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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Medien
Neue Hetzkampagne gegen Hartz-Opfer auf Sat 1
„Gnadenlos gerecht“
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

„Gnadenlos gerecht“ geht es seit letzter Woche jeweils am Mittwoch ab 21.15 Uhr zu, wenn auf Sat 1 zur Treibjagd auf ALG-II-Empfänger geblasen wird. Unnachsichtig, wie der aufheizende Titel verspricht, werden an diesem Glotzen-Pranger "Hartz IV-Bezieher unter die Lupe genommen", kurzum vor der Kamera auseinander genommen. Hans-Detlev v. Kirchbach hat schon nach der ersten Folge genug davon.- Die Redaktion.

Offenbacher Kreuzigung
 
Auswechselbarer Tatort dieses - im wahrsten Sinn des Wortes - Fernseh-Krimis: Offenbach, das Autobahnnutzern durch sein gleichnamiges Kreuz bekannt sein dürfte. Sat 1 erlegt nun den erwerbslosen OffenbacherInnen ein zusätzliches Kreuz auf: durch die gnadenlose Drohung, jederzeit mit SozialschnüfflerInnen und boulevardkriegserprobter Kamera bei ihnen aufzukreuzen - öffentlicher Kreuzigungsvollzug an Ort und Stelle inbegriffen. Methoden, mit denen sich der Sendegruppe Pro wirklich für die trotz Kartellamtsmeckerei anstehende Übernahme durch Springer „Bild-haft“ qualifizieren dürfte.
 
Dabei scheint bislang kein Rezensent zu merken, daß "Gnadenlos gerecht" an sich schon ein unauflöslicher Widerspruch ist. Ohne "Gnade" kann keine "Gerechtigkeit" mit menschlichem Maß entstehen, sondern nur anmaßende Willkür. "Gnadenlose Gerechtigkeit" - das versprachen in Deutschland schon einmal ganz andere: die Nazis in ihrem Kampf gegen auszusondernde Minderheiten und "innere Feinde" aller Art, nicht zuletzt "Sozialschmarotzer".
 
Nehmen wir mal zu ihren Gunsten an, daß den flotten Sat 1-Sprücheklopfern und PR-Parvenüs einfach jegliches Geschichts- und Sprachverständnis abgeht. So sind sie wohl gar nicht in der Lage, aus ihrem eigenen Sendetitel den wenigstens subtil mitschwingenden faschistoiden Unterton herauszuhören. Doch dessen ungeachtet besteht in mindestens autoritär aufgeladener Ausgrenzungspropaganda gegenüber vorstigmatisierten Gruppen der bewußte Sinn und Zweck dieser zur Hauptsendezeit ausgestrahlten Stimmungsmache.
 
Drückermethoden mit Helena Gnadenlos
 
Helena Fürst heißt die zur Hauptheldin der manipulativen Pseudo-Doku erhobene Sozialschnüfflerin von der absolut ätzenden Sorte - und unter uns: der möcht' ich nicht einmal im Mondenschein begegnen. Der neue Shooting-Star des Krawallfernsehens zieht als todesmutige Jeanne d'Arc der Sozialdemontage ins Sat 1-Schlachtgetümmel gegen Sozialbetrüger und Hartz IV-Abzocker. Wahrhaft ein Gemetzel von mythischem Ausmaß, wachsen doch dem Lindwurm des ungerechtfertigten Leistungsbezugs Köpfe ohne Ende nach. Doch davon läßt sich Helena nicht ins Bockshorn jagen. Hartz IV-Schwindler wittert sie schon quasi telepathisch, das hat sie einfach im Blut. Wehe jenen, die vor ihren AdlerInnenaugen vielleicht noch eine überzählige Socke oder gar hundert unangemeldete Euro unter der Matratze zu verstecken suchen. Helena Fürst nämlich klemmt ihre Nase auch in und unter Bettzeugs und Matratzen.
 
Helena Gnadenlos wird unter den "Anständigen" - das sind in der Sprachregelung seit Wolfgang Clement diejenigen, die vom Empfang sozialer Leistungen Abstand nehmen - sicher bald als Lichtgestalt moralischer Aufrüstung und paternalistischer Wohlfahrt gefeiert werden. Bei den "Schmarotzern" - das sind in der Regierungs-Sprachregelung seit Wolfgang Clement diejenigen, die Sozialleistungen, selbstverständlich unberechtigt, in Anspruch nehmen - wird die Sat 1-Sozial-Ramboline jedoch schon jetzt als Fürstin der Finsternis allerorts gefürchtet sein.
 
