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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Glossen
Unpassende Fragen in unpassenden Momenten:
„Haben sie gedient?“
Von Karl Brennessel

Das Sein beeinflusst ohne Zweifel das Bewusstsein, aber ein „sozialer Abstieg“ bringt nicht notwendigerweise ein soziales Bewusstsein mit sich, manchmal genau das Gegenteil. Karl Brennessel berichtet folgende Episode aus dem Deutschland des Jahres 2008 und klärt über den „Weißen Jahrgang“, die Realität Nachkriegsjahre und die Wiederbewaffnung der Bundeswehr auf – die Redaktion.

Gestern ärgerte ich mich tierisch an der Kasse eines Rewe-Marktes. Und dann auch so in mich gekehrt, dass es kaum jemand in der dortigen Käuferschlange mitbekam.

Denn einer von zwei vermutlich nicht-sesshaften Männern – andere würden sie „Penner“ nennen – die dort warteten und ihre Bier- und Weinflaschen aufs Förderband gelegt hatten, fragte mich herausfordernd: „Haben Sie gedient?“

Dazu muss ich erklären, dass ich Menschen niemals ablehne, die es in unserer – bis auf Ausnahmen – nur noch aufs materielle Wohl bedachten Gesellschaft nicht mehr packen – zumal ihr Los jede und jeden treffen kann.

Das aber wusste der Mann sicherlich nicht, der mich so provokant gefragt hatte. Außerdem konnte er nicht ahnen, dass ich gestresst war. Denn Minuten bevor ich den aus dem Regal genommenen Käse und eine Tragetasche aufs Warenband stellte, war mir eine Tüte mit Schnittlauch aus den Händen gefallen, die ich in der Nähe des Bandes am Boden suchte.

Als ich den Lauch gefunden und mich neben dem immer noch auf dem Förderband liegenden Käse und der Tasche eingeordnet hatte, versuchte mich einer der Treber wegzudrängeln und schimpfte, als ich stehen blieb: „Was wollen Sie denn hier?“

Mein „Erlauben Sie bitte“, beantwortete er mit einem Nicken, während der Andere mich frech fragte, ob ich gedient hätte.

Ich sagte, ich sei zu alt dafür gewesen, zumal ich „Weißer Jahrgang“ wäre, worauf die beiden nun ihre Späße mit meiner Antwort trieben, ohne mich aber direkt anzusprechen. Schließlich – wir waren noch nicht an der Kasse angelangt – reichte mir die Frotzelei. Ich behauptete: „Sie wissen ja nicht einmal, was der ‚Weiße Jahrgang’ ist.“

Kriegsgefangene Kinder in Berlin 1945
Graue Realität für „Weißen Jahrgang“ – Kinder als Kriegsgefangene
in Berlin 1945

Es verging eine Weile, während die Männer schwiegen, mich in Ruhe ließen und wohl nachdachten. Dann erkläre einer: „Das war die Zeit dazwischen“.
Immerhin dachte ich und öffnete – beim Kassierer angekommen – meine Geldbörse, packte meine Sachen ein und ging ohne Gruß.

Denn die unehrenhafteste Frage, die mir jemand stellen kann, lautet: „Haben Sie gedient?“

Warum wohl?

wiederbewaffnung der bundeswehr NATO werbeplakat
Werbeplakat für NATO und Wieder-                  
bewaffnung aus den 50ern
Mit Tausenden gehöre ich zu den Jahrgängen, welche die Gräuel am Ende des Zweiten Weltkrieges überlebten und sich ab 1955 in panischer Angst davor fürchteten, bei Gründung der Bundeswehr wieder Waffen in die Hand nehmen zu müssen. [1]

Dabei hatte ich 1955 am Arbeitsplatz öffentlich erklärt, mich anzuzünden, wenn ich zum Bund müsse, wobei erst 1956 endgültig herauskam, die ersten Rekruten würden jene sein, die am 1. Mai 1937 und danach geboren wurden, während ich acht Tage zuvor zur Welt gekommen war.

 
Das löste – neben vielen anderen Ereignissen – aus, dass selbst deutsche Militaristen nach dem Untergang der Nazi-Diktatur den noch aus dem kaiserlichen Staat und seiner Autoritätsgläubigkeit stammenden Slogan ablehnten, der Mensch sei nur Mensch, wenn er gedient habe.

Nun aber sind wir soweit, dass sogar die Menschen den Beruf des Soldaten hochleben lassen, welche die soziale Kälte des Neoliberalismus und dessen Kadavergehorsam am eigenen Leib verspüren.

Armes Deutschland. (CH)


[1] Wer sich im Nachhinein die Diskussion um die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik noch einmal auf der Zunge zergehen lassen möchte, sehe in folgendes Zeitdokument!




Online-Flyer Nr. 156  vom 23.07.2008

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