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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2018  

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Fotogalerien
Horst Sturm zum 85. Geburtstag
Ein Bild kann einen Menschen berühren
Von Anneliese Fikentscher

Der Fotograf Horst Sturm möchte nicht Künstler genannt werden. Wenn der festgehaltene Moment sich aber einprägt und gut erfasst eine beabsichtigte Wirkung erzielt, habe das Produkt dann etwas mit Kunst zu tun, gibt er zu.[1] Fast vier Jahrzehnte wirkte Horst Sturm international als Bildberichterstatter bei ILLUS und der Allgemeinen Deutschen Nachrichtenagentur ADN der DDR. Stets wollte er mehr sehen als das Protokoll vorschrieb. Die Berliner Kohlenmänner vor dem sowjetischen Staatsbesuch 1963 sind ein Zeugnis von vielen für sein „Zuwenden zum pulsierenden Leben in seiner ganzen Vielfalt“.

Horst Sturm Berlin 1952
Horst Sturm, Berlin, 1952
„Knipsen Sie?“ wurde Horst Sturm hin und wieder gefragt. Seine Antwort lautete: „Nein, ich fotografiere.“ „Auch in bunt?“ „Nein, in Farbe.“ Das Gros seines fotografischen Werkes seit 1949 entsteht auf schwarz-weiß Film und ist ein immanentes Votum für die Geltung der Fotografie über den unmittelbaren Gebrauchswert – beispielsweise einer Bildagentur – hinaus. Als leidenschaftlicher Bildreporter wollte Sturm nie allein „Terminerfüller“ sein. Vielmehr: „Das Leben in seiner Vielfalt mit der Kamera einzufangen, Kontakt mit den Menschen zu haben, Freud und Leid, Land und Leute sowie aktuelle Ereignisse mit den Mitteln der Fotografie schöpferisch umzusetzen, war und ist für mich die schönste Aufgabe.“

Weg von Schablone und Klischee

Einige Bilder rettete Horst Sturm im schnellen Geschäft im wahrsten Sinne aus der Tonne: Die seltene Aufnahme von Brecht und Weigel zum Beispiel hatte man in der Agentur übersehen. Oder 1950 die Aufnahme vom Protest des berühmten Atomforschers Robert Havemanns in West-Berlin, der dem Fotografen bei seiner Festnahme zuruft: „Weil ich gegen die Atombombe bin, werde ich verhaftet“, brachte der Reporter in einem Butterbrot in Sicherheit, nachdem er nach einer einzigen Aufnahme selbst festgenommen und in eine Zelle gesteckt wurde.


berthold brecht weigel Horst Sturm – Berlin
Helene Weigel und Bertolt Brecht – Berlin, Berliner Ensemble, 1. Mai 1951

Gängigen Bildvorstellungen innerhalb der Agentur versuchte er entgegenzuwirken. Eine Portraitaufnahme von Arnold Zweig umgeben von zuprostenden Händen einer Schar von Gratulanten zum 80. Geburtstag wird von der Agentur ablehnt. In Moskau erhält er als Preis dafür eine Goldmedaille. 1965 gründet er mit anderen die Gruppe Signum, die sich das Ziel setzt: Weg von Schablone und klischeehaften Darstellungen!

Ein Bild kann einen Menschen erschüttern

Ist der Beruf des Bildreporters für ihn ein Traumberuf? „Für mich ist er es. Allerdings gehören große Liebe und Leidenschaft zur Fotografie dazu, um die oft zu leistende Schwerstarbeit, Entbehrungen, Zurückstellungen des Privatlebens zu bewältigen und nicht als unzumutbar zu empfinden.“ [2] Zahlreiche Reisen führen ihn zu politischen Konferenzen nach Genf und Helsinki oder mit einem Reportageauftrag über Wochen und Monate in die Mongolei, nach Russland oder in den Nahen Osten – manchmal auch zur Ausbildung. In der Mongolei ist es üblich, als Gast um die Jurte zu reiten, um anschließend als vornehme Köstlichkeit Hammelaugen serviert zu bekommen. Weil alles überall nach Hammel riecht, fällt der begleitende Redakteur aufgrund einer Krankheit aus.

Horst Sturm Berlin Mongolei Großmutter mit Enkel
Schützende Hände – Mongolische Volksrepublik, 1975

Horst Sturm ordert bei der deutschen Vertretung eine Kiste Wodka – und macht weiter. Es entstehen eindringliche, fast intime Portraits. Das Bild der Großmutter, die ihre „schützenden Hände“ um den Kopf des Enkels legt, ist Teil einer durchgängigen Idee aussagekräftiger Hände. Diese Idee trägt der mit aller Bewusstheit am Berliner Kollwitzplatz lebende Bildgestalter mit um die Welt.

