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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Glossen
Pappnasen - Folge 1
Das Phänomen
Von Charlie Schulze

Wenn der Kölner an sich schon zum Größenwahn neigt, gilt dies erst recht
für den kulturschaffenden Kölner: Aufgeblasene Kleinprominente,
Provinzprinzen und Großmöchtegerne bevölkern unsere "Medienmetropole",
drängeln sich in den Fokus unserer Aufmerksamkeit und verstellen die
Sicht auf vielleicht spannendere Ereignisse. Sie können gleichzeitig
Anlaß zu Ärger und Heiterkeit bieten oder einfach nur lästig und öde
sein. "Pappnasen" benennt Persönlichkeiten der Kölner Kulturszene, die
sich durch ihre Neigung zu Schamlosikkeit, grundloser Wichtigtuerei und
Beschränktheit in der Sache bei gleichzeitiger öffentlicher Überpräsenz
hervorgetan haben. Die Kolumne legt keinen besonderen Wert auf Fairness
sowie Aktualität, möchte sich im Gegenteil polemisch nachtragend dem
widmen, womit uns die Portraitierten schon lange auf die Nerven gehen. Die Redaktion.

Er tat einem schon fast wieder leid, wie er kürzlich in irgendeiner Talkshow hockte, mit großen Augen und bar jeder Ahnung vom Thema - es ging um Gentechnik contra ökologischer Landbau, es talkten ein paar Experten für Pro oder Kontra, und Wolfgang Niedecken saß dabei, hatte, was Wunder, zu all dem nichts zu sagen, durfte aber am Ende noch einmal seine persönliche Betroffenheit und Besorgnis kundtun. Die Reklame für seine neue CD und die Ansage der nächsten Tourdaten übernahm dann schon wieder die Moderatorin.

'...besorgt-Schauen und betroffen-sich-Äußern'
"...besorgt-Schauen und betroffen-sich-Äußern"
Foto: www.bap.de


Eigentlich ein typischer Niedecken-Auftritt: das auch-Herumsitzen, das nichts-mitzuteilen-Haben, das besorgt-Schauen und betroffen-sich-Äußern: es gehört zum überschaubaren Repertoire des Künstlers, der in Kollegenkreisen unter der Bezeichnung Phänomen läuft, wohl weil man sich nach dreißig Jahren immer noch fragt, wie so einer beziehungsweise es so weit kommen konnte.

Schon in früheren Jahren, als er mit einem erstaunlichen Titel die Charts stürmte ("verdamp lang her" widerspricht in allen Punkten den Hit-Rezepten, die in den Giftküchen der Radiotauglichkeit kursieren, ein Phänomen in der Tat, das diesen Namen verdient), fiel dem aufmerksamen Rezipienten das Gefälle auf, das zwischen seinen nicht ganz untalentierten schriftlichen Formulierungen und den wesentlich flacheren bis dumpfbackig-peinlichen Spontanäußerungen lag.

Schaute eins noch genauer hin, fiel auf, dass es sich bei seinen Songtexten anfangs um Dylan-Adaptionen handelte (was ihm auch, weil der Kölner gerne alles missversteht, das Etikett "Südstadt-Dylan" einbrachte - ein grauenhafter Irrtum, mit dem er noch immer gerne hausieren geht), bis in der Folge auch ein eigener Stil vorlag: der Dylan-Fan und Kunststudent fand eine Formel aus Bildersprache, wehendem Zeitgeist und sabbeligem Pseudokölsch, mit der er immerhin bundesweit Zustimmung fand.

Im Verlauf seiner Karriere fand eine Niveauangleichung des Texters mit dem Rhetoriker statt: Schnell fiel ihm nichts mehr ein, ein paar Jahre pantschte er noch mit den altbewährten Komponenten herum, heute nimmt er gerne wieder und wieder die Hits aus den Achtzigern neu auf, eins ums andere mal seichter und beliebiger... Es schien auch immer weniger um die Projekte selbst zu gehen, sondern vielmehr darum, sie gemacht zu haben bzw. dabei gesehen worden zu sein - am liebsten mit Personen, die er für noch wichtiger hält als sich, und, diesen Widerspruch hält er aus, derer gibt es eine Menge in der Welt.

Legendär und gleichzeitig typisch in ihrer fast rührenden Peinlichkeit ist die TV-Aufzeichnung mit Trude Herr und Tommy Engel von 1991, zwei charismatische Provinzkünstler und routinierte Bühnenmenschen, die beide die Kamera im Blick und ihr Publikum im Griff haben. Daneben steht der viel größere Niedecken wie ein Schuljunge, klammert sich an sein Mikrofon und schaut fast ununterbrochen zu den beiden anderen herüber, als wollte er den Text von ihren Lippen lesen, verunsichert bis in die Knochen, aber mit leuchtenden Augen ob dieses großen Momentes. Hat einer, fragt man sich da doch unwillkürlich, der es schon unter die fünf erfolgreichsten deutschsprachigen Popsänger gebracht hat, hat so einer es noch nötig?

