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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Sport
Nach dem Aufstieg des 1. FC Köln – Mythen auf dem Prüfstand
Von Klassenerhaltsangst und Unterhausschlamm
Von Hermann

Es ist vollbracht. Nachdem der 1.FC Köln sich gegen Saisonende doch zu ungewohnter Souveränität durchringen konnte, ist der Aufstieg eine Woche vor der Sommerpause in trockenen Tüchern. Und das mit sechzig Punkten. Diese Tatsache weckte bei mir eine Erinnerung.


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Einfache Faustregel?
 
Als ich vor einiger Zeit, nach dem vergangenen Spiel gegen Offenbach, den Bieberer Berg herunterschlenderte, lauschte ich ungewollt einem Gespräch zweier junger Männer, die sich gleichwohl auf den Gebieten der Mathematik und der Hellseherei auszukennen schienen. Der eine rechnete dem anderen nämlich vor, wie viele der verbleibenden acht Partien der FC von nun an gewinnen müsse, um am Ende der Saison mit dem Aufstieg belohnt zu werden. Fünf Siege an der Zahl sollten es sein. Das verwirrende dabei war für mich die Tatsache, dass ja auch noch siebzehn weitere Vereine in Liga zwei jeweils acht Begegnungen vor der Brust hatten, was in meinen Augen eine Fülle von Unbekannten und Unwägbarkeiten mit sich brächte. Später konnte ich aber heraushören, dass keine Kristallkugel, sondern eine einfache Faustregel die Grundlage seiner Vorhersagen war: Sechzig Punkte reichen zum Aufstieg.

platzsturm nach 1. fc-köln sieg über mainz
Kölner Platzsturm nach dem Sieg über Mainz

Das war mir neu. Durch die nicht ganz optimal verlaufene jüngere Vereinsgeschichte meiner Geißböcke ist mir die weise Voraussage, dass vierzig Punkte in der ersten Liga den Klassenerhalt sichern sollen, natürlich nicht unbekannt. Wer diese einst machte, ist ebenso wenig bekannt, wie die Herkunft des Sechzig-Punkte-Ziels im Unterhaus. Höchste Zeit also, beide einmal auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen. Beginnen wir mit dem populäreren Mythos der vierzig Punkte. Dieser muss ja aus der jüngeren Vergangenheit stammen, da vor der Einführung der Drei-Punkte-Regel vierzig Punkte auf dem Konto meist zur Teilnahme am UEFA-Cup qualifizierten. 1967 reichte Eintracht Braunschweig ein Verhältnis von dreiundvierzig zu fünfundzwanzig Punkten sogar zur Deutschen Meisterschaft.

40 Punkte-Regel
 
Da die Drei-Punkte-Regel in der Saison 95/96 eingeführt wurde, ist ein Blick auf die vergangenen zwölf Abschlusstabellen also ausschlaggebend. In diesem Zeitraum beendeten lediglich zweimal Mannschaften mit jeweils vierzig Punkten eine Saison auf dem 15. Tabellenplatz: Leverkusen 2003 und Rostock 1997. Die Tabellensechzehnten hätten in den betreffenden Spielzeiten mit sechsunddreißig beziehungsweise dreiunddreißig Punkten allerdings noch Luft nach unten gelassen. Den Minusrekord für den Klassenerhalt im betreffenden Zeitraum teilen sich Wolfsburg 2006 und Freiburg 2002 mit jeweils vierunddreißig Punkten. Als „erfolgreichster“ Absteiger landete 1998 der KSC mit achtunddreißig Zählern auf dem sechzehnten Platz.

Das bedeutet im Durchschnitt, dass man beim Erreichen von 37,17 Punkten aufatmen kann, sich aber mit lediglich 34,5 Zählern noch stark abstiegsbedroht fühlen sollte. Damit ist der Mythos der vierzig Punkte wohl sogar mit ein bisschen Spielraum im Bereich der Wahrheit anzusiedeln.

60 Punkte-Regel
 
Schwieriger wird es bei der Sechzig-Punkte-Faustregel für die zweite Liga. Zwar stieg Mainz 2005 mit überschaubaren vierundfünfzig Punkten auf, 2002 gelang es ihnen aber mit vierundsechzig Punkten auf dem undankbaren vierten Platz zu landen, was ihnen ein Jahr darauf mit zweiundsechzig Zählern noch einmal widerfuhr. Letzte Saison musste dann noch der SC Freiburg mit erreichten sechzig Punkten seine Aufstiegsträume begraben.

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Den 60sten Punkt für den FC am Strand glatt verpennt
Alle Fotos: Hermann

Im Durchschnitt bedeuten 59,01 Punkte den Aufstieg, 57,17 Punkte aber den unschönen Klassenerhalt. Das mag zwar rechnerisch die Faustregel der sechzig Punkte bestätigen, aber Freiburg und vor allem Mainz werden ein Lied davon singen können, dass man mit einer überdurchschnittlichen Menge an Punkten aber auch gleichzeitig überdurchschnittlich viel Pech haben kann.

37,17 Punkte

In unserem Falle ging die Rechnung des eingangs erwähnten jungen Mannes vom Bieberer Berg allerdings genau auf. Abgesehen von der Tatsache, dass dies auch mit vier Siegen und drei Unentschieden möglich war, kann am kommenden Sonntag völlig angstfrei die goldene Ananastour nach Kaiserslautern begangen werden. Ein ganz neues Gefühl für mich, denn seit der unglücklichen Punkteteilung gegen Aue plagte mich ein Leiden, dessen Namen ich nicht kannte. ‚Aufstiegsstress’ könnte es sein, oder ‚Aufstiegsangst’, aber das trifft es ja nicht, da es mir nicht vor dem Aufstieg grauste, sondern vor der anderen Alternative, somit wäre ‚Nichtaufstiegsangst’ passender gewesen, klingt aber fast so doof wie ‚Klassenerhaltsangst’, was es aber von der Sache her am ehesten träfe. In der ersten Liga ist stets vom ‚rettenden Ufer’ die Rede, das klingt nach einem sonnigen Strand nach der Durchquerung eines reißenden Gewässers. Aber was ist dann das Gegenstück hinter den Aufstiegsplätzen in Liga zwei? Knietiefer Unterhausschlamm oder eher stehende Zweitligakloake?
 
Doch das ist jetzt alles erst mal vorbei, bis zum Saisonstart im August werde ich mit debiler Glückseligkeit gesegnet sein, dann beginnt allerdings der Kampf ums rettende Ufer oder, um es mathematisch korrekt auszudrücken, der Kampf um mindestens 37,17 Punkte, die laut Statistik ausreichen, um dem Unterhausschlamm fern zu bleiben. (PK)

Online-Flyer Nr. 146  vom 14.05.2008

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