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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Lokales
Gutachten widerspricht Norderweiterung des Flughafens Köln/Bonn:
Ökologisch nicht ausgleichbar
Von Peter Kleinert

Das Gebiet der möglichen Norderweiterung des Flughafens Köln/Bonn gehört zu den wertvollsten Heideflächen der Wahner Heide. Dies geht aus einem Gutachten hervor, dass der Dach- und Förderverein Bündnis Wahner Heide im vergangenen  Jahr in Auftrag gegeben hatte und nun veröffentlichte. Die Durchführung von Naturschutzmaßnahmen, für welche sich das Bündnis Wahner Heide angeboten hatte und die laut Gutachten „dringend“ erforderlich sind, wurde den Heideschützern aber untersagt.
Der südliche Paradeplatz wird von Seiten der Stadt Köln und der Flughafengesellschaft als „Areal Nord“ bezeichnet. Dieser Bereich gehört seit 1968 zum Naturschutzgebiet Wahner Heide, wurde aber durch NRW-Wirtschaftsministerin Thoben (CDU) im Sommer 2006 im Regionalplan als Flugplatz ausgewiesen und könnte daher künftig als Flughafengelände verplant werden. Es handelt sich um eine etwa 25 ha große Fläche zwischen Flughafengelände, Autobahnzubringer und dem Tunnelbauwerk der Schienenanbindung.
 
Widerspruch zur Planung von Ministerin Thoben
 
„Bisher fehlten aktuelle und genaue wissenschaftliche Ergebnisse zum Areal Nord, daher wurde es gern als ökologisch wertlos bezeichnet“, sagt Dr. Dirk Tillmann, Biologe und Sprecher des Bündnis Wahner Heide. Dies sei jedoch nach dem Gutachten nicht mehr möglich. 44 Arten der Roten Liste sind durch das „Gutachten zum Naturschutzwert des südlichen Paradeplatzes“ nachgewiesen worden. Insbesondere die Ergebnisse zur Tagfalterwelt seien mit 38 hier gefundenen von 41 in der gesamten Wahner Heide vorkommenden Arten überragend. Damit habe der Südliche Paradeplatz laut Gutachten eine maßgebliche Bedeutung für den Gesamterhalt der Wahner Heide.

Dickkopffalter
Gelbwürfliger Dickkopffalter
Foto: Hartmut Völkel

 
Neben den 44 Arten der Roten Liste und 16 Arten der „Vorwarnliste“ geht das Gutachten in seiner Gesamtbewertung davon aus, dass bei der Untersuchung weiterer Tier- und Pflanzengruppen wie Flechten, Moosen, Spinnen oder Käfern und umfassenderer Untersuchung der Schmetterlings- und Hautflüglerfauna zahlreiche weitere gefährdete Arten zu erwarten seien.
 
Überragende Artenvielfalt
 
Trotz nicht unerheblicher Vorbelastungen in Gestalt von Baumaßnahmen, fehlendem Naturschutz und Erholungsverkehr gehöre der südliche Paradeplatz angesichts seines Arten- und Biotopinventars zu den herausragenden Offenlandbereichen innerhalb der Wahner Heide. Insbesondere die Artenvielfalt der Vogel- und der Tagfalterfauna sei überragend.

Außerhalb des heutigen Flughafengeländes existierten nur sehr wenige weitere Flächen in dieser Größenordnung mit ähnlicher, kurzgrasiger, hinsichtlich des Arteninventars stellenweise den Kreuzblumen-Borstgrasrasen nahe stehender Vegetation mit zusammenhängenden Beständen von Dreizahn, Hundsveilchen und Quendel-Kreuzblümchen. 

Rittersporn
Neu entdeckt in 2002: Der stark gefährdete Feldrittersporn
Foto: Holger Sticht

 
Die Insektenarten Kronwicken-Dickkopffalter, Braunscheckiger Perlmutterfalter und Feldgrille hätten daher einen wesentlichen Vorkommensschwerpunkt innerhalb der Wahner Heide und damit im gesamten Naturraum auf dem südlichen Paradeplatz. Der Große Eisvogel, der im Naturraum der Niederrheinischen Bucht als ausgestorben galt, habe einen von zwei Fundorten in der Wahner Heide am Paradeplatz.
 
Die durchgängig über Jahrhunderte währende Nutzung und der damit verbundene Nährstoffexport sowie die Bodenverdichtung seien offensichtlich die Ursache dafür, dass die Offenlandbiotope und ein Großteil ihrer Arteninventare trotz fehlender Naturschutzmaßnahmen so lange stabil geblieben sind und sich daher auch zukünftig optimale Naturschutzerfolge bei vergleichsweise geringem Aufwand einstellen dürften.
 
Fazit: „Der Paradeplatz ist maßgeblich für den Erhalt des Gesamtgebiets Wahner Heide. Ein Verlust des südlichen Paradeplatzes ist ökologisch nicht ausgleichbar. Es ist dringend geboten, Maßnahmen zur Entwicklung von Offenlandbiotopen umzusetzen.“
 
Um diese überregionale Bedeutung zusätzlich zu unterstreichen zieht Landschaftswacht und Schmetterlingsexperte Klaus Hanisch einen Vergleich zu Düsseldorf: „Im gesamten Stadtgebiet Düsseldorfs kommen noch 27 Tagfalterarten vor, hier in diesem kleinen Areal des Stadtgebiet Kölns sind es allein 38!“
 
Naturschutzmaßnahmen untersagt
 
In einer Stellungnahme des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) vom 25. Oktober 2007 heißt es zwar, das „Gutachten zum Naturschutzwert des südlichen Paradeplatzes“ enthalte wertvolle Informationen zur naturschutzfachlichen Bedeutung des Gebiets. Die Durchführung von Naturschutzmaßnahmen, für welche sich das Bündnis Wahner Heide angeboten hatte und die laut Bündnis-Gutachten „dringend“

Besetzung
Besetzung gegen flughafenbedingte Abholzungen 1993
Foto: Holger Sticht


erforderlich sind, wurden den Heideschützern aber untersagt. Laut Landesamt befinden sich im Areal Nord Ausgleichsflächen des Flughafens, entsprechende Naturschutzmaßnahmen seien daher nur vom Flughafen durchzuführen. „Geschehen ist allerdings bis dato nichts“, so das Bündnis Wahner Heide. Natürlich bleibe die Frage, welchen Sinn es überhaupt mache, Heideflächen zu erhalten, wenn diese ohnehin Jahre später bebaut werden sollen.

Dazu Holger Sticht vom BUND: „Der Flughafen hat bisher keine ökonomischen Bedarfsnachweise liefern können, die vor der EU-Kommission Bestand haben könnten. Daher gehen wir heute, wie seit Beginn der Planung 1995 davon aus, dass der Paradeplatz in Gänze als EU-Schutzgebiet erhalten und entwickelt werden kann.“ (PK)


Online-Flyer Nr. 145  vom 07.05.2008

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