NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

zurück  
Druckversion

Glossen
"Sie sagen ja jetzt..." - Teil 3
"Heutzutage lass` ich mir Jemanden kommen"
Von Ulla Lessmann

Sie sagen ja jetzt, es gibt auch viel Positives im Alter und man soll nicht immer nur über Pflegenotstand und Altersarmut und Alzheimer reden, sondern auch mal über die Weisheit und die Gelassenheit, die einem da so zuwächst ab etwa 65. Also, bei mir klappt das nicht, ich weiß auch nicht, irgendwie geht mir da was ab, obwohl das ein allgemeiner Trend sein soll. Ich kann mich immer noch tierisch aufregen! Und je älter ich werde, desto mehr kann ich mich aufregen wie sonst was!

Obwohl sie sagen, man steht mit dem Alter irgendwie drüber über den Dingen und denkt so mehr in größeren Zusammenhängen und regt sich nicht mehr über jede Kleinigkeit auf und genießt den Augenblick und freut sich über jeden neuen Tag und die Sonne und so weiter, krieg` ich viel öfter was über mich als früher. Also, da hatten sie neulich die Werbung in der Zeitung für diese preiswerten Liegestühle, die auch auf den Balkon passen und die man so wegklappen kann und wo man nicht gleich mit zusammenbricht und ganz schlicht im Muster. Und da bin ich da extra hin und da hatten die die nicht mehr da!

Da habe ich mich aber beschwert. Ich habe mir sogar Jemanden kommen lassen! Da waren die aber auf Zack! "Hören Sie mal, junger Mann", habe ich gesagt, "so geht das aber nicht!" Das hätte ich früher nie fertiggebracht, aber jetzt geht das wie nichts. Das ist der Unterschied, dass ich mir heute eben Jemanden kommen lasse, wenn ich extra hingehe, weil, wenn die das anpreisen, müssen sie es auch haben, das habe ich im Radio gesehen. Aber sie versuchen ja alles mit einem, weil sie glauben, unsereins ist gelassen. Aber nicht mit mir, und dann habe ich auch ein Auftreten. Die Leute merken das, dass da Jemand ist, der sich Jemanden kommen läßt und sich nicht alles gefallen läßt. Wo käme man da auch hin, wenn sie einen immer nur beschwindeln und für dumm verkaufen wollen? Nur weil sie einem erzählen, man soll weise und gelassen sein, und die können ihre Sonderangebote anpreisen und dann gar nicht parat haben?

Ulla Lessmann
Ulla Lessmann
Foto: www.nrw-autoren-im-netz.de


Die haben mir den Liegestuhl aus dem Lager geholt, zu dem preiswerten Preis aus dem Prospekt, weil die natürlich wußten, dass man Sonderangebote bekommen muß und drauf bestehen kann, und die haben nur nicht damit gerechnet, dass dann wirklich einer kommt und drauf besteht, und ich hab` mich da so aufgeregt, weil sie glauben, sie können`s mit einem machen. Dabei können die sich das gar nicht leisten. Nicht mehr heutzutage, wo alles im Radio kommt. Die sollen sich nicht einbilden, dass sie jetzt machen können, was sie wollen, bloß, weil wir alle gelassen sein sollen und über allem drüber stehen und milde lächeln. Mit mir nicht!

Ulla Lessman wurde 1952 in Bremerhaven geboren, lebt seit 1964 in Köln, ist Journalistin, Diplom-Volkswirtin und Schriftstellerin. Sie war langjährige Chefredakteurin des "Sozialdemokrat Magazin" und des "Vorwärts" in Bonn, ist seit 1995 freie Autorin für Zeitschriften und Hörfunk und hat mehr als 100 literarische Veröffentlichungen in Printmedien, Hörfunk und Internet ("Hier schreit nur einer", Gerichtsreportagen, www.internet-editionen.de) geschrieben. Zahlreiche Preise, unter anderem den Sonderpreis des "Emma"-Journalistinnenpreises für Glossen und den Förderpreis für satirische Literatur der Stadt Herne. Ulla Lessmann ist Mitglied im VS.

Online-Flyer Nr. 30  vom 07.02.2006

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Männerbünde
Aus dem KAOS-Kunst- und Video-Archiv
FOTOGALERIE


Schwarzer Freitag für H&M
Von Arbeiterfotografie