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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Medien
Beim Dalai Lama schwinden den Medien Sinn und Verstand
Deutschland – Dalai-Land – Teil 2
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

Eigentlich ist er fast schon so etwas wie ein Ehrenbürger der BRD; jedenfalls ist er hier anscheinend auf zyklisch wiederkehrender Durchreise, häufiger noch als unser deutscher Papst, der Ratzinger-Joseph. Auch nach der Olympiade wird er – vom 28. Juli bis 2. August 2009 – wieder in Deutschland einschweben. Rechtzeitig vor der Bundestagswahl werden ihm die Medien erneut huldigen, und Frau Merkel wird sich wie im vergangenen und in diesem Jahr wieder publikumswirksam vor seiner Heiligkeit verneigen dürfen. – Die Redaktion.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos Der Dalai Lama hat ihr neue Tricks beigebracht
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


ARD-„Wissenschaftsmagazin“ als Religions-TV
 
„Dalai Lama - Weisheit und Widerstand". Da weiß man doch gleich, was man zu erwarten hat - den üblichen Hurra- und Hallelujah-Sums, der hier mit gnadenlosem Automatismus ausbricht, sobald der Name "Dalai Lama" auch nur fällt. Doch welche Sendesparte bringt sowas? Ein Boulevardmagazin? Eine Religionsreihe? Ein Esoterikformat? Alles irgendwie richtig und doch weit gefehlt. Die so betitelte Sendung kam bei „Planet Wissen", einem zumindest populärwissenschaftlich auftretenden Magazin, das ZuschauerInnen der 3. ARD-Programme Erbauliches aus der Welt des Wissens vermitteln will. Doch an diesem Sendetag rutschte „Planet Wissen" endgültig in die oben benannten Spartentäler ab: Boulevard, Religionsverkündung, Esoterikgeblubber.
 
Statt Information hymnische Lobhudelei
 
Das ARD-Magazin mühte sich redlich, fest im Rahmen der vorgegebenen Konsensschablone zu verbleiben, außerhalb derer in den Großmedien der BRD anscheinend Berichterstattung über Tibet kaum möglich ist, und gab sich der hymnischen Lobhudelei auf den tibetischen Gemütsguru uneingeschränkt hin. Als Studioexpertin fungierte eine gebürtige Deutsche, die sich - es sei ihr von Herzen gegönnt - für ein Leben im tibetisch-buddhistischen Kloster entschieden hat und den Dalai Lama als ihren Heiland betrachtet. Für einen kenntnisreichen, aber ausreichend distanzierten Wissenschaftler, wie etwa Ingo Nentwig, war bei "Planet Wissen" das Studio wohl zu klein und die Stunde Sendezeit zu kurz. Raum und Zeit aber, die dieser Sendung vorherbestimmt waren, sollten ohnehin mehr mit Glauben als mit Wissen ausgefüllt werden.
 
Weglassen, was der Weihe zuwider
 
Der Abkürzung halber sei hier nur ein Beispiel für bewußte oder unbewußte Manipulation von Tatsachen zugunsten der religiösen Botschaft aus dieser Sendung angeführt. Es gibt im Gelbmützen-Buddhismus neben dem Dalai Lama noch eine weitere heilige Instanz, eine Wiederverkörperung Buddhas: den Panchen Lama. Der ist viel weniger bekannt als der Dalai Lama, gleichwohl ging er unlängst durch die westlichen Medien.
 
Der bisherige Inhaber dieser Funktion hatte seine aktuelle Inkarnation beendet, war also verstorben. Nun mußte ein Nachfolger gefunden werden. Aufgrund astrologischer Orakelverfahren wird zu solchem Zwecke, wie beim Dalai Lama auch, irgendein männliches Kleinkind als Reinkarnation ausfindig gemacht. Kaum der Mutterbrust entwachsen wird der arme Wurm dann in Seidengewänder gehüllt und zum Panchen Lama ernannt. Gesagt, getan. Doch was sich diesmal abspielte, erinnert ans selige christliche Mittelalter mit seinen Päpsten und Gegenpäpsten. Auf einmal nämlich gab es zwei Panchen Lamas. Der von der Dalai-Fraktion Auserkorene, und das ist ein verbrecherischer Akt von Kidnapping, wurde offenbar in die VR China entführt und lebt dort angeblich als „normaler chinesischer Junge“.
 
