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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Literatur
Manchmal geht man so ganz
„Du kannst jetzt nicht gehen“
Von Claudia Behr

Lange hat man zusammengelebt, gefühlvoll, doch oft gedankenlos, hat sich an einander gerieben und aneinander gewöhnt, sich geliebt und verflucht. Doch, dann kommt der Abschied: immer unerwartet und immer schmerzlich, wenn jemand plötzlich aus unserem Leben gerissen wird. Claudia Behr mit einem mutigen Zeugnis zum Abschied einer wichtigen Beziehung: literarisch und ernst – die Redaktion.

Schatz, jetzt reiß dich zusammen. Das kannst du mir nicht antun. Ich brauche dich doch. Du kannst jetzt nicht einfach gehen und mich hier im Stich lassen. Das ist feige. Sich einfach so aus der Affäre ziehen und mich hier im Chaos zurücklassen. Das sieht dir wieder mal ähnlich.

Foto: Martina Taylor, pixelio.de Trauer
„Trauer“ | Foto: Martina Taylor, pixelio.de             
Die Ärzte haben gut reden. Sie sagen, ich soll mir keine allzu großen Hoffnungen machen. Aber wenn ich das nicht tue, wer dann? Wer glaubt dann an dich? Weißt du, was passiert, wenn ich dich aufgebe? Sie schalten den Strom ab. Einfach so. Stecker raus und weg bist du. So als hätte es dich nie gegeben. Niemals mehr würdest du aus dem Koma erwachen. Niemals wieder. Deine Erinnerungen, deine Vergangenheit? Einfach weg. Wie weggewischt. Was würdest du hinterlassen? Nichts. Wer würde an dich denken? Niemand. Niemand außer mir. Und dann? Dann würdest Du begraben oder vielleicht auch verbrannt? Oder vielleicht ganz fies ausgeweidet werden. Ich weiß nicht genau, was mit dir geschehen würde. Ich weiß nur, dass irgendwann der Kontakt zu mir abbräche und dass ich dich irgendwann vergessen haben würde. Vielleicht, wenn ich jemanden anders kennen lernte, vielleicht dann. Würde ich dich vermissen? Bestimmt.

Wir hatten ja schon dieses kleine Ritual. Begrüßung mit Küsschen, ein optimistisches Schulterklopfen, ein zarter Klaps auf den Rücken. Und es lief hervorragend zwischen uns. Ich ließ dich arbeiten und du ließt mich leben. Niemals hätte ich gedacht, dass wir solch eine Nähe zueinander aufbauen würden. Mein Typ bist du nie gewesen. Niemals. Deine Welt war mir viel zu konstruiert. Sie war nicht spontan genug. Dafür war sie aufregend. Hätte ich damals gewusst, was ich dir antue, glaub mir, niemals hätte ich diese Aktion gestartet. Sie brachte dich nahe einem Infarkt. Damals war ich noch naiv und unschuldig. Aber dass du so wütend auf mich geworden bist, das kann ich bis heute nicht glauben. Ich meine, woher hätte ich wissen sollen…? Jemanden wie dich hatte ich bis dato doch nicht kennen gelernt. Und dass du so sensibel bist, das hatte ich echt nicht erwartet. Sicherlich hatten mich meine Freunde vor dir gewarnt. Aber solche Warnungen nimmt man doch nicht ernst.

Heute habe ich vieles dazu gelernt. Hätte es anfangs nicht so viele Probleme zwischen uns gegeben, wäre unsere Beziehung spurlos an mir vorübergegangen. Ich hätte nicht gelernt, so sensibel auf dich einzugehen. Niemals hätte ich mich mit dir beschäftigt. Niemals hätte ich erkannt, was alles in dir steckt. Niemals hätte ich den Drang gehabt, dich verstehen zu wollen.

fussabdruck meer Olaf Schneider pixelio.de
Foto: Olaf Schneider, pixelio.de                            
Was nun, Hasi? Ich habe alles versucht. Oft habe ich dich aus dem Koma wachrütteln können. Aber jetzt? Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun kann, um dir zu zeigen, wie wichtig du mir mittlerweile geworden bist. Du bist in eine Zwischenwelt gedriftet, zu der mir der Zugang verwehrt ist. In die ich ab und zu eintauchen, aber niemals Teil von ihr werden durfte. Ich war ein oberflächlicher Beobachter deiner Welt. Ich habe sie gesehen und einiges verstanden. Aber ich gehörte nie richtig dazu. Deine Welt war zu komplex für mich.

