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Aktueller Online-Flyer vom 24. Juli 2016  

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Globales
Offener Brief eines israelischen Historikers an die Bundeskanzlerin
Israel: „Kein Grund zum Feiern“
Von Meir Margalit und Christian Heinrici

Am 14. April jährte sich zum 60. Mal der Gründungstag Israels, der dieses Jahr schon vorgezogen begangen wurde. Ein Grund zum Feiern? Sicher nicht für Menschen, die einen kritischen Umgang mit dem israelischen Staat und seiner aktuellen Politik pflegen. Die deutsche Bundeskanzlerin gehört nicht dazu, was den israelischen Historiker Meir Margalit veranlasste, Ihr einen offenen Brief zu schreiben, doch auch britische Juden protestierten – die Redaktion.

friedenswünsche an mauer James Emery
Fromme Friedenswünsche des israelischen Tourismusministeriums an
antipalästinsischer Mauer | Foto: James Emery

„...Nun ist es an der Zeit, die Erzählung der anderen anzuerkennen, den Preis, den ein anderes Volk für den europäischen Antisemitismus und Hitlers völkermörderische Politik gezahlt hat. Wie Edward Said sagte: Was der Holocaust für die Juden, ist die Nakba für die Palästinenser.“, hieß es am 30. April in einer Erklärung in der britischen Zeitung Guardian. Die Unterzeichner erinnerten an das Massaker von Deir Yassin und den Grantwerferangriff auf den Marktplatz von Haifa, bei dem zahlreiche palästinensische Zivilisten umgekommen waren, der quasi mit dem Gründungstag einherging.

Die darauffolgende Vertreibung der Palästinenser und die Zerstörung von etwa vierhundert Dörfern, Todesmärsche in die Wüste, auf denen Hunderte umkamen, ganz zu schweigen von einer nach wie vor anhaltenden paramilitärischen „Siedlungspolitik“, dürften eigentlich bekannte Tatsachen sein. Doch all dies hinderte weder die Bundesrepublik, noch zahlreiche Bundesländer und deutsche Großstädte mit Glückwunschtelegrammen zum „Geburtstag“ nahezu um sich zu werfen.

Jürgen Rüttgers vor Klagemauer Foto: StaatskanzleiNRW Foto RalphSondermann
Jürgen Rüttgers – klaglos in Jerusalem
Foto: Ralph Sondermann, Staatskanzlei NRW

Terrorismus, Massaker und ethnische Säuberungen


„Wir können nicht den Geburtstag eines Staates feiern, der auf Terrorismus, Massakern und der Enteignung des Landes eines anderen Volkes begründet ist. Wir können nicht den Geburtstag eines Staates feiern, der auch jetzt noch ethnische Säuberungen betreibt, der internationales Recht verletzt, der eine ungeheuerliche Kollektivstrafe über die Zivilbevölkerung von Gaza verhängt und der weiter die Menschrechte und nationalen Bestrebungen der Palästinenser verneint.“, erklärten die zahlreichen jüdischen Unterzeichner im Guardian, doch: „Wir werden feiern, wenn Araber und Juden als Gleiche in einem friedlichen Mittleren Osten leben.“ [1]

meir margalit
Dr. Meir Margalit
Diesen kritischen und konstruktiven Dialog pflegt Angela Merkel offensichtlich nicht. Am 18. März hatte die Bundeskanzlerin, nachdem sie einen Kranz am Grab Ben Gurions hinterlegt hatte, in einer Rede vor der Knesset viel von „historischer Verantwortung“ gesprochen, doch ohne jegliche Anklänge an Israels Gegenwart – versäumt sie es doch sonst selten, die „Wahrung der Menschrechte“ anzumahnen. Das veranlasste den israelischen Historiker und ehemaliges Stadtratsmitglied von Jerusalem Dr. Meir Margalit in einem offenen Brief zu reagieren:

Sehr geehrte Frau Merkel,

Schon seit langem hat man in Israel keine Reden gehört, die solchen zionistischen Pathos hatten, wie die jene, die Sie bei Ihrem Besuch in Israel vor einer Woche hielten. Sie haben während Ihres dreitägigen Besuchs sehr klar gemacht, wie sehr Sie den Staat Israel unterstützen und ihm gegen seine Feinde beistehen. Acht Minister, unzählige Regierungsangestellte und Sicherheitskräfte haben Sie mitgenommen, um mit großem Aufwand bei Ihren Gastgebern einen guten Eindruck zu hinterlassen.

