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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Inland
Der Fern-Seher – Folge 28
Traurig und ratlos
Von Ekkes Frank

Ich habe keinen Fernseher – ich bin ein Fern-Seher. Ich betrachte das Land, in dem ich geboren, erzogen und zu dem wurde, der ich bin, nicht mehr von innen, als Mit-Erlebender, Mit-Leidender, Mit-Kämpfer. Ich bin weg. Aus der Ferne betrachtet – dabei ist Italien in den Zeiten von Internet und Ryanair gar nicht mehr so fern – wirkt diese BRD ziemlich klein, viel unwichtiger als sie selbst sich gern sieht („Wir sind wieder wer“). Eben wie ein normales europäisches Land.

Manchmal kriege ich dann etwas mit, das mich zu einer Reaktion motiviert. Und manchmal reise ich auch noch nach Norden, nach Germania. Und ich schalte, irgendwie gewohnheitsmäßig, das noch immer dort herumstehende TV-Gerät ein. Dann bin ich sozusagen ein totaler Fern-Seher…


Unser Fern-Seher Ekkes Frank
Foto: NRhZ-Archiv
Wenn ich Kurt Beck wäre – Nein! Stopp! Ich habe mir doch schon vor Jahren geschworen, nie mehr in meinem Leben einem Horror-Szenario aufzusitzen! Also fange ich nochmal an, moderat und bescheiden-realistisch: wenn ich Vorsitzender der SPD wäre, dann wäre ich in diesem Juni 2008 sehr traurig und völlig ratlos. Und zwar beides wegen der Ergebnisse dieser ARD-Umfrage vom vergangenen Freitag, präsentiert von dem Herrn Schönenborn vom WDR, der ja sowieso immer ein bisschen dreinblickt wie ein von seinem Beruf gezeichneter Beerdigungsunternehmer.

Mit einem von ehrlicher tiefer Besorgnis ganz leeren Blick schaute er in die Kamera und sprach von einem „düsteren Bild“, das der ARD-DeutschlandTrend zeichne, von der Stimmung der Deutschen in dieser Zeit. Und die Zahlen und Einzelheiten, die dann folgten, bestätigten das. „Nur noch 48 Prozent sagen, sie seien zufrieden mit der Art und Weise wie die Demokratie bei uns funktioniert.“ Und: „Weiterhin beklagen 78 Prozent der Befragten, dass sie persönlich nichts vom Aufschwung spüren.“ Fast jeder zweite ist außerdem überzeugt, dass es ihm in zehn Jahren wirtschaftlich noch schlechter gehen wird als heute, wo ein Drittel der Deutschen sagt, ihre finanzielle Situation mache ihnen „große Sorgen“. Dieselben Worte finden 86 Prozent beim Thema steigende Preise und 83 Prozent, wenn sie an die Armut in Deutschland denken.

Jörg Schoenenborn – mit Grabesstimme
Jörg Schoenenborn – mit Grabes-
stimme
Quelle: www.talk42.de
Und das alles ist nicht etwa eine irgendwie bedauerliche momentane Verstimmung. Der glatte Herr Schönenborn schließt seine Ausführungen mit Grabesstimme und den Worten: „Diese Zahlen sind keine Laune, kein kurzfristiger Trend, sondern sie stabilisieren sich seit zwei Jahren“. Andere Medien untermauern diese ARD-Ergebnisse, etwa das Handelsblatt, das von einer Mehrheit der Deutschen schreibt (die auch noch beständig zunehme), und die der Meinung sei, die deutsche Wirtschaftsordnung habe sich nicht bewährt.  

Verstehen Sie jetzt, warum ich als SPD-Chef ratlos wäre und traurig dazu? Wir sogenannten Sozialdemokraten waren es doch, die schon ganz früh den Godesberg erklommen und von da oben den rechten Weg erkannt haben: „It’s the capitalism, stupid!“ Und als wir dann in den Jahren 1989-90 bestätigt wurden, haben wir doch, zunächst als konstruktive Opposition und dann vor allem mit unserem dynamistischen Basta-Kanzler Gerhard Schröder dafür gesorgt, dass so viele noch übrig gebliebene Dummheiten und Gedöns abgeschafft wurden, die einst aus übertriebener Angst vor dem im Osten Europas real existierenden Gespenst begangen worden waren, und die jetzt überflüssig waren und nur der Entwicklung einer globalen, gesunden Marktwirtschaft im Wege standen.
 
Und diese Stimmung im Volk jetzt, ist das der Dank? Nicht nur ratlos wäre ich, sondern auch hoffnungslos. Denn es gibt doch nirgends positive Signale! Nicht nur, dass meine SPD inzwischen ängstlich auf die 5-Prozent-Sperrklausel starren muss, während die LINKE unaufhaltsam zulegt auf – so der kaum merklich angewiderte Herr Schönenborn – ein derzeitiges Allzeithoch von 14 Prozent, nein, dies ist auch exakt die gleiche Zahl von Deutschen, die „eine Alternative zu marktwirtschaftlichen Ordnung sieht.“
 
Und nicht genug damit: vernünftige Genossen oder besser: Mitglieder, wie der kluge Clement werden um ein Haar aus der Partei ausgeschlossen, in der sich irgendwie eine linksradikale Stimmung auszubreiten scheint, trotz aller Häme und Warnungen unserer objektiven Massenmedien.
 
Nirgends ein Lichtblick! – Nirgends? Doch! Es gibt in dem oben erwähnten DeutschlandTrend auch „Optimisten“. 18 Prozent glauben für sich an eine bessere wirtschaftliche Situation in zehn Jahren. Es sind allerdings zumeist junge Leute bis 34, erläutert der auch schon ein bisschen in die Jahre gekommene Herr Schönenborn, die in Ausbildung und im Studium sind. Und es sind außerdem jene, die sich selbst als zugehörig sehen zur „Oberschicht“ und zur „oberen Mittelschicht“, was und wer auch immer das sein mag.
 
Aber: selbst wenn wir (und ich habe keine Ahnung wie) diese Menschen zur Wahl der SPD motivieren könnten - eine Mehrheit für mich als Bundeskanzler ergäbe das wohl kaum, fürchte ich. Das gibt es ja noch nicht mal für den tapferen, braven, redegewandten, positionenklaren, brillant analysierenden Rotkohl Kurt Beck… (PK)

Online-Flyer Nr. 150  vom 11.06.2008

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Von Kostas Koufogiorgos
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