Demokratischer Sozialstaat mit Fürst und Hofmeister
 
Wer weiß, vielleicht klingelt sie bereits morgen auch bei Ihnen, zusammen mit ihrem kamerabewaffneten Sat 1-Sondereinsatzkommando, Sturm. Schließlich darf nicht zimperlich sein, wer dem in der sozialen Hängematte anspruchsvoll und frech gewordenen Armutspöbel wieder christliche Bescheidenheit, Anspruchsverzicht und Demut beibringen soll. Damit endlich, Herzog folgend, dank Fürst ein Ruck durch Deutschlands morsche Knochen geht, insbesondere ein noch schärferer sozialpolitischer Rechtsruck. Für diese im Wortsinn reaktionäre Aufgabe ist Helena Fürst gerade die Rechte. Denn sie ist vor allem: Gnadenlos.
 
Ihre "Kompetenz" erweist sich weniger durch differenziertes Rechtsverständnis oder gar sozialpädagogische Hypersensibilität für die suspekte Klientel als durch Streng-aber-gerecht- Getue im Stile des gesunden Volksempfindens. Selbstredend taucht Frau Fürst blitzkriegartig beim Hartz IV-Delinquenten auf, stets in Begleitung eines Amtsgehilfen namens - das ist aber keine Satire von Loriot - Hofmeister. Und natürlich mit der überall zutrittsberechtigten Kamerameute des Volksgerichtshofs-Senders Sat 1.
 
Armen-Brosamen: Bertelsmann-Rezept nach Gutsherrenart
 
So unterzieht die Eiserne Lady vom Dienst das Armutsgesindel im "Fürstlichen" Sat 1-Inquisitionsgericht nicht nur peinlichstem Monetencheck, sondern auch strengster Moralinquisition. Vor ungeniert auch in Schlafzimmern laufender Kamera, versteht sich. Hier geht es nicht, etwa gar "auf Augenhöhe" und mit Respekt, wenigstens um die sachlich-rationale Prüfung immerhin noch gesetzlicher Rechtsansprüche. Hier werden vielmehr nach Fürst-Ermessen bestenfalls Gnadengaben verabreicht, bevorzugt aber "gnadenlos gerecht" entzogen. Das alles entspricht ganz dem gemäßigt feudalen und vordemokratischen Geschmack derzeit tonangebender Ideologen der sozialen Entrechtung in Kapital-Denkfabriken wie Bertelsmann-Stiftung und Initiative Neue soziale Marktwirtschaft sowie ihrer in der Befehlskette des Kapitals nachgeordneten Regierungsvollstrecker und Parlamentsabnicker. Somit erweist sich die Sendereihe als populistisch aufgezogenes Propagandaprojekt der sozialen Gegenreform, der Grundrechtsdemontage, der autoritären Restauration. Es gilt, der TV-Zielgruppe diese herrschende Agenda des Kapitals und der angeschlossenen Regierungsabteilungen schmackhaft zu machen, ehe sie merkt, daß ihr dieses unterhaltsam eingetrichterte Menü irgendwann selbst schlecht bekommen wird.
 
Kampagnen-Fernsehen: Klassenkampf um Kopfbesitz
 
Um Volkszustimmung zur Volksverarmung herbei zu indoktrinieren, muß man, solange noch formale "Demokratie" gemimt werden soll und nicht die unumwundene Diktatur, den Leuten freilich erst einmal das "falsche Denken" austreiben. Diese Empfehlung ist immer wieder in unterschiedlicher Formulierung von Kapital-Vordenkern wie dem ehemaligen BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel oder Professor Hans-Werner Sinn zu hören. Was gemeint ist, läßt sich mit der Forderung des Chefökonomen der Deutschen Bank, Professor Norbert Walter, illustrieren: daß "der Sozialismus noch aus den Köpfen vertrieben" werden müsse.
 
Neoliberale Volkserziehung
 
Worin besteht dieses "falsche Denken", des noch zu entsorgende Rest-"Sozialismus in den Köpfen", in der Sicht der zitierten Nobilitäten? Gewisse freche Anmaßungen des arbeitenden wie arbeitslosen "Schwachperformers" gehören dazu. Etwa die längst überholte Einbildung, als Mehrfachjobber, Kleinkonteninhaber oder sonstiger Minusposten in der Gesamtbilanz des Humankapitals Anspruch auf existenzsicherndes Gehalt, auf bezahlbare Nahrung, Wohnung oder gar Gesundheit zu haben. Manche glauben überdies immer noch, trotz Arbeitslosigkeit und Hartz-Bezuges stünden ihnen Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde zu. Doch sind solch höheren Attribute exclusiv den besseren Kreisen vorbehalten, wie etwa den Herren Clement, Henckel, Sinn und Walter.
 
Auch zu diesbezüglicher Unterweisung des beschränkten Untertanenverstandes ward einst die Hartz IV-Reform erfunden, und Armeen von Kontros und Sozialbütteln wurden von der Leine gelassen. ARGE-Schikanen, Zwangsarbeit, Totalkontrolle, Minimalexistenz lehren den Leistung beanspruchenden Unterklassemenschen, daß Menschenwürde in unserer besten aller Gesellschaftsordnungen erst oberhalb seiner Klasse verfügbar ist. Denn: Mit Fürst lernen heißt Demut lernen.
 