Der „Gegen-Panchen“
 
Doch nun geht es um den „Gegen-Panchen“. In den westlichen Medien wurde sich empört, die chinesische Regierung habe mit Druck und Gewalt die Ernennung eines ihr ergebenen Pseudo-Panchen-Lama erzwungen. Von Ingo Nentwig allerdings konnte man in seinem Kölner Vortrag den doch schon erheblichen Unterschied lernen, daß es bei den Gelbmützen sehr wohl zwei Fraktionen gibt: eine prochinesische und eine antichinesische. Die prochinesische müsse gar nicht erst gezwungen werden, ihren eigenen Panchen Lama zu ernennen, so Nentwig. Solche Information kann natürlich nichts von dem anstößigen Eindruck abziehen, den der beiderseits bedenkenlose Verbrauch von Kleinkindern, auf Regierungsseite mit klarem Verstoß gegen die Kinderschutzkonvention der Vereinten Nationen, als Staffage religiösen Okkult-Tamtams einerseits und politischer Ranküne andererseits hinterlassen muß. Gleichwohl wäre es Aufgabe eines Wissens-Magazins, solche Informationen als relevantes WISSEN weiterzugeben und statt dessen ein bißchen weniger Lama-Propaganda zu machen. Doch hier empörte man sich unisono mit dem sonstigen westlichen Agitprop-Mainstream nur über die manipulative Wahl des „falschen", des „prochinesischen" Panchen Lama.
 
Wohlgemerkt: Es geht hier um kleine Hosenmätze, die, kaum des aufrechten Sitzens fähig, aufgrund spiritistischer Geistersuche in Puppenkleider gehüllt und unter Medientrara und Beifall der jeweiligen erwachsenen Protagonisten auf eine Art Thronsessel gepflanzt werden. Und da es sich dabei nicht um einen einmaligen Kinderkarneval handelt, der Aschermittwoch vorbei ist, sondern um die potentiell lebenslang aufgezwungene Karma-Existenz im Monasterium, könnten einem Begriffe wie Kidnapping oder Kindesmißbrauch schon in den Sinn kommen.
 
Religionsfreiheit - das höchste aller Menschenrechte?
 
Hierzu bemerkte der China- und Tibet-Experte Dr. Ingo Nentwig bei seinem Vortrag in Köln: „Ich wäre dagegen, wenn denen wieder das Recht gegeben würde, vier- oder fünfjährige Jungs in Klöster zu entführen und als Mönche ’auszubilden’. Der Fortschritt, den die VR China in dieser Hinsicht in puncto Menschenrechte gebracht hat, sollte unbedingt beibehalten werden, nämlich, daß die erst ab 16 und auch nur aufgrund eigener freier Willensentscheidung in Klöster eintreten dürfen. Religionsfreiheit auf Kosten von Menschenrechten ist abzulehnen. Das aber ist gerade ein zentraler Punkt. Die Traditionalisten nämlich schimpfen darüber wie die Rohrspatzen." (s. auch NRhZ 147-148: „Tibetische Wirklichkeit anstatt Märchen")
 
