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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Medien
Interview zum neuen Mumia Abu-Jamal-Film – Teil II
„Tatversion der Anklage kann nicht wahr sein“
Von Peter Kleinert

Michael Schiffmann und seine Schwester Annette engagieren sich seit 1999 in der Mumia-Solidaritätsbewegung. Er ist Autor und Lehrbeauftragter für Linguistik und Cultural Studies am Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg und hat das Buch „Wettlauf gegen den Tod“ geschrieben. Beide haben durch Recherche, Ideen, Überprüfung der Fakten und Kontakte zu Interviewpartnern zu dem Film "In Prison my Whole Life" beigetragen. Sie ist Co-Autorin von "free mumia - Dokumente, Analysen, Hintergrundberichte" und hat den Film ins Deutsche übersetzt. Hier der zweite Teil des Interviews.


Geburtstagsdemo für Mumia in Berlin
Foto: Annette Schiffmann
PK: Die Recherchen für diesen Film haben zur Befragung zweier wichtiger Zeugen vor der Kamera zum Tathergang am 9.12.81 geführt, auf deren Vernehmung Staatsanwalt und Gericht im Prozess gegen Mumia verzichtet hatten: des am Tatort anwesenden Fotografen Pedro Polakoff, dessen Fotos nie als Beweismaterial benutzt wurden, und Mumias Bruder, dem Mumia ja gegen die Übergriffe der Polizei helfen wollte. Beide hätten die Behauptung von Polizei und Staatsanwalt, dass Mumia den Polizisten Faulkner erschossen hat, widerlegen können. Müsste nicht nun, aufgrund des Films, ein neuer Prozess mit diesen beiden Zeugen eingeleitet werden? Und was sagen Mumias Anwälte dazu?
 
MS: Um mit dem zweiten Zeugen anzufangen: Die Befragung Billy Cooks wurde ohne mein Zutun durch Mumias Anwalt Robert R. Bryan möglich gemacht und fügt natürlich weitere Mosaiksteine zu unserem Wissen – oder zu unseren Vermutungen – darüber, was am 9. Dezember 1981 geschah, hinzu. Sie deutet darauf hin, dass Auslöser der Ereignisse etwas war, was in den USA leider an der Tagesordnung ist: die Brutalisierung eines schwarzen Autofahrers durch einen weißen Polizisten. Der getötete Polizeibeamte Daniel Faulkner war offenbar nicht, wie von der Anti-Mumia- und Pro-Hinrichtungs-Fraktion in den USA behauptet, ein vorbildlicher und „sauberer“ Polizist, sondern ein ganz gewöhnlicher, rassistischer und brutaler Cop, wie er für das Philadelphia der damaligen und leider nicht nur der damaligen Zeit so typisch war. Aus meinen Recherchen für mein Buch und auch aus dem Film geht klar hervor, dass, was immer sonst passiert sein mag, Faulkner in dieser Nacht derjenige war, der den ersten Schuss abgegeben hat, und dass alles andere aus diesem Schuss folgte. Von daher hätte Mumia, selbst wenn er überhaupt geschossen hätte, als lebensgefährlich Verletzter in Notwehr gehandelt und sollte auch dann mit Sicherheit nicht dort sein, wo er jetzt ist.
 
Aber sowohl die Befragung Billy Cooks als auch der Rest des Films legen in hohem Maß nahe, dass ein dritter Mann, Kenneth Freeman, der sich zusammen mit Billy Cook in dessen Wagen befand, Faulkner getötet hat – meines Erachtens ebenfalls in Notwehr, das heißt, um Mumia, sich selbst und Billy Cook gegen einen überaggressiv vorgehenden Polizisten zu verteidigen.
 