'...zum dreißigjährigen Jubiläum einer Band, die es nicht mehr gibt'
"...zum dreißigjährigen Jubiläum einer Band, die es nicht mehr gibt"
Foto: www.bap.de


Alles, was wir seitdem von ihm gehört haben, lässt nur den einen Schluss zu: Ja, er hat es nötig, bis heute, nur, dass ihm Köln unterwegs zu klein wurde: Je weniger er eigentlich mitzuteilen hatte, desto weiter musste gereist werden, China, Afrika, New York, desto aufdringlicher mussten große Verwandtschaften herbeiinszeniert werden: ein Duo mit SherylCrow, ein Film mit Wim Wenders, zuletzt musste wieder die WDR Bigband herhalten.

Selbst aus dem Drama um seine qualvoll gestorbene und mehrfach reanimierte Band BAP spricht nur die Unfähigkeit, den berühmten Namen aufzugeben. Trotz zweier nicht schlecht gelungener Soloprojekte und seiner regelmäßigen Beteuerung, er wäre auch bildender Künstler: er traut es sich schlicht nicht mehr zu, abseits der ganz großen Prominentenbühne zu existieren. Das, und nur das hat ihn auch zu dem bewogen, was in seinen Kreisen unter "gesellschaftliches Engagement" läuft. Wo er sich früher noch hier und da gegen Vereinnahmung wehrte und nicht sehr glaubwürdig zum Besten gab, eigentlich nur Rockmusiker sein zu wollen, sich aber gleichzeitig schon an alles heranwagte, was gerade als öffentliche Diskussion kursierte, hat er irgendwann die Ambivalenz nicht mehr ausgehalten und kippte Hals über Kopf auf die Seite der ewig gutwollenden Nervensägen, die mangels anderer Daseinsberechtigung mit der Moraldröhntüte durch die Medienwelt geistern - ein paar Jahre recht penetrant bis zum Bundesverdienstkreuz - in Zeiten, in denen Politik nicht so en vogue war, etwas verhaltener, aber doch irgendwie zu präsent für einen, der noch nie eine Ahnung von den Inhalten hatte, für die er gerade stand. Nein, er braucht einfach diese Nähe zu Prominenten, vielleicht, weil er sonst seine eigene Prominenz nicht glauben kann. Das Phänomen ist sich selbst ein Rätsel, und permanente Selbstbestätigung ist sein alleiniger Antrieb. Da haben wir sie wieder: eine eigentlich bedauernswerte Existenz.

Eine Leidensgestalt also, ein Ecce Homo des Showbiz, ein warnendes Beispiel für kommende Generationen vielleicht und als solches wertvoll in der Medienlandschaft? Nein, denn er nervt, seit geraumer Zeit schon, aber zurzeit gerade wieder zum dreißigjährigen Jubiläum einer Band, die es nicht mehr gibt, die aber allen Ernstes auf riesigen Postern in der heutigen Besetzung dreißig Jahre verjüngt dargestellt wird (zu bewundern bei Saturn am Hansaring).

Wir also wollen zum Jubeljahr die Peinlichkeit und Überflüssigkeit dieser Landplage beim Namen nennen und jenseits allen Mitleids fragen, was er denn noch will, wo er doch all die Promi-Fotos hat und wahrscheinlich genug Geld, um überall hin zu jetten und noch mehr Fotos zu machen? Wo sich doch immer noch genügend Sumsköpfe und Nostalgiker zusammenfinden, um ihm mehrmals die Kölnarena zu füllen - warum müssen auch wir, die es nun wirklich nicht mehr interessiert, unbedingt erfahren, dass es wieder was von ihm zu kaufen gibt?

Und zu guter Letzt: weil solche Fragen ja eh nicht zum Adressaten vordringen, müssen wir uns selbstkritisch fragen, ob es nicht schon wieder zu viel Forum ist, was auch wir diesem Ärgernis einräumen, ob nicht konsequentes Ignorieren der einzige Weg wäre, derartige Phänomene loszuwerden. Die nächste Generation verhält sich diesbezüglich wegweisend: Fragt man einen 20jährigen nach dem Auslaufmodell, wird man außer "Wolfgang Wer??" keine Rückmeldung bekommen. Wir können also davon ausgehen, dass wir weitere dreißig Jahre nicht zu befürchten haben.

Online-Flyer Nr. 30  vom 07.02.2006

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