Esoterik und Propaganda statt Information
 
Genau in dieser gegenaufklärerischen Richtung kam es den öffentlich-rechtlichen EsoterikpropagandistInnen keineswegs in den Sinn, die Freiheitsberaubung von Kindern und deren Vernutzung für religiöse Obskuranz-Rituale an und für sich zu kritisieren. Die abergläubischen „Findungsmethoden" werden in unserem Wissensmagazin an sich nicht in Frage gestellt; kritisiert wird nur die Manipulation solch exakter Wissenschaft durch die Pekinger Atheisten. Diese vollkommen parteiliche Sichtweise mag man als Religionssendung oder Esoterikmagazin zwar vertreten, unter Berufung auf die Willkürfreiheit von Glaubens-und Meinungsprogrammen. Von einem „Wissensmagazin" darf man aber wohl etwas anderes erwarten als rein religiös-ideologische Indoktrination. Der Vertrauensvorschuß, den ein Sendeplatz mit "Wissens"-Logo denn auch gegenüber anderen Programmsparten genießt, läßt die missionarische (Aber)Glaubensunterweisung als schwerwiegenden Mißgriff erscheinen. Auf seinem Anschlußtrip an den affirmativen Lama-Kult verfehlt insbesondere der viel beanspruchte „Qualitätsjournalismus" von ARD und ZDF nur allzu oft seinen Informations- und Aufklärungsauftrag. In dieser Folge von „Planet Wissen" jedenfalls wurde distanzlos Weihrauch über'm „Ozean der Weisheit" geschwenkt und mithin bestenfalls ein flaches Tümpelchen Esoterik angerichtet.
 
Ehrendoktorat der Chemie für den Okkultguru
 
Bei solcher Art „Wissenschaft" mag denn auch eine echte Universität nicht zurückstehen. Und so konnte Herr Gyatso, der Chef eines Okkult-Ordens, der an Geister, Dämonen und Seelenwanderung glaubt, im September 2007 die Ehrendoktorwürde der Universität Münster entgegennehmen. Nicht im Fachbereich Theologie, sondern im Fachbereich Chemie. Die Presse überschlug sich wieder vor Begeisterung - so ein Universalgenie hat es seit Leonardo da Vinci nicht mehr gegeben. Die Begründung des Münsteraner Festkomitees ist seinem Gegenstand freilich angemessen, liest sie sich doch so, als sei sie in einem leicht dämpfegefüllten Experimentalraum der chemischen Fakultät entstanden.
 
Der Dalai Lama führe „intensive Gespräche mit Naturwissenschaftlern", heißt es da, und, im New Age-Jargon: er verbinde „spirituell-meditative Versicherung mit naturwissenschaftlichen Einsichten". Die Forschungsprojekte „Biochemische Aspekte der tibetisch-buddhistischen Reinkarnatioshypothese" und „Beweis der Dalai-Lama-Reinkarnation mithilfs der DNA-Analyse" sollten nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.
 
Spiritueller Höhepunkt: „BILD“
 

Seine Heiligkeit mit dem „Osgar“ der
BILD-Zeitung, Quelle: www.bild.de
An Preisen mangelt es dem Beglücker westlicher Bürgerseelen ja durchaus nicht. Vor genau einem Jahr erhielt unser Lama, und das wiegt bei weitem schwerer als ein universitärer Ehrendoktor, vom Intellenz-Leitblatt aller Deutschen, der BILD-Zeitung, den „Osgar“, einen speziellen BILD-Medienpreis.
 
Den hat er vor allen anderen seinen Preisen auch am meisten verdient, denn er ist seit eh und je vor allem eines: ein symptomatisches Medienphänomen. In seiner Geisteshöhe und Heiligkeit angemessener Gesellschaft befand er sich auch: Die Verleih-Veranstaltung der BILD-Zeitung „moderierte" nämlich eine gewisse Verona Bohlen-Feldbusch-Pooth. Sie wissen, die mit den häufig wechselnden Nachnamen, der Stimme, die den Himalaya zum Bröckeln bringen könnte, und vor allem mit dem „Blubb". Und der hat ja nun wieder einerseits mit Chemie zu tun, irgendwie jedenfalls, und in seiner unergründlichen Aussagekraft ist er der philosophischen Erkenntnistiefe des Preisträgers durchweg angemessen. (PK) 
 
Teil 3 „Hamburger Häresien – Helmut Schmidts kritische Anmerkungen“ sowie „Zufall oder Suggestion – eine Bilderfolge der Tagesschau“ bringen wir in der nächsten Ausgabe der NRhZ.

Online-Flyer Nr. 151  vom 18.06.2008

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