Michael Schiffmann
Dr. Michael Schiffmann
Foto: Annette Schiffmann
Die Entdeckung Pedro Polakoffs dagegen geht auf meine eigenen Recherchen zurück und war natürlich eine elektrisierende Sache. Ich war im Internet auf einer Anti-Mumia-Website auf Fotos vom Tatort gestoßen, die ich noch nie gesehen hatte und die offenbar 1981 sogar in einer Zeitung veröffentlicht worden waren. Glücklicherweise war der ungewöhnliche Name des Fotografen, Pedro P. Polakoff III, auf den Bildern deutlich zu erkennen, und es dauerte nicht lange, bis Annette und ich seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse ausfindig gemacht hatten. Zu meiner Überraschung erwies er sich als überaus kooperativ. Auch hier entspann sich neben Telefonaten und einer Skype-Konferenz ein ausführlicher und intensiver E-Mail-Wechsel, in dessen Verlauf er mir all seine Fotos vom Tatort zuschickte und ich ihn ausführlich dazu befragen konnte. Überzeugt, dass es sich hier um einen seriösen Zeugen handelte, entschloss ich mich, im August 2006 nach Philadelphia zu fahren, um Pedro persönlich zu befragen. Skurrilerweise stellte sich dann heraus, dass ein Teil der Dreharbeiten des Filmteams in Philadelphia ebenfalls auf den August 2006 fiel, und nachdem ich Pedro zuerst allein kontaktiert hatte, beschlossen wir umgehend, ihn in den Film einzubauen. Ursprünglich Ergebnis der Recherchen für mein Buch, kam das neue Polakoff-Material also sozusagen als „Seiteneinsteiger“ in den Film. Andererseits liefert der Film natürlich eine weitaus bessere Möglichkeit, dieses Material zu popularisieren.
 
Was zeigen diese Fotos? Sie zeigen, dass die Tatversion der Anklage nicht wahr sein kann und dass die drei wichtigsten Zeugen gegen Mumia, auf deren Aussagen diese Version basiert, gelogen haben. Sie zeigen, dass der zweitwichtigste Zeuge gegen Mumia sich mit seinem Taxi nicht an der Stelle befand, von wo aus er die Erschießung des Polizisten beobachtet haben wollte, sie zeigen die Manipulation von Beweismaterial, und sie zeigen, wie ein Polizist, der die Waffe Mumias und die Waffe des getöteten Polizisten „sichert“, aktiv Beweismaterial vernichtet, indem er sie an sämtlichen kritischen Stellen mit bloßen Händen anfasst.
 
„Unfassbar“, war der Kommentar Robert Bryans dazu in einem Interview, das mein Kollege Hans Bennett von „Abu-Jamal News“ mit ihm geführt hat.
 
Eigentlich sollte die Präsenz zweier so brisanter neuer Zeugen wie Billy Cook und Pedro Polakoff genügend Grund für die Anordnung eines neuen Verfahrens oder zumindest neuer Anhörungen sein, aber Recht und Gerechtigkeit sind oft nicht dasselbe, und so ist es auch hier. Die Bundesgerichte, die jetzt über Mumias Fall befinden, befassen sich praktisch ausschließlich mit Verfahrensfragen und nicht mit der Substanz der Sache selbst – was geschah am 9. Dezember 1981 tatsächlich –, und die rechtlichen Barrieren dagegen, solches Material überhaupt noch einzubringen, sind außerordentlich hoch. Nicht einmal der bereits erwähnte Troy Davis, der über ein Dutzend wichtiger neuer Zeugen vorweisen kann, soll ein neues Verfahren bekommen. Hoffen wir, dass die amerikanische Öffentlichkeit diesen absurden Zustand nicht ewig hinnimmt.
 
PK: Was ist von dem angeblichen Geständnis von Arnold Beverly, dass er und nicht Mumia den Polizisten Faulkner erschoss, zu halten? Diese von Rachel Wolkenstein, Anwältin des Partisan Defense Committee, auch in NRhZ-Ausgabe 95 verbreitete These widerspricht ja eigentlich Eurem Ergebnis im Film, es sei Kenneth Freeman gewesen?
 
MS: Im Jahr 1999 legte ein Mann namens Arnold Beverly das eidesstattliche Geständnis ab, er sei, zusammen mit einem anderen Mann, der wahre Mörder des Polizeibeamten Daniel Faulkner gewesen. Er sagte, er und dieser andere Mann seien von korrupten Polizisten dafür bezahlt worden, dass sie den „sauberen Cop“ Faulkner, der sich zu sehr für die Machenschaften seiner Kollegen interessiert habe, beseitigen. An diesem Punkt überlappt sich diese Version ironischerweise mit der der Anti-Mumia-Kräfte, die inzwischen einen regelrechten Heiligenkult um Faulkner betreiben. Der „andere Mann“, von dem hier die Rede ist, wäre dieser Theorie zufolge kein anderer als Kenneth Freeman. Laut der Aussage Beverlys hat dieser Mann zuerst auf Faulkner geschossen, ihn aber nur verletzt, und Beverly selbst hat Faulkner dann aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen.
 
