Abteilungen würden Kosten reduziert: „Meßwagen zum Aufspüren von austretenden Chemikalien werden abgeschafft, Sicherheitspersonal wird eingespart, in mehreren Werken wurde gar die Werksfeuerwehr geschlossen.“
 
Dringender Handlungsbedarf

Nach Meinung des Umweltbundesamts bestehe dringender Handlungsbedarf: „Eine bessere Wartung der Anlagen, intensivere Schulungen der Mitarbeiter sowie ausreichendes Personal könnten die Zahl der Störfälle und die damit verbundenen Schäden deutlich verringern.“
 
Größtes Chemie-Unternehmen in NRW ist die BAYER AG. Immer wieder komme es bei BAYER zu schweren Unfällen, über deren Auswirkungen die Öffentlichkeit im Unklaren gelassen werde. Jüngstes Beispiel: die Explosion im BAYER-Werk Institute (USA) am 29. August, bei der ein Arbeiter das Leben verlor. Die verheerende Explosion war in einem Umkreis von 15 km zu spüren, tausende Anwohner durften ihre Häuser nicht verlassen. Obwohl in dem Werk große Mengen tödlicher Chemikalien wie Phosgen und MIC gelagert werden, erhielten die Rettungskräfte über Stunden hinweg keine Informationen über den Unfallhergang. Im Falle eines Austritts gefährlicher Gase wäre das Leben tausender Anwohner gefährdet worden.
 
„Von sich aus berichten Konzerne wie BAYER kaum oder gar nicht über Unfälle“, hat die CBG festgestellt. Selbst nach großen Störfällen finde sich auf der BAYER-homepage kein Hinweis auf die Ursachen eines Störfalls oder auf die ausgetretenen Chemikalien. „Es wird verheimlicht und vertuscht.“

 
BAYER: „Dank unserer Sicherheits-Philosophie war niemand zu irgendeinem Zeitpunkt gefährdet!“ | Quelle: CBG
 
Deshalb sei es nicht länger hinzunehmen, dass sich Unternehmen der Chemie-Industrie selbst überwachen und prüfen - entweder über den von der Industrie gegründeten TÜV oder über „traditionelle“ Selbstüberwachungsrechte, wie sie BAYER besitzt. An die Stelle der Deregulierung müsse „die Re-Regulierung im Interesse des Schutzes der Bevölkerung“ treten.
 
Gefahrstoffe müssten dezentral hergestellt werden. Die CO-Pipeline zwischen den BAYER-Werken Dormagen und Krefeld würde dafür einen Präzedenzfall darstellen, denn die Pipeline diene nicht dem Allgemeinwohl, sondern lediglich betriebswirtschaftlichen Interessen.
 
Forderungen an die Landesregierung
 
Vor diesem Hintergrund fordert die Coordination gegen BAYER-Gefahren von der Landesregierung:
 
• „Die Verwaltungsstrukturreformen der letzten Jahre haben zu einem Verlust von qualifiziertem Personal geführt. Das Land NRW muss mehr Personal für die Anlagen-Genehmigung und -Überwachung einstellen, um den Schutz vor schweren Unfällen sicher zu stellen.“
 
• „Keine Betriebsgenehmigung für die Kohlenmonoxid-Pipeline von Dormagen nach Uerdingen.“
 
• „Die gefährlichsten Industrie-Anlagen in NRW sind die Phosgenreaktoren in den BAYER-Werken Uerdingen und Leverkusen. BAYER unternimmt keine Anstrengungen, phosgenfreie Verfahren für die Kunststoff-Produktion zur Serienreife zu entwickeln. Die Chemie-Industrie muss notfalls gezwungen werden, risikoarme Produktionswege einzuschlagen. Das Land NRW darf keine Genehmigungen für Hochrisiko-Verfahren erteilen.“
 
• „Die Öffentlichkeit trägt wesentlich dazu bei, die Anwohner von Chemieanlagen und die Umwelt zu schützen. Bürger und Umweltinitiativen müssen daher mehr Rechte erhalten. Die in den letzten Jahren eingeschränkten Informations- und Beteiligungsrechte müssen wieder hergestellt und ausgeweitet werden. Ein Höchstmaß an Transparenz hinsichtlich der Menge und der Gefährlichkeit der verwendeten Chemikalien, eine breite Beteiligung der Öffentlichkeit in allen Stadien von Genehmigungsverfahren, eine Offenlegung der Sicherheitskonzepte sowie ein umfassendes Klagerecht müssen Elemente einer verbesserten Partizipationsmöglichkeit werden.“
 
• „Gefährliche Anlagen müssen aus dicht besiedelten Gebieten ausgelagert werden.“
 
• „Opfer und Hinterbliebene von Unfällen müssen gerecht entschädigt werden.“
 
Die Coordination gegen BAYER-Gefahren wurde vor 30 Jahren nach Groß-Unfällen in den BAYER-Werken Wuppertal und Dormagen gegründet. Der Verband legte vor wenigen Wochen eine Aufstellung von rund 80 Unfällen bei BAYER in den vergangenen 15 Jahren vor. Siehe www.CBGnetwork.org/476.html. Informationen zum Störfall in Institute/USA findet man unter www.cbgnetwork.org/2620.html. (PK) 

Online-Flyer Nr. 164  vom 17.09.2008

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