Du hast es mir auch nicht einfach gemacht. Immer hattest du ein anderes Wehwehchen. Wieso auch warst du immer so stoisch? Weshalb hast du nicht einmal deinen festen Platz verlassen? Du hast die Einsamkeit vorgezogen, dich von mir zurückgezogen, und es war dir egal, wie ich damit umgehen würde. Nie ist dir in den Sinn gekommen, dass ich dich vielleicht brauchen, ja dich vielleicht vermissen würde. Eifersüchtig hast du geargwöhnt, dass es da jemanden anderen geben könnte. Beleidigt hast du dich in dein verschlossenes Reich verbannt, du hast mir nicht ein einziges Mal zugehört. Ich konnte machen, was ich wollte. Ich kam nicht mehr an dich heran. Ich war verzweifelt, aber das glaubtest du mir nicht.

Wusstest du eigentlich, dass es Leute gab, die Angst vor deiner sensiblen Eigenheit hatten? Die sich nicht trauten, auf dich zuzugehen, weil sie meinten sie würden dich mit ihrer übersprühenden Energie zerstören? Die glaubten, dass sie Schuld seien, wenn du den Kontakt zu ihnen nicht herstellen wolltest?

Wenn dir unser gemeinsames Leben nicht gepasst hat, hast du mich das spüren lassen. Dann warst du nicht mehr ansprechbar für mich. Du hast einfach dicht gemacht. Liebevoll konnte ich dich dann umgarnen, dir schmeicheln, bis du wieder versöhnt warst. Und dann funktionierte alles wieder fantastisch zwischen uns.

Aber musstest du dich auf diese perfide Weise von mir verabschieden? Du weißt doch, dass ich nicht ohne dich leben kann. Dass ich dich brauche. In guten wie ins schlechten Zeiten. Wir gehören doch zusammen. Du und ich. Wem soll ich denn jetzt meine Geschichten erzählen? Mit wem soll ich in eine andere Welt eintauchen? Über wen soll ich mich jetzt ärgern können? Hast du dir das mal überlegt? Nein, soweit hast du nie gedacht. Du warst viel zu sehr mit dir beschäftigt.

Ach Hasi, glaub mir, wenn ich könnte, würde ich dich noch einmal zum Leben erwecken, um all die schönen Erinnerungen mit dir noch einmal zu erleben. Um sie an anderen Orten zu speichern. An Orten, zu denen ich zugangsberechtigt bin. Aber nicht einmal das lässt du jetzt noch zu. Du hast dich einfach aus meiner Welt verabschiedet, um in die Welt deiner Träume abzutauchen. Ich bin ratlos. Ich kann nichts mehr tun. Und du hast dich nicht einmal von mir verabschiedet. Du lässt mich hier stehen, so wie ich bin. Deine Tür hat sich für immer verschlossen. Ich kenne den Zugangscode nicht. Ich habe ihn noch nie gekannt. Du hast ihn mir nie verraten. Du hast immer nur mit mir gespielt. Und das Spiel habe ich jetzt leider verloren. Das zu erkennen, ist hart. Und ziemlich unfair. Du hast mein Leben einfach mit dir genommen und mir keine Chance gelassen, etwas davon zu retten.

Ade_2007_ Foto: Maren Beßler pixelio.de
„Adé" | Foto: Maren Beßler, pixelio.de                
Ich kann jetzt von neuem beginnen, mir ein Leben aufzubauen. Ohne Vergangenheit, ohne Erinnerung. Ich fühle mich wie ausgelöscht. Ich bitte dich, gib noch nicht auf. Geh noch nicht. Gib mir noch eine Chance, mein Leben, meine Daten festzuhalten. Wie soll ich denn meiner nächsten Beziehung erklären, wer ich bin? Was ich mache? Ich kann doch nicht einfach von neuem beginnen, Dinge zu beschreiben und in meiner Lebenslaufbahn speichern. Glaube mir, das nächste Mal werde ich alles, egal was ich erlebe und lebe, überall festhalten. Ich werde mir Notizen machen, ein Massenspeichergerät kaufen und jede noch so unwichtige Information abspeichern. Nur für den Fall, dass ich es wieder mit einem Computer wie dir zu tun haben werde. (CH)




Online-Flyer Nr. 156  vom 23.07.2008

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