PK: Was ist von dieser Aussage zu halten?
 
Meine nach langen Recherchen gezogene Schlussfolgerung dazu ist: Nicht viel. Das einzige, was wirklich dafür spricht, ist die legendäre Korruptheit und Brutalität der Polizei in Philadelphia gerade, aber nicht nur, zur Zeit der Verhaftung Mumias. Sie lassen den Vorgang, den Beverly schildert, durchaus plausibel erscheinen. Auf der anderen Seite erweist sich die Story Arnold Beverlys bei genauer Prüfung als sehr dünn und voller Löcher.
 
So sagt er, er und sein Mitattentäter hätten auf verschiedenen Straßenseiten auf das Erscheinen Faulkners an der Kreuzung 13. Straße und Locust gewartet. Aber wie hätte Beverly wissen sollen, dass er dort auftauchen und vor allem, dass er dort halten würde? Zudem zeigt nicht zuletzt der Film, dass alles darauf hindeutet, dass Kenneth Freeman NICHT auf der anderen Straßenseite auf Faulkner gewartet hat - er saß bei Mumias Bruder Billy im Auto. Und auch Billy und Freeman konnten natürlich nicht wissen, dass Faulkner dort auftauchen und sie anhalten würde.
 
Zweitens, wenn Faulkner so ein „sauberer Cop“ war, warum fing er dann an, Billy mit rassistischen Schimpfworten zu beleidigen und auf ihn einzuprügeln? Warum hätte Freeman als gedungener Attentäter warten sollen, bis Faulkner seinen Freund Billy blutig schlägt? Gemäß der Version Beverlys hätte Freeman Faulkner in den Rücken geschossen, um dann, Faulkner selber den Rücken zuwendend, die Flucht zu ergreifen. Das ist ein ziemlich merkwürdiges, geradezu absurdes Verhalten für einen Auftragskiller.
 
Hinzu kommt, dass die Zahl der laut Beverly abgegebenen Schüsse - vier - nicht mit der Zahl der Schüsse übereinstimmt, von der alle anderen Zeugen sowohl der Anklage als auch der Verteidigung sprechen, nämlich fünf. Beverly, der von je einem von Freeman und ihm selbst auf Faulkner abgegebenen Schuss spricht, hat auch keine Erklärung für einen dritten auf Faulkner abgegebenen Schuss, der ihn nicht traf, aber von vorn die Schulter seiner Uniformjacke durchlöcherte. Beverly gibt weiter an, er sei durch das unterirdische U-Bahnsystem an 13. and Locust verschwunden, aber niemand, kein einziger Zeuge, weder der Anklage noch der Verteidigung, hat ihn auf die U-Bahn-Treppen dort zu rennen sehen.
 
Hinzu kommen auch noch Plausibilitätsüberlegungen: Warum sollten korrupte Cops einen der Ihren ausgerechnet in einer belebten Gegend wie 13th and Locust „erledigen“ lassen, und das dann auch noch von zwei Kleinkriminellen wie Freeman und Beverly, die sich Beverlys eigener Aussage zufolge dabei reichlich stümperhaft angestellt haben? Korrupte Polizisten haben ganz sicher wesentlich elegantere Möglichkeiten, sich eines lästig gewordenen Kollegen zu entledigen, als so „von hinten durch die Brust ins Auge“ vorzugehen.
 
Und schließlich: Bis zum heutigen Tag ist alles, was wir von Beverly haben, seine sehr magere und in Widerspruch zu den bekannten Tatsachen stehende eidesstattliche Erklärung von 1999, aus der nicht einmal klar hervorgeht, wer genau denn nun seine Auftraggeber waren. Ich denke, wenn er mehr zu sagen hätte, wüssten wir es inzwischen, aber da scheint es nichts mehr zu geben.
 
Schlussfolgerung: Beverly ist entweder einer jener Psychos, die es oft bei wichtigen Mordfällen gibt und die sich aus fehlgeleitetem Geltungsbedürfnis selbst bezichtigen, oder irgendwer hat ihn, unter Verweis auf Straffreiheit als Kronzeuge, zu seiner Aussage überredet, oder beides.
 