merkel Israel Flag Daniel Maleck Lewy Sarah J Christian Heinrici
Collage: Christian Heinrici
(Bild Daniel Maleck Lewy u. Sarah J.)                 
Trotz des Vorgenannten muss ich Sie jedoch, bei allem Respekt, darauf hinweisen, dass Sie uns keine gute Tat erwiesen haben:
Wenn Sie nämlich wirklich nur Israels Wohl im Sinne gehabt hätten, dann hätten Sie die Palästinenserfrage zumindest erwähnt. Stattdessen taten Sie so, als ob es diese überhaupt nicht gäbe. Sie hätten mit klaren Worten erwähnen müssen, dass die israelische Besatzung der Palästinensergebiete unmenschlich ist und enden muss, dass Israel die besetzten Gebiete räumen, die Siedlungen auflösen und die Belagerung des Gazastreifens beenden muss.

Wenn Sie nämlich wirklich nur Israels Wohl im Sinne gehabt hätten, dann hätten Sie Abu Mazen zumindest einen Besuch abgestattet, und sich mit dem palästinensischem Unabhängigkeitskampf solidarisch gezeigt.

Wenn Sie wirklich an der Seite Israels gegen seine Feinde stehen wollten, dann hätten Sie zuallererst den Staat Israel selbst kritisiert. Die größte Gefahr, die Israel zu fürchten hat, geht nämlich ironischerweise nicht vom Iran, sondern von Israel selbst aus. Seit 1967 betreibt der Staat Israel nämlich ein System der Selbstvernichtung. Jeder, der sich um das Wohl des Staates Israel bemüht, muss ihm helfen, dieses System zu beenden.

Ich bin mir sicher, dass Sie gebildet genug sind, das zu wissen. Auch weiß ich, dass das Schuldbewusstsein des deutschen Volkes Ihnen nicht die Möglichkeit lässt, den jüdischen Staat offen zu kritisieren. Zudem kann unterstellt werden, dass israelische Politiker Ihnen in diesem Falle vorwerfen, eine Antisemitin zu sein. Trotzdem sollten Sie sich nicht davon abbringen lassen, denn der wirkliche Antisemit ist der, der angesichts der Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten schweigt, da für jedermann evident ist, dass die Fortsetzung der Besatzung das Ende des Staates Israels nach sich ziehen wird.

Und falls man Ihnen vorwirft, ein Antisemit zu sein, können Sie ja Ehud Olmert selbst zitieren, der vor drei Monaten sagte, dass wenn die Besatzung nicht beendet wird, der Staat Israel beendet werden wird.

illegale siedlungen im westjordanland
Israelische Siedlungen im Westjordanland          
Ich würde Sie gerne darauf hinweisen, Frau Merkel, dass sich die Mehrheit der Israelis eingesteht, dass die Besatzung untragbar ist und uns nicht weniger Schaden zufügt als den Palästinensern. Jedoch fehlt der israelischen Regierung die Kraft, die einzige Operation durchzuführen, die unser Leben retten kann: Die Entfernung des Tumors, der sich „[Besetzte] Gebiete“ nennt. Durch diesen Tumor bluten wir ununterbrochen, und er macht uns von Tag zu Tag schwächer.


Und daher brauchen wir keine Solidaritätsbekundung und auch keine pro-zionistischen Reden, sondern internationalen Druck, der die Besatzung beenden kann. Allein schaffen wir das nämlich nicht. Jedoch mit Hilfe unserer europäischen Freunde gibt es eine Chance, Ruhe und Frieden für beide Völker zu erreichen.

Zum Schluss möchte ich Sie gerne darauf hinweisen, dass ich zwar kein Moralist bin, aber dennoch denke, dass Sie eine der wichtigsten moralischen Lektionen des Zweiten Weltkrieges ignoriert haben: Nämlich, dass man bei Menschenrechtsverletzungen nicht schweigen darf, und dass man gegen jedes Regime, dass ein fremdes Volk unterdrückt, kämpfen muss. Heute sind wir leider die Unterdrücker. Es ist daher Ihre Aufgabe, mit lauter Stimme zu sagen, dass es im 21. Jahrhundert keinen Platz für Besatzungsmächte und Unterdrücker gibt. Und es ist Ihre Aufgabe, zu sagen, dass jedes Volk ein Recht auf Selbstbestimmung hat.

Israel braucht diesen Druck, um seiner selbst willen. Wer Israel liebt, muss Druck ausüben, bis die Besatzung beendet ist.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Meir Margalit

(CH)

[1] Übersetzung aus dem Englischen Klaus von Raussendorf


Merkels Rede im Wortlaut lesen


Online-Flyer Nr. 146  vom 14.05.2008

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