Erleidest du der Armut Qual, gönn dir Sitte und Moral
 
Persönlichkeitsrecht und Menschenwürde haben Sendepause, sobald Helena Fürst auftaucht mitsamt Hofmeister und dem auch ohne Einladung bis ins Bettgemach filmenden Sat 1-Fernsehtribunal.
 
Somit zum delikatesten Thema: Als Hartz-Gesetz-mandatierte Sexkontrolleuse muß Frau Fürst mindestens so manisch um das Liebesleben anderer Leute besorgt sein wie etwa unser vom Gottesgesetz mandatierter Sexualexorzist Kardinal Meisner, sie unter Aspekten angeblichen Hartz-Rechts, er unter solchen der himmlischen Keuschheit. Fürst und Kardinal könnten daher nur gemeinsam erschüttert zur Kenntnis nehmen, wie zuchtlos die Almosenempfänger heutzutage sich niedersten Begierden hingeben. Schreckliches muß Helena Fürst fast täglich erblicken. A-ohh!! Waaas sehen wir denn da?! Das Bett sieht ja - shocking - "zerwühlt" aus! Das könnte - so hieß es noch in den Kuppelei- und Schwulenprozessen der 50er und 60er Jahre - "den Verdacht widerrechtlichen/sittenwidrigen Geschlechtsverkehrs begründen"! Schtonk! Coitus läßt die strenge Helena auf keinen Fall durchgehen, da ist sie viel rigider als Wilhelm Buschs "Fromme Helene" - eben: "gnadenlos". Mit Streckbank wird derlei Lotterleben zwar noch nicht wieder geahndet, wohl aber mit Leistungsminderung. Diese gründet auf der anscheinsindizierten Hypothese, bei der angeblichen Wohngemeinschaft handele es sich um ein Liebespaar. Daraus wird im Geiste christlicher Sündenstrafe das hochmoralische Dekret abgeleitet, der jeweilige Bettgespons könne ja die Kosten für seine(n) Hartz IV-einnehmende(n) GespielIn übernehmen.
 
Kampagnenziel: Soziale Spaltung, völkisches Ressentiment
 
Dabei zeigt Helena Fürst gelegentlich durchaus Nachsicht, wie es halt im Feudalismus nach Lust, Laune und Leutseligkeit auch schon üblich war. Der Frau, der ihr gewalttätiger Ehemann alles abgenommen habe, läßt sie netterweise eine milde Gabe zukommen. Immerhin hat sie bei ihr auch kein zerwühltes Bett entdeckt. Keine Gnade aber gibt es in dieser gnadenlosen TV-Prangerkirmes am Beispiel einer angeblich des Sozialbetrugs überführten türkischen Familie, für ausländische Leistungsabzocker. Die wollen sich, so werden Dorfstammtische und NPD-Blogs bedient, an deutschem Nationalvermögen bereichern. Doch über dieses wacht mit Flammenschwert Helena Fürst wie die fleischgewordene Germania persönlich.
 
Neben der Vorverdachts-Mobilisierung gegen Erwerbslose insgesamt scheint denn auch noch eine spezifisch "ethnische", sprich völkische, Aufhetzung zu den "Einsatzzielen" dieses Formats der psychologischen Kriegsführung nach innen zu gehören. Damit ein weiterer Schlag gegen das "falsche Denken", gegen "Restsozialismus in den Köpfen", gegen auch noch so verkümmerte Solidarität unter den Abhängigen in dieser Gesellschaft geführt wird. Damit prekär Arbeitende gegen prekarisierte Arbeitslose, „inländische“ Opfer des Kapitalismus gegen „ausländische“ aufgebracht werden. Damit die Reservearmeen des Kapitals also willig und verfügbar bleiben. Angst der Massen vor dem eigenen Absturz und Haß gegen die "anderen", die noch tiefer im Schlamassel sitzen, läßt die Kriegsgewinnler des sozialdarwinistischen Systems noch bequemer regieren und Profite machen. An- und Zutreiber à la Fürst & Co. spielen in diesem Konzept eine unverzichtbare Rolle, millionenfach multipliziert durch Prangerpropaganda wie "Gnadenlos gerecht". (PK)
 
"Gnadenlos gerecht - Sozialfahnder ermitteln. Helena Fürst und Helge Hofmeister fühlen Hartz-IV-Empfängern auf den Zahn."

Sendetermine: mittwochs jeweils ab 21.15 bis 22.15 Uhr auf Sat 1 - demagogisch wirksam placiert direkt nach der Kriminal-Reality-Show "Die Abzocker - das sind ihre Tricks - die fiesen Tricks von Dieben und Betrügern".

 
 

Online-Flyer Nr. 161  vom 27.08.2008

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