Wie dem auch sei, er ist ein unglaubwürdiger Zeuge, dessen Aussage man getrost vergessen kann. Seine Aussage weist in eine völlig falsche Richtung und ist von Mumias Verteidigung längst fallengelassen worden. Die Tatsache, dass einige immer noch hartnäckig an dieser Version festhalten, weil sie eben zu schön ist, um nicht wahr zu sein, ändert daran nichts. 

Es ist sicher kein Zufall, dass nach Mumias früherem Verteidiger Dan Williams, dem Journalisten Dave Lindorff und mir selbst J. Patrick O'Connor in der bisher vierten in Buchlänge vorliegenden Analyse dieses Falles ebenfalls zu dem Schluss kommt, dass Beverly nichts mit dem Tod Faulkners zu tun hat und dass der tatsächliche und alleinige Täter aller Wahrscheinlichkeit nach Ken Freeman war.
 
PK: Ich habe ja auch einen Dok-Film über Mumia produziert, in dem wir ihn – nach dem 17. August 1995, für den eigentlich seine Hinrichtung geplant war, die dann aber aufgrund der internationalen Proteste nicht stattfand – vor der Kamera interviewen durften. Daß wir unseren Film damals nicht im Auftrag des WDR produzieren konnten, sondern auf eigene Kosten machen mussten, lag vor allem an den Medien, z.B. an der SZ, die unsere zunächst positiven Gespräche mit der zuständigen TV-Redaktion in Köln durch einen widerlichen Artikel über Mumia und die Solidaritätsbewegung mit der Überschrift „Die Solidaritäter“ zum Abbruch brachte. Hat sich an der Haltung der deutschen Medien zu Mumia durch Euren Film etwas geändert?  
 
MS: Burkhard Müller-Ullrich, von dem der von Ihnen erwähnte Artikel in der SZ stammt, ist ein ausgesprochener Lumpenjournalist, wie sich auch seinem Artikel „Heiliger Mumia – wie der Kulturbetrieb einem Mörder huldigt“, erschienen in seinem Buch „Medienmärchen“, entnehmen lässt. Leider fehlen mir hier Zeit und Platz, um diesen Artikel so auseinander zu nehmen, wie er es verdient; ich werde das bei Gelegenheit nachholen. Glücklicherweise sind seine Auslassungen für die Presse und die Medien zumindest derzeit nicht mehr typisch.
 
Allzu viel besser geworden ist es allerdings nicht, denn die Berichterstattung der bundesdeutschen Medien zu Mumia und ähnlichen Fragen ist vor allem eins: sehr oberflächlich. Aufgrund dieser Oberflächlichkeit hatte der überwältigende Teil der Öffentlichkeit, der etwas von dem Gerichtsbeschluss vom 27. März diesen Jahres mitbekam, den Eindruck, dies sei ein großer Sieg für Mumia gewesen. Kaum jemand dort machte sich die Mühe, sich mit den Details des Falls auseinanderzusetzen, was dann gezeigt hätte, was für eine groteske Fehlentscheidung das in Wirklichkeit war.
 
AS: Kann man wohl sagen – nicht mal die offizielle Verlautbarung Amnesty Internationals, in der das Urteil als unverständlich bezeichnet wurde, fand irgendwo Erwähnung.
 
MS: Gut war immerhin, dass so gut wie alle Medien, so auch die Tagesschau, an prominenter Stelle darüber berichtet haben – allerdings immer mit dem Augenmerk darauf, dass das Gericht die Todesstrafe aufgehoben habe, was ja in Wirklichkeit bereits im Dezember 2001 geschehen war und von diesem Gericht lediglich bestätigt wurde.
 
Leider hat es sich bei der Premiere des Films im April 2008 in Berlin nicht anders verhalten. Außer einigen Anmerkungen im „Neuen Deutschland“ und einem sehr guten Artikel in der jungen Welt sind mir keine Berichte dazu bekannt. Hier stünde für die Zukunft an, sowohl den Film als auch die Polakoff-Fotos vom Tatort wesentlich bekannter zu machen, als sie es jetzt sind. Mein Traum war immer, dass so etwas mal im Rahmen eines dieser 4-seitigen Dossiers in der „Zeit“ erscheint.
 