„Ein Bild kann einen Menschen berühren, zum Nachdenken bringen, erschüttern...“ So „ist und bleibt“ die Pressefotografie, „das Nachrichtenfoto“ – wie es im damaligen Sprachgebrauch heißt, „ein wichtiger Informationsträger, trotz Fernsehens“, äußert der um die Wahrhaftigkeit besorgte 65jährige Bildjournalist noch 1988 beim Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben. Wie unvorstellbar geschickt durch Auslassung heutzutage per sogenanntem Agenda- und Framesetting mit Bildern talentiertester Fotografen (Nachtwey) gelogen werden kann, mag er sich mit 85 Jahren nicht mehr vorstellen.

Blick für Gestaltung und Bildidee

Die Frage, was ein gutes Bild ausmacht, lässt sich nicht so einfach beantworten: „Entweder da ist wat oder da is nischt.“ Mit dem berühmten Fotomonteur John Heartfield saß Horst Sturm in preisauslobenden Juries. Heartfield wertete kurz angebunden und meist unwidersprochen: das ist gut, das ist nicht gut. Wenn Horst Sturm anderer Meinung war, ließ er die vom großen Meister abqualifizierten Bilder nochmals unbemerkt vorlegen – und siehe da: plötzlich waren sie gut!

1988 Horst Sturm mit seiner Schülerin Gabriele Senft
Horst Sturm 1988 mit seiner Schülerin
Gabriele Senft
Seinen Volontärinnen und Studenten sagt er immer wieder: „Ich kann euch die Technik beibringen. Aber ob ihr Ideen habt, Phantasie, det müsst ihr nu selber irgendwie erfinden. Ick kann euch nur Beispiele jeben.“ Horst Sturms Beispiele haben es in sich. Es sind mit Licht geschriebene Kompositionen, im scharfen Gegenlicht geschwärzte Umrisse des Marktgeschehens am Alexanderplatz, Formgestaltung, Portraitausschnitte unter akzentuierter Einbeziehung von Vorder- oder Hintergrund. Blitzlicht ist tabu. Das macht alles kaputt.

Die Kamera wird erst kurz vorm Friedhof abjejeben

Seinen VolontärInnen gibt er die Kamera nach Feierabend mit nach Hause. Was soll die im Schrank, wenn du im nächsten Moment auf der Straße den spannendsten, den alltäglichsten Situationen ausgesetzt bist. „Die Kamera wird erst abjejeben kurz vorm Friedhof“, lautet eine seiner formulierten Selbstverständlichkeiten, die er den AnwärterInnen auf einen Studienplatz für Journalistik mit Leidenschaft auf den Weg geben will: „Ein aktiver Bildjournalist..., wird die Kamera nicht beiseite legen. Das Wertvollste, was er besitzt, sind seine Bilder.“ [3] (CH)

Postkarten zum Bestellen auf www.arbeiterfotografie.com

[1] zitiert aus einem Vortrag von Gabriele Senft, Erfurt 2007, „Gespräch mit Horst Sturm“
[2] zitiert nach Fotografie, Leipzig, 5/1988
[3] zitiert nach Fotografie, Leipzig, 5/1988



thomas mann horst sturm berlin
Thomas Mann und Johannes R. Becher – Weimar, 1955


besuch von Nikita S. Chruschtschow horst sturm berlin
Besuch von von Nikita S. Chruschtschow – Berlin, Schönhauser Allee/Ecke Dimitroffstraße, 1963


Mahn- und Gedenkstätte – Buchenwald, 1958 horst sturm
Mahn- und Gedenkstätte – Buchenwald, 1958


Kranzniederlegung durch Bundeskanzler Willy Brandt (rechts neben ihm Otto Winzer, Außenminister der DDR) – Buchenwald bei Weimar, 19.3.1970
Kranzniederlegung durch Bundeskanzler Willy Brandt (rechts neben ihm Otto Winzer, Außenminister der DDR) – Buchenwald bei Weimar, 19.3.1970



Verhaftung – West-Berlin, nahe Bahnhof Zoo, 1968


An der Schleuse – Berlin, 1955 horst sturm
An der Schleuse – Berlin, 1955


Meister und Geselle horst sturm
Meister und Geselle – Berlin, Köpenick, ca. 1960



Umgestaltung Kollwitzplatz mit Käthe-Kollwitz-Denkmal – Berlin, Prenzlauerberg, 1977 horst sturm
Umgestaltung Kollwitzplatz mit Käthe-Kollwitz-Denkmal – Berlin, Prenzlauerberg, 1977


Im Flüchtlingslager Chatila – Beirut, 1980 horst sturm
Im Flüchtlingslager Chatila – Beirut, 1980
Alle Bilder (sofern nicht anders vermerkt oder selbst dargestellt) Horst Sturm

Online-Flyer Nr. 146  vom 14.05.2008

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