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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Glossen
"Sie sagen ja jetzt..." - Teil 2
Da können die Holländer auf der Straße machen,
was sie wollen
von Ulla Lessmann

Über Karneval ziehe ich mich ja eher vors Fernsehen zurück heutzutage, weil sich der Holländer dann doch in Köln öffentlich sehr ausbreitet. Früher waren es vor allem wir Norddeutschen, die die Ureinwohner übertrumpfen mußten, weil man ja sagt, wir seien sonst von Natur aus eher zurückhaltend und da wollten wir natürlich zeigen, dass wir auch lustig sein können, wenn wir müssen. Ich glaube, heutzutage feiert der Kölner an sich lieber vorm Fernsehen, was ja auch billiger kommt. Da sieht man allerdings viele Frauen, die nicht mehr die Jüngsten sind und mir dann peinlich werden. Gerade die finden ja kein Ende und sind sehr ausgeschnitten, was wirklich nicht mehr sein muß und kreischen immer so ganz hoch und hinten im Hals.

Männer lachen eher normal, obwohl ich bei manchen auch finde, es wäre nun mal gut und man kann doch auch mit einer gewissen Würde in die Jahre kommen und dann mal Jüngere an die Pappnase lassen. Und betrunkene Frauen, da kann man nun sagen, was man will und Emanzipation hin oder her: Die sind immer noch irgendwie unangenehmer als betrunkene Männer. Bei Männern ist man das gewöhnt, aber Frauen werden manchmal ordinär, obwohl man das Wort heute nicht mehr sagt, aber als wir jung waren, sagte man das und wußte auch genau, was gemeint war, obwohl man das nicht gesagt hat.

Man soll schon auch noch lustig sein, wenn man älter wird und mal aus sich herausgehen und ich lache auch gerne ab und zu über einen netten Witz, wenn er gerade paßt, aber wenn das immer nur um diese zweideutigen Sachen geht und die Frauen dann im Fernsehen wie wahnsinnig kreischen, dass man ihre herausgenommenen Mandeln sieht, ich finde, das muß nicht mehr sein. Da kann man vielleicht fein lächeln, um zu zeigen, dass man so was nicht unbedingt honoriert.

Am schlimmsten ist das bei dieser "Mädchensitzung", die gucke ich mir immer an, weil, da zeigt sich dann am besten, wer sich gehen läßt und kein Ende finden kann. Wenn sie schon immer noch alle Karneval feiern müssen, sollten sie lieber nett unter sich bleiben und vielleicht gemeinsam ein Lied singen oder zwei und nicht im Fernsehen rumquietschen. Wahrscheinlich ist das denen vom Fernsehen eigentlich auch nicht recht und deshalb holen sie jetzt Tanzmariechen aus dem Osten!

Sonst beschweren sich die aus dem Osten immer, dass wir ihnen was überstülpen und sie kriegen Neurosen und haben kein Selbstbewußtsein mehr und jetzt kommen sie von selber und machen alles nach und tanzen hier, als ob sie dazu gehören. Da fühlt sich der Kölner dann nicht mal mehr vorm Fernseher wohl. Ich finde, ins Fernsehen sollen sie junge Menschen und Ostler tun, der Kölner bleibt ganz unter sich und schaltet dann aus und die Holländer und Norddeutschen auf der Straße können machen, was sie wollen.

Ulla Lessmann
Ulla Lessmann
Foto: www.nrw-autoren-im-netz.de


Ulla Lessman wurde 1952 in Bremerhaven geboren, lebt seit 1964 in Köln, ist Journalistin, Diplom-Volkswirtin und Schriftstellerin. Sie war langjährige Chefredakteurin des "Sozialdemokrat Magazin" und des "Vorwärts" in Bonn, ist seit 1995 freie Autorin für Zeitschriften und Hörfunk und hat mehr als 100 literarische Veröffentlichungen in Printmedien, Hörfunk und Internet ("Hier schreit nur einer", Gerichtsreportagen, www.internet-editionen.de) geschrieben. Zahlreiche Preise, unter anderem den Sonderpreis des "Emma"-Journalistinnenpreises für Glossen und den Förderpreis für satirische Literatur der Stadt Herne. Ulla Lessmann ist Mitglied im VS.

Online-Flyer Nr. 29  vom 31.01.2006

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