Annette Schiffmann
Annette Schiffmann
Foto: Jan Oberg
AS: Für die Deutschlandpremiere des Films auf dem Berliner britspotting habe ich die Presse- und Medienarbeit gemacht, und zwar sehr intensiv. Besonders hoch motiviert waren wir dann zusätzlich, weil die Entscheidung des Gerichts zwei Wochen vor der Premiere verkündet wurde und dadurch ein zusätzlicher brandaktueller Anlass zur Berichterstattung da war. Ich habe meine ganzen persönlichen Kontakte aus jahrelanger Pressearbeit aktiviert, und viele JournalistenkollegInnen haben sich dafür stark gemacht, einen Sende- oder Zeitungsplatz zu bekommen. Ein weiteres Zugpferd war die Präsentation durch Amnesty International – kurzum, kurz vor dem Premierentermin hatten wir tatsächlich berechtigte Hoffnung, dass diesmal mehr passieren würde als das übliche Nichts.
 
Die Süddeutsche Zeitung hatte jemanden angemeldet, der SWR bemühte sich, die Berliner Zeitung ebenso. Am Schluss war kein einziger Journalist anwesend – was nicht an ihnen persönlich lag, sondern daran, dass sie keinen Auftrag bekommen hatten. Insofern – nein, was die Berichterstattung angeht, hat sich nichts geändert. Wohl aber etwas am persönlichen Interesse vieler Journalisten und Redakteure. Immerhin.
 
Was mich persönlich besonders erbittert ist die jahrzehntelange Boykotthaltung der taz, die ich einfach völlig unnachvollziehbar finde. Ich war mit fünf verschiedenen Redakteuren im Gespräch – und zwar auf der Kultur- und Filmschiene, schließlich ist Marc Evans nicht irgendein Niemand, sondern der Einstiegsfilmer der letzten Berlinale. Aber das Desinteresse am Thema des Films war buchstäblich durch die Leitung zu spüren.
 
PK: Wie verhalten sich die US-Medien zu Mumia, und wie haben die auf Ihren Film reagiert?
 
AS: Insgesamt haben sich die Medien dort entweder gar nicht oder vorwiegend feindselig verhalten – das hat sich allerdings in der letzten Zeit ein wenig verändert. Der Philadelphia Inquirer hat eine Journalistin, die sich in den letzten anderthalb Jahren zunehmend für das Schicksal Mumias interessiert und sich dabei immer mehr engagiert und einige relativ gute und sachliche Artikel in der Zeitung untergebracht hat. Das ist aber auch schon alles.
 
Für Furore sorgte im Dezember die Veröffentlichung der Memoiren von Maureen Faulkner, der Witwe des erschossenen Polizisten. Die Tatsache, dass der Inquirer ihr unfassbar schlecht geschriebenes Buch „Murdered by Mumia“ in mehreren Kapiteln vorabdruckte und ihre Einladung zur meistgesehenen Frühstückssendung der USA, der „TodayShow“ von NBC, erzeugte heftige Empörung bei vielen Unterstützern Mumias, die große Anstrengungen darein setzten, der „anderen Seite“ Gehör zu verschaffen. Und tatsächlich geschah das Unerwartete: die TodayShow lud Mumias Anwalt ein und berichtete zum ersten Mal geradezu ausgewogen. Die kritischen Nachfragen des Moderators an die verbitterte Witwe und ihren Ghostwriter, den rechten Journalisten Smerconich, wiederum erbitterten die Mitglieder des Fraternal Order of Police (FOP) dermaßen, dass sie seine Kündigung forderten. Was nicht geschah.

Demo
Erfolgreiche Demo gegen die „TodayShow“ bei NBC
Foto: NRhZ-Archiv


In dieser Show wurden erstmals auch die Fotos von Pedro Polakoff gezeigt, die Michael entdeckt hatte, und Faulkners und Smerconishs blamable Antwort auf die Fragen des Moderators dazu war, dass es Fälschungen seien.
 
Die Filmpremiere auf dem berühmten und angesehenen Sundance Filmfestival in Utah erregte großes Interesse vor allem in der Kulturwelt und ihrer Berichterstattung bis hin in Ariana Huffingtons berühmten Blog – was allerdings leider ohne politische Tragweite ist.
 
Im Großen und Ganzen muss man also leider sagen – Mumia und viele ähnlich gelagerte Fälle werden einfach totgeschwiegen. Das ist noch immer das effektivste Mittel, jemanden zu begraben.
 
PK: Wenn ich es richtig gesehen habe, taucht in „In Prison My Whole Life“ einmal ganz kurz ein Bild von Barack Obama auf. Ist der eigentlich in seinem Wahlkampf auf den „Fall Mumia Abu-Jamal“ und auf das Thema Todesstrafe eingegangen?
 
MS: Nein, Obama ist meines Wissens weder auf das eine noch auf das andere eingegangen, und meines Erachtens wird es sehr stark von den US-amerikanischen sozialen und politischen Bewegungen selbst abhängen, was für eine Politik er betreiben wird, falls er Präsident werden sollte. Bisher ist Obama eine Packung, auf der in großen Lettern „schwarz“ und „Hoffnung“ draufsteht, deren Inhalt aber weitgehend unbekannt ist. Ich denke, dass er, falls er Präsident wird, tatsächlich eher als Hillary Clinton in eine Richtung gezwungen werden kann, die den Hoffnungen und Aspirationen von vielen Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner gerecht wird.
 
So auch im Fall Mumia. Falls Mumia den Kampf um einen neuen Prozess verlieren sollte, wäre eine Begnadigung durch den US-Präsidenten eine Option – so wie im übrigen auch für etliche andre Ex-Mitglieder der Black Panther Party (oder des American Indian Movement wie Leonard Peltier), die seit Jahrzehnten im Gefängnis sitzen und kaum eine Chance haben, wieder herauszukommen, obwohl viele von ihnen entweder genauso unschuldig sind wie Mumia oder zu Haftstrafen verurteilt wurden, die in keinem Verhältnis zu den ihnen vorgeworfenen Taten stehen. Eine massive Kampagne zugunsten einer Begnadigung dieser Gefangenen durch den Präsidenten könnte also eine Option der Zukunft sein – die hoffentlich nicht Mumia betrifft, denn zum jetzigen Zeitpunkt muss alles daran gesetzt werden, dass er doch noch einen neuen Prozess bekommt und auf diesem Weg über einen Freispruch erster Klasse freikommt.
 
PK: Sie sehen also durchaus aufgrund der neuen Beweise, die der Film für Mumias Unschuld bringt, Chancen dafür, dass er freikommen könnte.
 
MS: Ich sehe durchaus noch Chancen für Mumia, und gerade jetzt wäre der falsche Moment, den Kampf aufzugeben. Auf der einen Seite kämpfen Mumias Anwälte auf rechtlicher Ebene weiter für ein neues Verfahren. Sie haben immer noch eine reale Chance, zu gewinnen. Auf der anderen Seite muss alles unternommen werden, um vor allem der US-amerikanischen, aber auch der internationalen Öffentlichkeit zwei Dinge klarzumachen:
 
Erstens ist in Mumias Fall immer wieder auf groteske Weise das Recht gebeugt und zurechtgebogen worden, nur um ihm einen neuen Prozess zu verweigern. Zweitens muss man hier die Frage nach dem Warum stellen, und die Antwort lautet, dass Mumia unschuldig ist, dass sämtliche Beweise gegen ihn gefälscht und zusammengelogen wurden, und dass Polizei und Staatsanwalt in Philadelphia berechtigte Angst davor haben, dass ihre korrupten und mörderischen Maßnahmen ans Licht gezogen werden. Alles zu tun, dass diese Fakten dennoch bekannt werden, das ist derzeit unsere Aufgabe. (PK)

www.inprisonmywholelife.com/Trailer.seam

 
25 Jahre in der Todeszelle Mumia Abu-Jamal
Michael Schiffmanns Buch „Wettlauf gegen den Tod - Mumia Abu-Jamal: ein schwarzer Revolutionär im weißen Amerika“, ist 2006 bei Promedia, Wien, erschienen. Siehe www.StimmenFuerMumia.de
Außerdem hat er Übersetzungen von Texten von Noam Chomsky, Angela Davis, Edward Said u.a. sowie Essays über Politik und Linguistik geschrieben. Mehr dazu auf seiner Webseite  www.AgainstTheCrimeOfSilence.de.

Annette Schiffmann ist Fundraiserin und PR-Beraterin für gemeinnützige Organisationen Leitungsmitglied bei TFF - Transnational Foundation for Future&Peace Research und Co-Autorin von "free mumia - Dokumente, Analysen, Hintergrundberichte". Mehr dazu auf
www.internationalpeaceandconflict.org/profile/AnnetteSchiffmann


Online-Flyer Nr. 150  vom 11.06.2008

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